Cotton Queen

D/F/PSE/KAT/SAU/SUD 2025, Regie: Suzannah Mirghani, mit Mihad Murtada, Mohamed Mahmoud, Talaat Fareed, 93 Min., arab. OmU

Filmszene aus Cotton Queen
Do. 23.4., Sa. 25.4., Mo. 27.4. + Mi. 29.4. / 20:00
Fr. 24.4., So. 26.4. + Di. 28.4. / 17:30
Do. 30.4., Sa. 2.5. + Mo. 4.5. / 18:00
Fr. 1.5., So. 3.5. + Di. 5.5. / 20:30

Die fünfzehnjährige Nafisa und ihre Freundinnen pflücken Baumwolle auf den Feldern ihrer Großmutter Al-Sit. In den sudanesischen Dörfern ist das traditionell die Aufgabe junger Mädchen, die sich die Zeit dabei mit dem Singen ungezogener Lieder vertreiben. Und es ist ein kleiner Akt der Rebellion in ihrem patriarchal und kolonial geprägten Alltag. Großmutter Al-Sit hat sich als junge Frau gegen die britischen Kolonialisten aufgelehnt und erzählt in mythisch überhöhten Geschichten davon. Als der im Ausland reich gewordene Sudanese Nadir zurückkehrt und das Haus eines Engländers kauft, bringt er auch neue Ideen für die Dorfgemeinschaft mit. Er will sie überzeugen, genmanipuliertes Saatgut zu kaufen und die Mechanisierung einzuführen. Bei Nafisas Eltern findet er damit Gehör und sie unterstützen - in der Hoffnung auf künftigen Wohlstand - auch seinen Heiratsantrag für Nafisa. Da Nafisas Herz dem jungen Bauernsohn Babiker gehört, weist sie Nadir zurück. Das letzte Wort darüber, wen sie heiraten soll, hat jedoch die Matriarchin Al-Sit. Nafisa muss sich entscheiden, ob sie gehorchen oder ihren eigenen Weg gehen will.
Die sudanesisch-russische Filmemacherin Suzannah Mirghani hat bereits mit ihrem Kurzfilm „Al-Sit“ mehrere europäische Preise gewonnen. Als während der Dreharbeiten zu „Cotton Queen“ der Bürgerkrieg im Sudan eskalierte, flüchteten viele Schauspieler nach Ägypten. Um weiter filmen zu können, folgte ihnen Mirghani und ließ die sudanesische Community am Set neu erstehen. 

Es scheint unvorstellbar, dass es ein Land gibt, in dem erst 2025 die erste Frau als Regisseurin tätig ist. Genau das ist jedoch im Sudan der Fall, wo die sudanesisch-russische Autorin und Regisseurin Suzannah Mirghani dieses Jahr mit ihrem zurückhaltenden, aber bewegenden Debütfilm Cotton Queen (2025) als erste sudanesische Regisseurin Geschichte geschrieben hat. Das allein ist schon ein Gewinn für das Kino, insbesondere in einem Land, in dem das Kino historisch gesehen sowohl als Teil der politischen Kontrolle als auch als Nebenprodukt politischer Instabilität unterdrückt wurde – Cotton Queen wurde aufgrund des 2023 ausgebrochenen sudanesischen Bürgerkriegs in Ägypten gedreht – und Frauen stark unterrepräsentiert und systematisch ausgeschlossen wurden. Vor diesem Hintergrund ist die weibliche Perspektive, die Mirghani einbringt, sehr willkommen. Cotton Queen ist ein Film über Frauen, ihre Träume und ihre Entscheidungen. Noch erfrischender ist jedoch Mirghanis Weigerung, die Frauen – und die Männer – in den Kontext des Konflikts zu stellen oder sie ausschließlich als Opfer und Leidtragende darzustellen, wie es die Medien typischerweise tun. Stattdessen betont Cotton Queen die Freude der Frauen, stellt die Komplexität der Beziehungen zwischen Frauen verschiedener Generationen in den Mittelpunkt, feiert die romantische Seite jungen Frauseins und fordert Empathie statt Mitleid. (Vivian Nneka Nwajiaku, www.afrocritik.dom

