Aisha Can't Fly Away

EG/SUD/TUN/SAR 2025, Regie: Morad Mustafa, mit Bulina Simon, Ziad Zaza, 123 Min., FSK 16, arab., sudanesisch OmU

Filmszene aus Aisha Can't Fly Away
Do. 26.3., Sa. 28.3. + Mo. 30.3. / 20:00
Fr. 27.3., So. 29.3. + Di. 31.3. / 17:30
Mi. 1.4. / 20:15
Do. 2.4., Sa. 4.4., Mo. 6.4. + Mi. 8.4. / 18:00
Fr. 3.4., So. 5.4. + Di. 7.4. / 20:30
Mi. 8.4. / 15:00

Aisha ist 26 Jahre alt und lebt als sudanesische Migrantin in Ain Sham, einem Viertel im Herzen von Kairo. Ihren spärlichen Lebensunterhalt verdient sie als Pflegekraft und schickt den Großteil ihres Lohns an ihre Familie, die noch im Sudan und unter dem dort wütenden Bürgerkrieg versucht zu überleben. Auch in Aishas Viertel sind Rassismus und Kriminalität ihr ständiger Begleiter und es gibt Spannungen zwischen den ägyptischen Gangs und zugewanderten Menschen aus Afrika. Ohne Papiere ist sie zudem abhängig von ihrem zwielichtigen Vermieter, der Aisha im Tausch gegen „Sicherheit” zu einem unmoralischen Deal zwingt. Nicht mal die Treffen mit dem aufmerksamen jungen Koch Abdoun bringt Licht in ihr düsteres Leben. Als Aishas neuer Klient anfängt, sie sexuell zu bedrängen, spitzt sich ihre Situation gefährlich zu. Sie wird sich der Abwärtsspirale bewusst, in der sie ohne Ausweg gefangen zu sein scheint.

… das Spiel mit Genremustern macht aus einem klassisch sozialrealistischen Film etwas Ungewöhnliches: Den Versuch zu ergründen, wie die Strukturen von Migration und Ausbeutung sich physisch auf einen Menschen auswirken. Ein bemerkenswerter Debütfilm, dem man nicht zuletzt deswegen viele Zuschauer wünscht, weil er einen anderen Blick auf das allgegenwärtige Thema Migration wirft und zeigt, dass nicht nur der reiche Westen einen Fluchtort darstellt. (Michael Meyns, www.programmkino.de)

Das bildstarke Drama lässt sich viel Zeit, die es nicht immer ganz füllt, und wird der Komplexität seiner Protagonistin, die distanziert und irgendwie fremd bleibt, nicht ganz gerecht. Thematisch schöpft Mustafa bei Sozialdrama, Gangsterfilm und Bodyhorror aus dem Vollen, ohne die eigensinnige, fast hypnotische Erzählung zu durchbrechen, die dieses Debüt eindringlich macht. (Clarissa Lempp, www.indiekino.de)

Kaum ein Genrezugang hat das Weltkino zuletzt so befruchtet wie der Bodyhorror. … „Aisha Can’t Fly Away" des ägyptischen Regisseurs Morad Mostafa ist ein weiterer Beweis: ein Film, der aus dem Sozialdrama heraus eine politisch-poetische Metamorphose anstößt. … 
Mostafa erzählt dies zunächst mit der Strenge eines Milieudramas. Doch in Aishas innerem Kampf tauchen surreale Bilder auf: eine Straußenfigur, die zwischen Fluchtfantasie und Verwandlung oszilliert, schließlich eine Metamorphose, die den Körper zum Schlachtfeld der Gewalt und zugleich zum Ort der Befreiung macht. Politisches und Intimes verschmelzen, Aishas Körper wird zum Terrain von Unterdrückung und Selbstbehauptung. Mit seiner Weltpremiere in Cannes („Un Certain Regard") zeigte „Aisha Can’t Fly Away", wo das Weltkino derzeit am radikalsten und aufregendsten spricht.
(www.14films.de)


Love Me Tender

F 2025, Buch, Regie: Anna Cazenave Cambet, mit Vicky Krieps, Antoine Reinartz, Viggo Ferreira-Redier, FSK 16, 133 Min., frz. OmU

