Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien

D 2020, Regie: Bettina Böhler, mit Musik von Helge Schneider, 124 Min.

Christoph Schlingensief gilt bis heute als einer der wichtigsten deutschen Ausnahmekünstler*innen seiner Zeit. Mit oftmals provokanten und auch politischen Aktionen im Film und auf der Bühne machte er immer wieder auf aktuelle Thematiken und gesellschaftliche Missstände aufmerksam. Dabei wolle er gar nicht provozieren, sondern vielmehr durch kleine Portionen „Gift“ zur Selbstheilung anstacheln. Selbst seinen frühen Tod aufgrund einer schweren Krebserkrankung verarbeitete Schlingensief in seinem vielleicht berühmtesten Werk: „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“.
Die renommierte Filmeditorin Bettina Böhler verbindet eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem Künstler. So fließen auch private Aufnahmen in ihre Dokumentation. 2020 wäre Schlingensief 60 Jahre geworden, sein Tod jährt zum zehnten Mal und die Frage stellt sich: Wie würde seine Kunst heute aussehen? Und könnte sie so überhaupt noch existieren?

 

Welch eine Freude, wieder einmal Christoph Schlingensief zuzuhören und zuzusehen! Die gedankliche Schärfe, die schelmische Ironie und die politische Klarheit, mit der er in Bettina Böhlers Film über sich, seine Kunst und seine Filme spricht, lassen den Ausnahmekünstler schmerzlich vermissen, gleichzeitig aber auch quicklebendig auf der großen Leinwand auferstehen. Premiere bei der Berlinale 2020 in Panorama Dokumente www.berlinale.de

In ihrem ungemein unterhaltsamen und gleichzeitig tief berührenden Regiedebüt montiert Bettina Böhler virtuos private Aufnahmen und künstlerische Arbeiten Schlingensiefs, dessen ungebändigte Energie sich unwillkürlich auf die Zuschauer überträgt. Die tiefgründige Annäherung an sein mannigfaltiges Œuvre ist das erste umfassende Filmporträt über den provokanten Regisseur, der in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden wäre und dessen Todestag sich zum 10. Mal jährt. Pressenotiz weltkino.de

2007 wurde Böhler mit dem Bremer Filmpreis für langjährige Verdienste um den europäischen Film ausgezeichnet. Bettina Böhler, Berlinale 2020

Lovemobil

D 2019, Regie: Elke Margarete Lehrenkrauss, 103 Min.

Mini-Bordelle an Bundesstraßen gehören in der niedersächsischen Provinz schon seit Jahrzehnten zur Infrastruktur zwischen Gifhorn und Wolfsburg. Der Filmemacherin Elke Lehrenkrauss sind diese umfunktionierten Wohnwägen seit ihrer Kindheit bekannt. Nun werden die dort arbeitenden Frauen zu den Protagonistinnen ihres Langfilm-Debuts. Nach den ersten erfolglosen Annäherungsversuchen konnte sie das Vertrauen der Sexarbeiter*innen gewinnen. Drei Jahre verbrachten sie miteinander, und Elke Lehrenkrauss kommt den Frauen dabei sehr nahe. Ohne jegliche moralische Wertung oder den üblichen ernsten Kommentaren aus dem Off gelingt es ihr, deren Situation fühlbar zu machen. Vor allem geht es um die Frauen und ihre Träume in einem Milieu, in dem sie weder freiwillig ihrer Arbeit nachgehen noch dazu gezwungen werden. In der nächtlichen Einsamkeit eröffnet sich der Abgrund eines Mikrokosmos´, der Prostitution als knallharte Endstufe eines globalisierten Kapitalismus erfahrbar macht.
„Lovemobil“ lief auf mehreren Festivals und gewann unter anderem den Preis für die beste internationale Dokumentation in Los Angeles und die „Die TILDA", Frauenfilmpreis des Int. Filmfest Braunschweig 2019.

