Dokumentarfilme zeigen Perspektiven aus aller Welt und von vielfältigen Wirklichkeiten. Sie erweitern unseren Horizont und haben einen gesellschaftlichen Auftrag. Dokumentarfilme gehören auf die große Leinwand, wo sie das Publikum mit ungeteilter Aufmerksamkeit sehen kann. Dafür stehen die bundesweiten Dokumentarfilmtage LETsDOK's, die vom 13. bis 19. September stattfinden.

Im CITY 46 ist das Genre der Monatsschwerpunkt, da es momentan so viele spannende und berührende Dokumentarfilme gibt. Das Leben schreibt oft die besten Drehbücher. Wie neugierige Filmemacher*innen ihre Geschichten finden und erzählen und damit Menschen zusammenbringen, die sich sonst nie im Leben treffen würden, ist eine besondere Kunst. Wer verirrt sich schon in die russische Einöde in die geheimen Refugien der Männer, wie es Garagenvolk macht? Oder fährt in ein verlassenes Wüstenkaff bei L.A., wo einige letzte Bewohner dem Sand die Stirn bieten wie in Victoria?

 

Das Filmbüro Bremen vergibt seit vielen Jahren den Bremer Dokumentarfilm Förderpreis. Am 19.9. werden zwei Preisträger ihre Projekte vorstellen. Autor und Regisseur Orhan Çalışır wird zum aktuellen Stand von Die Frauen von der Schokoladenfabrik über die ersten türkischen Gastarbeiterinnen in der Bremer Hachez-Fabrik berichten. Filmkünstler Philip Widmann feierte mit seinem Film Szenario Premiere auf der Berlinale. Sein nächster Film Magazin A: Die Ruinen von B wird ebenfalls gefördert. In einem Bild-Ton-Vortrag wird Philip Widmann berichten, welche Wege ein Projekt abseits der Kinoleinwand nehmen kann.

So. 19.9. / 17:30 – 19:30

Victoria

B 2020, Regie: Sofie Benoot, Liesbeth De Ceulaer, Isabelle Tollenaere, 71 Min., engl. OmU
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In unmittelbarer Nähe zu Los Angeles erstreckt sich die Mojave-Wüste, ein unwirtlich erscheinender Landstrich. Und dennoch war dies in den 1950er Jahren ein Ort der Hoffnung und des Neuanfangs. California City sollte hier errichtet werden. Heute steht nur noch das geisterhafte Zentrum der Stadt, der Rest wird fortwährend vom Wüstensand verschluckt. Der junge Familienvater Lashay Warren verdient seinen Lebensunterhalt damit, die Überreste der vielen, nie vollendeten Straßen in Stand zu halten. Es ist ein beständiger Kampf gegen die Übermacht der Wüste. In einer Melange aus Lashays persönlichen Videoaufnahmen und Tagebucheinträgen entsteht ein dokumentarisches Porträt der Pionierfamilien in diesem modernen Wilden Westen, die unermüdlich ihren Traum vom Neuanfang weiterverfolgen.

Klug erzählter Dokumentarfilm, der Erkundungen in einer gespensterhaften Stadt in der kalifornischen Wüste mit den Erlebnissen eines ihrer Bewohner zu einem Sinnbild der USA verdichtet. (Thomas Klein, Filmdienst)

Lashay T. Warren setzt nicht nur sein Smartphone kreativ zur Neuverortung ein, sondern tritt sprachlich in einen überraschenden Dialog mit dem absurden Ort in der Wüste. Im Beharren auf und Kommunizieren einer subjektiven Perspektive stellt VICTORIA existentielle Fragen zu Urbanität und prekären Lebensbedingungen und schöpft aus dem Nichts gegen alle Erwartungen neue Hoffnung. (Jurybegründung Caligari-Preis, Berlinale 2020)

Gleich drei Regisseurinnen waren gleichberechtigt am Drehen der Dokumentation beteiligt. Eine von ihnen, Liesbeth de Ceulaer, betont […] dass es den drei Filmmacherinnen wichtig sei, neue Wege des Regieführens zu ergründen und mit bekannten Mustern zu brechen. Mit der besonderen Erzählstruktur und einer außergewöhnlichen Mischung aus Homevideos und Naturaufnahmen ist ihnen das bei der Dokumentation Victoria zweifellos gelungen. (Johannes Krehl, film-rezensionen.de)