Regisseurin Suzannah Mirghani: „Cotton Queen“ war der Titel einer Misswahl, der einem jungen Mädchen verliehen wurde, das während der britischen Kolonialzeit im Sudan in der Baumwollindustrie arbeitete. Im Film greife ich diesen Titel auf, um zu zeigen, dass sudanesische Mädchen sich ihrer eigenen Macht bewusst werden, die über Schönheit und Heirat hinausgeht. Aus der von kolonialen Besatzern gekürten Baumwollkönigin wird so die KÖNIGIN DER BAUMWOLLE.
Als Kind im Sudan waren die Baumwollfelder für mich ein Ort der Magie: Baumwolle fiel im Wind wie Schnee, weiße Knospen schienen im Licht der untergehenden Sonne zu brennen. Erst später erkannte ich die Geschichte von Leid und Ausbeutung, die die britische Kolonialherrschaft in diese Landschaft eingeschrieben hat. „Cotton Queen“ verbindet diese Gegensätze – die Schönheit der Baumwolle und den Widerstand gegen die Gewalt der Industrie. Da im Sudan vor allem Frauen und Mädchen Baumwolle pflückten, nutze ich dieses Umfeld, um ihre sich wandelnde Rolle zu untersuchen. Der Film folgt den Kämpfen der 15-jährigen Nafisa und ihrer Großmutter Al-Sit: Al-Sit überlebte die Erniedrigung des Kolonialismus, Nafisa steht heute neoliberalen Kräften gegenüber, die in das Dorf eindringen. Ihre Beziehung macht sichtbar, was sie verbindet und was sie trennt. (Presseheft Verleih)


Wohin der Wind uns trägt

TUN/F 2025, Regie: Amel Guellaty, mit Eya Bellagha, Slim Baccar, Firas Khoury, 99 Min., arab. OmU

Filmszene aus Wohin der Wind uns trägt
Do. 30.4., Sa. 2.5. + Mo. 4.5. / 20:00
Fr. 1.5. + So. 3.5. / 17:30
Sa. 9.5. + Mi. 13.5. / 18:00
So. 10.5. + Di. 12.5. / 20:30
Mi. 13.5. / 15:00

Alyssa und Mehdi sind in Tunis aufgewachsen und seit ihrer Kindheit die besten Freunde. Ein Paar wollen sie zwar nicht sein, werden aber wegen ihres vertrauten Umgangs miteinander von vielen dafür gehalten. Die 19-Jährige Alyssa muss sich um ihre depressive Mutter und die kleine Schwester kümmern und träumt von einem unabhängigen Leben in Europa. Der zurückhaltende sensible Mehdi findet keinen Job und wünscht sich insgeheim Zeichner zu werden. Als Alyssa von einem Design-Wettbewerb in Djerba erfährt, dessen Preis ein Künstleraufenthalt in Deutschland ist, fasst sie einen Plan. Medhi soll dort ein Porträt von ihr einreichen, den Preis gewinnen, sie heiraten und dann mit nach Europa nehmen. Mehdi erfährt erst im Lauf der Reise nach Djerba und quer durch Tunesien, dass sie das Auto vom lokalen Gangster geklaut hat. Überhaupt stellt Alyssas kreative Impulsivität ihre Freundschaft auf eine harte Probe, weil sie oft genug die bereits existierenden Probleme löst, indem sie neue Schwierigkeiten heraufbeschwört.
Regisseurin Amel Guellaty: „Ich wollte zeigen, dass junge Menschen kämpfen, aber gleichzeitig wollte ich kein Drama gestalten. Ich wollte eine Komödie machen, in der wir diese Kreativität, diese Energie sehen können. Es ist eine Art Ode an die Jugend in meinem Land.“
 

Über die Regisseurin:
Amel Guellaty (*1988) ist eine tunesische Regisseurin, Drehbuchautorin und Fotografin. Nach einem Jurastudium an der Sorbonne arbeitete sie als Regieassistentin in Frankreich, u. a. bei Olivier Assayas (Personal Shopper). Ihr Kurzfilmdebüt Black Mamba (2017) lief auf mehr als 60 Festivals und gewann 20 Preise. Es folgten der Kurzfilm Chitana (2022) und ein Projekt über Gewalt gegen LGBTQIA+-Personen in Tunesien. Ihr erster Langfilm Where the Wind Comes From feierte 2025 Premiere in Sundance und wurde nach Rotterdam und Toronto eingeladen. Neben ihren Kinoprojekten arbeitet Guellaty auch als Werbefilmregisseurin (u. a. für Dior und Cartier) und ist als Fotografin international aktiv. (Quelle: Trigo-Film)

