Entgegen der lange vorherrschenden Annahme, der Film sei ein männlich geprägtes Medium, zeigt sich bereits in den Anfängen der Filmgeschichte, dass Frauen maßgeblich an seiner Entwicklung beteiligt waren. Sie wirkten in allen Bereichen der Filmproduktion mit und prägten das Medium entscheidend. Dennoch wurden ihre Arbeiten marginalisiert und aus dem filmhistorischen Kanon weitgehend ausgeblendet. Die Filmreihe widmet sich unterschiedlichen Perspektiven weiblichen Filmschaffens und lädt dazu ein, Kino als einen Raum gesellschaftlicher Aushandlung und Erinnerung neu zu denken. Einführungen und anschließende Gespräche bieten die Möglichkeit, die Filme in ihrem historischen und kulturellen Kontext zu reflektieren und zu diskutieren.

Kuratiert wird die Reihe von Antonia Stich und Sasha Lehmann, zwei angehenden Filmwissenschaftlerinnen, die sich in ihrer Arbeit insbesondere mit Genderforschung auseinandersetzen. Parallel zu der Filmreihe leiten sie zudem ein Seminar mit Dr. Rasmus Greiner zu „Filmen von Frauen im Spannungsfeld der Filmgeschichte“ an der Universität Bremen.

„Oops, She Directed Again“ ist eine Kooperation des City 46 / Kommunalkino Bremen e.V. mit dem autonomen feministischen Referat des AStA der Universität Bremen.


Die Reihe startet mit:

Tausendschönchen 
Sedmikrásky - CZ 1966, Regie: Věra Chytilová, mit Ivana Karbanová, Jitka Cerhová, 76 Min., OmengU
Fr. 5.6. / 18:00 * Einführung: Dr. Vesi Vucović, Filmwissenschaftlerin, und Gespräch im Anschluss (in Englisch)

No Mercy 
A/D 2025, Regie: Isa Willinger, 104 Min., OmU
Do. 2.7. / 18:00 * Einführung: Antonia Stich und Sasha Lehmann, und Gespräch im Anschluss
 

Tausendschönchen

CZ 1966, Regie: Věra Chytilová, mit Ivana Karbanová, Jitka Cerhová, 76 Min., OmengU

Filmszene aus Tausendschönchen
Fr. 5.6. / 18:00 ★ mit Einführung´von Dr. Vesi Vucović, Uni Bremen, und Gespräch (in engl.)

Marie 1 und Marie 2 langweilen sich und beginnen aus Spaß ein Spiel. Sie lassen sich von älteren Männern einladen und weisen sie zurück, wenn diese auf Belohnung aus sind. Was wie eine spielerische Rebellion angefangen hat, wird für die beiden Maries zunehmend zu einem radikalen Aufbegehren gegen Sinnlosigkeit, gesellschaftliche Ordnung und Moral.

Tausendschönchen feiert die Rebellion zweier selbstbewusster Frauen als wilde Fantasie mit affektiver Erzählweise und originellen formalen Experimenten. Anfängliche Kriegsbilder zeigen unbarmherzige Zerstörungswut; sie wechseln sich ab mit Großaufnahmen einer Maschine. Zahlreiche Überblendungen und Überbelichtungen, mitunter schnelle Schnitte und eine kurze Trickfilmszene, in der sich die Freundinnen mit einer Schere „zerstückeln“, zelebrieren das Filmemachen als lustvollen anarchischen Akt. (Cristina Moles Kaupp, www.bpb.de)

Tausendschönchen von Regisseurin Věra Chytilová ist ein bahnbrechendes Werk des tschechischen New Wave-Kinos und ein feministisches Manifest in Filmform … Der Film nutzt eine bunte Mischung aus Bildsprache, Humor, Tanz- und Slapstickeinlagen, um die Unterdrückung der weiblichen Identität zu thematisieren und zu kritisieren. Die Figuren sind sich ihrer Rolle im Film bewusst und nutzen dies voller Freude, stellen beispielsweis die Welt narrativ auf den Kopf stellen und zerschneiden das Filmmaterial. In einer wilden, alles-ist-möglich Ästhetik werden die Maries zu Figuren ohne jede Regel, und der Film zu einem surrealistischen und anarchischen Spektakel.
Damals ein Skandal: Nach dem Prager Frühling verboten, und die Regisseurin wird mit Arbeitsverbot belegt. Tausendschönchen ist eine liebevoll gedrehte Ode an die Freiheit und die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, die mit großem Humor und kreativer Energie präsentiert wird – im Grunde alles, was wir uns von Barbie gewünscht hätten! (Jana Gebhard, www.filmloewin.de)
 


