22. INTERNATIONALES SYMPOSIUM ZUM FILM

Das 22. Internationale Symposium geht der Frage nach, wie mit Film in der Vergangenheit und heute forschend gearbeitet wird – in Naturwissenschaften, Geschichte, Ethnologie und Filmwissenschaft. Das fünftägige Symposium in Kooperation mit der Universität Bremen (FB 8 & 9) bietet dem Publikum mit Vorträgen, Filmvorführungen und Diskussionen die Möglichkeit zu einem regen Austausch.

 

Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über das Filmprogramm. Weitere Informationen zum Vortragsprogramm und den Dauerkarten finden Sie hier.



DIE FILME

Mi. 3.5. / 20:30

Forest of Bliss

Robert Gardner reflektiert in seinen Filmen über die menschliche Existenz und den Kreislauf des Lebens. Er versucht zu ergründen, was Menschsein bedeutet. In der heiligen indischen Stadt Benares am Ganges beobachtet er von einem Sonnenaufgang zum nächsten das Leben – ohne Kommentar, Untertitel oder Dialoge. Sein radikal subjektiver Blick und sein poetischer Stil verleihen Forest of Bliss eine expressive Kraft, die ihn zu einem Klassiker des ethnologischen und dokumentarischen Kinos werden ließ.

USA 1986, Regie: Robert Gardner, 90 min, OF

Do. 4.5. / 14:00

Los Angeles Plays Itself

Mehr Superstars bringt kein Film zusammen und doch sind sie nur Statisten: Die Stadt Los Angeles spielt hier die Hauptrolle. Es ist ein Ort, den wir kennen, ohne je selbst dort gewesen zu sein. Der Filmemacher und Historiker Thom Andersen montiert aus berühmten Spielfilmszenen ein Porträt der Stadt, die ihre eigene urbane Mythologie entwickelt hat. Aus Szenen, Filmausschnitten und Filmaufnahmen entsteht ein vielschichtiges Puzzle und eine kritische Geschichte und Gegengeschichte von Los Angeles.

USA 2003, Regie: Thom Andersen, 169 min, OF

Do. 4.5. / 20:00 * mit Vorfilm Am Siel * mit Präsentation von Ramón Reichert (Wien)

Leviathan

Vor der Ostküste der USA, in den Gewässern, in denen Melvilles literarische Figur Kapitän Ahab den weißen Wal Moby Dick jagte, begeben sich Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel an Bord eines Fischerbootes. Mit einem Dutzend Kameras fangen die Regisseure die Begegnung zwischen Mensch, Natur und Maschine ein und spielen dabei mit der neuen digitalen Technik: Die Kameras werden geworfen und ans Netz gebunden, vom Fischer zum Filmemacher gereicht. Dabei haben sie den harten Alltag der Menschen auf dem Schiff festgehalten, die dem Wind und Meer trotzen. Die Tradition, Fischer als Motiv für Bilder zu nutzen, wird aber gebrochen durch die Entscheidung, auf jeden Kommentar zu verzichten und das Erzählen den optischen und
akustischen Eindrücken zu überlassen.

Ramón Reichert (Wien) setzt sich in seiner Präsentation mit den technologischen und kulturellen Möglichkeiten der dokumentarischen Filmforschung im Bereich der bildkritischen Anthropologie am Beispiel von Leviathan auseinander.

USA/F/GB 2012, R.: Lucien Castaing-Taylor & Véréna Paravel, 87 min, OF

Do. 4.5. / 20:00 * Vorfilm zu Leviathan

Am Siel

„Ich bin ein altes Siel, an dessen Ende ein Dorf liegt. Ich weiß nicht, ob das Dorf gern gefilmt worden ist, denn wer wie ich tot zwischen dem Schlick liegt, hat mit scharfen Augen nicht viel im Sinn. [...] Meine Geschichte ist von Wasser und Schlamm zermahlen, aus ihr ist das rechts und links gewonnene Land gebaut, und die Wellen der Fischerboote sind in diesem Land verebbt.“

Peter Nestler geht in seinem ersten Kurzfilm an die Grenzen des Dokumentarfilms und macht ein Siel* zum Erzähler seiner Geschichte. So entsteht ein unvergleichliches Bild vom schlichten Alltagsleben in einem kleinen Dorf an der Nordseeküste in den 1960er Jahren.

*Siel: ein verschließbarer Gewässerdurchlass in einem Deich. Es ist Teil eines Entwässerungssystems des hinter dem Deich gelegenen Binnenlandes, besonders in Marschgebieten.

