Thema des Monats Januar: Fokus: Holocaust

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Menschen im Vernichtungslager Auschwitz, und seit 1996 ist dieser Tag der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, seit 2005 auch bei den Vereinten Nationen.

Bereits direkt nach Kriegsende kamen etliche Informationen und Dokumente über die Gräuel der Nazis in den Konzentrationslagern an die Öffentlichkeit – festgehalten auch in Filmen der Alliierten.

Doch in Deutschland wurde noch mehr als 20 Jahre versucht, die Fakten zu verdrängen und auch zu vertuschen. 1957 protestierte z.B. die Adenauer-Regierung gegen die Aufführung von Alain Resnais‘ Films „Nacht und Nebel“ beim Filmfestival in Cannes, der Bilder aus den Lagern zeigte. Erfolglos. Erst mit dem ersten Auschwitzprozess in 1963 und der Studentenbewegung ab 1968 begann eine systematischere Aufarbeitung. Bis diese ins Bewusstsein breiterer Bevölkerungskreise drang, dauerte es weitere Jahre.

Eine große Bedeutung für diese Aufarbeitung hatte, neben der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“, der Film „Shoah“ von Claude Lanzmann im Jahr 1985, der in über neun Stunden Gespräche mit Überlebenden und Tätern der Lager zeigt, ohne auch nur eine Archivaufnahme einzusetzen. Bezeichnenderweise sind die Titel dieser zwei Filme heute allgemein gebräuchliche Synonyme für den Massenmord an den Juden.

Bis heute sammeln Filmemacher*innen auf der ganzen Welt Schicksale und Fakten und bringen sie über ihre Filme zu den Menschen – damit die Gräuel präsent bleiben. Das Kommunalkino / CITY 46 nimmt den Gedenktag zum Anlass, im Januar sechs Filme zu präsentieren. Außer dem Jahrhundertwerk „Shoah“ beschäftigen sich neue Filme mit der Situation der nachfolgenden Generationen („Nachlass“ und „Back to the Fatherland“), mit der aktuellen Gedenkkultur in den ehemaligen Lagern und heutigen Gedenkstätten („Austerlitz“, „#uploading_holocaust“) und mit dem Thema Euthanasie („Nebel im August“).

 

Hier geht es zum Programmflyer

 

Mit freundlicher Unterstützung des Senators für Kultur und Dr. Helga Trüpel,
Mitglied des Europäischen Parlaments (MdEP)

Mo. 7.1. / 20:00 * mit Gast: Achim Tischer, Leiter Kulturambulanz

Di. 8.1. bis Do. 10.1. / 20:00

Nebel im August / THEMA DES MONATS

Anfang der 1940er Jahre. Der 13- jährige Ernst Lossa ist ein aufgeweckter, aber unangepasster Junge. Die Kinderheime, in denen er als Halbwaise lebt, stufen ihn als „nicht erziehbar“ ein. So landet Ernst in einer Nervenheilanstalt. Bald bemerkt er, dass unter der Leitung des sympathischen Dr. Veithausen Insassen getötet werden. Er setzt sich zur Wehr und versucht auch, anderen „Patienten“ zu helfen. Schließlich plant Ernst die Flucht, gemeinsam mit Nandl, seiner ersten Liebe.

Kai Wessels Film basiert lose auf Ernst Lossas Lebensgeschichte, die der Journalist Robert Domes 2008 zu einem Roman verarbeitet hat. Nach 1945 diente der Fall Lossa den Alliierten als exemplarischer Fall für die Euthanasie-Programme der Nazis. Zwischen 1939 und 1944 wurden so mehr als 200.000 Morde begangen, welche in deutschen Gedenkkultur bisher kaum Beachtung finden.

D 2016, Regie: Kai Wessel, nach dem Roman von Robert Domes, mit Ivo Pietzcker, Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt, 120 Min.

In Kooperation mit der Kulturambulanz zur Ausstellung zur Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933-1945 / www.kulturambulanz.de

Do. 10.1. / 20:30

Mo. 14.1. / 18:00

Austerlitz / THEMA DES MONATS

Was bewegt Menschen dazu, ihre Sommerwochenenden in ehemaligen Konzentrationslagern zu verbringen und Öfen und Krematorien anzuschauen? Diese Frage thematisiert der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa in seinem Film „Austerlitz“. Er verzichtet auf Kommentare oder Interviews und lässt die Schwarzweiß-Bilder für sich sprechen. Diese zeigen einen steten Strom an Touristen in einer Holocaustgedenkstätte. Als wäre es ein Ort wie jeder andere machen sie Selfies vor dem „Arbeit-macht-frei“-Tor, plaudern und schlendern in scheinbar entspannter Atmosphäre.

„Austerlitz“ zeigt den alltäglichen Tourismusbetrieb, der die NS Gräuel zwar weder leugnet noch gutheißt, aber doch Kapital daraus schlägt. Dabei drängt sich die Frage auf, ob das Gedenken hier nicht in den Hintergrund tritt und die ehemaligen Lager schlicht zur Attraktion verkommen. Der Film versucht nicht, diese Frage zu beantworten.

