Corona-Kino – Kurzfilm der Woche

Underground Odyssey
D 2010, Regie: Christos Dassios, Uli Grohs & Robert Nacken, 6 Min.

Mit Filmen durch die Krise – Filmtipp der Woche

Gemeinsame Kinokultur in Zeiten von Physical Distancing und Quarantäne – geht das? Wir finden: es muss! Auch wenn wir gerade leider kein Kinoprogramm für euch machen können, wollen wir auf gemeinsame Filmerlebnisse nicht verzichten. Mit persönlichen Empfehlungen aus unserem Team wollen wir dazu beitragen, dass ihr den Überblick in der Masse von Online-Angeboten nicht verliert. Wir suchen für euch die Nadel im Heuhaufen, durchforsten kostenlose, kostengünstige und/oder solidarische Angebote abseits der Streaming-Riesen und präsentieren euch jeden Donnerstag unseren Filmtipp der Woche. Natürlich seid ihr herzlich eingeladen, mit uns auf Facebook über die Filme zu diskutieren. Let's stay at home and watch together!

Filmtipp vom 13.5.

Little Yellow Boots

D/FIN 2017, Buch & Regie: John Webster, 94 Min., teilweise OmU

Es hat mich sehr fasziniert und berührt, mit welcher Offenheit und Neugier, aber ohne Zeigefinger John Webster nach Antworten auf Fragen sucht, die ihn seit 2010 umtreiben: Was kann eine Person alleine gegen den Klimawandel tun? Welche Welt werden meine Nachkommen erleben? Was hinterlasse ich ihnen, wenn ich handle und was, wenn ich nichts tue, weil ich überzeugt bin, machtlos zu sein? Warum machen sich Menschen angesichts des Klimawandels nicht mehr Sorgen? Es sind Fragen, die auch 2021 wichtig sind und doch während der Pandemie eine untergeordnete Rolle spielen.

In seinem Filmessay geht der finnisch-britische Filmemacher auf die Reise zu Menschen und Orten auf der ganzen Welt. Webster spricht mit seiner Familie, mit Fachleuten, nimmt am UN-Klimagipfel 2014 in New York teil und trifft Menschen, die der Klimawandel gar nicht beunruhigt, wie die Bergarbeiter in Sibirien.

In seinen Gedanken dabei ist seine Urenkelin Dorit, die vielleicht in den 2060er Jahren geboren wird und mit „Little Yellow Boots“ durch den dann angestiegenen Meeresspiegel auf der Erde läuft. Die Erkenntnis, dass Klimawandel mit unwiederbringlichem Verlust verbunden ist, erinnert Webster an seine Gefühle beim plötzlichen Tod seines Vaters, als er 12 Jahre alt war. Seine Erfahrung, etwas für immer verloren zu haben, dass man nicht zurückholen kann, hat ihn geprägt. Was kann er tun, um das beim Klimawandel zu verhindern? (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 13.5.

Wer küsst schon einen Leguan?

D 2003, Regie: Karola Hattop, mit Frederick Lau, Michael von Au, Antje Westermann, 89 Min., empf. ab 10 Jahren

Tobias hat so gar keinen Grund, sich auf seinen 13. Geburtstag zu freuen. Seine alleinerziehende junge Mutter ist überfordert, hat sowieso nie Zeit für ihn und fährt lieber mit ihrem ziemlich gemeinen neuen Freund in den Urlaub. In der Schule muss Tobias sich ständig die Hänseleien der Mitschüler*innen anhören, für die er bloß der „Assi“ aus der Plattenbausiedlung ohne Vater ist. So ist es nicht verwunderlich, dass Wut und Frustration überhandnehmen und er auf andere Menschen immer aggressiver reagiert. Lieber sollen die Leute Angst vor ihm kriegen, als seine Enttäuschung und Einsamkeit zu bemerken.

Doch dann zieht Max in der Wohnung nebenan ein und alles ändert sich. Max ist Drehbuchautor, Mitte 30 und hat nicht nur eine lockere und lässige Art an sich, sondern auch noch ein ziemlich cooles Haustier im Schlepptau: einen echten Leguan. Tobias ist fasziniert von dem netten neuen Nachbar, so hatte er sich eigentlich immer seinen Vater vorgestellt. Aber könnte er es nicht werden? Kurzum erzählt er überall herum, dass sein Vater von einer langen Reise heimgekehrt wäre. Als ihm seine Mitschüler*innen nicht glauben wollen, klaut Tobias einfach den Leguan und ein Foto von Max aus dessen Wohnung, um Beweise in der Schule liefern zu können. Als Max daraufhin beim Einkaufen von Tobias erfreuter Lehrerin angesprochen und auf die nächste Klassenfahrt eingeladen wird, wundert er sich zunächst. Nach langem Bitten und Betteln von Tobias willigt Max jedoch ein, bei der Lüge mitzumachen und sich als Tobias Vater auszugeben. Dass Max auch egoistische Gründe haben könnte, sich auf das Schauspiel einzulassen, wird Tobias erst später bewusst.

Mehrfach auf Kinderfilmfestivals zum Besten Film gekürt schafft es „Wer küsst schon einen Leguan?“ mit viel Gefühl, eine ganz besondere, spannende und auch traurige Vater-Sohn-Geschichte zu erzählen. Vor allem überzeugt dabei die beeindruckende schauspielerische Leistung von Frederick Lau in der Rolle des Tobias. (Johanna Schlockwerder / CITY 46)

 

Filmtipp Spezial vom 13.5.

DOK.fest München 2021

131 Filme aus 43 Ländern: Das Filmprogramm des DOK.fest München 2021 @home

EYES WIDE OPEN! Das DOK.fest München 2021 @ home – Dokus, Themenreihen, Filmgespräche – wie wir sie euch gerne im CITY 46 präsentieren (würden). 131 Filme, 43 Länder in Sektionen wie DOK.guest (this year’s guest: Canada, yeah!), DOK.international, DOK.deutsch, DOK.horizonte oder auch DOK.focus empowerment – um nur einige zu nennen. Und das Filmprogramm lässt es mal wieder krachen – Weltpremieren, Deutschlandpremieren, internationale Premieren inklusive.

Ein thematischer Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf Kanada. Doch nicht die Schönheit und Weiten des Landes stehen im Fokus, sondern Einblicke in gesellschaftliche Strukturen, indigene Kulturen und Megacities. In LES LIBRES (THE FREE ONES, 2020) suchen ehemalige Straftäter den Weg zurück in die Gesellschaft, in JE M’APPELLE HUMAIN (CALL ME HUMAN, 2020) gibt Joséphine dem Stamm der Innu eine Stimme. NO VISIBLE TRAUMA (2020) thematisiert Polizeigewalt und systematischen Rassismus und zeigt, dass auch Kanada nicht so unschuldig ist, wie viele glauben; und JUDY VERSUS CAPITALISM (2020) verdeutlicht: das Persönliche ist auch politisch. Das poetisch-experimentelle und ermutigende Porträt umreißt den Kampf der Aktivistin Judy Rebick, einer der wichtigsten Figuren der feministischen Bewegung Kanadas, für das Recht am eigenen Körper.