BRD 1962, Regie: Peter Nestler, 13 min, OmengU

Fr. 5.5. / 14:00 * mit Einführung von Natalie Lettenewitsch (Paderborn)

Der Perlmuttknopf

Unendliche Fjorde, traumhafte Küstenlandschaften und immer wieder die Untiefen des Ozeans: Der in Kuba, Spanien und Frankreich lebende Dokumentarfilmer Patricio Guzmán zeigt die große Schönheit seiner Heimat Chile. Und er zeigt zugleich die verdrängte Geschichte seines Landes. Im 19. Jahrhundert wurde die indigene Bevölkerung Südchiles fast vollständig ausgerottet. In den Siebziger Jahren ließ die Pinochet-Regierung Oppositionelle ermorden und anschließend, beschwert mit Eisenbahnschienen, ins Meer werfen. Und dort geht Guzmán dem Geheimnis von Perlmuttknöpfen nach, die auf dem Meeresgrund gefunden wurden. Sie sind Beweis des grausamen Genozids an der indigenen Bevölkerung - Überbleibsel jener 1.400 Leichen, die Pinochets Armee verschwinden ließ. Regisseur Patricio Guzmán erhielt für sein Drehbuch zum Film den Silbernen Bär 2015.

El botón de nácar, F/ES/Chile 2015, Regie: Patricio Guzmán, 82 Min., spanische OmU

Fr. 5.5. / 15:45 * Eintritt frei * mit Einführung und anschließendem Vortrag von Sylvie Lindeperg (Paris)

Memories of the Eichmann Trial

Es sind viele Schichten von Erinnerungen, David Perlovs Dokumentarfilm durchdringt: Im Jahr 1979, 17 Jahre nach dem Prozess gegen Adolf Eichmann, lud er Holocaust-Überlebende, ihre Kinder, junge Israelis und Menschen ein, die in den Fall Eichmann involviert waren. In seiner Wohnung sprach David Perlov mit ihnen über ihre Erinnerungen an den Prozess und seine Folgen. Unter ihnen sind Henryk Ross, ein polnischer Jude, der im Ghetto von Łódź heimlich fotografierte, und Rafi Eitan, der die Operation zur Festnahme von Eichmann in Argentinien führte.

Memories of the Eichmann Trial wurde 1979 nur einmal im israelischen Fernsehen gezeigt. 2011 wurde er von seiner Tochter Yael Perlov zusammen mit dem Yad Vashem Visual Center und dem israelischen Fernsehen digitalisiert und restauriert.

ISR 1979/2011, Regie: David Perlov, hebräisches und polnisches OmengU, 65 min

Artikel über die Restaurierung des Films (in englischer Sprache) auf Haaretz.com

Biographie von David Perlov

 

Mit freundlicher Unterstützung des Yad Vashem Visual Center und der IBA – Israel Broadcasting Authority

Fr. 5.5. / 20:30 * mit Livemusik-Begleitung von Eunice Martins

Der Mann mit der Kamera

„Ich bin das mechanische Auge. Ich, die Maschine, zeige euch die Welt so, wie nur ich sie zu sehen imstande bin.“ Dziga Vertov

Während im westlichen Kino dieser Zeit die Kamera organisch verschwinden soll, ist für den russischen Filmemacher gerade ihr Maschinelles die Lösung. Jahrelang sammelte Vertov Material, bis er im Jahr 1929 das bahnbrechende Experiment wagte und einen Film ohne Zwischentitel, Drehbuch und Schauspieler*innen schuf. In seinem poetischen Dokumentarfilm zeigt er das Leben in einer Großstadt – vom Erwachen der ersten Bewohner über die Arbeit bis hin zu ihren Beschäftigungen nach Feierabend. Der Stummfilm sollte das Leben so zeigen, wie es ist: ohne Erzählstrang oder Inszenierung, durch reine Montage, da alles andere Verfälschung wäre.

UdSSR 1929, Regie: Dziga Vertov, 80 min, 35mm * mit Livemusik-Begleitung von Eunice Martins

Sa. 6.5. / 19:30 * anschließend Gespräch mit Regisseur Michael Palm

Cinema Futures

Cinema Futures ist ein Dokumentarfilm über Gegenwart und Zukunft von Film und Kino in der Ära des Digitalen. In einzelnen Episoden und filmischen Aphorismen werden Zukunftsszenarien, kulturelle Ängste aber auch verheißungsvolle Utopien skizziert, die den epochalen Übergang von der etwa 120-jährigen Geschichte des analogen photochemischen Filmstreifens hin zur immateriellen und radikal flüchtigen Zeit digitaler Bild-Datenströme begleiten.

