MIT FILMEN DURCH DIE KRISE – FILMTIPP DER WOCHE

Gemeinsame Kinokultur in Zeiten von Physical Distancing und Quarantäne – geht das? Wir finden: es muss! Auch wenn wir gerade leider kein Kinoprogramm für euch machen können, wollen wir auf gemeinsame Filmerlebnisse nicht verzichten. Mit persönlichen Empfehlungen aus unserem Team wollen wir dazu beitragen, dass ihr den Überblick in der Masse von Online-Angeboten nicht verliert. Wir suchen für euch die Nadel im Heuhaufen, durchforsten kostenlose, kostengünstige und/oder solidarische Angebote abseits der Streaming-Riesen und präsentieren euch jeden Donnerstag unseren Filmtipp der Woche. Natürlich seid ihr herzlich eingeladen, mit uns auf Facebook über die Filme zu diskutieren. Let's stay at home and watch together!



FILMTIPP SPEZIAL

WE ARE ONE – A GLOBAL FILM FESTIVAL

Wo: YouTube
Wann: vom 29.5. bis 7.6.
Kostet: nichts

 
„Uff, das war knapp! Da ist die Berlinale 2020 der Corona-Pandemie noch gerade so entkommen…“ Dieser Gedanke ging meinen Kolleg*innen und mir in den letzten Wochen des Öfteren durch den Kopf. Und siehe da, die Berlinale ist eines der wenigen Filmfestivals, das in diesem Jahr stattfinden konnte. In der Folge reihte sich Festivalabsage an Absage, wodurch die Möglichkeiten wegbrachen, neue Filme dem Publikum vorzustellen und ihnen eine Öffentlichkeit zu geben.

Wie in vielen Lebens- und Kulturbereichen wird auch hier nach kreativen Lösungen gesucht. Als Ende April das „WE ARE ONE – A GLOBAL FILM FESTIVAL“ – ein 10-tägiges kostenloses Streaming-Event –  angekündigt wurde, war klar, dass dieses Ereignis ein Fall für unseren Filmtipp Spezial ist. Aber mit konkreten Informationen hielten sich Tribeca Enterprises & YouTube lange äußerst bedeckt. Erst seit 48 Stunden ist klar: Kinofans erwartet ein spannender Mix aus Lang-, Kurz- und Animationsfilmen sowie Dokumentationen, Musik, Comedy und Filmgesprächen! Klickt euch durch, geht auf Entdeckungsreise und erstellt euren eigenen Festivalplan. Das komplette Programm und alle Infos findet ihr hier.

Über 20 Filmfestivals aus 17 Ländern der Welt haben sich zusammengetan. Von Venedig über Tribeca (New York), Sundance, Toronto (TIFF) bis nach Locarno, Cannes, Sydney und Tokyo – um nur einige wenige zu nennen. Ihr Motto: “WE ARE ONE”. Ihr Ziel: „To inspire and unite people across the borders and celebrate the exquisite art of storytelling“. Auch wenn die Screenings umsonst sind, wird um Spenden gebeten, um weltweit zu helfen. Sie kommen dem COVID-19 Relief Fund der WHO zugute. Lasst euch die Chance nicht entgehen, die größten Filmfestivals der Welt zu euch nach Hause zu holen! (Johannes Eichwede / CITY 46)



FILMTIPP VOM 28.5.

PATERSON

USA 2016, Regie: Jim Jarmusch, 112 Min., DF, FSK 0

Wo: arte Mediathek
Wann: bis zum 7.6.
Kostet: nichts


Es ist die Lakonie, mit der Jim Jarmusch seine Protagonist*innen in ihrem Alltag inszeniert und die mich an seinen Filmen fasziniert. Dabei ist es nie eine schlichte Monotonie, vielmehr nutzt er eine poetisch subtile Erzählweise, die sich bei genauer Betrachtung als feinsinnig, hintergründig und komisch zu erkennen gibt.

In „Paterson“ fährt Busfahrer Paterson (Adam Driver) alltäglich in seiner Heimatstadt Paterson die Linie 23. Er ist ein ruhiger, introvertierter Mensch, der seine alltäglichen Beobachtungen zu kleinen Gedichten lyrisch verdichtet, die nur seine Frau Laura (Golshifteh Farahani) kennt. Sie ist ebenfalls kreativ, allerdings mit dem Wunsch, sich auch der Außenwelt mitzuteilen. Was immer möglich, versieht sie in ihrer Umgebung mit schwarz-weißen Ornamenten. Hier finden die Zuschauer*innen sicherlich gute Ideen, zu Zeiten von Corona das eigene Umfeld neu zu gestalten!

Der Film lebt vom Wechselspiel von Genügsamkeit und Exzentrik der beiden. Der Handlung möchte ich nicht weiter vorgreifen, nur so viel sei verraten: Einem Kinobesuch der beiden folgt ein unerhörtes Ereignis, das vieles in Frage stellt, aber wie bei Jim Jarmusch nicht unüblich, die Protagonist*innen nicht hoffnungslos zurücklässt.

Vielleicht geht es euch ähnlich, nehmen Regisseur*innen in ihren Filmen direkten Bezug auf andere Künstler*innen macht es mich neugierig, was dahinter stecken mag? In „Paterson“ ist es das Foto und ein Buch vom amerikanischen Lyriker William Carlos Williams, das uns der Regisseur in der Schreibstube seines Hauptdarstellers zeigt. Williams hat der Stadt Paterson in seinem Werk ein lyrisches Denkmal gesetzt, seine Lyrik interpretiert Jarmusch in seinem Film durch die Gedichte des Hauptdarstellers. Aber auch sonst scheinen beide Künstler in ihrem Schaffen Seelenverwandte zu sein:

THIS IS JUST TO SAY, von William Carlos Williams (1938)

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold

Die zweite Referenz ist der Kinobesuch von Paterson und Laura. Sie schauen sich den Horrorklassiker „Island of the Lost Souls“ (1932) von Erle C. Kenton an, eine wunderbare Adaption von H. G. Wells Roman „The Island of Dr. Moreau“ mit Charles Laughton und Bela Lugosi. Ein Film, der nicht so recht zum beschaulichen Leben der beiden zu passen scheint. Ist es ein Hinweis auf das Kino als Erfüllungsort unerfüllter Sehnsüchte? Oder eine Hommage Jarmuschs an das Hollywoodkino, bevor es seine Freiheit 1935 mit der Selbstzensur durch den „Production Code“ des Will Hays verlor? Welche Spur will er uns legen? Wenn ihr neugierig geworden seid, den Film findet ihr in der englischsprachigen Version hier: archiv.org (Holger Tepe / CITY 46).



