Flickertunes widmet sich den Kombinationsmöglichkeiten von Film und (Live-)Musik. Musiker*innen aus dem In- und Ausland schreiben neue Soundtracks, improvisieren, remixen, demixen oder erfinden neue klangliche Formen, um mit Film in Dialog zu treten. Stummfilm, Avantgarde-, Animations- oder Dokumentarfilm in Kombination mit Elektronik, Pop oder experimentellen Klängen – alles ist hier möglich.

Flickertunes ist eine Kooperation des City 46 / Kommunalkino Bremen e.V. mit REM - Rapid Ear Movement, eine Konzertreihe der projektgruppe neue musik

Flickertunes XVI: Paria Moraghebi – I’m resting between your unspoken words

Lecture Performance + Livemusik, 50 Min.

Filmszene aus Flickertunes XVI: Paria Moraghebi – I’m resting between your unspoken words
Bildcredit:Paria Moraghebi
Fr. 14.8. / 20:30 ★ mit Lecture Performance und Livemusik von Paria Moraghebi, Teheran

In seinem Dokumentarfilm "Taze Nafas Ha" (The Newcomers, IRN 1979) fängt der Filmemacher Kianoosh Ayari Teheran kurz nach der Revolution ein. Die Soundscape von Teheran ist eine permanente Reizüberflutung im Film: sich überlappende Straßeninterviews, aufgepeitschte Parolen, dichter Verkehrslärm und sogenannte revolutionäre Lieder. Dieser Ton transportiert die psychische und politische Überforderung einer Gesellschaft, die ihre Identität im Moment des radikalen Wandels neu verhandelt.

Paria Moraghebi begreift "Taze Nafas Ha" als akustisches Archiv des kollektiven Gedächtnisses einer Stadt. Sie collagiert das Filmmaterial nach akustischen Kriterien, ergänzt es um Interviews, elektronische Live-Musik und essayistische Texte zu einer Lecture Performance.

Paria Moraghebi (geboren 2000 in Teheran) arbeitet mit Sound und Film. Sie sammelt Klänge, gräbt in Archiven und fragt, was von einem Ort bleibt, wenn man ihn verlassen hat. Sie studiert an der Universität Bremen.
 

Flickertunes ist eine Kollaboration von REM - Rapid Ear Movement und City 46 / Kommunalkino Bremen.

Gefördert von der Waldemar Koch Stiftung und vom Senator für Kultur


Flickertunes XVII: One Scream Per Hour ?

Audiovisuelle Aufgabe von Camille Primeau / Christoph Ogiermann, 60 Min.

Filmszene aus Flickertunes XVII: One Scream Per Hour ?
Fr. 25.9. / 20:30 ★ Audiovisuelle Aufgabe / Live-Performance von Camille Primeau & Christoph Ogiermann

Versuche sich zu (ent-)äußern, die im Körper und in den Stimmwerkzeugen steckenbleiben, Wahrnehmung der Körperenergie, der Wunschenergie (zu Schreien?) findet sich in Haltung, Mimik und gebremstem Laut.

Was geschieht mit mir als Sängerin, was geschieht mit den auf die Dauer voyeuristischen Betrachtern eines solchen Versuchs über 60 Minuten.

Will ich schreien, soll ich schreien, soll ich schreien wollen müssen? Wer entscheidet? Was geschieht mit meinem Körper, der die „Aufgabe“ hat zu versuchen zu schreien und es (nicht?) schafft?

Was bedeutet es für einen Kinoabend, wenn das Publikum weiß: diese Frau ist nebenan mit einer bewegten Kamera und wird das jetzt 60 Minuten tun? Wer ist die Kamera? Ist die Kamera männlich oder weiblich, sie hat ein Objektiv, ist sie es auch? Natürlich nicht. Kommen wir, die Kamera (und der Mensch dahinter) auf Augenhöhe? Wo hängt an mir/ vor mir das Mikrophon? Ist es näher dran als sonstwer? Was ist Intimität? Wie laut bin ich bei Euch? Lauter als Lebendig: Ver-Stärkt? Bin ich im Profil, sehe nicht die Kamera, sehe Euch sowieso nicht?

Komme ich hinterher raus, ist das was zum Klatschen?

Die Konstellation entstand während eines VocalWorkshops der cage academy Halberstadt 2025.
 

Flickertunes ist eine Kollaboration von REM - Rapid Ear Movement und City 46 / Kommunalkino Bremen.

Gefördert von der Waldemar Koch Stiftung und vom Senator für Kultur


Bisher...