Filmszene aus Love Me Tender
Fr. 24.4. / 20:00

Die Pariser Rechtsanwältin Clémence ist seit kurzem geschieden und teilt sich auf freundschaftliche Weise die Sorge für ihren gemeinsamen kleinen Sohn mit Exmann Laurent. In dieser neuen Lebensphase beendet sie zuerst ihre Karriere, um Schriftstellerin zu werden, und einige Zeit später auch ihr bisher heterosexuelles Liebesleben. Als sich nach einigem Ausprobieren ihre lesbische Identität festigt, erzählt sie Laurent davon. Das hat zur Folge, dass ihr ehemaliger Partner sich plötzlich von seiner schlechtesten Seite zeigt. Da der unmoralische Lebenswandel von Clémence seiner Meinung nach die seelische Gesundheit des siebenjährigen Paul gefährde, beginnt er ein 
Sorgerechtsverfahren. Und Laurent bekommt vorerst Recht: Sie darf Paul nur noch unter Aufsicht treffen. Die Sorgerechtsprozesse ziehen sich hin und aus Monaten werden Jahre. Wer Pauls neue Freunde sind, was er gern mag – Clémence weiß es nicht mehr. Und Laurent tut alles, um die Verbindung zwischen Mutter und Sohn endgültig zu zerstören. Clémence versucht, im Schreiben Worte zu finden, die später eine Brücke zu ihrem Sohn bilden können. Verfilmung des Romans von Constance Debré, die vorher ebenfalls Rechtsanwältin war.

Selbst in angeblich aufgeklärten Gesellschaften hält sich die Ansicht, dass die Identität einer Frau als Mutter alle ihre anderen Identitäten überlagern muss. Nicht nur das: Jede Frau, die nicht bereit ist, alles in ihrem Leben für die Liebe ihres Kindes zu opfern, ist eine Abweichung und das ultimative Tabu: eine schlechte Mutter. Anna Cazenave Cambets weitreichendes, bewegendes Drama „Love Me Tender", basierend auf dem halbautobiografischen Roman von Constance Debré, zielt auf diese allgegenwärtige Ideologie der Heuchelei und der unerreichbar hohen Erwartungen und trifft vor allem dank einer fesselnd strahlenden Vicky Krieps mit schmerzlicher Genauigkeit. (Jessica Kiang, www.variety.com)


Zwischen uns das Meer

F/M/B/ KAT 2024, Drehbuch, Regie: Saïd Hamich Benlarb, mit Ayoub Gretaa, Anna Mouglalis, Grégoire Colin, 117 Min., frz. OmU

Filmszene aus Zwischen uns das Meer
Do. 23.4., Sa. 25.4., Mo. 27.4. + Mi. 29.4. / 17:30
So. 26.4. + Di. 28.4. / 20:00
Do. 30.4., Sa. 2.5. + Mo. 4.5. / 20:30
Fr. 1.5. / 18:00

Marseille, Anfang der 1990er Jahre. Der 27-jährige Nour ist ohne Papiere aus Marokko nach Frankreich gekommen. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Geschäften durch und lebt ein Leben am Rand der Gesellschaft, frei und doch fragil. Als Nour Serge begegnet, einem charismatischen und unberechenbaren Polizisten, verändert sich sein Leben grundlegend. Durch Serge lernt Nour auch dessen Frau Noémie kennen. Die beiden sind zwar verheiratet, doch Serge fühlt sich mehr zu Männern hingezogen. Noémie hat dies jahrelang stillschweigend ertragen und beginnt nun eine Affäre mit Nour. Zwischen den dreien entsteht eine Beziehung aus Begehren, Abhängigkeit und Sehnsucht. Über ein Jahrzehnt prägen Freundschaft, Liebe und Verlust Nours Leben im Exil.