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 28.5.

BINTI – ES GIBT MICH!

B 2019, Regie: Frederike Migom, 83 Min., empf. ab 9 Jahren

Wo: KiKa
Wann: bis zum 15.6.
Kostet: nichts


„Hallo Leute! Ich bin Binti und willkommen auf meinem Kanal!“ begrüßt uns die strahlende 12-Jährige voller Energie und nimmt uns direkt mit in ihren neusten Videoclip. Als begnadete Vloggerin hat Binti schon über 1.000 Follower*innen und doch steckt für sie so viel mehr dahinter, als wir auf den ersten Blick vermuten würden. Es geht ihr nämlich weniger um Selbstdarstellung sondern vielmehr darum, sich selbst und der Welt zu beweisen, dass sie überhaupt existiert. Denn Binti ist mit ihrem Vater aus dem Kongo nach Belgien gekommen und lebt seither ohne Ausweis oder Aufenthaltsgenehmigung in jenem Land, das ihr Zuhause ist. Und wie es Binti auf den Punkt bringt: „Wenn man keine Papiere hat, lebt man zwar, aber es gibt einen nicht.“

Als eines Tages die Polizei vor ihrer Tür steht, schaffen es die beiden noch, in letzter Sekunde zu fliehen und sich in einem Waldgebiet zu verstecken. Dort treffen sie auf den elfjährigen Elias, der sich aus seinem selbstgebauten Baumhaus heraus für die vom Aussterben bedrohten Okapis in Afrika einsetzt. Die schlagfertige Binti freundet sich schnell mit dem schüchternen Jungen an und ist gerne bereit, ihn bei seiner Mission zu unterstützen. Und wäre es nicht auch eine rettende Möglichkeit, wenn ihr Vater mit Elias Mutter zusammenkommen würde und so das Problem der fehlenden Papiere gelöst werden könnte?

Nach „Sune vs. Sune“ (siehe Filmtipp vom 26.3.) schenkt uns der KiKa mit „Binti“ ein weiteres Festivalhighlight für die heimische Couch, das ihr auf keinen Fall verpassen solltet! Ganz auf Augenhöhe der Kinder erzählt, schafft es der belgische Film überzeugend, eine schwerwiegende Thematik leichtfüßig zu vermitteln und wurde dafür völlig zurecht mit dem ECFA-Preis 2020 als bester europäischer Kinderfilm ausgezeichnet. (Matthias Wallraven / CITY 46)



FILMTIPP VOM 21.5.

SWEET COUNTRY

AUS 2017, Regie: Warwick Thornton, 113 Min., FSK 12

Wo: Grandfilm on Demand
Wann: unbegrenzt
Kostet: 4,99 € (50 % der Einnahmen werden an von der Coronakrise betroffene Independent-Kinos gespendet)


Australien – ein Sehnsuchtsort mit atemberaubenden Landschaften. Was aber vielen weitaus weniger bekannt ist: Die fast schon brutale Gründungsgeschichte dieses wunderschönen, großen Landes und der rassistische Umgang mit den Ureinwohner*innen, den Aborigines.

Der australische Western spielt in den 1920er Jahren an der Grenze zum Northern Territory, im tiefsten, gottverlassenen australischen Outback. Er erzählt die wahre Geschichte des Aborigines Sam, der wegen Mordes an einem Weißen gejagt wird. Das Land seiner Familie und Vorfahren wurde ihm von den englischen, weißen Kolonialisten genommen. Doch Sam und seine Frau Lizzie haben noch Glück gehabt, denn sie arbeiten für den gutmütigen Priester Fred Smith, der von seinem Nachbarn Harry March argwöhnisch beäugt wird, weil er „die Schwarzen“ wie Menschen behandelt. Harry March ist der Inbegriff eines glühenden Rassisten. Nachdem er sich die beiden Aborigines für die Errichtung eines Grenzzaunes „ausleiht“ und Lizzie einmal allein ist, vergewaltigt er sie. In Notwehr erschießt dann Sam Harry March, und Sam und Lizzie bleibt nur noch die Flucht in die Weiten der australischen Wüste. Umgehend wird ein Suchtrupp aufgestellt, um die beiden zur Strecke zu bringen… Und es beginnt eine Geschichte voller Wendungen, Dramatik und Poesie.

Der australische Regisseur Warwick Thornton (Samson and Delilah, Camera D’Or 2009 in Cannes) legt erneut seinen Fokus auf die menschenverachtende Politik seines Heimatlandes und die Folgen des Kolonialismus für die Ureinwohner*innen.

Am Ende des Films sitze ich wortlos bei uns im Kino und muss schlucken, mich erstmal sammeln. „Sweet Country“ – so herzzerreißend, brutal, tragisch und schön zugleich. Eine Erinnerung, zu welchen Grausamkeiten Hass auf das Andere führt. Ein wichtiger Film, der die Bilder sprechen lässt und ganz auf Musik verzichtet. Und vor allem eine Geschichte, die einfach erzählt werden musste. (Johannes Eichwede / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 21.5.

THILDA UND DIE BESTE BAND DER WELT

N 2018, Regie: Christian Lo, 94 Min., empf. ab 8 Jahren

Wo: Alles Kino
Wann: unbegrenzt 
Kostet: 1,99 €


Mit dem Wegfahren ist das ja gerade so eine Sache. Und auch aus dem Sommerurlaub wird wohl in diesem Jahr eher nichts werden. Wie wäre es also stattdessen mit einem 90-minütigen Trip quer durch Norwegen? Unterwegs in einem geklauten Wohnmobil mit vier unglaublich coolen Kids – der wohl besten Band der Welt? Mit dieser Reiseplanung könnt ihr gar nichts falsch machen!