Doch es ist nicht alles Kanada. In DOK.international stellt die dänische Produktion HE’S MY BROTHER (2021) die Frage, wie es ist, die Welt mit drei Sinnen zu erleben – ein ergreifendes Porträt einer Familie im Kampf um ein würdevolles Leben für ihren Sohn. In der Sektion DOK.deutsch ringen in ZUHURS TÖCHTER (2021) zwei Trans*Schwestern um die Normalität ihres Daseins. DOK.horizonte rückt mit SCHOOL OF HOPE (2020) eine kleine Schule in der marokkanischen Steppe in den Mittelpunkt, die Nomadenkindern den Weg in die Zukunft ebnet. Und NOT GOING QUIETLY (2021) in der Sektion DOK.focus empowerment ist ein starkes Porträt über Ady Barkan, Aktivist und ALS-Patient. Die Liste ist lang und vielfältig, also Augen auf, denn es gibt viel zu entdecken! (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp vom 6.5.

Border

S/DK 2018, Regie: Ali Abbasi, mit Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorsson, 110 Min., DF, FSK 16

Mal wieder Lust auf einen Film, der euch vielleicht sprachlos zurücklässt, der sich nicht sofort in eine Schublade stecken lässt? BORDER ist mit seinem Mix aus Mystery, Horror, Fantasy, Nordic Noir und Liebe definitiv ein ungewöhnliches Filmerlebnis.

Aber der Reihe nach: Die schwedische Grenzbeamtin Tina ist eine irritierende Erscheinung. Ihr Gesicht ist seltsam geschwollen, ihr bohrender Blick, die knollige Nase, der meist offene Mund mit seinen gelblichen Zähnen, ihre körperlich kräftige Statur verleihen der jungen Frau etwas Animalisches. Sie kann Angst, Scham und Wut anderer Menschen riechen und so ihre Emotionen wahrnehmen. Für ihren Beruf ist diese Fähigkeit besonders praktisch. Doch dann begegnet sie dem ihr auffallend ähnlich sehenden Vore und ihr Geruchssinn versagt… Obwohl sie ahnt, dass Vore etwas zu verbergen hat, spürt Tina bei ihm eine Vertrautheit, die ihr bisher fremd war. Doch die gewonnene Unbefangenheit stellt sie vor neue Herausforderungen.

BORDER ist ein Film über das Anderssein. Ein grandioses Drama, in dem sozialer Realismus, Fantasy und skandinavische Mythologie ineinanderfließen. Ein „grenzüberschreitendes“ Werk, das aktuelle Debatten um Identität, Ausgrenzung und Rassismus aufgreift und die Beschränktheit der eigenen Vorurteile niederreißt. Und ein Film für diejenigen, die meinen, im Kino schon alles gesehen zu haben. Der Film basiert auf der Kurzgeschichte »Gräns« von John Ajvide Lindqvist. Gewinner in der Sektion »Un Certain Regard« bei den Filmfestspielen in Cannes 2018. Unbedingt anschauen! (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 6.5.

Hände weg von Mississippi

D 2007, Regie: Detlev Buck, mit Zoe Mannhardt, Katharina Thalbach, Alexander Seidel, 100 Min., empf. ab 7 Jahren

Wer braucht denn einen Urlaub auf Mallorca, wenn er so eine Oma hat wie Emma! Genau sechseinhalb Wochen hat Emma Sommerferien, und die darf sie bei ihrer Oma Dolly auf dem Land verbringen. Herrlich! Wiesen, Badesee, Sonne, Freiheit, Spaß, Freund Leo und jede Menge Tiere! Denn Oma Dolly hat ein großes Herz für Hunde, Katzen, Schweine, Gänse und viele mehr, die auf ihrem alten Hof leben. Kaum angekommen, kriegt Emma mit, dass Gansmann, der fiese Neffe vom verstorbenen Klipperbusch, dessen geliebtes Pferd Mississippi dem Schlachter verkaufen will. Der Schnösel aus der Großstadt hat mit Tieren nichts am Hut. Ganz im Gegensatz zu Oma Dolly, die Gansmann das störrische Pferd gemeinsam mit Emma und Tierarzt Knapps abkauft. Alles gut? Eigentlich schon, doch plötzlich will Gansmann Mississippi für viel Geld zurückkaufen. Ob das was mit Klippersbuschs Testament zu tun hat?

Was für ein toller Kinderfilm, was für ein Spaß! So viele gute und lustige Einfälle und die wunderschöne Gegend, in der Emma ihre Ferien verbringt, wecken den Wunsch, sich zu ihr und Oma Dolly und all den anderen im Dorf zu gesellen. Das kleine Örtchen Rögnitz in Nordwest Mecklenburg hat seit den Dreharbeiten viel Besuch bekommen. Und viele von dort haben im Film mitgespielt und viel Spaß gehabt.

Detlev Bucks Verfilmung von Cornelia Funkes Buch ist rundum gelungen und hat 2007 den Deutschen Filmpreis als 'Bester Kinder- und Jugendfilm' gewonnen. (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp Spezial vom 6.5.

Zonazine – Dokumentarfilme auf Spanisch

Online-Kinoreihe des Instituto Cervantes Bremen im Rahmen der Europawoche Bremen 2021

Auch für den Monat Mai hat unser enger Kooperationspartner, das Instituto Cervantes Bremen, es sich nicht nehmen lassen, ein exklusives Programm zusammenzustellen. Während der Europawoche Bremen 2021 präsentiert es in Kooperation mit dem Festival de Málaga seine neue Online-Kinoreihe „Zonazine documental en español“.

Die diesjährige Reihe zeigt vier spannende Co-Produktionen aus Europa und Amerika, die sich der Lebensrealität verschiedener Länder auf historischem Wege nähern. Seit 2014 setzt sich diese jährliche Filmreihe das Ziel, außergewöhnliche Werke zeitgenössischer spanischer und lateinamerikanischer Filmemacher*innen einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Dokumentarfilme sind ausdrucksstark und experimentell, ihre Inhalte geprägt von Narrativen, die sich in unterschiedlichen Bereichen des non-fiktionalen Erzählens bewegen – von historischen Chroniken über Essayfilme bis hin zu Interviewfilmen.

El cuarto reino. El reino de los plásticos (E 2019, Regie: Adán Aliaga, Àlex Lora; 7.5. – 9.5.2021 / 20 Uhr), Para la guerra (CUB/E/ARG 2018, Regie: Francisco Marise; 14.5 – 16.5.2021 / 20 Uhr), Baracoa (COL/CH 2019, Regie: Pablo Briones y The Moving Pictures Boys; 21.5 – 23.5.2021 /20 Uhr), Una corriente salvaje (MEX 2018, Regie: Nuria Ibáñez Castañeda; 28.5. – 30.5.2021 / 20 Uhr). Für mehr Infos einfach auf die Filmlinks klicken oder auf der Homepage des Instituto Cervantes Bremen vorbeischauen. Die Filme auf Spanisch – optional mit Untertiteln in Englisch, Französisch, Spanisch, Bulgarisch oder Portugiesisch – sind jeweils an den angegebenen Terminen ab 20 Uhr für 48 Stunden auf dem Vimeo-Kanal des Instituto Cervantes kostenlos verfügbar.

Filmtipp für Kids vom 29.4.

