Über Jahrzehnte prägte das Bild der »deux solitudes« die Selbstwahrnehmung Kanadas: zwei voneinander isolierte, kulturell homogene Gesellschaften — Québec und die anglophonen Provinzen. Doch seit dem späten 20. Jahrhundert entwickelten sich neue Selbstbilder, die diese vereinfachende Sicht infrage stellen. Stimmen ehemals marginalisierter Gruppen wurden sichtbar und prägen heute Literatur, Kunst und insbesondere das Kino. Das moderne Cinéma Québécois präsentiert sich dadurch so divers wie die Gesellschaft, die es spiegelt. 
Unter dem Titel „La Face de la diversité" widmet sich die zweite Retrospektive Rendez-vous Québec dieser künstlerischen Vielfalt mit einer Auswahl herausragender Filme aus den letzten drei Jahren sowie moderner Klassiker des Cinema Québecois. Die Themen und Genres sind dabei so divers wie die Persönlichkeiten vor und hinter der Kamera, was die Filme indes verbindet, ist ihr mitreißendes Plädoyer an das Publikum, sich selbst neue Perspektiven zu eröffnen, die unsere gemeinsame Welt reicher machen.

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Die Retrospektive »Rendez-vous Québec« ist die zweite Edition eines Tourneeprogramms, zusammengestellt und organisiert vom Bundesverband kommunale Filmarbeit e.V.

Unterstützt durch die Vertretung der Regierung von Québec, Société de développement des entreprises culturelles du Québec ( SODEC).

Falcon Lake

CDN/F 2022, Regie: Charlotte Le Bon, mit Joseph Engel, Sara Montpetit, Monia Chokri, 100 Min., frz. OmU

Filmszene aus Falcon Lake
Do. 9.4. + Mo. 13.4. / 17:30
So. 12.4. + Di. 21.4. / 20:00
Mo. 20.4. / 20:30

Mit seiner Familie verbringt der 13-jährige Bastien aus Paris den Sommer an einem See in Laurentides,
einer an Natur reichen Region Québecs. Die Gastgeberin, eine alte Freundin seiner Eltern, quartiert Bastien und seinen kleinen Bruder im Zimmer ihrer 16-jährigen Tochter Chloé ein.
Chloés grunddunkle Stimmung passt indes so gar nicht zur sonnendurchfluteten Umgebung: Sie raucht, trinkt und füllt ihre Langeweile mit morbiden Selbstinszenierungen als Leiche und spröden Flirts mit den Jungen der Gegend. Bastien ist fasziniert von dem älteren Mädchen, das ihn zunächst nur zu dulden scheint, doch allmählich entwickelt sich eine verschlüsselte Vertraut- und Verbundenheit zwischen den beiden Jugendlichen. Aber wie in den Gespenstergeschichten vom See, die Chloé so eindringlich erzählt, legt sich ein diffuser Schatten über das fragile Sommeridyll.
Mit ihrer betörenden wie beklemmenden Adaption des Comics »Une Soeur« von Bastian Vivès gelang Regisseurin Charlotte Le Bon ein fulminantes Spielfilmdebüt, das in zeitloser 16mm-Optik den Zauber und Horror der Adoleszenz einfängt und meisterhaft zu einem lange nachhallendem Kinoereignis verdichtet.


Paul

CDN 2025, Regie: Denis Côté, mit Cleaning Simp Paul, 87 Min., OmengU

Filmszene aus Paul
Do. 9.4. + Mo. 13.4. / 20:00
So. 12.4. + Mo. 20.4. / 17:30
Di. 21.4. / 20:30

Paul leidet unter Depressionen und Sozialphobien. Um seinen einsamen Alltag zu bewältigen, hat der übergewichtige »Alice im Wunderland«-Fan für sich feste Routinen etabliert. Die verlässliche Kontrolle, die er im analogen Leben vermisst, findet Paul stattdessen in seinem Instagram-Profil. Hier in der virtuellen Social Media-Bubble kann er sein Image und die Wahrnehmung seiner Person steuern und gestalten. Aus seiner suchtartigen Selbstinszenierung wird ungeplant eine Beschäftigungstherapie für Paul: Als devoter »Cleaning Simp Paul« bietet er sich dominanten Frauen als Putzkraft an. Der Job hilft ihm, seine starren Gewohnheiten zu durchbrechen, doch zugleich verstärkt das auch seine Online-Fixierung. Unter dem Motto »Cleaning to Save My Life« veröffentlicht Paul permanent Insta-Reels von seinen unterwürfigen Putzeinsätzen. Vielleicht kann er durch die Erfüllung der Domina-Wünsche auch sein eigenes Glück finden?
Furcht- und kompromisslos nähert sich Filmemacher Denis Côté in dieser dokumentarischen Arbeit einer vermeintlich randständigen Existenz. Pauls Lebensentwurf oder das Milieu erfasst Côté als hellsichtige und berührende Reflexion über die menschliche Sehnsucht nach einem geschützten Platz in der Welt.