Eure Reisegruppe? Die Teenager Aksel und Grim, die schon von klein auf davon träumen, mit ihrer Band berühmt zu werden. Der eine versierter Gitarrist, aber hoffnungsloser Sänger, der andere treuherziger Schlagzeuger, der es nicht über sich bringt, seinem besten Freund zu sagen, dass dieser nicht einen Ton trifft. Komplettiert wird das Duo von der neunjährigen Thilda, die zwar eigentlich noch viel zu jung und nicht die gesuchte Bassistin ist, jedoch so fulminant Cello spielt, dass Aksel und Grim nicht umhinkommen, sie in die Band aufzunehmen. Als Chauffeur mit von der Partie ist ausgerechnet der Nachwuchs-Rallyefahrer Martin, der sich nicht länger in der Autowerkstatt seines strengen Vaters abrackern will und auch gleich einen passenden Tourbus parat hat. Gemeinsam geht es auf eine abenteuerliche Reise ins weit entfernte Tromsø zur norwegischen Rock-Meisterschaft, bei der die Band ihr Können unter Beweis stellen will.

Was euch erwartet? Ein mitreißendes Roadmovie für die ganze Familie, bei dem Tränen gelacht werden können und vor Rührung geweint werden darf. Und nicht zuletzt ein grandios rockiger Soundtrack, der im Kinder- und Jugendfilmbereich seinesgleichen sucht. Spätestens wenn die Hymne „Feel“ der norwegischen Rocklegende Motorpsycho erklingt, wird sich auch der härteste Rocker ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischen.

Noch immer nicht überzeugt? Dann lasst euch noch sagen, dass „Thilda und die beste Band der Welt“ der erste Film ist, der beim Bremer Kinder- & Jugendfilmfest KIJUKO sowohl den Preis der Kinderjury als auch den Publikumspreis einheimsen konnte! Also macht euch auf den Weg – oder um es mit dem taktgebenden Song der Band zu sagen: „Walk your own way!“ (Matthias Wallraven / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 14.5.

LEON UND DIE MAGISCHEN WORTE

F 2009, Regie: Dominique Monfery, 74 Min., empf. ab 5 Jahren

Wo: filmfriend.de
Wann: unbegrenzt
Kostet: nichts mit Bibcard der Stadtbibliothek Bremen


Obwohl Leon schon ganze sieben Jahre alt ist, kann er immer noch nicht lesen. In der Schule läuft es daher nicht so gut, und zu Hause macht sich seine große Schwester deswegen andauernd über ihn lustig. Als dann auch noch seine Tante stirbt und ihm nichts als alte Bücher vererbt, hat er erst recht keine Lust mehr. Aber eines Nachts entdeckt Leon ein Geheimnis: In der Bibliothek seiner Tante verstecken sich die Figuren aus seinen Lieblingsgeschichten! Es gibt nur einen Haken: Sie und all ihre Geschichten verschwinden, wenn Leon es nicht schafft, einen Zauberspruch vorzulesen. Nun müssen alle zusammenarbeiten, damit Leon rechtzeitig die magischen Worte aussprechen kann.

Als ich den Film vor ein paar Monaten rausgesucht habe, habe ich mir mit Freude vorgestellt, wie wir gemeinsam durch die beeindruckend animierten Bücherregale spazieren, von Buchstaben- und Meereswellen mitgerissen werden, wie der Film auf der großen Leinwand lebendig wird. Ich war ganz begeistert davon, Pinocchio und Alice und Dornröschen und alle anderen in einem Film zu sehen. Ich hätte euch gerne gefragt, was eure Lieblingsbücher sind. Aber dann mussten wir die Türen schließen und ich hatte schon Angst, diesen Film nie mit jemandem teilen zu können.

Einen Zauberspruch, der das Kino wieder öffnet, habe ich leider nicht. Aber zum Glück sind wir nicht in derselben Lage wie der kleine Leon. Unsere Geschichten sind nicht verschwunden. Manche können wir zu euch nach Hause schicken, so wie diese hier. Alle anderen warten im Kino auf euch, bis wir uns wiedersehen. (Marjorie Bohlmann / CITY 46)



FILMTIPP SPEZIAL ZUM 8. MAI

POST-WAR GERMANY: 28 MONTHS AFTER V-E DAY

Amateurfilm, USA 1947, Regie: George T. Fonda, 37 Min.

Wo: archive.org
Wann: unbegrenzt 
Kostet: nichts


Am 8. Mai jährt sich zum 75. Mal der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Für ein Filmprogramm dazu gibt es vielfältige Ansatzpunkte. Für mich wäre „Ich war 19“ von Konrad Wolf ein Kandidat. In diesem Spielfilm verdichtet Konrad Wolf seine Erlebnisse, wie er 1945 als junger Soldat der Roten Armee zurück nach Deutschland kommt. Ich möchte hier auf ein anderes Filmgenre aufmerksam machen – auf den Amateurfilm. In „Post-War Germany“ zeigt uns George T. Fonda seinen Blick als Reisender im Deutschland des Jahre 1947.

In den Kinos finden wir ihn üblicherweise nicht. Amateurfilme sind oft als private Erinnerungen ohne professionelle Ambitionen oder Kunstanspruch entstanden. Wenn, dann erscheinen sie als Zeugnisse z.B. in Dokumentarfilmen und sind in den jeweiligen Kontext eingebunden. Doch auch für sich allein betrachtet können uns Amateuraufnahmen auf eine persönliche Reise in Raum und Zeit mitnehmen und uns auffordern, mit vertrauten Sehgewohnheiten zu brechen, wenn wir vergeblich versuchen, klassische Methoden der Filmrezeption anzuwenden. Wir folgen der Filmemacher*in und werden zur Komplizen*in: Was sie entdeckt, sehen auch wir. Wie eine Voyeur*in schauen wir durch ein fremdes Auge auf Fremdes. Das Interesse der Filmemacher*in bedient unsere Neugierde, und gleichzeitig verbinden wir die Bilder mit eigenen Erlebnissen, die zur Reflektion auffordern.