Garagenvolk

D 2020, Regie: Natalija Yefimkina, 95 Min., FBW-Prädikat: besonders wertvoll, OmU
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Die Garage als ultimativer Rückzugsort, an dem „Mann“ sich sicher und frei fühlen kann? Das scheint es in Russland gang und gäbe zu sein. Filmemacherin Natalija Yefimkina deckt in ihrem dokumentarischen Debut das geheime Leben von russischen Garagensiedlungen auf. Hinter jeder der zunächst so unscheinbar wirkenden Tore befindet sich ein Mikrokosmos ganz nach den Wünschen ihrer Bewohner individuell eingerichtet. Vor allem Männer wohnen, arbeiten und verbringen hier ihre Freizeit. Manche züchten Wachteln oder Hunde, einige treiben Sport oder stellen Kunstgegenstände her, andere haben sich bis tief in die Erde gebuddelt, um ihr Refugium zu vergrößern. Als Ort der Erholung und der Selbstverwirklichung sind diese Garagensiedlungen im russischen Norden eine feste Instanz.
„Durch das Leben in den Garagen kann man in Russland die Gesellschaft erzählen. Nicht nur die Alten sind in der Garage, sondern auch die Jungen. Nicht nur die Aufsässigen, sondern auch Bergwerksingenieure, Künstler, Musiker, Intellektuelle.” (Natalija Yefimkina, Regisseurin)

Als ich Ihren Film sah, war mir sofort klar, dass hier alles sichtbar wird, was ich mir und die Mitglieder des Stiftungsrates sich wünschen. Ich selbst bin von Ihrem Film, von seiner tief humanistischen Weltsicht, sehr beeindruckt. Was Sie gemacht haben, habe ich so noch nie gesehen. Ihr Film, in der äußersten Provinz Russlands gedreht, hat etwas Universelles, zutiefst Menschliches. Ich habe den Eindruck, in die Seele Russlands geschaut zu haben. (Werner Herzog in der Begründung zum Werner Herzog Filmpreis 2020)

Garage People is an engaging and lively documentary with a well-measured dose of humour. Yefimkina makes sure that, despite the dirty, industrial setting of cluttered spaces full of rusty objects and all kinds of junk, and the magnificent but harsh natural surroundings, the viewer gets to see the heroes as everyday men with their own passions and quirks – which are certainly easy for many audiences to relate to. (Vladan Petkovic, Cineuropa)

Mucha – Zwischen Popkunst und Slawischem Epos

Svět podle Muchy - CZ/D 2020, Regie: Roman Vávra, mit Martin Stránský, Tomaš Konarik, 95 Min., OmU
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Alfons Mucha (1860–1939), Vorreiter des Jugendstils, gehört zu den einflussreichsten, aber unbekanntesten Künstlern seiner Zeit. Seine Poster-Motive mit Sarah Bernhardt machten den tschechischen Künstler Ende des 19. Jahrhunderts über Nacht zu einem internationalen Popstar der Kunst. Doch statt sich dem Ruhm hinzugeben, verließ Mucha Paris. Die folgenden 18 Jahre lang arbeitete er an seinem Lebenswerk „Das Slawische Epos”. Es wurde zum größten Misserfolg seiner Karriere. Durch die Hippie-Bewegung in den 1960ern erlebte der „Mucha-Stil” seiner frühen Jugendstil-Poster jedoch ein Revival und beeinflusst bis heute weltweit viele Künstler*innen.

Das Phänomen Mucha ist in der Tschechischen Republik immer noch – etwas zu pathetisch formuliert – eine Wunde. Die scheinbare Unvereinbarkeit von dem geliebten Popkünstler und dem ungeliebten Maler, der zu tief in die Seele des Volkes schaut, in ein und derselben Person hatte mich bereits damals fasziniert und beschäftigt mich noch heute. (Peter Roloff, Koproduzent, maxim-film)

‘The World According to Mucha’ […] verspricht eine neue und in vielerlei Hinsicht überraschend aktuelle Darstellung von Alfons Muchas Leben. (Oko magazine)