Flickertunes XV: Verstrüpp

D 2025, Regie: Dagmar Weiss und Ansgar Wilken, 4K Video, Gesamtlänge des Abends ca. 60 Min.

Filmszene aus Flickertunes XV: Verstrüpp
Fr. 29.5.2026 / 20:30 ★ Filmpräsentation mit erweitertem livemusikalischem Rahmen und Gespräch; Livevertonung: jayrope & Ansgar Wilken

In „Verstrüpp“ geht es um eine gleichnamige fiktive Künstler*innengruppe, die in den neunziger Jahren der Metropole Berlin den Rücken kehrte und in die ostfriesische Provinz zog.
Durch Zeitzeugeninterviews mit ortsansässigen Laiendarsteller*innen wird nach und nach ein Bild vom damaligen künstlerischen und gesellschaftlichen Wirken der Gruppe vermittelt. Beschrieben werden unter anderem der im Ort kontrovers diskutierte Auftritt eines Tierchors in der Dorfkirche sowie ein gewagter Plan der Umnutzung einer leerstehenden Sparkassenfiliale… 
Inklusive möglicher Erinnerungslücken, Leerstellen und Widersprüche werden die Werke in den Erzählungen rekonstruiert und gedeutet;
die vermeintlich kunstfremden Darsteller*innen werden zu Kunstkritiker*innen und partizipieren mit Vergnügen am kreativen Prozess der Erzählung.

FLICKERTUNES zeigt den Film, eingerahmt von einem Live-Konzert der Musiker Ansgar Wilken und jayrope, das in den Film übergeht. Beide haben den Soundtrack zu Verstrüpp gestaltet und spielen ihn somit teilweise live zum Film. Im Anschluss gibt es ein Publikumsgespräch mit den FilmemacherInnen.

Musik: Ansgar Wilken und jayrope

Dagmar Weiß studierte Fotografie und Film in Bielefeld und Helsinki. Sie lebt als freie Videokünstlerin in Berlin.
Ihre Videoinstallationen wurden international ausgestellt; z.B. bei der Videokunstausstellung Monitoring des Kasseler Dokfests, bei Jeune Création 69è édition in Romainville/Paris oder bei der Videokunstausstellung im öffentlichen Raum der Kunsthalle Osnabrück, Lichte Momente. 
Ihre Arbeit wurde u.a. von der Stiftung Kunstfonds und dem Berliner Senat gefördert.

Ansgar Wilken ist Musiker und bildender Künstler in Berlin.
Er war und ist in verschiedenen Bands und Projekten tätig,
wie u.a. Ilse Lau, Feedbackorchester und Itchy Spots, und kooperiert mit Musiker*innen wie u.a. Chris Dreier, F.S.
Blumm und Jayrope. Seine Visuellen Arbeiten, vornehmlich Druckgrafik und Animationsfilme, wurden u. a. im Vorwerkstift Hamburg und der Galerie Herold in Bremen ausgestellt. 

jayrope aus Berlin ist Komponist, Musiker, Instrumentenbauer, Radiomacher, Mixing- und Mastering-Ingenieur, Produzent und Interpret experimenteller Musik verschiedener Ausprägungen.
Er verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von „buggy music“, häufig für zeitgenössischen Tanz und Performancekunst.


Flickertunes XIV: Panzerkreuzer Potemkin - David Wallraf

Bronenossez Potjomkin, UdSSR 1925, Regie: Sergej Eisenstein, 70 Min.

Filmszene aus Flickertunes XIV: Panzerkreuzer Potemkin - David Wallraf
Mi. 29.10.2025 / 20:00 ★ mit Livevertonung von David Wallraf, Hamburg

„Panzerkreuzer Potemkin“ ging nicht zuletzt wegen der berühmten »Treppenszene von Odessa« in die Filmgeschichte ein, mit der Eisenstein die Kunst seiner Montage der Attraktionen etablierte. Anlässlich der 100-jährigen Uraufführung des Films wartet Bremen mit einer neuen elektronischen Film-Score für den Klassiker des Revolutionskinos auf. 
Sergej Eisenstein wurde damals beauftragt, einen Propagandafilm zu drehen, doch sein Werk geht weit über Propaganda hinaus und gilt als Meilenstein der Symbiose aus Form und Inhalt. 
Es existiert keine Originalmusik für den Film. In Russland hatte man sich einfach bei Klassikern wie Beethoven und Tschaikowski zur Untermalung bedient. 1926 komponierte Hans Meisel die erste Filmmusik für die deutsche Kinoauswertung. Eisenstein selbst soll den Wunsch geäußert haben, dass jede Generation ihre eigene Musik zu dem Film kreieren soll.
 