D 2016, Regie: Sergei Loznitsa, 94 Min., OmU

Sa. 12.1. / 18:00

So. 13.1. / 20:30

Do. 17.1., Sa. 19.1. + So. 20.1. / 17:45

#uploading_holocaust / THEMA DES MONATS

Authentisch, emotional und eindringlich erzählt die deutsch-israelische Koproduktion, wie jungen Israelis auf ihrer politischen »Bildungsreise nach Polen« der Holocaust näher gebracht wird. Sie reisen eine Woche lang an die Orte, an denen ihre Vorfahren ermordet wurden. Viele von ihnen dokumentieren ihre Erlebnisse, intimen Gedanken, aber auch die ausgelassenen Momente der Klassenfahrt in YouTube-Videos.

Den Regisseuren Sagi Bornstein und Udi Nir gelingt es, einen aufwühlenden Blick auf den Umgang der vierten Generation mit dem Holocaust zu werfen. Sie haben tausende Stunden Material gesichtet und daraus den ersten Dokumentarfilm montiert, der zu 100% aus YouTube-Material besteht. Die Doku zeigt, wie sich die Erinnerung an die Shoah durch die digitalen Medien verändert.

D/PL/ISR 2016, Regie: Sagi Bornstein, Udi Nir, 75 Min., hebräisch OmU

Teil 1 am 15.1. / 18:00 (266 Min., mit Pause)

Teil 2 am 16.1. / 18:00 (284 Min., mit Pause)

Shoah / THEMA DES MONATS

Claude Lanzmanns Film ist ein Monumentalwerk in jeder Hinsicht. Der neunstündige Film lässt Opfer und Täter des Holocaust zu Wort kommen. Die Recherche dauerte dreieinhalb Jahre und führte den französisch-jüdischen Filmemacher durch 14 Länder. Zwischen 1976 und 1981 entstanden 350 Stunden Filmmaterial. Die Protagonisten in „Shoah" sind Juden oder Nazis, alle Zeitzeugen der Vernichtung. Zudem besuchte Lanzmann Orte des Verbrechens wie Treblinka oder das ehemalige Warschauer Getto. Lanzmann verwendete keine Archivbilder von Gaskammern oder Leichenbergen, sondern stellte bohrende Fragen und erhielt bedrückende Antworten.

Arbeitet Claude Lanzmann mit unfairen Mitteln, wenn er Opfer dazu bringt, über scheinbar Unaussprechliches zu sprechen? Oder heiligt der Zweck die Mittel, wie bei dem heimlich gefilmten Gespräch mit SS-Unterscharführer Franz Suchomel, der detailliert das „Fließband des Todes“ im KZ Treblinka erklärt? Claude Lanzmann starb in 2018 mit 92 Jahren.

Frankreich 1985, Regie: Claude Lanzmann, zus. 540 Min., OmU (frz, engl, dt, hebräisch, poln, jiddisch)

Do. 17.1. + Sa. 19.1. bis Mo. 21.1. / 20:00

Sa. 26.1. bis Mo. 28.1. / 17:45

Back to the Fatherland / THEMA DES MONATS

Die Regisseurinnen Kat Rohrer, Enkelin eines Nazi-Offiziers, und Gil Levanon, Enkelin eines Holocaust Überlebenden, begleiten in »Back to the Fatherland die zwei jungen Israelis Dan und Guy. Wie viele junge, liberale und säkulare Israelis wollen diese nach Deutschland bzw. Österreich auswandern, wo ihre Familien während des Zweiten Weltkriegs systematisch verfolgt und vernichtet wurden. Die Filmemacherinnen erhoffen sich von der Begegnung mit Dan und Guy, die eigene Geschichte hinter sich lassen zu können. Die Doku erzählt auch von den Auseinandersetzungen von Dan und Guy mit ihren jeweiligen Familien. So ist etwa Dans geliebte Großmutter Lea, die 1938 vor der Machtergreifung der Nazis floh, strikt gegen die Auswanderung. Guys Großvater Uri dagegen, selbst Holocaust-Überlebender, unterstützt die Entscheidung seines Enkels als Einziger, denn Uri liebt Österreich trotz allem. Israel ist heute sein Zuhause, doch Österreich bleibt seine Heimat.

AT 2018, Regie: Kat Rohrer, Gil Levanon, 75 Min., dt. / engl. / hebräisch OmU

Fr. 25.1. / 18:00 * mit Regisseur Christoph Hübner

Do. 24.1. + Mi. 30.1. / 18:00

Mo. 28.1. + Di. 29.1. / 20:30

Nachlass / THEMA DES MONATS

Jeder Mensch hinterlässt Spuren. Fast 70 Jahre nach Kriegsende erzählen sieben Kinder und Enkel von NS-Tätern, Wehrmachtsangehörigen und Holocaust-Überlebenden in »Nachlass«, wie Unausgesprochenes, Schuldgefühle und Traumata die Beziehungen zu ihren Vätern und Großvätern geprägt haben und wie befreiend die Auseinandersetzung mit diesem Vermächtnis für sie ist. Das Schweigen der Väter brechen die Kinder und Enkel.

Der Dokumentarfilm von Christoph Hübner und Gabriele Voss holt die Erinnerung und das Wissen in Form von Fotografien und Dokumenten aus Alben oder Büchern dahin zurück wo sie gebraucht werden – zu uns und unseren Familien. Die Zeitzeugen mögen sterben, doch die Vergangenheit lebt weiter als Erbschaft zwischen den Generationen und als Geschichte in jedem von uns.

D 2018, Regie: Christoph Hübner, Gabriele Voss, 118 Min.