Stummfilm + X

Musiker*innen aus der Bremer Szene vertonen Stummfilme – live, mit ihren eigenen Instrumenten, Stilen und Perspektiven. Mit STUMMFILM + X öffnet das CITY 46 das Format des Stummfilms mit Musikbegleitung für einzigartige Begegnungen zwischen Film- und Klangkunst.

      

Do 13.12.18 / 20:30 * Live vertont von LOTEN

Kurzfilme der Avantgarde live vertont von LOTEN / STUMMFILM + X

Das eigens für den Abend kuratierte Programm zeigt Kurzfilme von Man Ray, James Sibley Watson, Melville Webber und anderen Ikonen aus den 1920er und 30er Jahren. Die Auswahl wird zeitgenössisch interpretiert von den „Loten“.

 

LOTEN

sind ein interdisziplinäres Musiker*innen- und Künstler*innenkollektiv aus Bremen. Seit 2014 spielt die aktuell 11-köpfige Gruppe frei improvisierte Konzerte, in denen die Anzahl und Konstellation der Spieler*innen variieren. Wort, Klang, Gebärde oder Skulptur – alles kann Teil der Aufführung sein. Das Ergebnis ist ein Prozess des gemeinsamen Wagens. Entscheidend ist die persönliche Äußerung und Haltung, nur sie hat auf Dauer Bestand im freien Spiel. Das musikalische Geschehen bestreiten perkussive, elektroakustische und akustische Instrumente. Der dogmenfreie Umgang erlaubt ein genrefreies Spiel mit Stilen und musikalischen Parametern, Loten.

IM RAHMEN DER FILMREIHE WURDEN IN DEN VERGANGENEN MONATEN BEREITS GEZEIGT:

Sa. 3.11.18 / 21:00 * mit Livemusik-Begleitung von Llyphon

Die Abenteuer des Prinzen Achmed – Live vertont von Llyphon / STUMMFILM + X

DER FILM
Die Scherenschnittkünstlerin Lotte Reiniger schuf diesen ersten abendfüllenden Silhouettenfilm der Filmgeschichte. Ihr PRINZ ACHMED besteht aus etwa handgemachten 250.000 Einzelaufnahmen, kreiert in dreijähriger Arbeit mit Schere, Pappe und Butterbrotpapier. Erzählt wird ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht mit bösen Zauberern, fliegenden Pferden, der entzückenden Fee Pari Banu und dem tapfereren Prinzen Achmed, der von einem Abenteuer ins nächste stolpert.
»Ein Meisterwerk! Sie wurde mit zaubernden Händen geboren.« urteilte damals Jean Renoir Die Poesie der Bildkompositionen und seine filigranen Figuren machen PRINZ ACHMED immer wieder zu einem Filmerlebnis. Doch für eine Premiere 1926 in Deutschland reichte es nicht. Aber: „Eine glanzvolle Premiere des Films gab es - durch Vermittlung von Jean Renoir - im Juli 1926 in der Comédie des Champs-Elysées in Paris - und über diesen Umweg kam "Prinz Achmed" nach Berlin ins Kino, wo er im September 1926 im Gloria-Palast zu sehen war.“ (www.lottereiniger.de)

D 1923-26, Drehbuch & Regie: Lotte Reiniger in Zusammenarbeit mit Walter Ruttmann u.a., 70 Min.; kolorierter Silhouettenfilm

 

LLYPHON
Thomas Werner aka Llyphon lebt in Bremen und ist als Produzent, DJ und Sounddesigner fester Bestandteil der lokalen Musikszene. Im Mittelpunkt seiner Musik steht die Synergie zwischen Noise, Harmonie und Narration. Besonders deutlich wird diese Arbeitsweise durch die 2015 erschienene Mathilda EP, ein musikalisches Bilderbuch, dessen Grundlage das Quietschen einer alten Fahrradbremse ist.

Auszüge aus Filmkritiken 1926 sowie 2003 und ausführliche Infos zum Werk:

„Im Filmkurier vom 3.5.1926 heißt es: "Man ist im Film an Silhouetten nicht gewöhnt. Also wird man anfangs ein bisschen ermüdet. Allmählich aber wird man gefesselt und immer mehr begeitert, entzückt und entrückt."