Und ja, Flickertunes traut dies dem Hamburger Musiker David Wallraf wesentlich eher zu, als den für dieselbe Aufgabe vom British Filminstitute rekrutierten Pet Shop Boys.
David Wallraf (keine Pronomen) erforscht ausgehend von Noise verschiedene Wege des (Un)Musikalischen mit einem Fokus auf das Unheimliche und die Hörbarmachung des Unhörbaren: Field Recordings aus der postindustriellen Brachflächen, elektromagnetische Wellen, Modularsynthesizer und obsolete Audiotechnik werden zu Soundtracks für den Alptraum des kapitalistischen Realismus verwoben.
Seit 2021 arbeitet David mit Filmsounds – als Livevertonung von surrealistischen Stummfilmen oder Performances und Veröffentlichungen, die als Soundtracks für abwesende Filme und reale Alpträume funktionieren.
Nach Arbeiten zu Kurzfilmen von Louis Buñuel, Maya Deren und Jean Genet wird Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin Davids erste abendfüllende Stummfilmvertonung – hundert Jahre nach der Erstaufführung und in einem politischen Klima, in dem die revolutionären Szenen aus Odessa wie eine Flaschenpost aus einer anderen Welt wirken. Hier geht es zur Webseite von Dacid Wallraf

 

Zum Film: 

Panzerkreuzer Potemkin

Russland im Jahr 1905: Der russisch-japanische Krieg zehrt an den Kräften der Seeflotte. Als die Lebensmittel knapp werden, bricht auf dem Panzerkreuzer Potemkin eine Meuterei aus. Die Offiziere versuchen, den Aufstand zu zerschlagen, doch als der Panzerkreuzer im Hafen von Odessa einläuft, verbrüdern sich die Bürger mit den Matrosen. 
Der Stummfilm ging nicht zuletzt wegen der berühmten »Treppenszene von Odessa« in die Filmgeschichte ein, mit der Eisenstein die Kunst seiner Montage der Attraktionen etablierte. Das formale Meisterwerk, das mehrfach als »bester Film aller Zeiten« ausgezeichnet wurde, demonstriert in pathetischer Manier den Sieg des Kollektivs über das zaristische Individuum.

 

Flickertunes ist eine Kollaboration von REM - Rapid Ear Movement und City 46 / Kommunalkino Bremen. Gefördert von der klangpol – Netzwerk Neue Musik Nordwest


Flickertunes XIII: STEVEDORE - Backroom Tracks

BRD 2025, AnonymeR RegisseurIn, 50 Min.

Filmszene aus Flickertunes XIII: STEVEDORE - Backroom Tracks
Do. 11.9.2025 / 20:30 ★ mit Live-Performance von Stevedore, Bremen

„Unerhörte Orte und Found Footage mit elektronischer Live-Score.“
 

Es gibt keine leeren Räume, leere Flächen, keine leeren Orte. Früher oder später werden sie alle von irgendwem übernommen, vereinnahmt oder besetzt. EinE namenloseR Filmemacher*in hat sich solchen Orten in Bremen gewidmet. Es sind Orte, an denen jetzt plötzlich ein Wald steht, Technopartys stattfinden oder Menschen Fußball spielen. Es ist unklar, wer diese Räume filmisch untersucht oder wo sie sich genau befinden. Gemein ist ihnen, dass die Räume ursprünglich für etwas anderes gedacht waren oder vielleicht sogar noch sind.
Manche dieser Räume haben einen Klang, andere brauchen erst einen. Das Bremer Elektronik-Duo Stevedore nutzt den Filmton (sofern vorhanden) für einen elektronischen Live-Soundtrack (sofern vonnöten).

Stevedore sind Jan van Hasselt und Norman Neumann. Norman meidet Rhythmus und Melodie. Jan versucht trotzig das zu ignorieren. Irgendwie finden sie dabei immer wieder zueinander. Dass sie beim Spiel nun auf einen Film Rücksicht nehmen sollen, der Ton bzw. keinen Ton hat, fühlte sich erst einmal wie eine Überforderung an. Beide mögen sowas. 

 

Flickertunes ist eine Kollaboration von REM - Rapid Ear Movement und City 46 / Kommunalkino Bremen. Gefördert von der Waldemar Koch Stiftung.