Der Film „Post-War Germany“ entstand 1947 während einer offiziellen Deutschlandreise von Charles H. Murray, dem Vizepräsidenten der American Rolling Mill Co., dessen Ziel es war, industrielle Produktionskapazitäten zu untersuchen und dazu verschiedene Produktionsstandorte und -einrichtungen zu besichtigen. Ihn begleitete George T. Fonda, der Assistent des Präsidenten der Weirton Steel Co. Von ihm stammen Filmaufnahmen dieser Reise. Dem Wert des Films wurde damals offensichtlich keine sehr große Bedeutung beigemessen, sonst hätte man sich wahrscheinlich um professionelle Aufnahmen gekümmert. Wie im Vorspann zu lesen ist, waren sie als Veranschaulichung vorhergehender Ausführungen (nach einen Vortrag?) vorgesehen. Sie sollten die Zuschauer*innen neben den industriellen Gegebenheiten aber auch einen Eindruck von der Situation in Deutschland vermitteln.

Es scheint, als würde George T. Fonda zum ersten Mal eine Kamera bedienen. Schnelle Schwenks, manchmal kreisförmig oder ruckartig auf und ab, zeugen von wenig Kenntnis filmischer Gestaltung. Aufnahmen in den Fabriken scheinen eher als Gedächtnisstütze aufgenommen, die schnell räumliche Dimension und Einrichtung abbilden sollen. Auch erfährt der Film anschließend keine besondere Montage, vieles erscheint wie in der Kamera geschnitten. Farb- und Schwarzweißaufnahmen wechseln sich ohne erkennbaren Grund ab. Der Film folgt in seinem Aufbau der Chronologie der Reise. Einzig der Vorspann, die Zwischentitel mit Ortsangaben und die eingeblendete Karte der Reiseroute geben Aufschluss auf Orte und Anlässe. Auf soziale Fragen verweist der Film oft indirekt, möchte diese aber den Zuschauer*innen nicht vorenthalten.

Hiermit hat uns der Filmemacher ein wertvolles Zeitdokument hinterlassen. Gerade weil er das abbildet, was sein Interesse erregt. Als „Tourist“ in einem fremden Land schaut er den Menschen in ihrem Alltagsdasein zu. Als interessierter Reisender besichtigt er in Berlin die zerstörten Orte des Naziregimes, ganz wie es auch heute noch für viele Tourist*innen zum Besuchsprogramm gehört. Eine Militärparade findet seine Aufmerksamkeit, auch heute noch ein beliebtes Amateurfilm-Motiv. Dem er sich, vielleicht da noch am Anfang seiner Filmaufnahmen, mit 2:30 Min. Länge sehr umfangreich widmet.

Während einer Bootsfahrt auf dem Rhein, zeigt sich das Private am deutlichsten, wenn bei der Reisegruppe ungezwungen die Freizeit im Vordergrund steht und zu Beginn der Einstellung ein neuer Film in den Fotoapparat eingelegt wird. Den Besuch des Biergartens des Bürgerbräu Kellers in München, sicherlich auch eher ein touristischer Natur, bettet er vorab geschichtlich ein. Schließlich endet der Film unvermittelt in Süddeutschland. Filmaufnahmen aus Ulm, Würzburg oder Frankfurt, Ziele wie sie auf der Tafel mit der geplanten Reiseroute angegeben waren, tauchen nicht mehr auf. So bleibt der Film ein Fragment und die Reisegruppe entfernt sich grußlos von uns.

Ich schätze diesen Amateurfilm als einen Teil unserer Erinnerungskultur, der die Folgen von Krieg und Terror eindringlich vermittelt, obwohl die Intension des Filmemachers ursprünglich eine andere war. Aber gerade sein unbefangener Blick und seine Neugierde haben ein vielschichtiges, unaufdringliches filmisches Dokument hinterlassen. (Holger Tepe / CITY 46)



FILMTIPP VOM 7.5.

CHILLY GONZALES – SHUT UP AND PLAY THE PIANO

D 2018, Regie: Philipp Jedicke, 82 Min., teilw. OmU

Wo: Rapid Eye Movies VOD Channel auf Vimeo
Wann: unbegrenzt 
Kostet: 2,99 €


Im „Hackesche Höfe Kino“ finden während der Berlinale die „AG Kino – Gilde Screenings“ statt. Kleine, sympathische Kinosäle, alles etwas versteckter – ein schöner Zufluchtsort. Ein Ort – wie dafür gemacht, Filmperlen und fantastische Dokus zu entdecken, eben Dokus wie „Shut Up and Play the Piano“. Direkt nach dem Screening ist mir klar – der muss bei uns im CITY 46 auf die Leinwand! Großartig und mitreißend!

Welcome to the world of Chilly Gonzales (aka Jason Charles Beck): Eleganter Morgenmantel, musikalisches Genie, Komponist, Klaviervirtuose, Entertainer. Als exzentrischer Musiker Inspirationsquelle für so unterschiedliche Künstler wie Feist, Jarvis Cocker (Pulp – Disco 2000!), Peaches, Sia, Daft Punk, Raz Ohara oder Drake. Chilly Gonzales ist einer der vielseitigsten, schillerndsten und humorvollsten Künstler, die ich kenne. Ein experimentierfreudiger Grenzgänger, der sich zwischen Jazz, Klassik, Pop und Hip-Hop bzw. Rap bewegt und auf Konventionen pfeift. Mit seinen durchgeknallten Ideen ist Chilly Gonzales immer wieder für ein musikalisches Novum und Highlight gut. Auf laute und abgefahrene Beats und Sounds folgen oft ruhigere Kompositionen. Oder wie er es selber ausdrückt: „We didn’t know that the loud guy could also do this. We didn’t know that the loud guy can also keep our attention being quiet in a way.” Und weiter: „This is what my musical super powers really are about. It is the instant ability to make music out of anything.” Ein kreativer Kopf, der Dinge neu denkt. „Shut Up and Play the Piano“ spürt dieser Faszination nach und folgt Gonzales von seiner Heimat Kanada in den Berliner Underground der späten 90iger Jahre und die Konzerthäuser der Gegenwart.

Im Dezember 2019 spielte Chilly Gonzales zuletzt im restlos ausverkauften Großen Saal in der Bremer Glocke und stellte sein Album „Solo Piano III“ vor - natürlich im Morgenrock und Filzpantoffeln. Ein fantastischer Abend, an den ich mich gerne zurückerinnere. (Johannes Eichwede / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 7.5.