Wir hatten wirklich überhaupt keine Schwierigkeiten, männliche Protagonisten zu finden. Ich denke, dass die einfach einen ganz anderen Blick auf die Welt haben. Ich glaube, dass sie Prostitution als etwas wahrnehmen, was es geben sollte, und dass es gut ist, dass es das gibt. Und das ist natürlich der große Missstand.
Elke Margarete Lehrenkrauss im Gespräch mit Ute Welty für Deutschlandfunk_kultur

„Lovemobil“ ist keine Sozialreportage, keine Recherche zum Elend von Frauen, die in die Prostitution gezwungen wurden. Aber auch keine journalistische Arbeit, die dem Publikum alles schön sachlich erklärt, sodass man viel erfährt, aber wenig spürt.
Wilfried Hippen, taz.de

Elke Margarete Lehrenkrauss, Jahrgang 1979, ist eine in Berlin lebende Filmemacherin und bildende Künstlerin. Im Jahr 2012 schloss sie ihr Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) mit Auszeichnung als Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes ab. Im Jahr 2003 erwarb sie ihr Diplom in Videokunst an der Hochschule Luzern – Design und Kunst (HSLU). Ihre Werke wurden an Festivals, in Museen und Galerien weltweit ausgestellt und mehrfach ausgezeichnet.
Katalog Locarnofestival

Giraffe

DK/D 2019, Drehbuch & Regie: Anna Sofie Hartmann, 87 Min, dt., engl., dän., poln. OmU

Der Fehmarnbelttunnel soll zukünftig Deutschland und die dänische Insel Lolland verbinden. Die Ethnologin Dara, Dänin mit Lebensmittelpunkt Berlin, soll zuvor die abzureißenden Häuser auf der Insel dokumentieren. Nach Generationen am selben Ort müssen die Bewohner nun dem Bauprojekt weichen. Dara sammelt, fotografiert, interviewt und hält das noch Bestehende fest. Dabei entdeckt sie die Tagebücher der alten Agnes und lernt Birte und Leif kennen, die ihr Haus verlassen müssen, das seit Generationen weitergegeben wurde. Lucek, ein junger Mann aus Polen, ist mit seinen Kollegen auf der Baustelle eingesetzt. Zufällig entwickelt sich zwischen Dara und Lucek eine Affäre. Sie ist 38, er 24. Für beide ist das kein Problem, doch es gibt noch Daras Freund in Berlin. Weltpremiere beim Locarno International Filmfestival 2019; FIPRESCI-Preis der Viennale 2019.

Was Hartmanns Drama von ganz gewöhnlichen unterscheidet, ist eine Form, die das Erzählte in einer nie ganz greifbaren Schwebe hält. Die Anwohner und Interviews sind echt. Die polnischen Bauarbeiter rund um Jakub Gierszal, der Lucek gibt, sind es ebenso. In Kombination mit den gespielten Szenen und Agnes‘ Tagebucheinträgen, die Daras Stimme zu ruhigen Einstellungen der Hinterlassenschaften aus dem Off vorträgt, ergibt sich eine merkwürdige Mischung aus Dokumentation, Fiktion und Reflexion. […] „Giraffe“ ist ein nachdenklicher Film über den Fortschritt, darüber, was durch ihn gewonnen wird und was verloren geht.
Falk Straub, www.kino-zeit.de

Anna Sofie Hartmann verurteilt Dara und ihr Verhalten nicht. Sie dokumentiert einfach, mit welcher Selbstverständlichkeit die Gesetze des Marktes das gesamte Leben beherrschen. So weitet eine nüchtern erzählte, im Kern aber melodramatische Liebesgeschichte den Blick auf den Abschied von den Häusern und Höfen, die auf Lolland dem Tunnel weichen müssen.
Sascha Westphal, www.epd-film.de

Drei Tage und ein Leben

Trois jours et une vie – F / B 2019, Regie: Nicolas Boukhrief, mit Sandrine Bonnaire, Pablo Pauli, Charles Berling, 120 Min., OmU