Flickertunes XII: Dementia

USA 1955, Regie: John Parker, mit Adrienne Barrett, Ed McMahon, 56 Min., ohne Dialog

Filmszene aus Flickertunes XII: Dementia
Fr. 6.6.2025 / 20:00 ★ mit elektronischer Livemusik von Kris Kuldkepp, Estland/Hamburg

1953 erzählt Adrienne Barnett, Sekretärin des angehenden Filmproduzenten John Parker, ihrem Chef von einem Traum. Begeistert beschließt der, daraus einen Kurzfilm zu machen. Er besetzt Barnett in der Hauptrolle und kann für 30€ den Charakterschauspieler Bruno Ve Sota als Bösewicht gewinnen. Die Ergebnisse sind so vielversprechend, dass man beschließt, aus dem Projekt zu einem Langfilm zu machen. In surrealen Szenen folgt der Film den alptraumartigen Erlebnissen einer Frau, die in einem Gewaltausbruch münden. Missbrauch durch den Vater, patriarchaler Hedonismus und sexistische Übergriffe werden angedeutet. Parker nutzt Elemente des Expressionismus sowie des Horror-Films, um das Leiden seiner Hauptfigur zu inszenieren - ohne ein einziges gesprochenes Wort. Die Auswertung im Kino wurde zunächst vom New York State Film Board untersagt. Zu abartig und verstörend erschien den Zensoren die dargestellte Gewalt der Protagonistin, die man als völlig unmotiviert wahrnahm. Ins Kino schaffte er es erst, nachdem ein findiger Produzent ihn mittels Umschnitten als „Daughter of Horror" geschickt neu zu vermarkten wusste. Ein Einleitungstext erklärte, was hier los war: Die Frau war natürlich verrückt.
Der knapp einstündige Film wurde erst in den 2000ern als frühes Beispiel eines transgressiven Feminismus und als Missing Link zwischen Noir und transgressivem Kino wiederentdeckt. 
Die Musikerin Kris Kuldkepp stammt aus Estland und lebt heute in Hamburg. Ausgebildet in Klassik und alter Musik entwickelte sie bald auch experimentelle Spielpraktiken. Kuldkepp kombiniert u.a. frühe historische sowie klassische Streichinstrumente, Synthesizer und Alltagsobjekte. Für Flickertunes komponiert sie eine neue elektronische Score, die sie in Bremen erstmals live präsentiert.


Flickertunes XI: Brinkmanns Schnitte

Super-8-Film-Collagen, ca. 80 Min.

Filmszene aus Flickertunes XI: Brinkmanns Schnitte
Do. 27.2.2025 / 20:30 ★ mit Live-Performance von Schwemmbalg, Bremen

Rolf-Dieter Brinkmann, radikaler Literat der 60er Jahre, wurde zunächst mit Gedichten und Prosa zum „Verrottungszusammenhang“ der westlichen Zivilisation bekannt. In den 70ern zog er sich weitgehend aus dem Literaturbetrieb zurück, versammelte eigene und gefundene Bilder und Texte zu „Collagen des alltäglichen langsamen Irrsinns" in seinen Materialbänden. Er experimentierte aber auch mit multimedialen Formaten. Einzigartig sind Brinkmanns Tonbandexperimente. Seit 1967 experimentierte er außerdem mit Super 8-Film. Es entstand eigenwilliges bis bizarres Cut Up Material: In der Kamera geschnittene Collagen, die filmische Dokumentation bizarrer Verkleidungspartys oder Erotik mit Möbelstücken.

Das Bremer Experimental-Duo Schwemmbalg ist ein Projekt von Leonie Kraus und Florian Maier. Sie sind unausgebildete Musiker, aber neugierige Menschen. Inspiriert von den vielen verschiedenen Projekten, die sie über Jahre selbst im Kultur im Bunker e.V. eingeladen, kennen gelernt und veranstaltet haben, entsteht ihr Programm immer wieder neu zu den jeweiligen Anlässen.

Gefördert von der Waldemar Koch Stiftung


Flickertunes X: Blank Screen

Filmszenen-Audio-Collage aus Dialogen, Geräuschen und Filmmusik, 45 Min.

