Die Effekte der Globalisierung sind überall in unserem Alltag zu finden. Und umgekehrt beeinflusst unser regionales Verhalten viele globale Prozesse und Entwicklungen und nicht zuletzt das Leben von Millionen von Menschen. Als Folge der Pandemie lässt uns der zeitweise Mangel gerade spüren, was der Preis für die kostengünstigere Auslagerung der Warenproduktion ist. Es sind große Abhängigkeiten entstanden durch den weltweiten Warenverkehr.

Kann der filmische Blick in die Welt helfen, unsere westliche Lebensweise mit anderen Augen zu sehen? Mitzufühlen, was der Preis hinter „immer billiger, immer mehr“ für andere Menschen, für Tiere und Umwelt ist? Können die Beispiele von engagierten Menschen für einen anderen Umgang miteinander und mit Ressourcen den Funken überspringen lassen? Wir glauben fest daran. Filmbilder haben Macht – im positiven Sinn können sie etwas bewegen.

In der Reihe "Globales Handeln" präsentieren wir jeden Monat einen passenden Film, in der Regel auch immer mit Gästen und Kooperationspartnern. Sie möchten sich an der Reihe beteiligen? Dann schicken Sie uns gerne Ihre Ideen: info@city46.de

On the Border – Europas Grenzen in der Sahara

D 2024, Regie: Igor Hauzenberger, Gabriela Schild, 102 Min., frz. OmU

Filmszene aus On the Border – Europas Grenzen in der Sahara
Do. 19.3., Mo. 23.3. + Mi. 25.3. / 20:00
Fr. 20.3., So. 22.3. + Di. 24.3. / 17:30
Sa. 21.3. / 20:00 ★ mit Regisseur Igor Hauzenberger
Do. 26.3., Sa. 28.3., Mo. 30.3. + Mi. 1.4. / 18:00
Fr. 27.3., So. 29.3. + Di. 31.3. / 20:30
Mi. 1.4. / 15:00

Der historische Stadtkern von Agadez im Niger mit seiner Lehmarchitektur existiert seit vielen Jahrhunderten. Die kleine Stadt am Rande der Sahara ist seit 20215 aber auch zu einem geopolitischen Brennpunkt geworden, denn hier testet die Europäische Union neue Grenz- und Überwachungskonzepte. Lassen sich 1000 km vor dem Mittelmeer bereits große Migrationsbewegungen Richtung Europa stoppen? Seit die EU ihren Fokus auf das sogenannte „Tor in die Wüste“ gelegt hat, verläuft eine virtuelle Grenze durch den Norden Nigers. Sie sorgt dafür, dass nur noch wenige Migrant*innen mit Genehmigung von Agadez in Richtung Mittelmeer weiterreisen durften. Im Gegenzug verspricht man den Bürger*innen der Stadt, die Jugendarbeitslosigkeit, Kriminalität und Korruption zu bekämpfen. Doch mit der Grenze versiegt die Haupteinnahmequelle der heimischen Tuareg, der Waren- und Personentransport durch die Sahara. Dafür greifen Arbeits – und Perspektivlosigkeit um sich – ein fruchtbarer Boden für Radikalisierung und Kriminalität. Nicht nur die Nigriner*innen stellen sich also Fragen: Was machen Amerika und Europa hier eigentlich? Und China uns Russland bringen sich auch bereits ins Spiel.

„On the Border“ ist ein fantastischer Wüstenfilm und ein Doku-Thriller: Agadez in Niger ist zu einer umkämpften Stadt geworden. Die EU, die USA, China und Russland haben große Interessen an der Tuareg-Stadt. 
Gabriela Schild und Gerald Igor Hauzenberger haben sich auf die Seite der Bevölkerung begeben. Fünf Jahre hindurch haben sie immer wieder in Agadez gedreht. Wahrscheinlich waren sie das einzige westliche Team mit Mitarbeitern vor Ort. Vor allem wie es der Bevölkerung geht, hat das Regie-Duo interessiert. Sie haben Freundschaft geschlossen mit dem Bürgermeister Rhissa Feltou, eine Radiojournalistin und einen Händler kennengelernt. Diese Menschen erzählen von ihrer Stadt und aus ihrem Leben. Das sind unglaubliche Geschichten, die Augen öffnen und überraschen. (Maria Motter, www.orf.at)

