1999 reist der französische Filmemacher Nicolas Rey von Paris über Moskau bis nach Magadan in Sibirien. Magadan wurde ursprünglich von Strafarbeitern aufbaut. Er belichtet auf seiner Reise abgelaufenes Super 8-Material und macht Tonaufnahmen mit einem alten Cassettenrekorder. Rey entwickelt die Filme selber von Hand und montiert sie mit seinen Audioaufnahmen zu einem fast dreistündigen Reisebericht durch das geografische Russland. Als guter Experimentalfilmer verwirft er die Idee als Kitsch, Ton und Bild zu synchronisieren, ebenso, wie er das Beharren eines schlechten Tons auf gelungenem Bild (und umgekehrt) als Pfusch abtut. Ton und Bild treffen sich hier nur an wenigen Stellen. Nicolas Rey: „Es entsteht fast eine fiktive Geschichte. Das sind die seltenen Momente auf einer Reise, in denen es einem gelingt, bei sich selbst zu sein und die Distanz zu überwinden, die uns vom Fremden trennt."
2003 entdeckt der Leipziger Künstler Michael Barthel den Film und er wird ihn die nächsten zwanzig Jahre nie mehr ganz loslassen. Für Flickertunes entwickelt er eine Komposition, mit der er direkt auf den Film von Nicolas Rey reagiert. Der Film wird im Anschluss an Michael Barthels Konzert als 16mm-Kopie gezeigt.
„Aus heutiger Sicht bündelt der Film, wie ich seit 2009 ausschließlich arbeite. Vor allem die Tonästhetik des Films ist meinen Sprech- und Klangstücken stark verwandt: die eigene Stimme, aufgenommen und collagiert auf rauschige, verzerrende und leiernde Diktiergeräte.“ – Michael Barthel
Nicolas Rey, Regisseur: Der Zuschauer vollendet den Film, der Betrachter das Bild, und das ist nichts Neues.
Warum ihm also nicht einen Großteil der Arbeit anvertrauen? Umso besser, wenn das den Film irritierend macht, wenn er damit 'Unordnung stiftet', wie man so sagt. Vom Zeitpunkt der Abreise an fordert mein Film vom Zuschauer, mit mir bis zum Ende der Welt zu fahren.
Das ist viel verlangt: Immerhin weiß man nicht, was kommt. Ich bin mir dessen bewusst und will wohl glauben, dass mehr als einer sich davon abschrecken lassen wird. Aber diejenigen, die das Spiel des Films mitspielen wollen, die Hartnäckigsten, werden durch Wahrnehmungen belohnt, die, so hoffe ich, neu für sie sind. Dafür werden keine wirklichen Vorkenntnisse vorausgesetzt, sondern nur der Wunsch, seine Augen und Ohren ohne jegliche Vorurteile zu benutzen. (Arsenal Berlin)
Während der Film sich im Prozess seiner Herstellung selbst ins Leben ruft und bei jeder Projektion neu erfindet, scheint er aber auch seinen eigenen Tod und seinen Verfall in sich zu tragen. Das ist eine seltsame und zugleich völlig einleuchtende Mischung von einer ganz realen Fragilität. (Boris Lehman, Arsenal Berlin)
Weitere Infos:
Michael Barthel, geboren 1977, ist aufgewachsen in Ost-Berlin und lebt seit 2002 in Leipzig. Er arbeitet seit 1994 als Autodidakt in den Bereichen Experimentelle Lyrik und Lo-Fi Noise.
Nicolas Rey wurde 1968 geboren. Sein Name ist kein Pseudonym (im Gegensatz zu dem des berühmten amerikanischen Regisseurs), und er ist auch nicht der Sohn des französischen Experimentalfilmers Georges Rey. Seit 1993 macht Nicolas Rey Filme, die zwischen Photographie, Dokumentär- und dem Experimentalfilm operieren. Zugleich ist er Mitbegründer und Mitarbeiter der kollektiven Filmwerkstatt 'L'Abominable‘.
Bildcredit: Johannes Eichwede