Der Club der hässlichen Kinder

NL 2019, Regie: Jonathan Elbers, mit Sem Hulsmann, Faye Kimmijser, Narek Awanesyan, 87 Min., empf. ab 10 Jahren

Stellt euch vor, ihr würdet in einer Welt groß werden, in der alles sauber und ordentlich zu sein hat und niemand aus der Reihe tanzt. Ein Präsident würde bestimmen, wer schön ist und wer nicht, und würde sogar so weit gehen, alle in seinen Augen hässlichen Kinder wegzusperren. Klingt furchtbar? Ist es auch in dieser Welt, die der Film „Der Club der hässlichen Kinder“ entwirft und sich damit – untypisch für einen Kinderfilm – an das Genre der dystopischen Science Fiction wagt. Spannend und in eindrucksvollen Bildern erzählt er von Diskriminierung und staatlicher Willkür und vom Mut zum Widerstand gegen die Schönheitsdiktatur. Denn wirklich hässlich ist nur jener, der andere aufgrund ihres Aussehens als hässlich erklärt. Aber der Reihe nach:

„Sauber bleiben!“ lautet der Slogan, mit dem der neue Präsident Isimo eine perfekte Gesellschaft aufbauen will. Und alle machen mit. In der Schule wird frühmorgens der Tag schön gesungen, und die Medien – auch Pauls Vater, der Journalist ist – stimmen in den Kanon mit ein. Da hält sich der schüchterne Paul lieber bedeckt und versteckt seine großen abstehenden Ohren unter einer Mütze. Doch als eines Tages alle Kinder, die nicht Isimos Schönheitsideal entsprechen, in ein „Auffrischungscamp“ geschickt werden, gerät auch Paul in die Fänge des Regimes. Er kann jedoch fliehen und findet Unterschlupf bei seiner Mitschülerin Sara, die online bereits den „Club der hässlichen Kinder“ gegründet hat. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, um die anderen Kinder zu befreien und den Präsidenten zu Fall zu bringen.

„Der Club der hässlichen Kinder“ lief auf zahlreichen Kinderfilmfestivals und wurde weltweit ausgezeichnet. Wahrscheinlich hätte er es sogar ins deutsche Kino geschafft, wenn da nicht die Pandemie dazwischengekommen wäre. Zum Glück gibt es ihn nun immerhin auf KiKA zu sehen. (Matthias Wallraven / CITY 46)

 

Filmtipp vom 22.4.

Winterreise

D/DK 2019, Regie: Anders Østergaard & Erzsébet Rácz, mit Bruno Ganz, Leonard Scheicher, Izabella Nagy, 88 Min., engl. OmU

Am 17.10.2020 fand die Preview des Films WINTERREISE mit Gästen im CITY 46 statt, in der Woche darauf lief er zum Bundesstart bei uns im Kino an. Allerdings konnte das Publikum den Film, der Bruno Ganz in seiner letzten Rolle zeigt, nur wenige Tage sehen. Ab dem 2.11. schloss das Kino seine Türen, sehr zum Bedauern der vielen, die bis dahin noch nicht bei uns waren. Nun veröffentlicht der Verleih Real Fiction den Film auf Vimeo. Dabei erhalten die Kinos einen Teil der Einnahmen. Auch wenn es nun leider nicht auf der großen Leinwand sein kann, beteiligen wir uns, weil der sehr sehenswerte und berührende Film seine Öffentlichkeit unbedingt verdient.

In WINTERREISE verkörpert Bruno Ganz den jüdischen Musiker Günther Goldschmidt aus Oldenburg. Er und seine Frau waren bis 1942 in Deutschland Musiker beim jüdischen Kulturbund und ihnen gelang in letzter Sekunde die Flucht in die USA. Von dieser Geschichte erfuhr ihr Sohn Martin Goldsmith erst nach dem Tod seiner Mutter, als er seinen Vater zur bis dahin verschwiegenen Vergangenheit der Eltern und der gesamten Familie in den 30er Jahren befragte.

Der Regisseur Anders Østergaard inszeniert die Gespräche zwischen Vater und Sohn, die Martin Goldsmith in seinem Buch „Die unauslöschliche Symphonie. Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches – Eine deutsch-jüdische Geschichte“ veröffentlicht hat. Er folgt in seinem Film den Dialogen zwischen den beiden, während sich zwischen den Gesprächen die Vergangenheit der Familie mit raffiniert bearbeitetem Archivmaterial entfaltet. So entsteht in der Gegenwart des Films eine langsame Annäherung zwischen Vater und Sohn, die sich anfühlt wie die Überwindung eines riesigen Grabens aus ungesagten Worten. In Sprache und Land, Heimat und Kultur waren die beiden einander fremd geblieben. Der Film ist Zeitzeugnis und bewegende Annäherung zweier Generationen an die eigene verdrängte, unbekannte Geschichte. (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 1.4.

Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel

D 2016, Regie: Florian Schnell, mit Mala Emde, Hannes Wegener, David Schüttler, 89 Min., empf. ab 12 J.

Im Alter von 8 Jahren bekam ich meinen ersten Gameboy, mit 12 dann die erste Playstation. Online-Gaming entdeckte ich als Teenagerin und begab mich so manches Mal in die virtuelle Realität, in der ich als Magierin oder Kriegerin das Böse bekämpfte und dafür meine Hausaufgaben auch gerne mal liegen ließ. Heute habe ich in meiner Freizeit noch immer Spaß am Spielen und freue mich daher, dass Gaming auch in der Filmwelt immer mehr Anklang findet. Scott Pilgrim und Co. sind schon längst keine Einzelhelden mehr und so möchte ich euch diese Woche Jan und Karo vorstellen, die mit ihren Avataren Fenris und Gotrax die Online-Welt unsicher machen:

Im Real Life ist der 17-jährige Jan ein schüchterner Computer-Nerd, der sich nicht traut mit Mädchen zu sprechen. Sobald er seinen PC einschaltet und sich in die Weiten des Online-Games "Schlacht um Utgard" begibt, wird er jedoch zu Fenris, einem der mächtigsten Krieger des Spiels! Klar, dass er das anstehende Online-Turnier "Ragnarök" gemeinsam mit seinem treuen Online-Freund Gotrax gewinnen wird! Als drei Tage vor dem Wettkampf plötzlich sein Account gehackt wird, bricht für Jan eine Welt zusammen. Schleunigst will er herausfinden, wer ihm seinen Avatar Fenris geklaut hat und begibt sich auf die Suche nach dem Dieb. Unterstützt wird er dabei von Karo und staunt nicht schlecht, als er merkt, dass hinter Gotrax Spielfigur tatsächlich ein Mädchen steckt. Karo hat blaue Haare, ist laut und hat immer einen Plan in der Hinterhand. Nachdem sie den Hacker mit seiner IP-Adresse als ihren finsteren Spiel-Gegner Loki enttarnt haben, beginnt ein wildes Abenteuer: Verfolgt von der Polizei durchqueren Jan und Karo Wälder, Wiesen und stellen sich dabei so mancher Gefahr – das Leben wird tatsächlich zu ihrem Bonuslevel! Werden sie es schaffen, ihre Avatare rechtzeitig zur "Ragnarök" zurückzuerobern und ihren Erzfeind Loki zu besiegen?

Ein Muss für alle Gamer und Gamer-Girls! Mit von der Partie sind übrigens YouTube-Star Sarazar und Comedian Daniele Rizzo als Moderatoren des Turniers! (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp vom 25.3.

I Am Greta

S/D/USA/GB 2020, Regie: Nathan Grossman, mit Greta Thunberg, 88 Min., DF

„Mir ist es egal, ob ich beliebt bin. Mir ist Klimagerechtigkeit wichtig.“ (Greta Thunberg)

Genervt von Greta? Stopp! Am Freitag, den 19.3. legten Fridays For Future wieder mit ihren Protesten für Klimaschutz los, so auch in Berlin auf der Oberbaumbrücke. Und meine Neffen mittendrin – natürlich mit Abstand, ihr Anliegen fest im Blick. Passend dazu: am 27.3. ist Earth Hour (20:30-21:30) – Licht aus. Klimaschutz an.