In ausbalancierter Montage von privaten Gesprächen, Persönlichem und einer größer gefassten Perspektive auf regional- und weltpolitische Zusammenhänge spüren Gerald Igor Hauzenberger und Gabriela Schild der komplexen Geschichte und Gegenwart Agadez’ nach. Über mehrere Jahre hinweg haben sie zugehört, Fragen gestellt, Vertrauens- und Beziehungsarbeit vor Ort geleistet. So treten Nähe, Staunen und Übersicht in einen nuancierten filmischen Dialog. Entlang der Bruchstellen eines vielleicht historischen westafrikanischen Paradigmenwechsels. Entlang einer Grenze, die keine ist. (Quelle Mirafilm)


Blame

CH 2025, Regie: Christian Frei, 123 Min., div. OmU

Filmszene aus Blame
Mo. 20.4. + Mi. 22.4. / 20:00
Di. 21.4. / 17:30
Do. 23.4., Sa. 25.4., Mo. 27.4. + Mi. 29.4. / 18:00
Fr. 24.4., So. 26.4. + Di. 28.4. / 20:30
Mi. 29.4. / 15:00

Nachdem in Hongkong im Jahr 2003 die erste große Epidemie des neuen Jahrtausends aufgetreten war, begann die Suche nach dem Ursprung des SARS-Virus. Drei Wissenschaftler*innen aus China, Singapur und den USA sind überzeugt, dass Fledermäuse die Überträger sind. 2015 finden sie tatsächlich eine Höhle mit Tieren, die den Virus in sich tragen. Ihre Warnungen an die Welt, dass die Covid-Viren tödlich für den Menschen seien, werden ignoriert. Als die Pandemie 2020 ausbricht, werden die Tatsachen verdreht und die drei Warnenden zu Verursachern gemacht. Die Wissenschaftler*innen werden beschuldigt, das Virus im Labor entwickelt zu haben und müssen um ihre Reputation kämpfen. 
Im Kontrast zu der Flut von Falschmeldungen und aufgeheizter Mediendiskurse lässt der Regisseur seine Hauptfiguren ihre eigene Perspektive schildern. Im Zusammenhang mit der damaligen Gesundheits-Administration der USA und Trumps Wiederwahl in diesem Jahr nimmt er auch die Gegenwart in den Blick. Es wird deutlich, warum spekulative Sensationen die Welt der Fakten immer nachhaltiger verdrängen.

Gleich zu Beginn macht eine Texteinblendung klar, dass „Blame“ aus der Perspektive der drei Wissenschaftler erzählt ist. Auch tritt der Regisseur nicht hinter die Kamera zurück, sondern bringt sich wiederholt als aktiver Part ins Geschehen ein; Frei stellt Fragen, fasst Ereignisse, die nicht im Bild zu sehen sind, aus dem Off zusammen und hat den Kommentar seines Films, der dessen Entstehungsprozess selbstreflexiv miteinbezieht, eigenhändig eingesprochen. Kritische Nachfragen an die drei porträtierten Wissenschaftler, deren jeweiliger Werdegang in aller Kürze nachgezeichnet wird, sucht man bei ihm allerdings vergebens. …
Und dennoch ist Freis Film ungemein wichtig, weil er sein Publikum für Verschwörungstheorien, Medienstrategien und politische Manöver sensibilisiert und im Idealfall gegen diese impft. Weil er auf die Gefahr möglicher weiterer Pandemien hinweist. Und weil er eine Lanze für faktenbasierte Wissenschaft bricht. Angesichts der aktuellen Weltlage ist das gar nicht hoch genug anzurechnen. (Falk Straub, www.film-rezensionen.de)

Blame zeigt aber auch — neben der spannenden, fachlich-virologischen Einordnung – wie die drei WissenschaftlerInnen immer mehr zur Zielscheibe von VerschwörungstheoretikerInnen und rechten AgitatorInnen wurden, die kein Interesse an einer ernsthaften, fundierten Auseinandersetzung auf Faktenbasis hatten: Das ging so weit, dass Daszak täglich Morddrohungen erhielt und sich nur noch in Begleitung von Securities in der Öffentlichkeit bewegen konnte…. Blame ist insofern ein höchst relevanter Film, da er ein Thema aufgreift, das unsere Gesellschaften in den vergangenen Jahren erschüttert hat wie kaum etwas anderes – und unsere Gegenwart auf unterschiedliche Weise weiter prägt, sei es durch direkte medizinische Pandemie-Folgen, Rekordkrankenstände oder das Aufkommen entsolidarisierender und sozialdarwinistischer Ideologien und rechter Bewegungen. (Christian Klosz, www.kino-zeit.de)