Interview mit Saïd Hamich Benlarb:
Aber für ZWISCHEN UNS DAS MEER wollte ich mich mit der Flüchtigkeit des Gefühls des Exils auseinandersetzen. Der Versuch, den schwer fassbaren Aspekt des Exils einzufangen, schien mir nur durch die Romantik möglich. Ich wollte meine Figuren nicht auf ihre Identität als Migranten reduzieren, sondern ihre Unsicherheiten, Freundschaften, Liebesbeziehungen und Ansichten zeigen. (Presseheft)

›Across the Sea‹ begleitet seinen Hauptcharakter über rund zehn Jahre und zeichnet so das Bild einer ganzen Epoche. Dabei erzählt der Film unglaublich facettenreich von Liebe und Lust in all ihren Formen sowie von der ungeheuren persönlichen Last der Migration. Für Nour wird sie gar zur existenziellen Bedrohung. Doch am Ende bleibt uns die Hoffnung, dass die Liebe ihn zu retten vermag. Ein Film von großer Menschlichkeit. Publikumspreis 2024, Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2024


Gavagai

D/F 2025, Buch, Regie: Ulrich Köhler, mit Jean-Christophe Folly, Maren Eggert, Nathalie Richard, 89 Min., frz., engl., dt., wolof OmU

Filmszene aus Gavagai
Do. 30.4., Sa. 2.5. + Mo. 4.5. / 17:30
Fr. 1.5., So. 3.5. + Di. 5.5. / 20:00
Sa. 9.5., Mo. 11.5. + Mi. 13.5. / 20:30
So. 10.5. + Di. 12.5. / 18:00
Mi. 13.5. / 15:30

An der Küste des Senegal dreht die weiße französische Regisseurin Caroline Lescaut mit einem weitgehend afrikanischen Cast eine moderne Adaption der antiken griechischen Tragödie Medea. Sie verlegt die Geschichte über eine verlassene Königstochter aus Kolchis, die aus grenzenloser Verzweiflung ihre beiden Kinder tötet, aus dem antiken Griechenland nach Westafrika. Ihre – weiße - Medea wird von einem afrikanischen Stamm versklavt und Thronfolger Jason, Vater ihrer Kinder, verstößt sie. Die provokative Konstellation sorgt schon beim Drehen in Dakar für Turbulenzen und Diskussionen über Rassismus. Gespielt werden Medea und Jason von Maja und Nourou, die jenseits des Sets eine Affäre beginnen. Als der Film dann Monate später in Berlin Premiere feiert, nehmen die verheiratete Maja und Nourou ihre heimliche Liaison wieder auf. In Berlin vertauschen sich ihre Rollen und Machtpositionen verschieben sich. 
Drehbuchautor und Regisseur Ulrich Köhler, 1969 in Marburg/Lahn geboren, hat eine besondere Beziehung zum afrikanischen Kontinent. Mit seinen Eltern, beide Entwicklungshelfer, lebte er von 1974 bis 1979 in Zaire - heute Demokratische Republik Kongo. 2011 drehte er in Kamerun seinen Spielfilm „Schlafkrankheit“ über die Odyssee eines Mediziners, der den inneren Halt verliert.

Der auf Französisch, Englisch, Deutsch und Wolof gedrehte Film erweist sich als vielschichtige Reflexion über Kunst und Moral, Rassismus und Postkolonialismus, Machtstrukturen und Identität. Das zeigt sich nicht zuletzt am raffinierten Spiel mit Figurenkonstellationen und Bedeutungsverschiebungen. So ist Jason auf der Filmebene ein Täter, weil er Medea verstößt, sein Darsteller Nourou wird dagegen auf der Metaebene zum Opfer, als er in Berlin gleich zwei Mal von Wachpersonal gestoppt wird. Im Gegenzug wird Maja im Film ein Opfer der Verbannung, während sie sich in Berlin zu Gunsten von Nourou als „Weiße Retterin“ aufspielt. (Reinhard Kleber, www.kino-zeit.de)

Nun reflektiert Köhler also in doppelter Weise sein eigenes filmisches Schaffen, stellt Fragen über das Verhältnissen von Menschen, deutet an, wie schwer es ist, Vorwürfen für ein vorgeblich unbedachtes künstlerischen Tun zu entgehen, so sehr man sich auch bemüht. Wie stets in seinen Filmen, bedient sich Köhler Ellipsen und Leerstellen, deutet mehr an, als auf den Punkt zu bringen, lässt Raum und Luft, verzichtet dadurch aber auch auf eine Zuspitzung, die manchmal gut tun würde. Ein kluger Film ist „Gavagai“ geworden, stellt interessante, relevante Fragen, bleibt aber auch etwas zurückhaltend, akademisch und kontrolliert. (Michael Meyns, www.programmkino.de)