„Kinder des Oktober. 100 Jahre Revolution und kein Ende?“

Mit der Oktoberrevolution 1917 beendeten die Bolschewiki Russlands kurze Demokratie, um im nachfolgenden Bürgerkrieg ihre Macht zu behaupten. Die Arbeiterklasse sollte Trägerin des Fortschritts werden, dem Adel, Bauern, Bourgeoisie und der Kirche wurde ein rücksichtsloser Kampf angesagt. Die Veranstaltungsreihe „Kinder des Oktober“ der Forschungsstelle Osteuropa soll einer breiten Bremer Stadtöffentlichkeit die Möglichkeit zu Austausch und Gespräch mit renommierten Forschern als auch mit Zeitzeugen, Schriftsteller*innen und Publizist*innen geben, die sich mit dem Erbe des 1917 eingeleiteten utopischen Projekts beschäftigen bzw. dessen Bedeutung für ihr eigenes Leben reflektieren.

In Kooperation mit der Forschungsstelle Osteuropa zeigt das CITY 46 von September bis Januar fünf Filme, die auf unterschiedliche Weise das Engagement für das kommunistische Projekt und die spätere Distanzierung mit dem Erbe des Oktober 1917 thematisieren.

Nach den Stereotypen von „jüdischen Kommunisten“, die sich in Polen unter dem Schlagwort der „Żydokomuna“ verbargen, fragt der Dokumentarfilm „Żydokomuna“ (Polen 2010; 27.9. * mit Regisseurin). Zum 50. Jahrestag der „Oktoberrevolution“ 1967 entstanden die Filme „235 000 000 lits“ (UdSSR 1967; 26.10. * mit Einführung von Prof. Susanne Schattenberg) und „Die Kommissarin“ (UdSSR 1967; 23.11. * mit Gast). Sie konnten aber erst während der Perestrojka gezeigt werden. In Anwesenheit des Regisseurs Heinrich Billstein wird der Dokumentarfilm „Mischka, Revolutionärin, Gefangene, Dissidentin“ (WDR 1991) über die lettisch-jüdische Kommunistin Wilhelmine (Mischka) Müller-Slawutzkaja gezeigt (17.1.). Der Dokumentarfilm „Operation Wedding“ (Lettland 2016) zeichnet in Interviews mit den Protagonisten den spektakulären Fluchtversuch einer Gruppe jüdischer Dissident/innen nach (7.12. * mit Einführung).

Aktuelle und ausführliche Infos: www.forschungsstelle.uni-bremen.de/

 

Gefördert mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Rahmen des Programms "Der Kommunismus im 20. Jahrhundert".

Weitere Informationen:       
https://kommunismusgeschichte.de/aktuelles/termine/article/detail/kinder-des-oktober-100-jahre-revolution-und-kein-ende/

Mi. 27.9. / 20:00 * mit Regisseurin Anna Zawadzka

Żydokomuna

Seit dem Ersten Weltkrieg ist die „Żydokomuna“, der Judäakommunismus, einer der wichtigsten Mythen des polnischen Antisemitismus. Bis heute ist in Polen die Auffassung immer noch verbreitet, Juden hätten nach 1945 in Polen das kommunistische System eingeführt und dieses gegen den Willen der Polen an der Macht gehalten. Dahinter steht auch eine bis heute lebendige Tradition des polnischen Antisemitismus, der zugleich seine Aufarbeitung behindert.
Der Dokumentarfilm von Anna Zawadzka beleuchtet erstmals dieses Kapitel der polnischen Geschichte. In ausgedehnten Gesprächen kommen Zeitzeug*innen aus kommunistischen und sozialistischen Organisationen zu Wort. Historiker*innen ergänzen die Interviews mit Beiträgen zur Arbeiterbewegung und des Antisemitismus in Polen. „Żydokomuna“ ist ein Projekt des Ethnografischen Instituts (Archiwum Etnograficzne) in Warschau.

PL 2010, Regie: Anna Zawadzka, 75 Min., OmU

Do. 26.10. / 20.30 * mit Einführung von Prof. Susanne Schattenberg

235 000 000 Gesichter

Unter der Regie des lettischen Filmemachers Uldis Brauns (1932-2017) zogen 1966 vier Filmteams aus, um ein Jahr lang in der ganzen Sowjetunion Filmmaterial zu sammeln und die zu jener Zeit 235 Millionen zählende Bevölkerung in einer Art kollektivem Porträt vorzustellen. Dabei kontrastieren persönliche Aufnahmen aus dem Alltagsleben der Menschen mit denen kollektiver Großereignisse und verdichten sich im Zusammenspiel mit Musik und Atmo zu einem poetischen Bilderreigen, der ohne Dialoge und Voice-over auskommt. Der Film erinnert in seiner poetischen Filmsprache an Werke von Dziga Vertov und unterläuft mit seiner dokumentarischen Ästhetik die Gewissheiten der kommunistischen Ideologie. Daher konnte der anläßlich des 50. Revolutionsjubiläums gedrehte Film auch erst während der Perestrojka öffentlich gezeigt werden.