Über den Regisseur Denis Côté: 
Der franko-kanadische Filmemacher Denis Côté wurde 1973 in New Brunswick, Kanada, geboren. Seine Filme wurden auf verschiedenen internationalen Filmfestivals gezeigt und brachten ihm unter anderem beim Internationalen Filmfestival von Locarno sowie bei der Berlinale Preise ein. „Paul“ ist sein vierter Film, der bei den Internationalen Filmfestspielen von Berlin gezeigt wird.

Interview mit Denis Côté über „Paul“: „Er hat mir nie in die Augen geschaut“:
Denis Côté folgt in seinem Dokumentarfilm „Paul“ (Berlinale Panorama) einem schwergewichtigen Mann. Seine Ängste überwindet der, indem er für Dominas putzt. 
taz: Ein Held, der 136 Kilo wiegt und Sozialphobien und Angststörungen hat, ist kein offensichtlicher Held für einen Film, oder? 
Denis Côté: Nein. Ich will nicht böse sein, aber er ist nicht sehr cineastisch, nicht besonders charmant oder gutaussehend. Er hat keine besonders starke Präsenz. Da hatte ich beim Dreh plötzlich Zweifel und fragte meinen Cutter: Magst du das Material mit Paul? Und er sagte mir: „Ja, er hat was, dieser Typ, mach weiter.“ Da habe ich Vertrauen gefasst. Irgendwann findet man ihn liebenswert.
… Unser Problem war, dass er nicht mit Männern spricht, wahrscheinlich wegen der schwierigen Beziehung zu seinem Vater. Er hat mir nie in die Augen geschaut. (Kira Taszman, www.taz.de


Universal Language

CDN 2024, Regie: Matthew Rankin, mit Rojina Esmaeili, Danielle Fichaud, 89 Min., OmU

Filmszene aus Universal Language
Fr. 10.4., Di. 14.4. + Mi. 22.4. / 17:30
Sa. 11.4. + Mi. 15.4. / 20:00
Mi. 22.4. / 15:30

In einer mysteriösen Zwischenwelt kommt es zu Überschneidungen vom Leben im kanadischen Winnipeg und dem der iranischen Hauptstadt Teheran. Auf rätselhafte Art verweben sich hier die Schicksale der jeweiligen Stadtbewohner*innen miteinander und Raum und Zeit scheinen völlig auf den Kopf gestellt. So finden die Grundschüler Negin und Nazgol im Eis eingefrorenes Bargeld. Das passt perfekt – denn einer der vielen, plötzlich frei rumlaufenden Truthähne hat ihrem Mitschüler die Brille geklaut. Währenddessen führt Massoud eine Gruppe zunehmend verwirrter Tourist*innen zu den Sehenswürdigkeiten Winnipegs. Und Matthew kündigt seinen Job und begibt sich auf eine seltsame Reise zu seiner kranken Mutter in seine ihm plötzlich fremde Heimat. Merkwürdigerweise sprechen alle in Kanada auch plötzlich Farsi. Vielleicht löst das den alten Streit zwischen Anglo- und Frankophonie in Kanada in friedliches Wohlgefallen auf?
Matthew Rankins surreale Komödie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Best Canadian Discovery Award des Internationalen Filmfestivals in Toronto sowie dem FIPRESCI-Preis der Viennale 2024.

