In den letzten Monaten sind wir durch zahllose Streaming-Plattformen gewandert, um unseren Kommunalkino-Mitgliedern und anderen Filmbegeisterten wöchentlich lohnenswerte Heimkino-Tipps für die kinofreie Zeit vorzustellen. Nun werden wir ab dem 3. Juni das Programm selbst auf unserer neuen Video-on-Demand-Plattform DIGY 46 gestalten. Daraus können Sie sich dann wieder Ihr eigenes Kinoprogramm für Zuhause zusammenstellen – per Einzelticket oder als 30 Tage-Abo.

Mit Filmen durch die Krise – Filmtipp der Woche

Filmtipp vom 27.5.

Gaza – Leben an der Grenze

IRL/CAN 2018, Buch & Regie: Garry Keane & Andrew McConnell, 86 Min.

Um den seit März 2021 wiederaufflammenden Konflikt in der Region besser zu verstehen, wollte ich gerne den Dokumentarfilm der zwei irischen Filmemacher sehen. Den komplexen Nahostkonflikt zu erklären, macht GAZA aber gerade nicht. Indem Garry Keane und Andrew McConnell das Alltagsleben im Gazastreifen in den Jahren von 2014 bis 2018 festhalten, stehen die Auswirkungen des Konflikts im Mittelpunkt und nicht die Auslöser.

Zwei Millionen Menschen leben seit 2007 eingesperrt im Gazastreifen auf einer Fläche von 360 km² – was fast der des Bundeslands Bremen entspricht. Ihre Einzelporträts ergeben zusammen mit den Momentaufnahmen, die den Versorgungsnotstand, die Armut, Überbevölkerung und Perspektivlosigkeit erfassen, ein facettenreiches Bild vom harten Leben in Gaza. Der Schneider, der nach 10 Minuten wegen Stromausfall nicht mehr arbeiten kann; die junge, liberal erzogene Karma, die auf ein Auslandsstipendium hofft; der zehnjährige Ahmed, der 39 Geschwister hat, im Flüchtlingscamp lebt und Fischer werden will. Doch die Fischer dürfen nicht weit genug rauf aufs Mittelmeer. „Gaza ist wie ein riesiges Gefängnis. Es gibt keine Freiheiten, keine Lebensfreude,“ so der Rettungsschwimmer Sari. Mahmud, der Taxifahrer, der in den 1990er Jahren extra in das damals liberale Gaza gezogen ist, will wie die meisten nur in Ruhe ein normales Leben leben. Doch das ist seit der Blockade 2007 nicht mehr möglich. Warum die Situation dort immer wieder eskaliert? Es gibt keine einfache Antwort darauf, denn weder in Gaza noch in Israel gibt es nur die Täter oder nur die Opfer. Die meisten Menschen dort sind Spielball der Politik. Und die Kinder sind immer die Verlierer. Das ist mir sehr deutlich geworden. (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 27.5.

Rhabarber, Rhabarber

NL 2014, Regie: Mark de Cloe, mit Nina Wyss, Thor Braun, 70 Min., empf. ab 10 Jahren

Was bedeutet Familie? Was heißt es, wenn die Eltern sich irgendwann nicht mehr liebhaben und getrennte Wege gehen? Für viele Kinder ist es Normalität, bei nur einem Elternteil zu leben, aber was ist, wenn Mama oder Papa plötzlich einen neuen Partner hat? Umziehen, Schulwechsel und zu allem Überfluss auch noch neue Geschwister, mit denen man vielleicht so gar nichts gemeinsam hat. Siem und Winnie haben das schon mehrmals miterlebt und finden beide: Besser eine neue Familie als einen einsamen Papa und eine unglückliche Mama!

Winnie und Siem sind beide 12 Jahre alt, Scheidungskinder und gehen in die gleiche Klasse. Als ihre Eltern Rik und Tosca sich in einander verlieben und kurz darauf zusammenziehen, freuen sie sich über die neue Patchworkfamilie. Beide wünschen sich nichts mehr, als ihre Eltern endlich glücklich zu sehen und für Siem ist die aufgeweckte Winnie, mit der er von der ersten Sekunde an auf einer Wellenlänge ist, wie ein zusätzlicher Bonus! Anfangs läuft es auch wunderbar harmonisch in dem schönen neuen Haus mit großem Garten, in dem Tosca und Winnie Rhabarber für ihre Marmelade anbauen. Doch als die Erwachsenen Hochzeitspläne schmieden, beginnt es zwischen ihnen zu kriseln. Siem und Winnie haben Angst, dass es schon wieder schiefgeht, sie wieder umziehen müssen und zu allem Überfluss auch noch auseinandergerissen werden. Also beschließen sie einzugreifen und die Beziehung zu retten: Ein selbstgedrehter Film mit zehn ausgewählten Liebestipps soll den Erwachsenen zeigen, wie es richtig geht!

Ein rührender Film über frühe und späte Liebe, Familie und Zusammenhalt. Bunt, kreativ und bewegend für Groß und Klein! (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp vom 20.5.

Heißer Sommer

DDR 1968, Regie: Joachim Hasler, mit Chris Doerk und Frank Schöbel, 91 Min.