Dieses Thema betrifft uns alle, da gibt es kein Entkommen. Am 20. August 2018 trat die damals 15-jährige Greta Thunberg in den Schulstreik und setzte sich mit einem Pappschild vor das schwedische Parlament, um von dort an Freitagen auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Sie wurde von lediglich drei Personen auf ihre Aktion angesprochen – ein Jahr später gehen weltweit Millionen von jungen Menschen bei Fridays For Future auf die Straße. Die Doku birgt vielleicht die Gefahr, eine in ihrem Optimismus trügerische Erwartung zu wecken. Dabei ist es genau das Gegenteil von dem, was Greta will und im Bezug auf den Klimawandel fordert: „I want you to panic!“

Über die Machart der Doku kann man sicherlich streiten, der „vom Nobody zum Superstar“-Charakter ist nicht von der Hand zu weisen – kreischende Teenie-Massen und Homestory-Momente inklusive. Während alle Welt ihr zujubelt – oder sie in den Sozialen Medien aufs Übelste beschimpft –, ist die Doku am stärksten in ihren leisen Momenten. So z.B. in den Weiten des Atlantiks auf dem Weg zur UN-Klimakonferenz nach New York, als Greta den Stand ihrer Mission reflektiert. Wieso tun die Mächtigen dieser Welt, die sie in ihren Reden knallhart zusammenfaltet, nicht mehr für das Klima? Alle wollen „Selfies“ mit ihr… – and that’s it. Ihre absolute Fokussierung auf den Klimawandel, ihre Uneitelkeit, hat auch mit dem Asperger-Syndrom zu tun – und diese Konzentration auf ihr Thema geht ihr zu keinem Zeitpunkt verloren. Greta Thunberg wurde mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet und 2019 vom TIME Magazine zur Person des Jahres gewählt. Sehr zum Missfallen eines gewissen Herrn Donald Trump. Sehenswert! (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp vom 11.3.

Ringside – Im Ring

USA/D 2019, Regie: André Hörmann, 95 Min.

Die Berlinale und ihre Filme. Immer wieder entdecken wir auf der Berlinale tolle Filme und wissen sofort: Der ist was für uns. Doch wird er einen Verleih finden? Meine Liste an „verhinderten Filmperlen“ ist schon zu lang. Umso schöner, wenn ein Film von dieser Liste gestrichen werden kann, um nun zumindest als Mediatheken-Filmtipp vorgestellt zu werden: „Ringside“ von André Hörmann führt uns zurück ins Berlinale-Jahr 2019. Tolle Doku, ein Film für die große Leinwand, bis heute ohne Verleih, ohne Kinostart.

Die South Side von Chicago ist berüchtigt für ihre Straßengangs und Schießereien. Kenny und Destyne haben viel gemeinsam: Sie sind gleich alt, gute Freunde, haben beide ehrgeizige Väter – und sie haben denselben Traum: Boxen. Sie wollen zu den Olympischen Spielen und dann als Profi Karriere machen. Für Kenny und Destyne bietet die Boxhalle einen Schutzraum, der sie vor der alltäglichen Gewalt und Kriminalität abschirmt. Eine andere Möglichkeit, es nach oben zu schaffen, gibt es für afroamerikanische Jungs aus Chicagos South Side eigentlich auch nicht. Angetrieben von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft begegnen sie Erfolgen und Misserfolgen und stellen sich immer neuen Herausforderungen. Das Motto: „Du bist deine einzige Schwachstelle. Niemand kann mich schlagen außer mir selbst.“ Doch während Kenny tatsächlich eine vielsprechende Karriere im Boxring startet, verbüßt Destyne schon eine lange Gefängnisstrafe.

André Hörmann begleitet die beiden Jugendlichen neun Jahre lang und schafft ein dichtes sowie emotionales Porträt, das davon erzählt, sich in einer komplexen Welt zu behaupten. Eine bewegende Langzeitstudie über Träume, Hoffnungen, Rückschläge und den Kampfeswillen, den es braucht, um sie zu überwinden. Eine Doku nicht nur für Boxfans! „Ringside“ beweist einmal mehr, dass einige der besten Berlinale-Filme in der Sektion Generation 14plus gezeigt werden. (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 11.3.

Lola auf der Erbse

D 2014, Regie: Thomas Heinemann, mit Tabea Hanstein, Christiane Paul, FBW-Prädikat: bes. wertvoll, 96 Min., empf. ab 8 J.

2014 war der Regisseur Thomas Heinemann bei uns im Kino zu Gast, um die allererste Ausgabe des Kinder- & Jugendfilmfests KIJUKO zu eröffnen. Im Gepäck hatte er seinen wunderbaren Kinderfilm „Lola auf der Erbse“, der mit sehr viel Herz und Humor die Geschichte einer Freundschaft erzählt. Mit einem mitreißenden Soundtrack, der euch noch lange im Ohr bleiben wird:

Zusammen mit ihrer Mutter wohnt die 9-jährige Lola auf einem Hausboot, das auf den Namen „Erbse“ getauft wurde. Eigentlich ist das Leben der beiden perfekt. Doch Lola vermisst ihren Vater, der eines Tages einfach verschwand. Jeden Tag wünscht sie sich, dass er auf einmal wieder an Deck steht. Ihre Klassenkameraden finden ihre verträumte Art merkwürdig und Lola wird in der Schule immer mehr zu Außenseiterin. Eines Tages lernt sie jedoch Rebin kennen, der illegal mit seiner Familie in Deutschland lebt. In dem kurdischen Jungen hat sie endlich jemanden gefunden, der sie versteht. Als Rebins Mutter krank wird, setzt Lola alles daran, um seiner Familie zu helfen. Auch wenn das für sie heißt, den neuen Freund ihrer Mutter nach Hilfe zu fragen, denn der ist immerhin Tierarzt. Allerdings würde Lola ihn am liebsten loswerden.

Die FBW-Jury urteilte über den Film: „LOLA AUF DER ERBSE ist der beste Beweis für kreatives und liebevoll gemachtes deutsches Kinderkino, das seine jungen Zuschauer ernst nimmt und mit viel Spaß ganz ohne erhobenen Zeigefinger seine Geschichte erzählt.“ Und auch das Publikum bei unserem ersten Kinderfilmfest war ganz begeistert und gehört zu meinen schönsten Erinnerungen vom KIJUKO: Dass am Ende eines Films der ganze Saal aufsteht, um zum Abspann zu tanzen, hatte ich bis dahin noch nicht erlebt! (Matthias Wallraven / CITY 46)

 

Filmtipp vom 4.3.

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

MAZ/B/F 2019, Regie: Teona Strugar Mitevska, mit Zorica Nusheva, Labina Mitevska, 100 Min., DF

2020 hatten wir den kompletten Monat März zum Thema „Female Directors“ mit Filmen von Frauen und über Frauenthemen gestaltet. Weltfrauentag am 8. März und die Initiative „Pro Quote“ waren die Aufhänger. Doch am 16. März war Schluss… Den zum Thema passenden, vielfach ausgezeichneten „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ durften wir bereits im November 2019 bei uns im Kino zeigen. Und die Produzentin und Schauspielerin Labina Mitevska sowie die grandiose Hauptdarstellerin Zorica Nusheva waren zu Gast. Jetzt gibt es digital die „Zweite Chance“, diesen ernsten, wütenden wie komischen Film über eine junge Frau zu entdecken, die sich traut, in einer frauenfeindlichen Umgebung aus der Rolle zu fallen.

