Corona-Kino – Kurzfilm der Woche

Die Badewanne
D/A 2015, Regie: Tim Ellrich, 13 Min.

Mit Filmen durch die Krise – Filmtipp der Woche

Gemeinsame Kinokultur in Zeiten von Physical Distancing und Quarantäne – geht das? Wir finden: es muss! Auch wenn wir gerade leider kein Kinoprogramm für euch machen können, wollen wir auf gemeinsame Filmerlebnisse nicht verzichten. Mit persönlichen Empfehlungen aus unserem Team wollen wir dazu beitragen, dass ihr den Überblick in der Masse von Online-Angeboten nicht verliert. Wir suchen für euch die Nadel im Heuhaufen, durchforsten kostenlose, kostengünstige und/oder solidarische Angebote abseits der Streaming-Riesen und präsentieren euch jeden Donnerstag unseren Filmtipp der Woche. Natürlich seid ihr herzlich eingeladen, mit uns auf Facebook über die Filme zu diskutieren. Let's stay at home and watch together!

Filmtipp Spezial vom 26.11.

cinefest 2020 im Metropolis Kino

Online-Festival des deutschen Filmerbes

Auch Filmfestivals leiden derzeit unter massiven Einschränkungen und sind gezwungen Lösungen zu finden, wie sie ihr Publikum erreichen können. So erging es auch dem cinefest 2020, das in der vergangenen Woche im Metroplis, dem Kommunalkino in Hamburg stattfinden sollten. „Kino, Krieg und Tulpen – Deutsch Niederländische Filmbeziehungen“ lautete das Motto des Festivals und des 33. Filmhistorischen Kongresses.

Der Schließung des Kinos begegneten die Veranstalter mit einer Verlegung in den digitalen Raum. Und so könnt ihr, lieber Leser*innen, weite Teile des Programms nun im Netz anschauen. Ein Blick auf die beiden Veranstalter, CineGraph – Hamburgisches Centrum für Filmforschung e.V. und die Abteilung Filmarchiv des Bundesarchivs weist den Weg zum Charakter des Festivals. Filmgeschichte und die Entdeckung historischer Werke stehen hier auf dem Programm. Es lohnt sich auf der Seite des Festivals zu stöbern und auf eine cineastische Entdeckungsreise zu gehen. Ich möchte euch daraus Max Ophüls´ Film KOMEDIE OM GELD (OmU) empfehlen, den er 1936 in den Niederlanden drehte.

Dem Geldboten Brand kommen 50 000 Englische Pfund abhanden, worauf er Stellung und Ansehen verliert und mit seiner Tochter vor dem Ruin steht. Es rettet ihn die Ernennung zum Direktor in einer Scheinfirma, die er schließlich annimmt. Doch der Schwindel dieses unlauteren Geschäftsmodells lässt sich nicht auf Dauer verheimlichen. Der Film ist eine turbulente satirische Krisenkomödie, mit Anklängen an „Die 3-Groschen-Oper“ (1931). Bei dieser pekuniären Posse greift Ophüls aber auch auf Stilmittel zurück, die er bereits in seinem Film „Lachende Erben“ (1933) verwendet hat. Schließlich findet Ophüls für die Kapitalismuskritik des emigrierten Autors Walter Schlee die passende Filmsprache. Ich wünsche euch viel Vergnügen. (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp vom 26.11.

M – Eine Stadt sucht einen Mörder

D 1931, Regie: Fritz Lang, mit Peter Lorre, Gustaf Gründgens, Otto Wernicke, 111 Min.

Schon acht Mädchen sind in Berlin ermordet worden. Die Viereinhalb-Millionenstadt lebt in Angst und Schrecken vor der Bestie. Die Unterwelt fühlt sich durch die ständigen Polizeikontrollen gestört und bläst selbst zur Jagd auf den Mörder. Auf dem Dachboden eines Bürogebäudes spüren die Häscher ihn auf und stellen ihn vor ein Tribunal. Fritz Langs erster Tonfilm, ein Thriller aus der Weimarer Republik, war in vielerlei Hinsicht bahnbrechend: Er stellte erstmals die Psychologie eines Triebtäters – Peter Lorre in seiner ersten Hauptrolle – ins Zentrum und er führte vor, wie sich eine Gesellschaft unter innerem Druck zu einem totalitären Überwachungsapparat umbauen lässt. Lang und seine Drehbuchautorin Thea von Harbou hatten für den Film genau recherchiert, und so muten der Alltag der kleinen Leute in ihren Hinterhofwohnungen, die modernen Methoden der Kriminalistik oder die Berliner Unterwelt mit ihren Kellerkneipen und „Gewerbeverbänden“ fast dokumentarisch an. Die Tontechnik nutzte Lang ebenfalls auf geniale Weise. Ein Beispiel: Der Mörder bleibt lange ohne Gesicht, ist nur ein Schatten, der das Peer-Gynt-Motiv pfeift, wenn er seine Opfer ins Visier nimmt.