Filmszene aus Flickertunes X: Blank Screen
Do. 5.12.2024 / 20:30

Schweigen sei das Wesen des Films, war sich Charlie Chaplin sicher. Bild und Ton haben eigentlich keine direkte Beziehung zueinander, schreibt Michel Chion. „Was wir hören, ist das, wofür wir keine Zeit zum Sehen hatten." Die Bedeutung des Filmtons, seine angebliche Auf- oder Abwertung der Bildsprache, seine Bevormundung des Publikums - all das sind Kritikpunkte, die bis heute diskutiert und von Filmemacher*innen von Godard bis Tarantino in ihren Filmen aufgegriffen werden. Das Thema taugt als Studienschwerpunkt für Filmwissenschaftler*innen, fokussiert aber meistens das Bild. Denn was wäre Kino ohne Bild?
„Flickertunes“ sammelt seit Jahren Filmszenen, die auch ohne das Bild funktionieren, für das sie geschaffen wurden. Vielleicht sogar besser. In jedem Fall anders. Entstanden ist eine Audio-Collage aus Dialogen, Geräuschen und Filmmusik, die im Surround-Sound im Kino erklingen. Der Vorhang öffnet sich aber kein Bild erscheint: pures Kopfkino.
 

Gefördert von der Waldemar Koch Stiftung

Bildcredit / Copyright: Johannes Eichwede & Jan van Hasselt


Flickertunes IX: Sowjetmacht plus Elektrifizierung

Les Soviets plus l'électricité - F 2001, Regie: Nicolas Rey, 170 Min., 16 mm, frz. OmU

Filmszene aus Flickertunes IX: Sowjetmacht plus Elektrifizierung
Sa. 17.8.2024 / 20:00 ★ Ton-Bild-Performance von Michael Barthel mit anschließendem 16mm-Screening des experimentellen Dokumentarfilms von Nicolas Rey

1999 reist der französische Filmemacher Nicolas Rey von Paris über Moskau bis nach Magadan in Sibirien. Magadan wurde ursprünglich von Strafarbeitern aufbaut. Er belichtet auf seiner Reise abgelaufenes Super 8-Material und macht Tonaufnahmen mit einem alten Cassettenrekorder. Rey entwickelt die Filme selber von Hand und montiert sie mit seinen Audioaufnahmen zu einem fast dreistündigen Reisebericht durch das geografische Russland. Als guter Experimentalfilmer verwirft er die Idee als Kitsch, Ton und Bild zu synchronisieren, ebenso, wie er das Beharren eines schlechten Tons auf gelungenem Bild (und umgekehrt) als Pfusch abtut. Ton und Bild treffen sich hier nur an wenigen Stellen. Nicolas Rey: „Es entsteht fast eine fiktive Geschichte. Das sind die seltenen Momente auf einer Reise, in denen es einem gelingt, bei sich selbst zu sein und die Distanz zu überwinden, die uns vom Fremden trennt."
2003 entdeckt der Leipziger Künstler Michael Barthel den Film und er wird ihn die nächsten zwanzig Jahre nie mehr ganz loslassen. Für Flickertunes entwickelt er eine Komposition, mit der er direkt auf den Film von Nicolas Rey reagiert. Der Film wird im Anschluss an Michael Barthels Konzert als 16mm-Kopie gezeigt.
„Aus heutiger Sicht bündelt der Film, wie ich seit 2009 ausschließlich arbeite. Vor allem die Tonästhetik des Films ist meinen Sprech- und Klangstücken stark verwandt: die eigene Stimme, aufgenommen und collagiert auf rauschige, verzerrende und leiernde Diktiergeräte.“ – Michael Barthel
 

Nicolas Rey, Regisseur: Der Zuschauer vollendet den Film, der Betrachter das Bild, und das ist nichts Neues. 
Warum ihm also nicht einen Großteil der Arbeit anvertrauen? Umso besser, wenn das den Film irritierend macht, wenn er damit 'Unordnung stiftet', wie man so sagt. Vom Zeitpunkt der Abreise an fordert mein Film vom Zuschauer, mit mir bis zum Ende der Welt zu fahren.
Das ist viel verlangt: Immerhin weiß man nicht, was kommt. Ich bin mir dessen bewusst und will wohl glauben, dass mehr als einer sich davon abschrecken lassen wird. Aber diejenigen, die das Spiel des Films mitspielen wollen, die Hartnäckigsten, werden durch Wahrnehmungen belohnt, die, so hoffe ich, neu für sie sind. Dafür werden keine wirklichen Vorkenntnisse vorausgesetzt, sondern nur der Wunsch, seine Augen und Ohren ohne jegliche Vorurteile zu benutzen. (Arsenal Berlin)

Während der Film sich im Prozess seiner Herstellung selbst ins Leben ruft und bei jeder Projektion neu erfindet, scheint er aber auch seinen eigenen Tod und seinen Verfall in sich zu tragen. Das ist eine seltsame und zugleich völlig einleuchtende Mischung von einer ganz realen Fragilität. (Boris Lehman, Arsenal Berlin)

Weitere Infos:

Michael Barthel, geboren 1977, ist aufgewachsen in Ost-Berlin und lebt seit 2002 in Leipzig. Er arbeitet seit 1994 als Autodidakt in den Bereichen Experimentelle Lyrik und Lo-Fi Noise.