Die „digitale Revolution“ erreichte das Kino spät und wurde hauptsächlich als technologischer Fortschritt inszeniert. In einer Zeit des rapiden Verschwindens des analogen Filmstreifens und der Diversität digitaler Laufbild-Formate geht es heute jedoch um wesentlich mehr: 75 Prozent des Materials aus der Stummfilmzeit sei bereits unwiederbringlich verloren, sagt George Willeman, Filmrestaurator der Library
of Congress, der größten amerikanischen Institution zur Bewahrung von Moving Images. Was bedeutet das für die Geschichte des Films und die mit ihr verbundene Forschung? Wie gehen wir im Zeitalter der flüchtigen Datenströme also mit dem Filmerbe um? Droht ohne die analoge Grundlage ein massiver Verlust des kollektiven audiovisuellen Gedächtnisses? Wie sicher sind die transferierten Filmbestände in den
großen Serversystemen?

Cinema Futures erkundet internationale Schauplätze und dramatisiert mit namhaften Filmschaffenden, Museumskuratoren, Historikern und Technikern eine Wissensgeschichte des Kinos und ihre mögliche Zukunft im Zeitalter digitaler Laufbilder.

Michael Palm ist Filmemacher, Cutter, Sound Designer. Seine Filme erhielten auf internationalen Filmfestivals mehrfache Auszeichungen und werden in Kino und Fernsehen gezeigt. Er ist zudem Verfasser zahlreicher Vorträge und Publikationen zur Theorie und Ästhetik von Film und Kino. Er lebt und arbeitet in Wien.

A 2016, Regie: Michael Palm, mit Martin Scorsese, Christopher Nolan, Tacita Dean, 126 min, OF

Sa. 6.5. / 22:30

Dressed to Kill

Ein Frauenmörder geht um in Manhattan, der irgendwie aus dem Umkreis des distinguierten Psychiaters Dr. Robert Elliott zu stammen scheint. Ist es einer seiner Klienten? Der Psychiater, der Sohn der Ermordeten und die Zeugin des Verbrechens versuchen herauszufinden, was passiert ist. Mit diesem virtuosen, explizit erotischen Thriller machte sich Brian De Palma einen Namen im amerikanischen Film. Und er nutzt als einer der wenigen Regisseure nach Hitchcocks Tod dessen Vorlieben für präzise Kamerabewegungen, Charaktere, die eher Typen sind als eine greifbare Person und die Inszenierung von Gewalt, die plötzlich und in alltäglichen Momenten ausbricht.

Alejandro Bachmann stellt in seinem Forumsbeitrag am Vormittag dar, wie Kamerabewegung und Sounddesign den Museumsraum erforschen, in dem das Mordopfer Kate eine schicksalhafte Begegnung
hat.

USA 1980, Regie: Brian De Palma, mit Angie Dickinson, Michael Caine und Nancy Allen, 105 min, OmU

So. 7.5. / 11:30 * kuratiert und vorgestellt von Christine Rüffert (Bremen)

Local Knowledge / Ortskenntnis

* Kuratiert und vorgestellt von Christine Rüffert (Bremen)

Ortskenntnis suggeriert eine intime Vertrautheit mit lokalen Gegebenheiten. Der Programmtitel verknüpft zwei Filme, die Ortskenntnisse völlig verschiedener Art vermitteln. The Illinois Parables entfaltet einen Fächer historischer Anekdoten aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Illinois, The Interior erkundet eine entlegene Schlittenhundestation in Alaska.

Deborah Stratmann konstruiert ihre politische Landschaftsdokumentation außerhalb gängiger Darstellungskonventionen. Das ein Jahrzehnt lang gesammelte Material aus Found-Footage, Interviews, Fotos, Voice-Over, Re-Enactment und eigenen Landschaftsaufnahmen verdichtet sie zu elf Tiefenbohrungen in die amerikanische Geschichte. Aus der allegorischen Vielfalt erschließen sich überraschende Bedeutungszusammenhänge zwischen religiösen Überzeugungen, Naturkatastrophen und politischer Verfolgung. Ein experimenteller Essay auf Unterdrückung und Freiheit. Deborah Stratmann ist Filmemacherin und Associate Professor an der School of Art and Art History, University of Illinois/Chicago.

Jonathan Rattner grenzt sich von klassisch ethnographisch orientierten Polardokumentationen ab. Kein Kommentar, keine Dialoge interpretieren die visuell-akustische Beobachtung eines Lebens, das durch Kälte, Dunkelheit und die Bedürfnisse der Hunde geprägt ist. Eine ästhetische, sensuelle Studie. Jonathan Rattner ist Filmemacher und Assistant Professor & Director, Cinema & Media Arts, an der Vanderbilt University/Nashville.

The Illinois Parables, USA 2016, Regie: Deborah Stratmann, 60 min
The Interior, USA 2015, Regie: Jonathan Rattner, 24 min