UdSSR 1967, Regie: Uldis Brauns, 100 Min., ohne Dialog

Do. 23.11. / 18:00 * Einführung und Gespräch mit Heinrich Billstein

Fr. 24.11. / 18:00

Doppelprogramm: Die Kommissarin

Nach der Oktoberrevolution tobt der Bürgerkrieg zwischen der Roten Armee und den zarentreuen „Weißen“. Als die unerbittliche Politkommissarin dem Kommandeur ihres roten Regiments gesteht, dass sie schwanger ist, wird sie in einem ukrainischen Städtchen bei der Familie des jüdischen Kesselflickers Jefim einquartiert und von ihrem Regiment zurückgelassen. Überwiegen anfangs noch Fremdheit und Skepsis, lernt die Kommissarin in der bettelarmen Familie bald eine für sie neue, unmittelbare Menschlichkeit kennen. Wohl umsorgt von ihrer jüdischen Ersatzfamilie erkennt die Hochschwangere schließlich die tödliche Gefahr, in der die Familie angesichts des mörderischen Antisemitismus in der Ukraine schwebt. Sofort nach der Fertigstellung wurde „Die Kommissarin“ 1967 als „antisowjetisch“ verboten und erst zwanzig Jahre später bei den Moskauer Filmfestspielen öffentlich aufgeführt. Auf der Berlinale 1988 mit dem "Silbernen Bären" ausgezeichnet genießt der Film mittlerweile Kultstatus.

Alexander Askoldov und sein Film „Die Kommissarin“
Im Anschluss an „Die Kommissarin“ wird am 23.11. ein kurzer Dokumentarfilm des Bremer Regisseurs Heinrich Billstein gezeigt, der an diesem Abend auch anwesend sein und über seine Erfahrungen und Begegnungen mit dem Regisseur Alexander Askoldov sprechen wird.
D 1997, Regie: Heinrich Billstein, 43 Min.

UdSSR 1967, Regie: Alexander Askoldov, mit Nonna Mordiukova, Rolan Bykov, Raissa Nedachkoskaia, 110 Min., russ. OmU, s/w

Mehr zum Film „Die Kommissarin“:
Rezension von Andreas Kilb in DIE ZEIT 44/1988
http://www.zeit.de/1988/44/die-nacht-von-berditschew/komplettansicht

„Später Triumph“ – Kritik im SPIEGEL 44/1988
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13532128.html

Do. 7.12. / 20:00 * mit Einführung durch Manuela Putz

Operation Wedding

Der Dokumentarfilm „Operation Wedding“ zeichnet in Interviews mit den Protagonisten den spektakulären Fluchtversuch einer Gruppe jüdischer Dissident*innen nach, die 1970 in Leningrad versuchten, ein Flugzeug zu entführen, um so die ihnen verweigerte Ausreise nach Israel zu erzwingen. 45 Jahre später erzählt Filmemacherin Anat Zalmanson-Kuznetsov die Geschichte ihrer Eltern, die im Westen als „Helden“ gefeiert und in Russland als „Terroristen“ gebrandmarkt wurden. Im Hintergrund wird hier auch die Frage verhandelt, warum viele Juden in der jungen Sowjetunion zunächst Möglichkeiten der Partizipation ausmachten und sich aktiv für den Aufbau einer „gerechteren Welt“ einsetzten, in der Sowjetunion der Nachkriegsjahrzehnte aber keine Perspektive mehr für sich im Land sahen.

LETT 2016, Regie: Anat Zalmanson-Kuznetsov, 63 Min., OmengU 

Do. 18.1.2018 / 20:00 * mit Regisseur Heinrich Billstein

Mischka - Revolutionärin, Gefangene, Dissidentin

Die lettisch-jüdische Kommunistin Wilhelmine Müller-Slawutzkaja (1905-2005), genannt Mischka, war eine der letzten Augenzeuginnen des vergangenen Jahrhunderts – von den Hoffnungen auf den Sozialismus, den bitteren Erfahrungen in Stalins Lagern und Gefängnissen bis zum Einsatz für die Aufklärung der Vergangenheit. Als junge Kommunistin arbeitete sie in der Sowjetunion für die Komintern, bis sie 1936 verhaftet wurde und erst nach knapp 20-jähriger Lagerhaft und Verbannung 1955 nach Moskau zurückkehrte. Dort bewegte sie sich zunehmend in den Kreisen der Andersdenkenden und verwaltete auch den von Alexander Solschenizyn eingerichteten Hilfsfonds für politische Gefangene in der Sowjetunion mit. Die Dokumentation folgt den wichtigsten Stationen des langen Lebenswegs von Mischka, von ihrer Heimatstadt Riga bis in die kleine Moskauer Zwei-Zimmer-Wohnung. Dabei drehten die Autoren an Orten, die bis dahin noch nie ein Filmteam, auch kein sowjetisches, besuchen oder filmen durfte.

D 1990/91, Regie: Heinrich Billstein und Wolfgang Horn, 45 Min.