Nicolas Rey wurde 1968 geboren. Sein Name ist kein Pseudonym (im Gegensatz zu dem des berühmten amerikanischen Regisseurs), und er ist auch nicht der Sohn des französischen Experimentalfilmers Georges Rey. Seit 1993 macht Nicolas Rey Filme, die zwischen Photographie, Dokumentär- und dem Experimentalfilm operieren. Zugleich ist er Mitbegründer und Mitarbeiter der kollektiven Filmwerkstatt 'L'Abominable‘.

 

Bildcredit: Johannes Eichwede


Flickertunes VIII: La Passion de Jeanne d'Arc

F 1928, Regie: Carl Theodor Dreyer, 110 Min.

Filmszene aus Flickertunes VIII: La Passion de Jeanne d'Arc
Mi. 5.6.2024 / 20:30 ★ mit Livertonung von Lori Goldston

Frankreich 1428: Der hundertjährige Krieg hält die Bevölkerung in Atem. Das fromme Bauernmädchen Jeanne d’arc fühlt sich von Gott berufen, ihre Heimat von den englischen Besetzern zu befreien. Doch sie fällt in die Hände des Feindes und muss sich in einem quälenden Ketzerei-Prozess er Kirche verteidigen. 1431 wird sie zum Tode verurteilt und in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Regisseur Dreyer orientierte sich in seiner Inszenierung genau an den überlieferten Prozessakten. Seine außergewöhnlich emotionalen Nahaufnahmen von Maria Falconetti schrieben Filmgeschichte.
 

Eintrittspreise: 12 € / 9 € / 7,50 €

Eine Veranstaltung von 46RPMFlickertunes & REM - Rapid Ear Movement in Kooperation mit dem Institut Français Bremen und dem Golden Shop Bremen.

Lori Goldston
Lori Goldston ist eine klassisch ausgebildete Cellistin, Komponistin, Improvisatorin, Produzentin, Autorin und Dozentin aus Seattle. Ihr außergewöhnlicher Sound am Cello, ob mit Verstärker oder akustisch, ist voll und originell. Als unermüdliche Forscherin bewegt sich ihre Arbeit frei über die Grenzen von Genre, Disziplin, Zeit und Geografie hinweg. Am prominentesten ist sicherlich Goldstons Mitwirken bei NIRVANAs legendärem MTV Unplugged in New York Konzert. Später begleitete sie die Band auch noch live zu ihrem letzten Album „In Utero“ durch die USA und Europa. Zudem war sie festes Mitglied der Band EARTH und hat unter anderem mit Aidan Baker, Cat Power, Embryo, Kimya Dawson, Your Heart Breaks, Mirah, Dylan Carlson und vielen weiteren Musiker*innen zusammengearbeitet.

Trailer-Video Lori Goldston

 

Bildcredit: Johannes Eichwede


Flickertunes VII: Die Versuche des Naum Kotik

THE EXPERIMENTS OF NAUM KOTIK, D 2021, Regie: Kärma Burg, OmU

Filmszene aus Flickertunes VII: Die Versuche des Naum Kotik
Do. 25.1.2024 / 20:30 ★ mit Naum Kotik jr.

„Die Versuche des Naum Kotik" dokumentiert die Bemühungen von Naum Kotik jr., ein Drehbuch seines Großvaters zu verfilmen. Filmemacher Kärma Burg begleitete ihn dafür zehn Jahre lang in Odessa, Berlin und Zernikow. 
Naum Genrikhovich Kotik senior wird am 26. Oktober 1876 in Odessa geboren. Er studiert und promoviert in Berlin. Anschließend praktiziert Dr. Kotik in Odessa als Kinderarzt und Internist. Sein Hauptinteresse gilt jedoch dem Phänomen der Gehirnstrahlung, dass er ehrgeizig und mit wissenschaftlichen Methoden untersuchte. Nach 1916 verliert sich jede Spur von Dr. Naum Kotik. Vermutlich verschwindet er in den Wirren der Oktoberrevolution. 
Viele Jahre später nimmt sein Enkel, Naum Kotik jr., die Forschungsarbeiten seines Großvaters wieder auf. Er versucht, dessen Erkenntnisse in den Bereich des Films zu übertragen. Hauptanliegen von Kotik jr. ist, ein Drehbuch seines Großvaters namens „Mädchen in schmutzigen Schürzen" zu verfilmen.