Am 17. Mai konnten wir das 75-jährige Gründungsjubiläum der „Deutsche Film AG“, kurz DEFA, feiern. Mit Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ entstand in Babelsberg 1949 der erste deutsche Nachkriegsfilm. In den nächsten Jahrzehnten drehten die Regisseur*innen hier rund 700 Spielfilme, 2.000 Dokumentarfilme und fast 1.000 Trickfilme. Seit 1998 bewahrt die DEFA-Stiftung das DDR-Filmerbe, die Filmstudios wurden nach der Wende privatisiert und 1992 verkauft. Heute befindet sich auf dem Gelände das Studio Babelsberg, wo bereits 1899 die Deutsche Bioskop ihr „Gläsernes Atelier“ errichtet hatte.

Vom umfangreichen Schaffen der DEFA Regisseur*innen nehmen Publikum und Filmkritik im Westen seiner Zeit kaum etwas war. Viel zu wenige Arbeiten erfahren hier eine angemessene Anerkennung, wie „Jakob der Lügner“, der 1974 eine Oscar-Nominierung erhält, „Solo Sunny“ (Konrad Wolf, 1979) oder „Die Legende von Paul und Paula“ (Heiner Carow, 1972). Wolfgang Staudtes Film „Der Untertan“ (1951) zählt hierzulande zu den Filmklassikern. „Spur der Steine“ (Frank Beyer, 1966), einer der nach dem 11. Plenum des ZK der SED verbotenen Filme, erfuhr erst nach der Wiederaufführung sein verdientes großes Medienecho. Ich hatte das Glück, den Film in Anwesenheit des Regisseurs auf der Berlinale 1990 im restlos ausverkauften Ostberliner Kino „International“ in der Karl-Marx-Allee zu erleben. Ein bewegendes Ereignis, das zu den Highlights meiner Kinobesuche zählt.

Den meisten Filmfreund*innen fallen auf Anhieb wahrscheinlich kaum mehr als ein oder zwei Dutzend DEFA Filme ein. Grund genug hier auf das Filmschaffen in der DDR aufmerksam zu machen. Dazu möchte ich allerdings nicht auf die oben genannten Filme verweisen, sondern einen hierzulande recht unbekannten Film vorstellen. Angesichts unsicherer Urlaubsplanungen und schlechten Wetters möchte ich euch den Alltag mit einem bonbonbunten Filmmusical versüßen. Aus filmwissenschaftlicher Sicht ist HEISSER SOMMER kein Meisterwerk, sondern eine leichte Unterhaltung mit Tanzeinlagen und Gesang. Manche Einstellung und Dialoge wirken hölzern, aus heutiger Sicht erscheinen sie fast skurril, schließlich musste der Film eine strenge staatliche Zensur passieren. Dem DDR-Publikum hat der Film gefallen, über 3,4 Millionen Besucher*innen sahen ihn, nicht zuletzt aufgrund seiner prominenten Besetzung. Der Plot ist schnell erzählt: Eine Gruppe Oberschülerinnen trifft in ihren Ferien an der Ostsee auf eine Gruppe Oberschüler. Gegenseitig spielen sie sich Streiche, die ersten Liebeleien folgen. Die großen und kleinen Sorgen beim Erwachsenwerden bewegen die Jugendlichen, wie auch das erwachsene Aufsichtspersonal. Na, wie geht´s wohl aus? Ich wünsche Euch eine fröhliche Unterhaltung und freue mich mit euch auf dem kommenden Sommer – mit Urlaub an der Ostsee? (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp vom 13.5.

Little Yellow Boots

D/FIN 2017, Buch & Regie: John Webster, 94 Min., teilweise OmU

Es hat mich sehr fasziniert und berührt, mit welcher Offenheit und Neugier, aber ohne Zeigefinger John Webster nach Antworten auf Fragen sucht, die ihn seit 2010 umtreiben: Was kann eine Person alleine gegen den Klimawandel tun? Welche Welt werden meine Nachkommen erleben? Was hinterlasse ich ihnen, wenn ich handle und was, wenn ich nichts tue, weil ich überzeugt bin, machtlos zu sein? Warum machen sich Menschen angesichts des Klimawandels nicht mehr Sorgen? Es sind Fragen, die auch 2021 wichtig sind und doch während der Pandemie eine untergeordnete Rolle spielen.

In seinem Filmessay geht der finnisch-britische Filmemacher auf die Reise zu Menschen und Orten auf der ganzen Welt. Webster spricht mit seiner Familie, mit Fachleuten, nimmt am UN-Klimagipfel 2014 in New York teil und trifft Menschen, die der Klimawandel gar nicht beunruhigt, wie die Bergarbeiter in Sibirien.

In seinen Gedanken dabei ist seine Urenkelin Dorit, die vielleicht in den 2060er Jahren geboren wird und mit „Little Yellow Boots“ durch den dann angestiegenen Meeresspiegel auf der Erde läuft. Die Erkenntnis, dass Klimawandel mit unwiederbringlichem Verlust verbunden ist, erinnert Webster an seine Gefühle beim plötzlichen Tod seines Vaters, als er 12 Jahre alt war. Seine Erfahrung, etwas für immer verloren zu haben, dass man nicht zurückholen kann, hat ihn geprägt. Was kann er tun, um das beim Klimawandel zu verhindern? (Silvia Schierenbeck / CITY 46)