QUATSCH UND DIE NASENBÄRBANDE

D 2014, Regie: Veit Helmer, 80 Min., empf. ab 5 Jahren

Wo: Alles Kino
Wann: unbegrenzt 
Kostet: 1,99 €


Bollersdorf ist von einer obskuren Gesellschaft für Konsumforschung als Ort auserkoren worden, alles sei schön Durchschnitt, und deshalb wolle man hier neue Produkte testen. So verkünden es die schwäbelnden Herren in silbergrau – man muss schon blind sein, um bei ihnen nicht an die Männer in Grau aus Momo zu denken – und so nehmen es Bürgermeister und Eltern gerne hin. Den aufgeweckten Kindern im Dorf ist das zu langweilig: Dann werden Maschinen entworfen, die Erwachsenen mit Schlaftabletten ruhiggestellt, und es geht ab, bis kein Gefährt im Dorf mehr so funktioniert, wie es sollte…

Der Film entpuppt sich als deutsche Version der „Kleinen Strolche“, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts mit anarchischem Spaß die Leinwand eroberten. Jedoch spielen bei „Quatsch und die Nasenbärbande“ die Mädchen mehr ihre erfinderischen Ideen aus, und es wurde auch niemand schwarz geschminkt. Aber wie schlecht die Elterngeneration hier wegkommt, das ist fast schon ein bisschen gruselig und beängstigend. Der Regisseur Veit Helmer war im Januar 2019 zu Gast im CITY 46. Wir haben zusammen mit 45 Kids den Film gesehen und hinterher bei action&fun im Kinosaal so richtig Quatsch gemacht!

Ein wichtiger Kinderfilm, den einige sogenannte Überpädagogen als nicht wertvoll kategorisiert haben. Lacht mal wieder! (Alfred Tews / CITY 46)



FILMTIPP VOM 30.4.

DIE WAND

A/D 2012, Regie: Julian Pölsler, 104 Min.

Wo: Alles Kino
Wann: unbegrenzt 
Kostet: 3,99 €


In den österreichischen Bergen wird eine Frau durch eine unsichtbare Wand von der restlichen Zivilisation abgeschnitten. Nur eine Kuh und ein Hund leisten ihr Gesellschaft, sie muss sich plötzlich als Selbstversorgerin für lange Zeit mit Einsamkeit und Langeweile arrangieren. Sounds familiar? In Julian Pölslers Verfilmung des Romans von Marlen Haushofer ist es zwar kein Virus, der die Protagonistin in die Vereinzelung zwingt, aber dennoch können sich einige von uns wahrscheinlich gerade ganz gut mit ihr identifizieren.

„Die Wand“ ist eines der Bücher, die mich in meiner Jugend am nachhaltigsten beeindruckt haben. Weil nichts passiert – und doch ALLES. Viele sehen die Erzählung als Zivilisationskritik, einige auch ganz konkret als Kritik am Patriarchat. Was ja, wenn wir mal ehrlich sind, auch einfach zusammengehört. Ich habe zwar jedes Mal Angst, wenn ich mir die Verfilmung eines geliebten Buches anschaue, aber diese funktioniert für mich sehr gut. In der idyllisch-bedrohlichen Bergkulisse verliert man sich gerne und die Leere diesseits der Wand schafft Platz für allerhand Gedanken. Übrigens auch in Real Life. Also guckt euch das an, ihr schafft das. Aber Achtung: Es könnte sein, dass vielleicht einem Tier etwas zustößt. Nur dass es hinterher nicht heißt, ich hätte euch nicht gewarnt. (Janna Schmidt / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 30.4.

ANIMANIMALS

D 2013-18, Regie: Julia Ocker, jeweils 4 Min., empf. ab 4 Jahren

Wo: KiKa
Wann: unbegrenzt 
Kostet: nichts


Ein fauler Löwe als Couch-Potato, für den die Antilope nur noch ein müdes Lächeln übrig hat? Eine Kuchen backende Krake, deren einer Arm sich partout nicht ans Rezept halten will? Ein deprimierter Elefant, der von seinem eigenen Rüssel aufgemuntert werden muss? Ein Faultier, das so langsam is(s)t, dass ihm sein Eis vor der Nase wegschmilzt? Ein gewissenhafter Pinguin-Kellner, dem erst eine Cocktailkirsche und daraufhin die gesamte Party entgleitet?

Willkommen im wunderbaren Universum von Julia Ocker! Animierte Tiere und davon sehr viele – um nicht zu sagen many animated animals – hat die Animationskünstlerin in den letzten Jahren erschaffen. Ganze 26 Episoden umfasst ihre Kurzfilmreihe „Animanimals“, für die sie 2019 sogar mit dem Grimmepreis ausgezeichnet worden ist. In farbenfrohen, aufs Wesentliche reduzierten Bildern und mit einem Sounddesign, das selbst schon gute Laune verbreitet, erzählt Julia Ocker immer wieder fantasievolle Geschichten, von der jede einzelne das Zeug dazu hat, einen ganzen Kinosaal zu begeistern. Wer bei einer der letzten KIJUKO-Kurzfilmrollen dabei war, die traditionell den krönenden Abschluss unseres jährlichen Kinder- und Jugendfilmfests bilden, wird sich mit Sicherheit erinnern. Unübertroffen bleibt hier für mich ihr Erstlingswerk Zebra: Ein grandioses Plädoyer für Vielfalt und Anderssein, an dem wir uns nie satt sehen sollten. (Matthias Wallraven / CITY 46)



FILMTIPP VOM 23.4.