Bei alten Filmen ist für mich der besondere Zauber, dass sie Geschichten auf eine Art erzählen, die unserer Seh-Sozialisation unvertraut ist und die uns trotzdem anspricht. Da überspringt das Talent der Filmschaffenden die vielen Jahrzehnte dazwischen und zieht die heutigen Zuschauer*innen in den Bann. „M“ ist für mich eine spannende visuelle Zeitreise in eine Lebenswelt, die kein Museum oder Buch so komplex abbilden kann. Übrigens ist die lange akribische und internationale Suche nach fehlenden Szenen des Films von 1931 zu dieser fast vollständigen Version von „M“ 2011 ein ganz eigener Krimi. Filmarchäologie quasi. Mehr dazu hier in der Filmgazette.de und von Georg Seeßlen. (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 26.11.

Die Blindgänger

D 2003, Regie: Bernd Sahling, 88 Min., FBW-Prädikat: besonders wertvoll, empf. ab 8 J.

Diese Woche haben wir für euch einen bewegenden Coming-Of-Age Film über zwei Freundinnen, die zwei Dinge miteinander teilen: Eine Sehbehinderung und den Wunsch Musik zu machen.

Marie und Inga sind 13 und die besten Freundinnen. Wie andere Jugendliche beschäftigen sie sich mit ihrem Aussehen, lästern zusammen über Lehrer und erleben die erste Liebe – mit einem Unterschied: Beide Mädchen sind blind und besuchen ein Internat für Menschen mit Sehbehinderungen. Gemeinsam wollen sie sich ihre musikalischen Träume erfüllen und bewerben sich bei einer Schülerband in der Stadt, die sie jedoch aufgrund ihrer Blindheit für "nicht medientauglich" befindet. Trotz dieses Rückschlags geben sie nicht auf. Als Marie dann Herbert kennenlernt, einen jungen Russlanddeutschen, der zurück in seine Heimat nach Kasachstan möchte, ändert sich alles. Marie will ihrem neuen Freund helfen, das Geld für seine Heimreise zu beschaffen, und gemeinsam mit Inga gründet das Trio die Band "Die Blindgänger": Erst als Straßenmusiker, dann mit einem Musikvideo wollen sie durchstarten und zu Geld kommen. Leider macht ihnen Herberts kriminelle Vergangenheit immer wieder einen Strich durch die Rechnung…

Der Film schafft es sehr lebendig, die Geschichte von zwei Mädchen mit Sehbehinderungen zu erzählen, ohne dabei in Klischees zu verfallen oder falsche Betroffenheit zu erzeugen. Durch den geschickten Einsatz von Bild und Ton lernen wir als Zuschauer*innen ganz nebenbei, was es heißen kann, blind zu sein. "Die Blindgänger" wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Filmpreis in Gold für den besten Kinder- und Jugendfilm 2004. (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp vom 19.11.

Schlaf

D 2020, Regie: Michael Venus, mit Sandra Hüller, 102 Min.

Im Hotel Sonnenhügel, tief in der deutschen Provinz, spielen sich schreckliche Dinge ab – zumindest in den Albträumen, von denen Marlene immer wieder geplagt wird. Nachdem sie herausfindet, wo das Hotel ist, fährt sie spontan dorthin. Doch schon kurz nach der Ankunft am Ort ihrer schlaflosen Nächte erleidet sie einen Zusammenbruch und muss eingewiesen werden. Ihre Tochter Mona findet sie in einem komaähnlichen Zustand in der örtlichen Klinik. Mit den Traumtagebüchern ihrer Mutter ausgerüstet, bezieht Mona selbst ein Zimmer im Hotel, um herauszufinden, was passiert ist. Doch je tiefer Mona in der Geschichte des Sonnenhügels gräbt, desto mehr stößt sie bei den Hotelbesitzern auf Widerstand. Und als sie auch noch von denselben Albträumen heimgesucht wird wie ihre Mutter, vermischen sich Traum und Realität (CITY 46).

Mit seinem Debutfilm greift Regisseur Michael Venus geschickt die emotionalen Motive und die Gewalt des Horrorfilmgenres auf, um sie mit den abgründigen Mythen deutscher Märchenromantik zu verbinden. Das Ergebnis ist ein „leise flirrender und überaus stylisher, gut aussehender Horrorfilm." (Filmdienst).