Regisseurin Teona Strugar Mitevskas Film spielt in einem kleinen Ort in Mazedonien: Petrunya, eine arbeitslose 32jährige Historikerin, die noch zu Hause wohnt, geht nach einem demütigenden Vorstellungsgespräch nach Hause. Spontan folgt sie der orthodoxen Dreikönigs-Prozession zum Fluss. Als der Pope das gesegnete Kreuz ins Wasser wirft, springen Männer in den eisigen Fluss, um es zu finden und ihr Leben lang Glück zu haben. Auch Petrunya springt – und ergattert das Kreuz. Dazu haben hier aber nur die Männer das Recht, sagt die Kirche. „Sie hat die Regel verletzt, sie ist eine Frau“, so der Pope. Die wütenden Männer bedrohen sie massiv. Aber Petrunya weigert sich, das Kreuz zurückzugeben und besteht darauf, die Gewinnerin zu sein. Die Polizei schaltet sich ein. Das Ganze weitet sich zu einem waschechten Skandal aus.

Was im Film „Petrunya“ an keiner Stelle erwähnt wird, kommt nur in den Artikeln über ihn zur Sprache: Er beruht auf einem echten Vorfall in 2014. Kaum zu glauben im Europa des 21. Jahrhunderts. Zorica Nusheva als Petrunya ist eine Entdeckung in ihrer ersten Filmrolle und Teona Strugar Mitevska nutzt ihre Körperlichkeit und wunderbare Bildideen, um ihre Emotionen ohne zu viel Dramatik nahe zu bringen. Denn Petrunya muss viel verbale Gewalt einstecken. Ihre Mutter beschimpft sie als »undankbares Monster, Dreckstück«, auf dem Revier und bei den jungen Männern schlägt ihr blanker Hass entgegen. Doch Petrunya will kein Opfer sein. Täterin ist sie auch nicht, sie hat kein Gesetz gebrochen. Wie sie stoisch und schlagfertig ihr Handeln verteidigt, ist eine Freude anzusehen. Ob sie das Kreuz zurück gibt… (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 4.3.

Ente gut! – Mädchen allein zu Haus

D 2016, Regie: Norbert Lechner, mit Linda Anh Dang, Lynn Dortschack, FBW-Prädikat: bes. wertvoll, 95 Min., empf. ab 9 J.

Jedes Kind träumt bestimmt einmal von einem Leben ohne Erwachsene: Keine Regeln, keine Verantwortung, essen was du willst und solange aufbleiben, wie es dir gefällt! Dass dieser Traum auch eine Schattenseite hat, zeigt der farbenfrohe Film "Ente gut!", der innerhalb der Initiative "Der besondere Kinderfilm" entstand und der eingefleischten Fans unter euch vielleicht noch vom KIJUKO 2016 im Gedächtnis geblieben ist.

Die 11-jährige Linh muss unvermittelt alle Pflichten einer Erwachsenen übernehmen, als ihre Mutter in die Heimat nach Vietnam reist, um dort die kranke Oma zu pflegen. Das heißt für Linh kochen, putzen, Rechnungen bezahlen, im Asia-Imbiss der Familie aushelfen und sich um ihre kleine Schwester Tien kümmern. Außerdem darf das Jugendamt auf keinen Fall herausfinden, dass die beiden Schwestern auf unbestimmte Zeit auf sich allein gestellt sind. Und als die draufgängerische Pauline aus der Nachbarschaft plötzlich ihr Geheimnis entdeckt, geht der Ärger so richtig los: Die einsame Rothaarige wird in der Schule gemobbt und träumt zuhause von einem Leben ohne Eltern. Sie liebt Spionagegeschichten und verwickelt Linh und Tien kurzerhand in ihr eigenes Abenteuer. Dass Pauline den beiden dabei mehr Probleme bereitet als zu helfen, stellt die beginnende Freundschaft zwischen den Mädchen auf eine harte Probe. Gleichzeitig beginnt die 8-jährige Tien zu rebellieren, weil sie ihre Mutter vermisst. Ärger in der Schule und eine spontane Party in der eigenen Wohnung, bei der zu allem Überfluss auch noch das hart verdiente Geld für die Imbiss-Miete geklaut wird, führen schon bald die Polizei und das Jugendamt auf die Spur der Schwestern. Können sie es mithilfe ihrer neuen Freundin schaffen, ihr Geheimnis zu bewahren?

Mit viel Leichtigkeit erzählt "Ente gut!" die Geschichte der drei Mädchen und entführt euch atmosphärisch gelungen in eine kleine vietnamesische Community mitten in der ostdeutschen Gesellschaft. (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp Spezial vom 4.3.

Femmes Totales – Filme von Frauen

Eine Filmreihe mit prämierten Arbeiten von Regisseurinnen anlässlich des Weltfrauentags 2021

2017 machte die Reihe „Femmes Totales – Filme von Frauen“ auch Station bei uns im CITY 46. Anlässlich des Weltfrauentags 2021 veröffentlicht der eksystent Filmverleih unter dem Label absolut MEDIEN nun zehn „Femmes Totales“-Filme aus den letzten Jahren als VoD. Für kleines Geld lässt sich hier großes zeitgenössisches Kino von Frauen entdecken:

Die Reihe „macht sichtbar, dass Filme von Frauen gleichermaßen spannend, abwechslungsreich und unterhaltsam sind, zeigt vielfach ausgezeichnete Werke, die für ein junges, rebellisches und internationales Kino stehen. Sie erzählen von ‚real girl power‘, von Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen, Gefühlsextremen, Familiengeheimnissen oder Diskriminierung“. Die Auswahl eröffnet ein breites internationales Spektrum. So gehört der Episodenfilm „Geschichten aus Teheran“ von Rakhshan Bani-Etemad dazu, der über kleine Mikro-Dramen ein Kaleidoskop unterschiedlichster Probleme innerhalb der iranischen Gesellschaft eröffnet, in denen sich Privates und Politisches, Absurdes und Tragisches in wildem Wechsel aneinanderreihen. Außerdem mit dabei: „Das unmögliche Bild“ von Sandra Wollner, der 2019 mit dem „Preis der deutschen Filmkritik“ ausgezeichnet wurde, ein experimentelles, auf 16mm gedrehtes Drama um ein Mädchen aus Wien, das 1957 mit der Filmkamera seines Vaters seine Familie porträtiert. Auch der schwedische Film „Träum weiter“ gehört zu der Reihe, ein ungewöhnliches Coming-of-Age-Drama um ein Mädchen aus einer Plattenbausiedlung, das sich dafür entscheidet, Verantwortung zu übernehmen.

 

Filmtipp für Kids vom 25.2.

Timetrip – Der Fluch der Wikinger-Hexe

DK 2009, Regie: Mogens Hagedorn, mit Jonas Wandschneider, Clara Maria Bahamondes, Jacob Cedergren, 91 Min., empf. ab 9 J.

Hexen, Wikinger und Könige – habt ihr euch nicht auch schon immer mal gewünscht, die Figuren aus alten Sagen und Geschichtsbüchern mit eigenen Augen sehen zu können? Für die Geschwister Valdemar und Sille wird dieser Traum wahr, als sie auf einen verschrobenen Wissenschaftler mit einer geheimnisvollen Zeitmaschine treffen.