Ein Film von Kärma Burg im Auftrag von Column One.
 

Flickertunes fühlt sich geehrt, im City 46 die erste Kinovorführung des Films in Anwesenheit von Naum Kotik Jr. zu veranstalten. Dazu laden wir alle Interessierten in den dunklen Salon des Kinos ein, wo Naum Kotik jr. persönlich in das Werk seines Großvaters einführen wird. Um angemessene dunkle Abend-Garderobe wird gebeten.


Flickertunes VI: Why Frets?

Lecture Performance und Konzert

Filmszene aus Flickertunes VI: Why Frets?
Mi. 18.10.2023 / 20:00 ★ mit Lecture Performance und Konzert mit Marko Ciciliani

1833 erfand die britische Weberin und Amateuringenieurin Sieglinde Stern den ersten elektromagnetischen Tonabnehmer und damit das erste elektrisch verstärkte Saiteninstrument. Hundert Jahre später führte dies zur Produktion der E-Gitarre, die zu einem der beliebtesten Instrumente der westlichen Musikgeschichte und einem Symbol für Männlichkeit wurde. Aber weitere hundert Jahre später schert sich niemand mehr um dieses Instrument!
Diese angebliche Geschichte der E-Gitarre, erzählt aus der Perspektive eines Menschen, der im Jahr 2083 lebt, steht im Mittelpunkt von Marko Cicilianis „Why Frets?“. In Bremen erzählt er sie über zwei Werke: als Multimedia-Konzert, in dem er live mit Gitarrist*innen auf der Leinwand zusammenspielt, und als Lecture-Performance. Ciciliani konstruierte diese Geschichte durch „speculative fabulation“ – eine bewusste Neuerfindung der Vergangenheit, um eine Vision für die Zukunft zu formulieren. Spekulatives Fabulieren beginnt mit der Untersuchung der Bedingungen, die unsere Gesellschaft zu ihrem heutigen Zustand geführt haben, und entwirft von da aus alternative Szenarien. Oder in Donna Haraways Worten: „Die offene Zukunft beruht auf einer neuen Vergangenheit.“
 

Flickertunes ist eine Kooperation von rem - rapid ear movement und City 46 / Kommunalkino Bremen e.V.


Flickertunes V: John Wiese - Stille ist brauchbar

Silence is useful - Experimental-Filmprogramm & Live-Set

Filmszene aus Flickertunes V: John Wiese - Stille ist brauchbar
Di. 11.4.2023 / 20:00 ★ mit Live-Set von John Wiese, Los Angeles, USA

This dilemma of putting video clips together was, at the time, just something that my brain found so illogical. You can't go from this frame directly into that frame - it can't be done. Of course it can, but according my artistic intentions, it just can't. I still use a lot blank space between things, which have a voice of their own. Silence is useful. (John Wiese in einem Interview mit C. Spencer Yeh)

John Wiese gehört zu den aktivsten und einflussreichsten Experimentalmusikern der USA. Er erhielt internationale Stipendien und veröffentlichte weit über 100 LPs, CDs und Tapes. Seit einigen Jahren arbeitet Wiese auch mit Film. Ihn interessiert vor allem, welchen Stellenwert der Sound in verschiedenen Filmgenres einnimmt. "Visuelle Stille" also Passagen, in denen der Film einfach schwarz bleibt, ist für ihn ein wichtiges Mittel, um nicht einfach Bild an Bild zu reihen und um Film-Sound eine andere Bedeutung zu verleihen.

John Wiese präsentiert seine Filme ausschließlich persönlich. Sie laufen weder auf Festivals noch sind sie als DVD oder Stream verfügbar. Für Flickertunes stellt er eines seiner in Deutschland raren Programme zusammen, in denen sich Live-Performance und Filmscreenings so abwechseln, wie er es sich für seine Arbeit wünscht. Neben kurzen Video-Stücken und einer quadrophonen Liveperformance zeigt er bei Flickertunes die längere Videoarbeit Radio Nepal von 2020 als Europapremiere. Eine klangliche Erkundung des Wiederaufbaus von Nepal nach dem verheerenden Erdbeben 2015.