TOMORROW IS ALWAYS TOO LONG

GB 2014, Regie: Phil Collins, 82 Min., OmU

Wo: Rapid Eye Movies VOD Channel auf Vimeo
Wann: unbegrenzt 
Kostet: 2,99 €


Ich mag Phil Collins – also, nicht DEN Phil Collins, sondern den anderen, etwas schwierig zu googelnden Künstler. DER Phil Collins hat zum Beispiel Songs aus den Telefongesprächen wohnungsloser Menschen gemacht und auf Platte gepresst („My Heart is in my Hand...“), Reality-TV-Geschädigte in einer Ausstellung ihre eigene Version ihres Lebens erzählen lassen („The Return of the Real“) und einen siebenstündigen Tanz-Marathon mit Jugendlichen in Ramallah veranstaltet („They Shoot Horses“). Mit „Tomorrow is Always too Long“ hat er einen Film über seine Heimatstadt Glasgow gemacht. Achtung, Spoiler: Alles, was Ihr jetzt erwartet, passiert in diesem Film nicht. Denn das hier ist keine Stadt-Doku, wie wir sie kennen. Es ist noch nicht mal ein Film, wie wir ihn kennen. Ohne Kompass werden wir hineingeworfen in eine Art Hyperrealität einer Stadt, in der sich dokumentarische Alltagsszenen mit Archivmaterial, Scherenschnitt-Animationen und schrägen TV-Parodien rasant abwechseln. Wir zappen durch Krankenhäuser, Schulen, Pubs und ein Geburtshaus, wir bekommen ein „Aura Reading“ von einer melancholischen TV-Wahrsagerin namens Mindy, wir werden plötzlich direkt angesungen von einem Mann, der in einer Gefängniszelle sitzt. 

Die Frage, was von dem, was wir da sehen „echt“ und was „fake“ ist, erübrigt sich. Denn letztlich ist es alles echt – oder könnte zumindest echt sein – in einem Alltag, der sich für uns alle längst aus dem „da Draußen“ und verschiedenen Bildschirmen zusammensetzt. Im Moment fühlt sich das Leben „da draußen“ für mich weniger real an als das auf den Bildschirmen. Denn sogar meine Freund*innen, Familie und Kolleg*innen begegnen mir dieser Tage hauptsächlich als zweidimensionale Kacheln in einem Videochat. 

Es gibt eine Episode in „Tomorrow is Always too Long“, in der in einer (Fake-) Homeshopping-Show ein Produkt namens „Search Me“ angepriesen wird. Es ist kleiner Metallstreifen, den man sich zum Beispiel in die Unterhose kleben kann und dessen einzige Funktion es ist, unbemerkt den Metalldetektor am Flughafen auszulösen. Das Werbeversprechen: Human Touch garantiert! Wenn ich diese Szene heute sehe, bleibt mir das Lachen ein bisschen im Halse stecken. Wer hätte gedacht, dass sich unsere körperlichen Begegnungen mit anderen Menschen 2020 auf ein Minimum reduzieren würden? (Janna Schmidt / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 23.4.

DANCING IN JAFFA

USA 2013, Regie: Hilla Medalia , 87 Min., empf. ab 10 Jahren

Wo: filmfriend.de
Wann: unbegrenzt
Kostet: nichts mit Bibcard der Stadtbibliothek Bremen *

* Die Bibcard ist aktuell kostenlos nach Online-Anmeldung: https://www.stabi-hb.de/news/kostenlose-bibcard-fuer-unsere-digitalen-angebote


Social distancing ist für viele von uns eine ganz neue Erfahrung. Im Alltag finde ich es immer noch ungewohnt, mich bewusst und deutlich von anderen zu distanzieren. Doch wir alle versuchen es, um uns und andere vor Corona zu schützen und Wissenschaft und Regierung uns das seit Wochen auferlegen. 

Für meinen Filmtipp habe ich eine Doku ausgesucht, die einen gesellschaftlichen Alltag zeigt, wo zwischenmenschliche Distanz aus religiösen und politischen Gründen ein Dauerzustand ist. Was macht das mit Menschen? 

„Ich bitte sie darum, mit dem Feind zu tanzen“, sagt Pierre Dulaine, eine Legende im internationalen Gesellschaftstanz, am Anfang des Films. Der Feind, das sind in diesem Fall Religion und Geschlecht. Nach fast 60 Jahren kehrt der erfolgreiche Tänzer erstmals zurück in seine Heimatstadt Jaffa. Die israelische Hafenstadt Jaffa war und ist ein Ort verschiedener Religionen und Kulturen. Pierre Dulaine möchte hier etwas ganz Außergewöhnliches versuchen. Sein Traum ist, israelisch-palästinensische sowie israelisch-jüdische Kinder gemeinsam in Gesellschaftstanz zu unterrichten. Und Pierre will ihnen mit dem Tanzen auch Selbstbewusstsein, Disziplin, Respekt und Umgangsformen mitgeben. Gesellschaftstanz funktioniert nur, wenn zwei Menschen sich als Einheit bewegen. Dafür müssen sie sich berühren. Doch die zwei Religionen in dieser Stadt lassen die Generationen seit Jahrzehnten ohne Berührungspunkte nebeneinander leben. Und Schulen oder Communitys, wo der Islam oder das Judentum streng ausgelegt werden, erlauben keine körperlichen Kontakte zwischen Jungen und Mädchen außerhalb der Familie. Pierre Dulaine kommt also mit seiner schönen Idee immer wieder an ungeahnte Grenzen, und wie Regisseurin Hilla Medalia ihn dabei begleitet und seine Energie einfängt, ist sehr spannend, witzig und bewegend. Filme wie dieser sind wie ein Fenster in eine andere Welt und für mich etwas sehr Wertvolles, da sie Perspektiven verändern. Dabei mag ich Gesellschaftstänze gar nicht. (Silvia Schierenbeck / CITY 46)



FILMTIPP VOM 16.4.

TANGERINE L.A.

USA 2015, Regie: Sean Baker, 89 Min., OmU

Wo: filmfriend.de
Wann: unbegrenzt
Kostet: nichts mit Bibcard der Stadtbibliothek Bremen *

* Die Bibcard ist aktuell kostenlos nach Online-Anmeldung:
https://www.stabi-hb.de/news/kostenlose-bibcard-fuer-unsere-digitalen-angebote


Wie viel Regisseur*innen mit geringen Mitteln erreichen können, finde ich besonders faszinierend. Einer meiner Lieblingsregisseure ist Sean Baker, dem ich mit „The Florida Project“ einen meiner absoluten Favorites der letzten Jahre zu verdanken habe. Mit kleinen Budgets, dem Fokus auf die Location, Story und die Charaktere legend, scheut er sich – ähnlich wie Debra Granik – nicht vor Geschichten von den Rändern der amerikanischen Gesellschaft. Nur eben anders. Nicht so ruhig. Ein wunderbares Beispiel: „Tangerine“.