Die Inhaltsangabe erzählt nur den Vordergrund des Films. Die Regisseurin hat ihn mit Ober- und Untertönen, überraschenden Nebenhandlungen und fantastischen Zutaten leichtfüssig und klug angereichert. Zauberhaft die Liebesgeschichte, sinnierend die anderen Themen, spannend und unterhaltsam zwischen Tradition und Fortschritt pendelnd. Grossartig komponiert und austariert wird die Geschichte von Amel Guellaty, faszinierend gespielt von Eya Bellagha als Alyssa und Slim Baccar als Medhi, bereichert mit der Authentizität und Intimität der Kameraarbeit von Frida Marzouk und den sphärischen und surrealen Melodien von Omar Aloulou. Bilder, Töne und Bewegungen verschmelzen auf subtile Weise, so dass man sich oft vorkommt, wie in einem surrealen Bild von Salvador Dali davonzuschweben. (Hanspeter Stalder, www.der-andere-film.ch)


Wir glauben euch

On vous croit - B 2025, Regie: Charlotte Devillers, Arnaud Dufeys, mit Myriem Akheddiou, Laurent Capelluto, Natali Broods, FSK 16, 78 Min., frz. OmU 

Filmszene aus Wir glauben euch
Do. 21.5., Sa. 23.5., Mo. 25.5. + Mi. 27.5. / 17:30
Fr. 22.5., So. 24.5. + Di. 26.5. / 20:00
Sa. 30.5., Mo. 1.6. + Mi. 3.6. / 18:00
So. 31.5. + Di. 2.6. / 20:30
Mi. 3.6. / 15:00

Alice muss erneut mit ihren Kindern zum Gericht. Die 40-jährige hat das alleinige Sorgerecht für den jungen Etienne und Teenagertochter Lila, will aber dafür kämpfen, dass beide den Vater nie wieder sehen müssen. Aus gutem Grund. Warum die Kinder bei seinem Anblick in Panik geraten, wird langsam während einer um Neutralität bemühten Gerichtssitzung offenbar. Das parallel laufende Missbrauchsverfahren gegen den Vater wird hier nicht verhandelt und noch gilt die Unschuldsvermutung des Beschuldigten. So müssen die Geschwister, deren Aussagen in der Verhandlung in Zweifel gezogen werden, um ihren Schutz vor dem Vater bangen. Während Alice dem Nervenzusammenbruch nahe ist, steht auch ihr Verhalten als Mutter auf dem Prüfstand. Sie sei mental instabil und das hätte massive Auswirkungen auf die Kinder, so der Vater. Alice hingegen bittet das Gericht darum, psychologische Hilfe für ihren Sohn beantragen zu dürfen. Eine Richterin soll nun entscheiden, wie es weitergeht. Weltpremiere in der Nachwuchssektion Perspectives der Berlinale 2025.

Über die Regisseur*innen:
Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys haben „Wir glauben Euch“ gemeinsam geschrieben und Regie geführt. Als Pflegefachkraft, die regelmäßig mit Missbrauchsopfern arbeitet, half Charlotte dabei, die intimeren Aspekte der Jugendgerichtsrealität einzufangen. Arnaud Dufeys, Filmemacher und Produzent, wurde für seine Kurzfilme international ausgezeichnet. (Quelle: Presseheft)

»Kinder sind im Gegensatz zu Erwachsenen nicht in der Lage, über einen längeren Zeitraum hinweg komplexe, schlüssige Lügen aufrechtzuerhalten. Vor diesem Hintergrund stellt sich eine grundlegende Frage: Was ist schwerwiegender, ein geringes Risiko einzugehen, sich in Bezug auf die Schuld eines Erwachsenen zu irren oder ein Kind dem viel größeren Risiko auszusetzen, Missbrauch oder sexuelle Gewalt zu erleiden? Der Film lädt die Zuschauer ein, über dieses Dilemma nachzudenken und den Stellenwert, den wir den Stimmen von Kindern in unserer Gesellschaft einräumen, zu überdenken. Sollten wir nicht eher bereit sein, ihnen zu glauben und sie zu schützen, insbesondere wenn ihr Mut, sich zu äußern, bereits so groß ist?« (Interview mit Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys, www.der-andere-film.de)

Eine der klügsten Entscheidungen des Films war es, echte Anwälte in wichtigen Rollen zu besetzen. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen Fiktion und Realität, und jedes Argument, jeder Einspruch und jede Erwiderung wirkt beunruhigend authentisch. Die Interaktionen erscheinen organisch statt einstudiert, was die immersive Qualität des Films verstärkt. 
(Chris Jones, mailnewsgroup.com)