Die Eltern sind für ein paar Tage aus dem Haus. Für Sille heißt das Gruselfilme schauen, Süßigkeiten futtern und viel Zeit mit ihrem großen Bruder Valdemar. Leider hat der andere Pläne. Jetzt wo Papa nicht da ist, ist das die Gelegenheit endlich mal sein neues Auto zu fahren. Ohne Führerschein und trotz des ausdrücklichen Verbots will Valdemar seine Freunde beeindrucken und baut prompt einen Unfall. Die Reparatur scheint unbezahlbar, bis Valdemar bei einem Schulausflug den Physiker Benedict kennenlernt. Der zunächst abweisende Wissenschaftler sieht in dem Jungen eine mögliche Testperson für seine neue Zeitmaschine. Er bietet Valdemar eine erhebliche Summe Geld, damit er für ihn in die Vergangenheit reist und ein Artefakt beschafft, das Benedict dringend benötigt. Plötzlich findet sich Valdemar im Jahre 963 wieder – zur Zeit der Wikinger in Dänemark! Dort erfährt er, dass Benedict unsterblich geworden ist, nachdem er von einer Hexe verflucht wurde. Auf ewig verdammt alle Menschen um sich herum zu überleben, strebt Benedict seit hunderten von Jahren danach den Fluch aufzuheben und ein normales Leben zu führen. Während Valdemar nur zögerlich einwilligt dabei zu helfen, ist seine kleine Schwester Sille ihm heimlich gefolgt und stürzt sich begeistert mit ihrem Bruder in die Zeitreisemaschine, um den finsteren Hexenfluch der Vergangenheit zu brechen.

Ein bisschen Science-Fiction hier, ein bisschen Mittelalter-Fantasy dort und zwei sympathische Jungdarsteller in der Mitte dieses Abenteuers ergeben einen spannenden Genre-Mix für die ganze Familie! (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp vom 4.2.

Urmila – Für die Freiheit

D 2016, Regie/Drehbuch/Kamera: Susan Gluth, 88 Min., nepali/engl. OmU, FBW-Prädikat: bes. wertvoll, empf. ab 12 J.

Horizonte erweitern, Grenzen überwinden, Fremde/s vertraut machen, ohne Reisen, nur durch Hinsehen – gute Filme können das. „Urmila“ ist einer der wunderbaren Dokumentarfilme, der für mich eine Tür in eine bisher unbekannte Welt aufgestoßen hat: moderne Sklavenhaltung, in diesem Fall in Nepal. Offiziell lange verboten, inoffiziell weiterhin praktiziert. Ebenso faszinierend ist, wie eng die deutsche Regisseurin Susan Gluth die zu Drehbeginn 18-jährige Urmila über viele Jahre begleiten darf.

Urmila ist erst sechs Jahre alt, als sie von ihrer armen Familie als Haushaltssklavin nach Nepals Hauptstadt Kathmandu verkauft wird. Klägliche 50 € im Jahr bekommt ihre Familie dafür! 12 Jahre dauert das Martyrium als „Kalamari“, dann kann sie sich befreien. Mit der eigenen Freiheit gibt sich Urmila nicht zufrieden, aus dem Erlebten zieht sie die Kraft, sich für andere Mädchen in ihrem Land einzusetzen. Voller Zuversicht kämpft sie für die Organisation „Freed Kamalari Development Forum“ (FKDF), die seitdem 13.000 Mädchensklaven befreien konnte (Stand 2016). Doch Urmila will mehr, will als Anwältin auch international für Frauenrechte eintreten. Sie, die nie eine Schule besuchen durfte, versucht alles nachzuholen. Auch international macht Urmila auf die Situation in ihrer Heimat aufmerksam und hält mitreißende Reden, u.a. auf dem Oslo Freedom Forum. Das Lernen versucht die mittlerweile 25-Jährige mit ihrer Arbeit als Aktivistin zu vereinbaren, stößt dabei aber zunehmend an ihre Grenzen.

Das Porträt dieser so traumatisierten jungen Frau, die in aller Stille so viel Kraft für das Wohl anderer Frauen mobilisiert, in einer Gesellschaft, in der Frauen keinen Wert haben, hat mich sehr berührt. Susan Gluth hat dieser Kraft vertraut und fängt einzigartige, ehrliche Momente ein. Ganz ohne Kommentare oder Fragen entfaltet sich Urmilas Geschichte, und es ist Gluth zu verdanken, dass sie diese Geschichte gefunden und erzählt hat. Hier geht es zu einem Interview mit Susan Gluth: Filmloewin.de

Nachtrag 2018: Die Aktivistin Urmila Chaudhary wurde in den Niederlanden der „Laureate Freedom from Fear Award 2018“ überreicht. Der Preis wird alle zwei Jahre an Menschen und Organisationen vergeben, die sich im besonderen Maße für Freiheit und Menschenrechte einsetzen. (Plan international) (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp vom 28.1.

The Cleaners

D 2018, Regie: Hans Block & Moritz Riesewieck, 89 Min., FSK 16

Als Donald Trumps Accounts kurz vor seinem Amtsende auf verschiedenen Plattformen gesperrt wurden, empfanden das viele Menschen mit später Genugtuung. Endlich konnte seine Propaganda keinen Nährboden mehr finden. Andere hingegen äußerten Bedenken, so auch Bundeskanzlerin Merkel: Die Betreiber sozialer Netzwerke trügen zwar Verantwortung dafür, dass die politische Kommunikation nicht mit Hass und Anstiftung zu Gewalt vergiftet werde. Die Meinungsfreiheit als Grundrecht von elementarer Bedeutung könne aber nur durch den Gesetzgeber, nicht nach der Maßgabe von Unternehmen eingeschränkt werden.

Hans Block und Moritz Riesewieck beginnen ihre Dokumentation auf den Philippinen, bei den Menschen, die die Plattformen vom „Schmutz“ befreien müssen. Sie zeigen die belastende Arbeit der „Content Moderators“, wie sie sich vor ihren Monitoren durch die Abgründe des Internets kämpfen. Sie sind THE CLEANERS, die zu Tausenden im Sekundentakt in ausgelagerten Dienstleistungsunternehmen in Manila über Verbleib oder Verschwinden von Inhalten bei Facebook, Twitter und Co. entscheiden müssen. Die Grausamkeit und die kontinuierliche Belastung dieser traumatisierenden Arbeit verändert ihre Wahrnehmung und Persönlichkeit. Psychische Störungen bis hin zum Selbstmord sind die Folgen.

Neben den Geschichten der Content Moderator*innen erzählen die beiden Regisseure von den globalen Auswirkungen der Onlinezensur, wie Fake News und Hass durch die Sozialen Netzwerke verbreitet und verstärkt werden. Aber auch wie Internetkonzerne um des Profits willen gemeinsame Sache mit autoritären Regimen machen und ihre Seiten in deren Sinne zensieren. Das Ideal einer Welt freier Kommunikation, wie es Marc Zuckerberg propagiert, verwandelt sich in ein Zerrbild menschlicher Abgründe, von deren Auswüchsen es in anonymen Büroetagen in Manila geheilt zu werden versucht. Das Bemerkenswerte dieses Films ist seine vielschichtige Betrachtungsweise und der Perspektivwechsel, um die Zuschauer*innen immer wieder aufzufordern, die eigenen vertrauten Positionen kritisch zu hinterfragen. (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 28.1.

Ich bin William

DK 2017, Regie: Jonas Elmer, mit Alexander Magnússon, Rasmus Bjerg, Stinne Henriksen, 81 Min., empf. ab 8 J.

Schlimmer geht immer. Homeschooling kann doof sein, die Freunde nicht treffen können sowieso. Doch es gibt andere Kinder, die richtig große Probleme haben. So wie der zehnjährige William in Roskilde in Dänemark. Seine Mutter lebt in der geschlossen Psychiatrie und jetzt ist auch noch sein Vater gestorben. Zum Glück hat William Onkel Nils, bei dem er nun unterkommen kann.