Rankin und seine Co-Autoren haben mit »Universal Language« etwas Eigenes geschaffen, das in jedem Moment totale künstlerische Freiheit und großes Selbstbewusstsein atmet. Es gelingen Rankin immer wieder bezauberndere Momente, Bilder, die faszinierend zwischen Fremd- und Vertrautheit oszillieren, und solche von traumhafter Schönheit [...] »Universal Language« ist zudem so buchstäblich wie unaufdringlich menschen- und völkerverbindend: Indem er eben nicht nur diverse Schicksale, sondern zwei sehr verschiedene Kulturen mit solcher Leichtigkeit ineinanderfließen lässt, erinnert Rankin uns daran, wie sehr sich Menschen trotz aller Unterschiede ähneln. (Patrick Seyboth, www.epd-film.de)

In Kanada sprechen plötzlich alle Persisch. Rod Stewart macht Karriere als Immobilienhändler. Und Truthähne klauen Brillen. Mit Universal Language ist Matthew Rankin eine der besten Komödien des Jahres und ein Feuerwerk des absurden Humors gelungen. [...] Wer Persisch versteht oder sich mit kanadischer Geschichte auskennt, dürfte noch einiges an Dialogwitzen und Insider-Gags aufschnappen – doch auch ohne diese Zusätze ist die surreale Komik von Matthew Rankin immer wieder laughing-out-loud-funny. Lachen ist eben eine universelle Sprache. (Martin Gobbin, www.critic.de)


C.R.A.Z.Y.

CDN 2005, Regie: Jean-Marc Vallée, mit Michel Côté, Marc-André Grondin, Danielle Proulx, 127 Min., frz. OmU

Filmszene aus C.R.A.Z.Y.
Fr. 10.4. + Di. 14.4. / 20:00
Sa. 11.4. + Mi. 15.4. / 17:30
Mi. 22.4. / 15:00
Mi. 22.4. / 18:00

Heiligabend 1960: Mitten in den Weihnachtsfeierlichkeiten kommt Zachary »Zac« Beaulieu in Québec zur Welt. Weniger festlich, dafür umso turbulenter ist der Alltag der Familie Beaulieu in den folgenden zwei Jahrzehnten. Zac und seine vier Brüder – Christian, Raymond, Antoine und der einige Zeit nach Zac geborene Yvan – sind C.R.A.Z.Y. Zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen und Anlass, sich ebenso zu benehmen. Insbesondere Zac als Teil der Pop- und Protestkultur der Sechziger und Siebziger Jahre, die das katholisch-konservative Québec in der sogenannten révolution tranquille transformierte, gerät immer wieder mit seinem gläubigen Vater Gervais aneinander. Ihr Konflikt spitzt sich mit Zacs sexueller Identitätssuche dramatisch zu.
Mehrere Jahre arbeiteten Regisseur Jean-Marc Vallée und Co-Autor François Boulay, auf dessen Jugenderinnerungen der Film basiert, am Drehbuch. Ihr Film gilt als Meilenstein des Cinéma Québécois und wurde 2015 vom Toronto International Film Festival in die Top Ten der besten kanadischen Filme aller Zeiten aufgenommen. Für Jean-Marc Vallée war das lebensbejahende Generationenporträt zwischen Coming of-Age und Coming Out das Ticket nach Hollywood. Da er 2021 im Alter von nur 58 Jahren verstarb, erlebte er nicht mehr, dass „C.R.A.Z.Y.“ 20 Jahre nach seiner Uraufführung als 4K-Restaurierung auf die Leinwand zurückkehrte.

Ein bestechendes Element an dem Film ist seine Balance zwischen sehr eigenwilligen Geschichten und Regie-Einfällen sowie den allgemeingültigen Beobachtungen, die dahinter stecken. Meistens leise, manchmal wehmütig und selten grell ist der Humor des Films, und obwohl sich die erzählte Handlung über zwei Jahrzehnte hinzieht, behält sie anhand einiger wesentlicher Themen die Kontinuität der Geschichte im Auge… So ist der brillant gespielte Film zugleich hautnah und metaphysisch, realistisch und allegorisch, familiär und soziologisch. Unter den zahlreichen kanadischen Filmen zum Thema Homosexualität ist er zweifellos eine Perle. (Oliver Rahayel, www.filmdienst.de)


Dieses grandiose kanadische "Ma vie en rosa" wäre nur als schwieriges Coming Out zu lang und zu konventionell. Doch Regisseur und Ko-Autor Jean-Marc Vallée gelang eine begeisternde Hitrevue mit schillernden Menschen und einer ernst zu nehmende Rebellion gegen die Religion. Schon die historische Ausstattung in dem Zyklus der Weihnachts- bzw. Geburtstagsfeiern mit dem Besten aus den Sechzigern, den späten Siebzigern und den frühen Achtzigern bietet Hochgenuss, der Humor ist vom Feinsten und lässt nie lange auf sich warten. (Günter H. Jekubzik, www.programmkino.de)