Für meinen nächsten Filmtipp wollte ich knallige, leuchtende Farben. Ich wollte Vielfältigkeit. Ich wollte Witz und trotzdem Ernsthaftigkeit. Ich wollte Authentisches und Unverfälschtes. Ich wollte Energie, ich wollte einen „In Your Face“-Soundtrack, einen Film, der sofort da ist. Ich wollte etwas Besonderes.

Wir befinden uns in Los Angeles, es ist Weihnachten, die Wintersonne knallt vom Himmel. Sin-Dee Rella, frisch raus aus dem Knast, fegt wutentbrannt wie ein Tornado durch Tinsteltown. Auf der Suche nach ihrem Freund und Zuhälter Chester, der ihr das Herz gebrochen hat, hinterlässt sie Chaos, nichts und niemand ist vor ihr sicher. Auf dem Transvestiten-Strich mit dabei: ihre beste Freundin Alexandra, die sie zu besänftigen versucht.

„Tangerine “ ist wuchtig und unfassbar lebendig. Ein Drama um Liebe, Verrat und Prostitution im Transgender-Milieu, das seine Figuren nicht albern überzeichnet, sondern authentisch wirken lässt und sie selbst in den absurdesten Situationen nicht ihrer Würde beraubt.

Komplett mit dem iPhone gefilmt, unterstützt durch professionelles Filmequipment plus Postproduction. (Johannes Eichwede / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 16.4.

KÖNIGIN VON NIENDORF

D 2017, Regie: Joya Thome, 68 Min., empf. ab 8 Jahren

Wo: filmfriend.de
Wann: unbegrenzt
Kostet: nichts mit Bibcard der Stadtbibliothek Bremen *

* Die Bibcard ist aktuell kostenlos nach Online-Anmeldung: https://www.stabi-hb.de/news/kostenlose-bibcard-fuer-unsere-digitalen-angebote


Joya Thomes Debütfilm „Königin von Niendorf“ scheint so wunderbar aus der Zeit gefallen. Durch seine langsame Erzählweise, die sich Zeit für genaue Beobachtungen nimmt, und das gewählte 4:3-Format, das konsequent die Kinder in den Mittelpunkt stellt, traut der Film seinem jungen Publikum nicht nur formal so einiges zu. Dabei ist „Königin von Niendorf“ nicht einfach nur ein Kinderfilm, sondern viel mehr ein Film über Kindheit, der es wie kaum ein zweiter schafft, Erinnerungen an (m)eine Kindheit auf dem Land lebendig werden zu lassen.

Er führt uns zurück in eine Zeit, in der Erwachsene in Filmen noch unentwegt rauchen und sich auch sonst sehr seltsam verhalten. Eine Zeit, in der die Kids ohne Handy oder anderen digitalen Schnickschnack auskommen und noch auf die guten alten Walkie Talkies vertrauen. Eine Zeit, in der die Sommertage endlos scheinen und hinter jedem Baum und in jedem Maisfeld ein Abenteuer lauert. So kurven wir mit der zehnjährigen Lea auf dem Fahrrad durchs verlassene Dorf, hängen beim kauzigen Musiker Mark auf seinem verwilderten Bauernhof ab und stoßen schließlich auf Nico und seine Bande. Die Jungen haben gerade ein Floß gebaut, doch machen Lea sogleich klar, dass Mädchen in der Bande unerwünscht sind. Um den Jungs zu beweisen, was in ihr steckt, lässt sie sich auf eine gefährliche Mutprobe ein.

Das alles ist in einer dokumentarisch anmutenden Unmittelbarkeit und mit solcher Intensität inszeniert, dass ich den Sommer auf der Leinwand förmlich riechen kann. Das perfekt eingefangene Wechselspiel aus Licht und Farben, untermalt von einem stimmigen Soundtrack, lässt mich fast schon wehmütig dahinschmelzen und nur allzu gerne aus der Zeit fallen. Auf das der Sommer niemals enden möge! (Matthias Wallraven / CITY 46)



FILMTIPP VOM 9.4.

WINTER'S BONE

USA 2010, Regie: Debra Granik, 100 Min.

Wo: filmfriend.de
Wann: unbegrenzt
Kostet: nichts mit Bibcard der Stadtbibliothek Bremen *

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Schon immer hatte ich ein Faible für Indie-Filme, die den Fokus auf die Storyline und die schauspielerische Leistung legen. Der letzte Film, den ich von Debra Granik auf der großen Kinoleinwand im CITY 46 erleben konnte, war "Leave No Trace". Beeindruckt war ich vor allem von der Performance der jungen Thomasin McKenzie. Unweigerlich musste ich an "Winter's Bone" denken, mit dem die Karriere von Jennifer Lawrence begann.

Eines gleich vorweg: "Winter's Bone" ist definitiv kein Wohlfühl-Film. Sondern – typisch Granik – einer über das Leben am Rande der Gesellschaft, eine fast schon dokumentarisch wirkende Milieu- und Charakterstudie. Sie nimmt uns mit in eine Welt, die aus der Welt gefallen zu sein scheint – in die tiefste amerikanische Provinz, in die Gebirgswälder des südlichen Missouri, der tristen Landschaft der Ozark Mountains: Die 17-jährige Ree kämpft um die Existenzgrundlagen ihrer Familie, trägt die Verantwortung für die Geschwister, das Haus und die kranke Mutter. Der Vater, Drogendealer, ist abgetaucht. Doch ihn muss Ree um jeden Preis finden, sie muss Mauern des Schweigens und der Lügen durchbrechen. Dabei bringt sie sich in höchste Gefahr. Ein ruhiges und leises, düster-realistisches Sozialdrama – ein Überlebenskampf ohne staatliches Netz.

Das mag alles auf den ersten Blick trostlos wirken. Doch "Winter's Bone" ist mehr: Eine Geschichte über Mut, Loyalität, Liebe, Entschlossenheit, Selbstbehauptung und Freundschaft! Independent-Arthouse-Kino at it’s best! (Johannes Eichwede / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 9.4.