Das klingt nach einem traurigen Film, ist es aber überhaupt nicht! Denn der gute Onkel mit einem Herz aus Gold steckt bis über beide Ohren in Spielschulden und Hehlerware, sodass für einen normalen Kinderalltag nicht viel Zeit bleibt. Dann gibt es eben kein Pausenbrot und jeden Tag nur Eier in allen Variationen. Für Onkel Nils besteht die ganze Welt eh´ nur aus Idioten – William ausgenommen. Und Williams Mutter, die kein Wort spricht und meist nur reglos da sitzt, hält Onkel Nils für bekloppt. William ist das egal, er liebt beide. Als William von ein paar fiesen Kerlen aus der Schule erpresst wird und sein Onkel wegen Wettschulden Probleme mit einem Gangster hat, beginnt seine Mutter, ihm Zettel mit merkwürdigen Botschaften zuzustecken. Ob die William helfen können?

William muss also in seinem Leben eine Menge Sachen regeln, für die eigentlich die Erwachsenen zuständig sein sollten. Wie er das macht, ist sehr witzig, phantasievoll und mit echten Überraschungen erzählt. Vieles wird aus der Ich-Perspektive von William gezeigt und so kriegen wir mit, was in dem sanften aufgeweckten Jungen vorgeht. Und das ist eine Menge! Wie William es ohne große Action schafft, von den Erwachsenen ernst genommen zu werden, ist ein großer Spaß. Der Film lief schon auf einigen Filmfestivals, hat Preise gekriegt, und eine begeisterte Kinderjury hat dies gesagt: „In diesen coolen Film sind wir ganz schnell hineingekippt und wir konnten uns auch sehr gut in William hineinversetzen! Wir sind restlos begeistert! Wir sind William!“ Na, dann schaut mal, ob ihr das auch seid! (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp vom 24.12.

Searching for Sugar Man

S/GB 2012, Regie: Malik Bendjelloul, 86 Min., OmU

Rodriguez, Sixto Rodriguez… Noch nie gehört? Na, dann wird es aber Zeit! Es gibt sie diese Musiker, Künstler, Persönlichkeiten und verrückten Geschichten, die uns nicht mehr loslassen. Und eine grandiose Doku wie “Searching For Sugar Man“ schreit geradezu nach einem Filmtipp.

Es war einer der gemütlichen Wein- und Vinyl-Abende, die man mit lieben Menschen verbringt, als sie vom Sofa aufstand und zunächst “I Wonder“, dann “Sugar Man“ auflegte… Schon nach den ersten Klängen wollte ich wissen, wer das ist… „Love at first listen!“, dachte ich mir. Die Antwort: Rodriguez! Sixto Rodriguez – genialer Musiker und faszinierender Typ, dessen wundervoll-poetische und klare Texte mich bis heute begeistern. “Searching For Sugar Man“ ist die Geschichte eines Stars, der seiner Zeit voraus war. Während er in seiner Heimat Amerika unbekannt blieb und nach zwei grandiosen aber erfolglosen Alben spurlos verschwand, wurde er in Südafrika in den 1970er Jahren – ohne es selbst zu wissen – zum Superstar. Sein Album „Cold Fact“ wurde zum Soundtrack der Antiapartheidbewegung und gab einer ganzen Generation Hoffnung und eine Stimme. So gibt die Doku neben all der tollen Musik einen wichtigen Einblick in die Kulturgeschichte Südafrikas.

Bestens geeignet für einen gemütlichen Abend auf der Couch mit einem guten Getränk. Eine Doku wie ein Thriller: Fesselnd, mitreißend, inspirierend, magisch. Ein Juwel der Musikdokumentation, 2012 völlig zu Recht mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet. Unbedingt anschauen! (Johannes Eichwede / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 24.12.

Pan Tau

D 2020, Regie: Franziska Meyer Price, 14 Folgen à 25 Min., empf. ab 7 J.

Vielleicht habt ihr von euren Großeltern schon von dem freundlichen Mann mit dem magischen Hut gehört, der niemals spricht: Pan Tau. Er war der Kinder-Fernsehliebling der 1970er Jahre. Nun ist der verschmitzt lächelnde Mann im Anzug und mit Melone zurück und im Jahr 2020 gelandet! Und wie schon vor 50 Jahren hilft er auch hier Kindern, in der verwirrenden Schul- und Erwachsenenwelt klar zu kommen. Wenn es sein muss, auch mit etwas Magie. Immer, wenn ein Kind in der Westpark-Schule Hilfe benötigt, sind Pan Tau und seine Zauberkräfte zur Stelle.

Gleich in den ersten zwei Folgen geht es ins Mittelalter. Denn Karlotta kann nicht verstehen, warum alle so verrückt nach den Fantasy-Romanen von „Swordstone“ sind. Lesen würde Karlotta die nie, obwohl ihre Eltern einen Buchladen haben und ihr Bruder Justus ein glühender Fan der Abenteuer ist. Warum auch. Die Prinzessin in Swordstone ist eingesperrt, und die Helden und Ritter sind ja immer Männer. Also erfüllt Pan Tau ihren Wunsch, die Geschichte umzuschreiben mit einer mutigen Prinzessin, die fechten und reiten kann. Das geht aber dann doch nicht so einfach, wie Karlotta es sich vorgestellt hat. Mit Pan Taus Hilfe findet sie ihren Weg durch die seltsamen Sitten und Gebräuche des Mittelalters und kann sogar noch ihren Eltern helfen, deren Buchladen in Gefahr ist.

Was für ein beruhigender Gedanke, dass da jemand wie Pan Tau ist, der dir im richtigen Moment zur Seite steht, wenn es eng wird, du unglücklich bist oder nicht weißt, wie du aus einer Sache raus kommst. Pan Tau hilft dir nur, denn das Meiste schaffst du dann doch ganz alleine. Wer weiß, vielleicht ist in den 14 Folgen genau deine Geschichte auch dabei? (Silvia Schierenbeck / CITY 46)

 

Filmtipp vom 17.12.

Das neue Evangelium

D/CH/I 2020, Regie: Milo Rau, 107 Min., OmU

Seit fast 20 Jahren beschäftigt sich Milo Rau in Theaterstücken, Filmen und Büchern mit den Widersprüchen der Weltwirtschaft und der Rolle Europas darin. Seinen neuen Film hat der Schweizer Regisseur und Autor („Das Kongo Tribunal“, 2017) in der süditalienischen Kleinstadt Matera gedreht, die in 2019 eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte war. Der Ort hat bereits Filmgeschichte geschrieben, er bildete die Kulisse für Pier Paolo Pasolinis „Die Matthäus Passion“ und Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Was heute oftmals übersehen wird, in der Umgebung befinden sich aktuell zahllose Flüchtlingslager. Ein Heer von geschätzt 500.000 rechtlosen Arbeiter*innen ist einem kriminellen Ausbeutungssystem schutzlos ausgeliefert. Wer Probleme macht, bekommt keine Arbeit, erhält keinen (Hunger-)Lohn. Hier herrscht ein Kapitalismus im Ursprungsstadium: nur das individuelle Dasein zählt. Milo Rau: „So habe ich gerade in der Europäischen Kulturhauptstadt Matera gelernt, wie Sklaverei funktioniert: nicht durch Gewalt, sondern durch Isolation jedes Einzelnen. Die völlige soziale und physische Auslöschung vor Augen, kämpft der Mensch nur noch ums Überleben.“

Der Film bewegt sich geschickt zwischen Dokumentation, Spielfilm und politischer Aktionskunst. Gemeinsam mit dem Flüchtlingsaktivisten Yvan Sagnet inszeniert der Regisseur eine moderne Geschichte eines Schwarzen Jesus mit radikal aktuellen Bezügen. In den Flüchtlingslagern rund um Matera, in der Stadt Matera und bei den Kleinbäuer*innen der Region, findet er Laiendarsteller*innen, die gemeinsam auf die Missstände aufmerksam machen.