Ich weiß, dass dieses Genre sicher nicht den Filmgeschmack eines breiten Publikums trifft, wünsche aber allen mutigen und neugierigen Zuschauer*innen einen spannungsvollen Filmabend. (Holger Tepe / CITY 46)

Filmtipp für Kids vom 19.11.

Unheimlich perfekte Freunde

D 2018, Regie: Marcus H. Rosenmüller, 85 Min., empf. ab 8 J.

Habt ihr euch nicht auch schon mal gewünscht, einfach alles richtig zu machen, alle Erwartungen zu erfüllen und von allen cool gefunden zu werden? So richtig perfekt zu sein? Wie schön wäre es doch, wenn all die Erwachsenen mal nichts an einem auszusetzen hätten und wie toll, bei allen in der Klasse beliebt zu sein...

In „Unheimlich perfekte Freunde“ steht der zehnjährige Frido vor dem Problem, dass seine Noten am Ende der vierten Klasse nicht gut genug sind, um zusammen mit seinem besten Freund Emil aufs Gymnasium gehen zu können. Als er wieder einmal vor seinen sich streitenden Eltern flieht, entdeckt er auf einem Jahrmarkt einen geheimnisvollen Spiegel, aus dem sein perfektes Ebenbild heraustritt. Sein Doppelgänger sieht nicht nur haargenau so aus wie er, sondern kann auch all die Dinge, die Frido sonst so schwerfallen. Während sein perfektes Spiegelbild fortan für ihn die Schulbank drückt, genießt der echte Frido seine unverhoffte Freizeit im stillgelegten Erlebnisbad. Doch schon bald entwickelt sein Doppelgänger ein seltsames Eigenleben, sodass Frido Emil um Hilfe bittet. Als sich sein bester Freund daraufhin jedoch ebenfalls eine perfekte Kopie von sich besorgt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Denn perfekt kann ganz schön unheimlich sein.

Da „Unheimlich perfekte Freunde“ im Rahmen der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ entstanden ist, widmet KiKA dem charmanten Film gleich eine ganze Seite, auf der ihr zusätzlich noch viele spannende Videos findet, die euch einen Blick hinter die Kulissen der Filmproduktion ermöglichen.  (Matthias Wallraven / CITY 46)

 

Filmtipp Spezial vom 12.11.

Neue Cinephilien – Ver a una mujer

E 2017, Regie: Mònica Rovira, 60 Min.; im Rahmen der Online-Kinoreihe des Instituto Cervantes

Von der erneuten Kinoschließung betroffen war leider auch die spannende Reihe „Winde aus Afrika“, die das Instituto Cervantes bei uns eigentlich im Oktober und November präsentieren wollte. Als Ersatz versorgt uns unser langjähriger Kooperationspartner auf seiner Website nun in regelmäßigen Abständen kostenlos mit spanischsprachigen Filmen.

In der neuen Online-Kinoreihe „Neue Cinephilien“ präsentiert das Instituto Cervantes Bremen mit „Ver a una mujer“ (E 2017), „A estácion violenta“ (E 2018) und „Idrissa – Crónica de una muerte cualquiera” (E 2019) eine Auswahl des unabhängigen spanischen Films. In Zusammenarbeit mit dem Festival de Sevilla organisiert ermöglicht die Reihe einen Einblick in bemerkenswerte Produktionen eines "anderen spanischen Kinos", die in den letzten zwei Jahren entstanden sind. Die Filme —mit Untertiteln in mehreren Sprachen, auch Deutsch— sind jeweils in den kommenden Novemberwochenenden ab 20 Uhr für 48 Stunden auf dem Vimeo-Kanal des Instituto Cervantes kostenlos verfügbar.

 

Filmtipp für Kids vom 12.11.

Das fliegende Klassenzimmer

D 1954, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Erich Kästner, 90 Min., empf. ab 8 Jahren

Auf der Suche nach einem Kinderfilmklassiker für unser Vorweihnachtsprogramm fragte ich vor einigen Wochen unsere Praktikantin Insa, welchen Film sie selbst als Kind gerne gesehen hat. Sie warf „Das fliegende Klassenzimmer“ in den Raum, und ich war sofort dafür, zählt er doch zu jenen Filmen, die auch meine Kindheit nachhaltig geprägt haben. Als sie allerdings präzisierte, dass sie die Neuverfilmung von 2003 meinte, fühlte ich mich schlagartig alt. Denn meine lebhaften Erinnerungen gehen zurück auf die Verfilmung von 1973. Aber wäre mein Vorgänger Alfred zugegen gewesen, hätte er sich definitiv für die Erstverfilmung von 1954 ausgesprochen, zumal hier kein geringerer als Erich Kästner selbst das Drehbuch verfasst hat und sich auch nicht zu schade war, die Rolle des Erzählers im Film gleich mit zu übernehmen.