Flickertunes IV: Materiale incomodo

Experimentalfilme

Filmszene aus Flickertunes IV: Materiale incomodo
Fr. 10.3.2023 / 20:00 ★ mit Livemusik von Mattia Bonafini & Christian Rosales Fonseca (Incomodo)

Zum verspäteten Jahresauftakt improvisieren die beiden Musiker Mattia Bonafini und Christian Rosales Fonseca mit E-Gitarre und Synthesizer neue Musiken für experimentelle Kurzfilme von Bill Morrison und Peter Tscherkassky. Zusammen nennen sie sich Incomodo - unbequem. 

Tscherkassky sowie Morrison arbeiten beide mit Found Footage und der Materialität des Filmmaterials. Morrison setzt dabei die Historizität des Filmmaterials frei. Er zeigt die Auflösungsprozesse in 100 Jahre alten Film, bearbeitet das Material chemisch und schafft so eine ganz eigene, neue Ästhetik. Tscherkassky arbeitet ebenfalls mit gefundenem Film-Material, das er von Hand umkopiert und in Mehrfachbelichtungen ungewöhnliche bis hypnotische Bildkompositionen herstellt.


Flickertunes III: Gruppierungen

Weltpremiere - Filmcollagen

Filmszene aus Flickertunes III: Gruppierungen
Fr. 25.11.2022 / 20:00 ★ mit Livemusik von Seppo Gründler & Robert Lepenik (Graz)

Für „Gruppierungen“ bauen die GrazerKünstler Seppo Gründler und Robert Lepenik eine Collage aus menschenleeren Szenen – teils neu gedreht, teils Found Footage –die sie nach musikalischen Gesichtspunkten montieren. Anschließend entsteht die Musik – nach filmischen Kriterien. So entstehen filmisch rationale bis irrationale Ordnungen und Gruppierungen und werden auf Grund der Versuchsergebnisse musikalisch abgebildet. Der Fokus liegt bei der Beobachtung bekannter Dramaturgien im schnellen Wechsel der Räume, welcher eine Art Paralleldramaturgiezum klanglichen Geschehen herstellt.
Der filmisch musikalische Dialog wurde eigens für die Vorstellung in Bremen von Seppo Gründler & Robert Lepenik (Graz) produziert und feiert bei Flickertunes seine Premiere.


Flickertunes II: Die Muschel und der Kleriker

La Coquille et le Clergyman - F 1928, Regie: Germaine Dulac, Drehbuch: Antonin Artaud, 38 Min.

Filmszene aus Flickertunes II: Die Muschel und der Kleriker
Fr. 23.9.2022 / 20:00 ★ live begleitet vom Bremer Duo Traum

Ein junger Priester verfällt seinem Begehren nach einer eigentlich unerreichbaren Frau, die zugleich von einem mit Orden dekorierten Offizier umworben wird. Der Priester kann zwar den Kampf um ihre Gunst für sich entscheiden, muss aber, von unerfüllter Sehnsucht, Kastrationsangst und Zerstörungswut zerrissen, schließlich an seinen Seelenkonflikten scheitern.
Die Muschel und der Kleriker gilt als erster surrealistischer Film der Filmgeschichte. Die Französin Germaine Dulac hatte ihn bereits ein Jahr vor dem berühmteren Chien Andalou ihrer männlichen Kollegen Buñuel und Dalí produziert und gedreht. Germaine Dulac inszeniert den Film als bildgewaltigen Experimentalfilm voller Doppelbelichtungen und surreal anmutender Bildideen, die sich als unterdrückte sexuelle Gefühle oder ödipale Zerrissenheit deuten lassen.


Flickertunes I: Maya Deren

Zwei Kurzfilme, Regie: Maya Deren, ca. 90 Min.

Filmszene aus Flickertunes I: Maya Deren
Fr. 1.7.2022 / 20:00 ★ vertont & begleitet von David Wallraf, Hamburg

Den Auftakt macht der Hamburger Experimentalmusiker David Wallraf, der zwei Kurzfilme von Maya Deren vertonen wird. Meshes of the Afternoon von 1943 entstand als Kooperation mit Derens damaligem Ehe-Mann Alexander Hackenschmied. Der Film wurde auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit dem Grand Prix International für 16-mm-Experimentalfilme ausgezeichnet. Maya Deren bedient sich surrealistischer Stilmittel zur Darstellung psychischer Probleme und ist in Form und Symbolik stark von Bunuels Andalusischem Hund beeinflusst. At Land von 1944 beschäftigt sich mit der Gefahr des Verlusts der eigenen Identität. Der Komponist John Cage und der Filmkritiker Alexander Hammid treten in dem Film auf.
Maya Derens Filme werden ergänzt von zwei Spoken Word Performances der besonderen Art des kanadischen Dichters pbNichol (1944-1988) von 1978.