Hannah Arendt

D/LUX/F 2012, Regie: Margarethe von Trotta, mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, 113 Min.

Filmszene aus Hannah Arendt
Mi. 14.10. / 17:30 ★ mit Gast und Filmgespräch: Dr. Matthias Bormuth (Uni Oldenburg), Moderation: Henning Bleyl, Heinrich Böll-Stiftung Bremen

Von den Nationalsozialisten verfolgt, gelingt der jüdischen Philosophin Hannah Arendt die Flucht in die USA. In New York baut sie sich ein neues Leben auf – als Journalistin, als Hochschuldozentin, und mitten im deutschen Intellektuellenmilieu, mit dem sie leidenschaftliche Debatten führt. Als 1961 der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem beginnt, bemüht sich Arendt um eine Stelle als Berichterstatterin vor Ort. Was sie dort erlebt, bringt sie zu einer Formulierung, die bis heute nachhallt: der „Banalität des Bösen". Im Englischen missverständlich geprägt, löst der Begriff einen Sturm der Entrüstung aus. Ihr daraus entstandenes Buch wird von verschiedenen Seiten falsch verstanden, als vermeintliche Verharmlosung von Eichmanns Schuld an den Verbrechen der Nazis. Margarethe von Trottas Spielfilm erzählt von diesem historischen Skandal, vor allem aber von dem, was Arendt eigentlich antreibt: das eigenständige, kritische Denken als Widerstand gegen die Entmenschlichung durch ein anonymes System. Gegen allen Druck von außen bleibt sie sich selbst treu, und lebt genau das vor, wofür sie eintritt.

Der Film wird zum Anlass von Hannah Arendts 120. Geburtstag gezeigt. Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen.

Trottas Film ist eine Gratwanderung zwischen Doku-Fiction und freierer Meditation, die mit den Mitteln des Spielfilms intellektuellen Vorgängen ästhetische Gestalt zu geben versucht und zentrale philosophische Fragen wie Schuld und Verantwortung, das Engagement eines Denkers in der Öffentlichkeit und die Natur des Bösen ins Zentrum rückt. Die zentrale Herausforderung der Inszenierung bestand darin, mit den Mitteln eines Spielfilms Ideen, Thesen und das Denken selbst auf die Leinwand zu bringen. Über weite Strecken funktioniert dies hier gut, ohne dass Arendts Standpunkte banalisiert würden. Trotta verzichtet auf die sich anbietende Off-Tonspur, die das Denken direkt zur Sprache bringen könnte, und bedient sich dafür anderer Kunstgriffe: Sie zeigt Arendt bei Vorträgen und vor Studenten im Seminar, lässt sie kurze Textpassagen lesen oder mit Freunden debattieren. Dies wirkt nie (zu) trocken und akademisch, ist abwechslungsreich und im Rahmen des Möglichen dynamisch erzählt. (Rüdiger Suchsland, www.filmdienst.de)

Hannah Arendt hat als Film durchaus seine Schwächen. […] Jemandem beim Denken zuzuschauen, ist nicht besonders spannend. […] Dass der neue Film von Margarete von Trotta trotzdem absolut sehenswert ist, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen führt sie mit Hannah Arendt nach Filmen wie Rosa Luxemburg oder Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen ihr thematisches Interesse an einflussreichen Frauen auf hohem Niveau weiter und schafft es, einer bedeutsamen deutschen Philosophin ein filmisches Denkmal zu setzen. Zum anderen zeigt sie dem Zuschauer ein wirksames Gegenmittel gegen das banale Böse: das eigenständige Denken. Diese Erkenntnis wird dem Zuschauer allerdings nicht in den Schoß gelegt. Er muss sie sich erarbeiten. (Björn Helbig, www.kino-zeit.de)