Und das ist das Wunderbare an Erich Kästner, der die Romanvorlage bereits 1933 schrieb und dessen Ideale von Freundschaft, Solidarität und Zivilcourage noch genauso zeitgemäß sind wie damals, ob wir nun 20, 50 oder mehr Jahre zurückgehen. Jede*r von uns findet sich wieder in diesem fliegenden Klassenzimmer und seiner Schülerschar – vom starken Mats, über den ängstlichen Uli, den Poeten Johnny, den Musik versessenen Ferdinand bis hin zum Künstler Martin. Und wie gerne hätte ich am tollen Unterricht von Hauslehrer Justus teilgenommen, wäre Teil dieser verschworenen Gemeinschaft gewesen. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch die Figur des Nichtrauchers (ironischerweise dauernd Pfeife rauchend in der Version von 1973), der zufrieden in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon haust und das ewige Streben nach Geld, Macht und Ruhm für reichlich unerwachsen hält. Und wer weiß, vielleicht wird es ja noch mal was mit einem Leben als Gärtner, Bücher lesend in meinem eigenen Eisenbahnwaggon?

Das Rennen um den Weihnachtsklassiker bei uns im Kinderkino haben in diesem Jahr übrigens doch Astrid Lindgrens „Kinder von Bullerbü“ gewonnen. Umso schöner, dass uns arte nun mit Kästners „Fliegendem Klassenzimmer“ beglückt. (Matthias Wallraven / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 5.11.

Romys Salon

NL/D 2019, Regie: Mischa Kamp, 84 Min., empf. ab 8 Jahren

Es passiert nicht so oft, dass in einer Kindervorstellung mehr Erwachsene als Kinder sitzen. Und wenn dann am Ende sowohl die Jüngeren als auch die Älteren gleichermaßen ergriffen und beglückt aus dem Kinosaal kommen, wurde beim betreffenden Film alles richtig gemacht. Einen solchen Glücksfall von Film konnten wir Anfang des Jahres bei uns im CITY 46 bestaunen. Denn die holländisch-deutsche Koproduktion „Romys Salon“ ist ein Mehrgenerationenfilm im besten Sinne: Ein Film für Kinder, Eltern und Großeltern über eine Familiengeschichte, die berührt und verbindet, die gemeinsam geschaut und besprochen werden möchte.

Dabei ist von Gemeinsamkeit und Begeisterung zunächst weder bei Romy noch ihrer Oma Stine viel zu spüren, als es heißt, dass die Zehnjährige nach der Schule nun bei ihrer Großmutter bleiben soll, während die Mutter ihrer neuen Arbeit nachgeht. Zumal auch Stine in ihrem Friseursalon noch alle Hände voll zu tun hat und ein Kind hier nur stören würde. Als Romy jedoch eines Tages bemerkt, dass ihre Oma anfängt, sich zu verrechnen und Dinge zu vergessen, greift sie Stine unter die Arme, und aus den beiden wird bald ein eingespieltes Team. Romy hilft fortan, wo sie nur kann, damit keinem auffällt, dass ihre Großmutter nicht mehr alles im Griff hat. Doch als Stine irgendwann nur mit Nachthemd bekleidet im Friseursalon auftaucht, fliegt alles auf und der Umzug in ein Pflegeheim ist unumgänglich. Aber Romy macht sich Sorgen: Ob es ihrer Oma dort wirklich gut geht? Bestimmt würde sie sich riesig freuen, wenn Romy noch einmal mit ihr an den Strand ihrer Kindheit nach Dänemark fahren würde.

Was „Romys Salon“ neben der großartigen schauspielerischen Leistung der beiden Hauptdarstellerinnen so wunderbar macht, ist die einfühlsame und wohltuend zurückhaltende Erzählweise des Films. Regisseurin Mischa Kamp gelingt es überzeugend, das komplexe Thema Demenz kindgerecht zu erzählen, ohne zu vereinfachen oder groß zu dramatisieren. So erzählt „Romys Salon“ vom Älterwerden, Erinnern, Vergessen und Krankheit, aber auch von Zusammenhalt, Solidarität und Liebe und davon, was wir aller Alltagskonflikte zum Trotz als Familie gemeinsam schaffen können. Ein Film ganz nah dran am Leben und gerade auch in diesen Tagen ein Film wie geschaffen. (Matthias Wallraven / CITY 46)