Und in der Zeitung Vorwärts vom 9.5.1926 ist zu lesen: "Wenn man bedenkt, dass jede der agierenden Figuren in allen ihren Gelenken beweglich sein muss ... so kann man sich ungefähr eine Vorstellung davon machen, welch ein Wunderwerk hier geleistet ist. Aber auf das Technische allein kommt es ja nicht an, die Hauptsache ist, dass der Geist des Märchens hier in der filmischen Bilderfolge aufs Glücklichste neu geboren ist und dass die Welt orientalischer Wunder, fabelhafter Vorgänge und den Mitteln einer an türkischen und japanischen Vorbildern geschulten Silhouettenkunst neu geschaffen ist."
https://www.lottereiniger.de/filme/prinz_achmed.php

 

"Prinz Achmed" als Mittler zwischen Orient und Okzident
Aus einer Filmkritik anlässlich der Filmaufführung am 10. Oktober 2003 im Opernhaus Kairo/Ägypten: "Das Publikum im großen Saal des Opernhauses klatschte laut, ausdauernd und von Herzen für nahezu zehn Minuten in einer Atmosphäre, die vom Zauber des Orients und von der Technik des Okzidents durchdrungen war. Vielleicht war dies der größte Beweis dafür, dass der Dialog der Zivilisationen und ihre Vermischung hervorragende Künste und Wissenschaften hervorbringt. ... Obwohl der Film eine Pionierleistung ist, ging doch das Publikum wegen seines hohen historischen Wertes auf ihn ein, als ob er auf die Gegenwart zugeschnitten wäre, denn er zeigt den Blick des Westens auf den Osten in einer Weise, die keine Bigotterie enthält, sondern die Eigenheiten des Anderen respektiert, die legendären Elemente des Orients hervorhebt und deutlich macht, in welchem Maße die Menschen im Westen die Besonderheiten des Lebens im Orient in all seinen Details und Eigenheiten studiert und verstanden haben." (Izza Saad, Mayo, 12.10.2003) https://www.lottereiniger.de/filme/prinz_achmed.php

Sa. 6.10.18 / 20:30 * mit Livemmusik von Spröde Lippen

AELITA – QUEEN OF MARS – Live vertont von SPRÖDE LIPPEN / STUMMFILM + X

DER FILM
Russland, 1921. Eine kryptische Radiobotschaft unbekannter Herkunft unterbricht den bitteren postrevolutionären Alltag und gibt Wissenschaftlern Rätsel auf. Ingenieur Loss will der Sache auf den Grund gehen. Überzeugt davon, dass der Funkspruch eine Nachricht aus dem Weltall sei, beginnt er, ein Raumschiff zu bauen. Zeitgleich beobachtet die Marskönigin Aelita die Menschen durch ein Teleskop. Sie ist fasziniert von ihren Kulturpraktiken: wozu bitteschön pressen sie ihre Lippen aufeinander? Mit seinem expressionistischen Kostüm- und Set-Design war J. Protasanows AELITA richtungsweisend für die Ästhetik des Science Fiction-Kinos. Gleichzeitig ist der Film eine historisch bedeutende Momentaufnahme der Lebensrealität und Ideologie der UdSSR um 1924.

UdSSR 1924, Regie: J. A. Protasanow, 111 Min.

 

SPRÖDE LIPPEN
sind Sina Buttmann, Josephine Mielke, Anne Moder und Ninel Ovechkin: mit Gitarre, Synthesizern, Keyboard und Schlagzeug. In ihren Stücken sind die Klänge, vor allem aber die Worte nahezu handgreiflich direkt. Ihr Sound verweist in seinem synthetischen Charakter auf die unendliche Zeit und das Spiel mit der Künstlichkeit der 80er Jahre. Auf ihrem aktuellen Album SCHLEIFEN wird eine endlose Verschleppung bereits im Titel angedeutet.

Zur Musik
„Popmusik und Eigensinn. Formvollendet zwischen den Zeiten“
Rezension des Albums „Schleifen“ von Benjamin Moldenhauer, erschienen in der TAZ:
http://www.taz.de/!5516471/

 

Zum Reinhören
„Schleifen“ auf Soundcloud
https://soundcloud.com/spr-de-lippen/sets/demo-schleifen-2017

 

Zum Film
Slawist und Historiker Matthias Schwarz auf dekoder.org über die (film-)historische Bedeutung und die Rezeption von AELITA: https://www.dekoder.org/de/article/aelita-science-fiction-sowjetunion

Sa. 16.6.18 / 20:30 * mit Livemusikbegleitung von Ulli Bomans aka Schieres

Brand upon the Brain + Ulli Bomans

Der Film
Dass der kanadische Filmemacher Guy Maddin sich sein Handwerk nicht durch eine klassische Ausbildung, sondern durch exzessives Zuschauen aneignete, ist in seinem Werk unverkennbar. Seine experimentellen Spielfilme bestehen zu großen Teilen aus Zitaten verschiedener Filmästhetiken und Codes – geschichtet, verschachtelt und von einem äußert eigenwilligen Humor durchzogen.