No Mercy

D/A 2025, Regie: Isa Willinger, 104 Min., div. OmU

Filmszene aus No Mercy
Do. 2.7. / 18:00 ★ mit Einführung: Antonia Stich und Sasha Lehmann und Gespräch im Anschluss

Als Filmemacherin Isa Willinger die ukrainische Regisseurin Kira Muratowa in Odesa besucht, lässt sie deren Satz „Frauen machen die härteren Filme“ nicht mehr los. Was „hart“ in diesem Kontext eigentlich bedeutet, fragt sie daraufhin viele weibliche Filmschaffende – unabhängig vom Genre wie Spiel- oder Dokumentarfilme. Eine Nachtfahrt im Auto dient als Rahmen ihrer Recherche. In ihre aus dem Off gesprochenen Überlegungen werden in einem schnellen Rhythmus Statements und Filmausschnitte von Kolleginnen wie Céline Sciamma, Ana Lily Amirpour, Nina Menkes, Valie Export oder Alice Diop eingeblendet. Deutlich wird, dass alle auf sehr unterschiedliche Weise mit Themen wie Sex und Gewalt, Trauma und Lust, Poesie und Rache umgehen. Über die Entlarvung festgelegter Geschlechterrollen hinaus geht es in den Interviews auch um die Suche nach einer neuen Bildsprache. Wie können die Machtverhältnisse sichtbar gemacht werden, ohne sie zu reproduzieren?

Isa Willinger: „Filme zu machen, heißt auch das Schweigen zu brechen. Während ich an No Mercy gearbeitet habe, habe ich verstanden: All das, worauf die #MeToo-Bewegung in den vergangenen Jahren aufmerksam gemacht hat, greifen Regisseurinnen seit jeher in ihren Werken auf. In No Mercy erleben wir Filmemacherinnen*, die kraftvoll ihre Stimme erheben und in ihren Werken zurückschlagen. Die Arbeit an No Mercy war für mich eine Art zweite Filmhochschule.“ (Presseheft Verleih)

„Frauen machen die harscheren Filme“, das äußerte einst die ukrainische Regisseurin Kira Muratowa ihr gegenüber. Was sich darunter vorstellen? Dieser Frage geht Willinger in NO MERCY nach. Mit Catherine Breillat, Alice Diop, Monika Treut und vielen anderen befragt sie Filmschaffende, die ausgewiesene Vertreterinnen der feministischen Perspektive sind. Aus ihren Aussagen setzt sich eine alternative Filmgeschichte zusammen, die zum einen gegen den „male gaze“ antritt. Der es zum anderen aber gelingt, aufrichtig vom Leben der Frauen im Patriarchat zu erzählen. Der Wahrheit ins Auge sehen, das kann eine recht harsche Erfahrung sein. (Alexandra Seitz, www.viennale.at)

Die weibliche Filmgeschichte ist weiterhin unterbeleuchtet und sie wird weiterhin aus dem Referenzkanon ausgeschlossen beziehungsweise darin marginalisiert. Etliche ältere Regisseurinnen bezeugen das im Film, während ihre Arbeiten zugleich lustvoll aufgerufen werden. Darunter sind unter anderem die Avantgardistin des queeren Kinos, Monika Treut (Die Jungfrauenmaschine, 1988), die ehemalige linke Aktivistin und Bankräuberin Margit Czenki, die in ihrem ersten Film (Die Komplizinnen, 1987) ihre Gefängniserfahrung verarbeitet und die österreichische Aktionskünstlerin Vallie Export. (Simon Stockinger, www.kino-zeit.de)