Ohne den Lockdown hättet ihr DAS NEUE EVANGELIUM sicherlich im CITY 46 sehen können. Für heute war der Bundesstart in den Kinos geplant. Nun entschied sich der Verleih notgedrungen für die Herausbringung auf einer Videoplattform. Aber ihr könnt das Kino auswählen, „in dem ihr den Film sehen möchtet“ bzw. ihr bestimmt, welches Kino an eurem Ticketkauf beteiligt wird. Rund 75 Kinos starten heute den Film. So ist es fast ein bisschen wie im normalen Spielbetrieb, und das CITY 46 erhält trotz Schließung etwas an Einnahmen.  (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp vom 10.12.

Wolken ziehen vorüber

FIN 1996, Regie: Aki Kaurismäki, 96 Min., FSK 12

In den 90er Jahren gehörten die Premieren der Aki Kaurismäki Filme zum festen Programm meines Berlinale-Besuchs. Sobald das handliche Programmheft im Tip Magazin erschienen war, durchsuchte ich das Internationalen Forum des jungen Films nach dem Namen des finnischen Regisseurs. Wohl ein halbes Dutzend Filme habe ich in der Zeit von ihm hier gesehen. Selbstverständlich kam als Aufführungsort nur das Delphi Kino in der Kantstraße in Frage. Unvergessen: Das Schlangestehen, die Entscheidung linker oder rechter Treppenaufgang und das Hochstürmen in den Saal, um einen möglichst guten Sitzplatz zu bekommen. Nach dem Film wurden ein Tisch und Stühle auf die Bühne getragen und Ulrich Gregor, der all die Jahre einen (denselben?) zeitlosen grauen Anzug trug, befragte charmant und klug den Regisseur. Nur einmal, 1999, nach der Aufführung des Stummfilms „Juha“ bekamen lediglich die Musiker*innen Applaus, Aki Kaurismäki ausdrücklich nicht. Wütend beschimpfte er das Publikum und verließ aufgebracht den Saal. Seine späteren Filme müssen an anderen Orten ihre Premieren gehabt haben, auf der Berlinale habe ich danach nie wieder einen Aki Kaurismäki Film gesehen.

„Wolken ziehen vorüber“ ist ein berührender Film voller finnischer Lakonie und feiner Tristesse. Ein typischer Kaurismäki Film, der zwei Menschen beim unverschuldeten Scheitern begleitet. Beide sind Verlierer*innen im kapitalistischen Verwertungsprozess, deren Arbeitskraft plötzlich nicht mehr benötigt wird. Wenn das Schicksal es kurzfristig gut mit ihnen meint, zerstört es doch Momente später den zarten Hoffnungsschimmer und lässt uns Zuschauer*innen nur noch intensiver mit ihnen leiden. Doch immer wieder bringen wohldosierte komische Momente unsere Gefühlswelt ins Wanken und lassen uns ganz nah bei den Protagonist*innen bleiben.

„Wolken ziehen vorüber“ ist der erste Teil von Aki Kaurismäkis Finnland-Trilogie, die er mit „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002) und „Lichter der Vorstadt“ (2006) fortsetzte. Bei Interesse schaut euch in der arte Mediathek um. (Holger Tepe / CITY 46)

 

Filmtipp für Kids vom 10.12.

Rübezahls Schatz

D/CZ 2017, Regie: Stefan Bühling, 88 Min., empf. ab 7 J.

Als ich dieses Jahr im März an einem grauen langweiligen Nachmittag während des ersten Lockdowns durchs Fernsehprogramm zappe, erinnert mich ein farbenfroher Film auf einmal an meine große Vorliebe für Märchen. Ohne den Filmtitel zu kennen, verweile ich kurz mit dem Wunsch zu erraten, welches Märchen denn gerade gezeigt wird, aber ich komme einfach nicht darauf. Zu viele Elemente verschiedener Geschichten vermischen sich und formen eine ganz neue Version der zahlreichen Sagen um den Naturgeist Rübezahl. Nun habe ich dieses fesselnde Märchen zufällig in der ZDF-Mediathek wiederentdeckt und möchte es euch gerade in der gemütlichen Weihnachtszeit nicht vorenthalten:

Der Berggeist Rübezahl wacht seit jeher über die Natur des Riesengebirges und hält das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt im Einklang. Als eine neue Baronin Teile seines Lands kauft und den Wald darauf roden will, ist der Geist erzürnt und versucht mit aller Macht sein Reich zu schützen. Dabei begegnet er der schönen Magd Rosa, die scheinbar vergeblich auf ihren verschwundenen Verlobten wartet. Während Rübezahl sich Rosa in Gestalt des wilden Jägers Montanus annähert, hat die Baronin es auf seine versteckte Schatzkammer in den Bergen abgesehen. Von der frisch entflammenden Liebe abgelenkt, vernachlässigt Rübezahl seine Aufgabe als Naturwächter und die gierige Baronin kommt seinem Schatz immer näher…

Über Rübezahl schrieb der Sagen-Sammler Johann Karl August Musäus 1783: "Rübezahl ist geartet wie ein Kraftgenie, launisch, ungestüm, sonderbar, bengelhaft, roh, unbescheiden, stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam." (Insa Melzer / CITY 46)

 

Filmtipp vom 3.12.

What You Gonna Do When the World’s on Fire?

USA/I/F 2018, Regie: Roberto Minervini, 123 Min., engl. OmU

Um das Kino als kulturellen Ort gestalten und erhalten zu können, ist eine Sache unerlässlich: Die Zusammenarbeit mit kleinen unabhängigen Verleihern. Auch sie leiden unter der Corona-Pandemie. Doch ohne sie geht es nicht, ohne sie hätten wir besondere, gewagtere Arthouse-Filme nicht, und ohne sie wäre alles halb so interessant. Der Grandfilm Verleih wagte im Juli mit “What You Gonna Do When the World‘s on Fire?“ den Weg auf die große Leinwand. Er lief bei uns im CITY 46. Es ist eine beeindruckende und herzzerreißende Doku. Leider kam der Film zu einer Zeit, in der die Vorsicht viele noch zögern ließ, Kino und Kulturstätten wieder aufzusuchen. Nun bekommt ihr eine zweite Chance, wenn auch leider nicht bei uns im Kino.

“What You Gonna Do When the World’s on Fire?“ porträtiert den alltäglichen Überlebenskampf einer schwarzen Community in New Orleans mit samt ihren Erfahrungen, Ängsten und Wünschen und nimmt den Zorn und Widerstandsversuche bei den Opfern des Rassismus in den Blick. Die Doku gibt in kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern einen intimen Einblick, wird zu einer Begegnung voller spannender Momentaufnahmen, schöner und erschreckender Aspekte in einem Land, das Gewalt zu einer Kunstform erhoben hat. Sie lässt uns in den Alltag einer Gruppe von Menschen eintauchen – allen voran in den von Barbesitzerin July –, die versuchen, in diesem System zu existieren und es zu verändern.

In einer Zeit, in der das Misstrauen groß ist und die Konflikte immer wieder zu eskalieren drohen, wirkt die Doku wie ein Weckruf, sich der harten Realität des Rassismus bewusst zu werden. Intensiv, krass, kulturell wichtig und von gesellschaftlicher Relevanz. Das gilt nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt. (Johannes Eichwede / CITY 46)