In BRAND UPON THE BRAIN gibt Maddin noch eine Prise persönliche Kindheitserinnerungen in diesen explosiven Cocktail: Die Hauptfigur, die zufällig auch den Namen Guy trägt, kehrt auf die Insel seiner Kindheit zurück. Hier wuchs er einst unter dem starren Regiment seiner Mutter in einem Leuchtturm auf, der als Waisenhaus genutzt wurde. Sein Auftrag ist es nun, den Leuchtturm im Dienste seiner sterbenden Mutter wieder herzurichten. Doch mit der Rückkehr kommen Erinnerungen und Albträume wieder: Die tyrannische Mutter, die von der Spitze des Leuchtturms immer alles überwachte, die merkwürdig-bizarren Experimente des Vaters im Kellerlabor, sowie die rätselhaften Wunden an den Köpfen der anderen Waisenkinder… Und dann ist da auch noch die Ankunft der »Lightball Kids«, zwei Detektive, die Licht ins Dunkel bringen sollen.

»Brand Upon the Brain!“ verbindet Melodram, Komödie, Märchen und Stummfilmexpressionismus zu psychosexuellen Traumturbulenzen.« (Der Tagesspiegel)

USA/CAN 2006, Regie: Guy Maddin, mit Gretchen Krich, Sullivan Brown, Maya Lawson, 95 Min.

 

Der Musiker
Ulli Bomans ist bildender Künstler und Musiker. Mit seinen Projekten Shrubbn!!, Gladbeck City Bombing und Schieres veröffentlichte er unter anderem auf den Labels Shitkatapult und Latenz verschiedene Tonträger zwischen Klangexperimenten und Techno. Seine künstlerische Arbeit konzentriert sich hauptsächlich auf das Schaffen von Assemblagen. Diese entstehen in verschiedenen Städten, zuletzt Lissabon, Los Angeles und Mexico City und werden aus Schnipseln, Zetteln und kleinen Objekten aufgebaut, die Bomans im öffentlichen Raum der jeweiligen Metropolen findet. Parallel experimentiert er weiterhin mit Klang und entwickelt unter anderem Ton im Zusammenhang mit Film.

»100 Prozent 2-D – Guy Maddins Brand Upon the Brain! und die nostalgische Avantgarde im Zeitalter des dreidimensionalen Kinowahns.« Review auf Critic.de

»Brand Upon the Brain!“ verbindet Melodram, Komödie, Märchen und Stummfilmexpressionismus zu psychosexuellen Traumturbulenzen.« Der Tagesspiegel

Sa. 25.3.17 / 20:30 * mit Liveperformance von Janis Müller & Jonas Wiese

Borderline / STUMMFILM + X

DER FILM
Pete und Adah, ein junges farbiges Paar, zieht in ein Grenzdorf in der Schweiz. Bald jedoch kochen im Muff der „blütenweißen“ Provinz billige Ressentiments und rassistische Vorurteile hoch. Ein Eifersuchtsdrama zwischen dem schwarzen und einem weißen Paar beginnt. Der durch Freuds Psychoanalyse beeinflusste Film stellt − vor allem mit Hilfe seiner ungewöhnlichen Schnitttechnik − die inneren Zustände der Figuren dar und behandelt Fragen der sexuellen Identität und zwischenrassischer Beziehungen auf eine für seine Zeit bemerkenswerte Weise. Regisseur Kenneth Macpherson − Herausgeber der Filmzeitschrift Close Up − drehte dieses sozialkritische Drama kurz vor der Einführung des Tonfilms. Die Hauptrolle in dem außergewöhnlichen Avantgarde-Stummfilm spielt der afroamerikanischn Bürgerrechtler, Schauspieler und Sänger Paul Robeson.
»Borderline bricht Rassentabus und stellt nebenbei genießerisch eine androgyne Aussteigergesellschaft zur Schau. Am Ende erweist sich, dass auch diese liberale Szene ihre kolonialistischen Vorurteile kultiviert.« (Die Zeit)

GB, CH 1930, Regie: Kenneth Macpherson, mit Paul Robeson, Eslanda Robeson, 71 Min., dt. Zwischentitel

 

DIE MUSIKER

Janis Elias Müller ist freischaffender bildender Künstler, Musiker, Produzent und DJ. Die Arbeiten des in Bremen lebenden, international aussttellenden Künstlers zeigen einen klaren Bezug zur Musik. Viele seiner kinetischen Installationen untersuchen den Klang von Alltagsgegenständen.

Jonas Wiese lebt und arbeitet als Künstler und Produzent in Berlin. Seine elektroakustischen Live-Performances, Installationen und skulpturalen Arbeiten beschäftigten sich mit der auditiven und visuellen Struktur von Räumen und die Auswirkung solcher Strukturen auf unsere Wahrnehmung. Seit 2009 war er an diversen Projekten des Bremer Studios Urbanscreen beteiligt.

Der Zusammenschluss der beiden Künstler ist kein Zufall – die beiden verbindet die Liebe zur Musik und die Freude am (gemeinsamen) Experimentieren. Mit analogen und digitalen Synthesizern, Samples, Fieldrecordings und Drummachine bewegen sie sich in einem Spektrum zwischen epischen Klangteppichen und Minimalismus.