Das idyllische Dorf Olloy in den Ardennen wird 1999 durch einen furchtbaren Vorfall erschüttert: der kleine Rémi ist auf einmal wie vom Erdboden verschwunden. Drei Tage werden die Wälder nach dem vermissten Jungen durchkämmt, bis ein herannahendes Unwetter die Suche unmöglich macht. Drei Tage, die sich für den 12-jährigen Antoine anfühlen, wie ein ganzes Leben. Denn nur er weiß, was wirklich mit Rémi passiert ist. 15 Jahre später zieht es Antoine nach Olloy zurück. Es scheint, als wäre die Zeit hier stehen geblieben. Rémis Verschwinden ist noch immer ungeklärt, die Dorfgemeinschaft nach wie vor entzweit. Nun endlich sollen die Sturmschäden von damals beseitigt werden – und Antoine muss sich seinen Schuldgefühlen stellen.
Nach der französische Buchvorlage von Pierre Lemaitre.

An diesem spannend inszenierten Schuld- und Sühne-Drama mit überraschenden Wendungen hätte auch ein Chabrol wohl sein Vergnügen gehabt.
Dieter Oswald, Programmkino

A very well-interwoven and well-acted work.
Cineuropa

Vitalina Varela

P 2019, Regie: Pedro Costa, mit Vitalina Varela, Ventura, 124 Min., kapverd. port. OmU

Vitalina kommt mit 55 Jahren endlich von den Kapverden nach Portugal. 40 Jahre wartete sie auf ein Flugticket, und nun kommt sie zu spät: Ihr Mann Joaquin, der sie damals auf den Kapverden mit dem Versprechen zurückgelassen hat sie nachzuholen, ist drei Tage zuvor gestorben. Irritiert versucht sie, sich in seiner Behausung im Lissaboner Armenviertel Fontainhas zurechtzufinden. Während die Bewohner*innen des Viertels sie aufsuchen, reflektiert Vitalina ihre Zeit, die sie gemeinsam mit und vor allem getrennt von ihrem Mann verbracht hat. Sie möchte nun sein Leben kennenlernen, ein Leben, das auch ihres hätte sein können.
Mit „Vitalina Varela“ führt der portugiesische Filmemacher Pedro Costa seine Kinokunst zu neuen Höhen. Wie kunstvolle Gemälde schälen sich die Filmbilder aus dem Dunkel der Leinwand. Pedro Costas Film wurde weltweit als Kino-Meisterwerk gefeiert: Goldener Leopard als bester Film & Silberner Leopard als beste Darstellerin beim Internationalen Filmfestival Locarno 2019

Ein bildgewaltiger, aus nuancierten tiefschwarzen Farbtönen komponierter Blick auf Existenzen am Rande der portugiesischen Gesellschaft. Die Schatten der kolonialen Vergangenheit manifestieren sich an dabei an den mit minimalen Lichtquellen virtuos in Szene gesetzten Schauplätzen, Gesichtern und Körper[...] Pedro Costa filmt schon seit vielen Jahren mit kleinem Team und ohne Drehbuch; die Geschichten entstehen in enger Zusammenarbeit mit den Protagonisten, meist Zugewanderte von den Kapverden, die in den Slums von Lissabon leben, Menschen wie Vitalina Varela.
Esther Buss, www.filmdienst.de

Es ist ein Film über das Zuspätkommen, über ein verfehltes oder geraubtes gemeinsames Leben, das immer Möglichkeit und Hoffnung war und im endgültigen Verschwinden eine Wunde schlägt. Das Schließen dieser Tür öffnet keine neue. […] Es ist eine Geistergeschichte, insofern sich unentwegt Vergangenheit und Gegenwart begegnen und Leben als Echo und Trauma nachwirken. Es ist ein Film über Menschen, für welche die Welt nichts bereithält, die ewig nach Orten und Objekten suchen, die wirklich ihnen gehören.
Lucas Barwenczik, www.kino-zeit.de

Tryggð – The Deposit

IS 2019, Regie: Ásthildur Kjartansdóttir, mit Elma Lísa Gunnarsdóttir, Enid Mbabazi, 89 Min., isl. OmU