DAS MÄDCHEN WADJDA

SAR/NL/D 2012, Regie: Haifaa Al Mansour, 92 Min., empf. ab 10 Jahren

Wo: arte Mediathek
Wann: noch bis zum 29. Juni
Kostet: nichts


Warum ich Filme so sehr liebe? Vor allem deshalb, weil sie mir ermöglichen, in fremde Welten einzutauchen und ich so die unterschiedlichsten Menschen kennenlerne und an ihrem Leben teilhaben kann. Der Film „Das Mädchen Wadjda“ ist da in mehrfacher Hinsicht spannend. Er führt uns ins konservative Königreich Saudi-Arabien und ist der erste Spielfilm, der dort von einer Frau gedreht wurde. Und als wäre das nicht schon revolutionär genug, hat Regisseurin Haifaa Al Mansour mit Wadjda gleich noch eine zukunftsweisende Titelheldin geschaffen, welche die männlich dominierte Kultur mutig infrage stellt.

Von der ersten Szene an nimmt mich Wadjda sofort für sich ein, wie sie da in ihren coolen Turnschuhen mit lilafarbenen Schnürsenkeln buchstäblich aus der Reihe tanzt. Die Elfjährige träumt davon, ein eigenes Fahrrad zu besitzen und mit ihrem Freund Abdullah um die Wette zu fahren. Allerdings gilt Fahrradfahren für Mädchen in Saudi-Arabien als unanständig und ist dort im Jahr 2012 für Frauen sogar ganz verboten. Doch Wadjda wäre nicht Wadjda, wenn sie sich von der Gesellschaft vorschreiben ließe, wie sie zu sein hat. Selbstbewusst und trickreich kämpft sie unbeirrt für ihren großen Traum – und mit ihm auch sinnbildlich für Freiheit und Gleichberechtigung einer ganzen Generation. Zeig's ihnen, Wadjda!

Vielleicht bekommt ihr ja Lust, euch nach dem Film noch ein bisschen mehr mit Wadjda und ihrer Welt auseinanderzusetzen. Die SchulKinoWoche Bremen musste in diesem Jahr zwar leider ausfallen, aber Anregungen dazu findet ihr trotzdem bei Vision Kino. (Matthias Wallraven / CITY 46)



FILMTIPP VOM 2.4.

DIE MASKE

PL 2018, Regie: Malgorzata Szumowska, 91 Min.

Wo: Grandfilm on Demand
Wann: unbegrenzt
Kostet: 4,99 € (50 % der Einnahmen werden an von der Coronakrise betroffene Independent-Kinos gespendet)


Berlinale 2018, 9 Uhr morgens. Ich sitze in der Pressevorführung von Malgorzata Szumowskas „Die Maske“. Meinen extragroßen Kaffee, den ich mir vorher noch teuer gekauft hatte, musste ich am Eingang zurücklassen. Keine Getränke im Saal. Ich kalkuliere fest ein, in weniger als 20 Minuten einzuschlafen, denn das Berlinale-typische Schlafdefizit macht sich langsam bemerkbar. Der Film führt in das beklemmende Setting eines erzkatholischen Dorfes an der polnisch-deutschen Grenze, in dem gerade auch noch die größte Jesusstatue der Welt gebaut wird. So weit so deprimierend. Aber dann passiert etwas unerwartetes: mit der ungedrosselten Kraft einer Multiplex-Kino-Soundanlage schütteln plötzlich die vertrauten Klänge eines Songs meinen müden Körper, den ich seither zu jeder (wirklich jeder) auch nur halbwegs angemessenen Gelegenheit auflege: Gigi d'Agostinos gehassliebte EDM-Hymne „L'Amour Toujours“. Kein Scherz. Dazu galoppieren der Protagonist und die Liebe seines Lebens auf einem weißen Pferd ohne Sattel durch die Provinz. Und ich möchte plötzlich nicht mehr ins Bett, sondern tanzen gehen. Und mich doll verlieben. Dass für die junge Liebe auf dem Pferd wenig später leider so ziemlich alles den Bach runtergeht, ist in meiner Erinnerung egal. Allein wegen dieser unfassbar albernen und gleichzeitig unfassbar berührenden Szene empfehle ich diesen Film wärmstens. Als Gegenmittel gegen Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Because: I still believe in your eyes – There is no choice, I belong to your life – Because I will live to love you someday – You'll be my baby and we'll fly away. (Janna Schmidt / CITY 46)



FILMTIPP FÜR KIDS VOM 2.4.

SUPA MODO

D/K 2018, Regie: Likarion Wainaina, 74 Min., empf. ab 9 Jahren

Wo: Filmfriend.de
Wann: unbegrenzt
Kostet: nichts mit Bibcard der Stadtbibliothek Bremen *

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Zuhause Filme gucken ist für mich immer ein bisschen schwierig. Mein Laptop kann mit keiner Leinwand mithalten, irgendetwas reflektiert immer komisch auf dem Bildschirm, der Dialog ist zu leise, die Hintergrundgeräusche zu laut. Und das gerade jetzt, wo ich nichts lieber täte, als ins Kino zu gehen und die Realität für einen Moment zu vergessen. „Supa Modo“ kommt da genau richtig. Die kleine Jo, die Heldin des Films, und ich haben ein paar Dinge gemeinsam. Wir gucken gerne Actionfilme und diskutieren die Stärken und Schwächen verschiedener Superhelden mit unseren Freunden. Unsere Mütter sagen uns, dass wir nicht rausgehen sollen. Und wir vertreiben uns unsere Langeweile damit, uns abenteuerliche Geschichten auszudenken. Aber Jo hat noch mit einer anderen Sache zu kämpfen: Sie ist schwer krank. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wird, muss sie sich erstmal wieder damit zurechtfinden, zuhause zu sein. Zum Glück hat Jo eine große Schwester, die ihr dabei hilft, ihre eigenen Superfähigkeiten zu trainieren. Das läuft so gut, dass bald das ganze Dorf mitmacht, um Jos großen Traum zu verwirklichen. Jo wird eine waschechte Superheldin! Ihre stärkste Fähigkeit ist, mich trotz aller Ablenkungen in ihre Welt zu ziehen und daran zu erinnern, dass man nicht viel braucht, um die Realität ein bisschen fantastischer zu gestalten. Deswegen habe ich mir alle Decken und Kissen geschnappt und gucke den nächsten Film in meiner eigenen Superheldenhöhle. (Marjorie Bohlmann / CITY 46)