Gisella nimmt ihren Job sehr ernst: Als Journalistin will sie über wirklich weltbewegende Themen berichten und sich nicht nur ständig nach möglichen Verkaufszahlen richten müssen. Das Schicksal der Einwanderinnen in Reykjavik, die seit Jahren in einer herunter gekommenen Unterkunft am Hafen hausen, scheint wie gemacht für Gisellas Ambitionen. Kurzerhand nimmt sie Marisol wie auch Abeba und deren Tochter Luna bei sich auf, um sie zu unterstützen. Doch was sich für alle Beteiligten zunächst anfühlt wie ein simpler Akt der Fürsorge, wird schnell zu einer Gradwanderung zwischen gegenseitigem Respekt und Bevormundung.

„Tryggð“ ist der Debütfilm der isländischen Filmemacherin Ásthildur Kjartansdóttir. Es gelingt ihr, die drei Frauen und das junge Mädchen so lebendig auf der Leinwand zu zeigen, dass der Film erstaunlich spannend ist, obwohl in ihm im Grunde nur alltägliche Reibereien durchgespielt werden. Und die Geschichte ist zugleich so aktuell und universell, dass sie statt in Island genauso auch in Italien, England oder Deutschland spielen könnte.
Wilfried Hippen, taz.de

Regisseurin Ásthildur Kjartansdóttir liefert mit ihrem Langfilmdebüt „Tryggð – The Deposit“ eine ambivalente Grenzerfahrung, die sich in den eigenen vier Wänden abspielt, dabei zwischen Besitz und Anspruch, Eigennutz und Wohlwollen verhandelt und offen legt, wie radikal man an seinen eigenen Moralvorstellungen scheitern kann.
Elisabeth Hergt, Kino-Zeit

Kjartansdóttir’s first fiction feature is a great psychological drama. The movie is rich in intense dialogues, boasts an elegant mise-en-scène and demonstrates the director’s superb knowledge of the acting profession. In addition, the soundtrack, composed by Kira Kira, serves the film’s purposes well, and does so in an effective and understated manner.
Davide Abbatescianni, Cineuropa

Playland USA

D 2019, Regie: Benjamin Schindler, 88 Min., OmU

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der Träume, der Freiheit, des Elends: Die Vereinigten Staaten üben schon seit Beginn ihrer durchaus blutigen Geschichte eine mächtige Faszination aus. Oftmals sind in den märchenhaften Bildern der USA Realität und Fiktion kaum zu unterscheiden, sie changieren zwischen Klischee, Sehnsucht und Mythos. Wo sonst kann man mit einer Geisterjägerin, einem Weihnachtsmann und einem UFO-Gläubigen ernsthafte Gespräche führen? Dokumentarfilmer Benjamin Schindler nimmt sich dieser Faszination an und erstellt ein essayistisches Portrait des Mysteriums USA, ohne dabei strukturelle Probleme wie Rassismus und Geschichtsrevisionismus unter den Teppich zu kehren.

Schindlers Bilder mit ihren majestätischen Fahrten und grandiosen Widescreen-Kompositionen sind von großer ästhetischer Kraft, von erlesener Schönheit; sie sprechen meist für sich, kommen ohne Voice-over und strukturierende Elemente aus. Schindler bringt sie in einen langen, assoziativen Fluss, lässt vieles für sich stehen, sucht nicht einmal nach Bedeutung oder Wertung. Er ist kein Geschichtenerzähler, auch kein Analytiker, eher ein Formalist auf der Suche.
Frank Schnelle, epd-film

Wie konnte Trump zum 45. Präsident der USA werden? Diese Frage stellt indirekt auch der deutsche Regisseur Benjamin Schindler. […] „Mich interessiert, inwieweit amerikanische Mythen der Popkultur und des Kinos Eingang in die Politik und somit in unsere Realität finden und wie Erzählweisen genutzt werden, um beispielsweise die Notwendigkeit von Kriegseinsätzen vor der Bevölkerung zu rechtfertigen oder schlicht Konsumgüter besser zu verkaufen.“ Das Ergebnis des jungen Regisseurs verblüfft.
Jochen Kürten, Deutsche Welle