Let’s DOK / 20. Dokumentarfilm Förderpreis

Ein Tag für den Dokumentarfilm in Kooperation mit dem Filmbüro Bremen. Am 19. September wird mit dem bundesweiten Aktionstag Let's DOK der Dokumentarfilm gefeiert: In Kinos auf der großen Leinwand, in Kulturzentren, auf Häuserwänden, in Hinterhöfen, im Rahmen mobiler Projektionen auf dem Land und an vielen anderen alternativen Orten. Dokumentarfilme sind besonders: Sie rütteln auf, sie inspirieren, sie machen Spaß und regen zur Diskussion an. In unserer global vernetzten, immer unübersichtlicher werdenden Welt sind sie ein unverzichtbarer Teil der öffentlichen Meinungsbildung. Damit sind sie heute wichtiger denn je. 

Im Rahmen des bundesweiten Aktionstages Let's DOK verleiht das Filmbüro am 19. September seinen 20. Bremer Dokumentarfilm Förderpreis. In Kooperation mit dem Kommunalkino City 46 wird ein besonderes Filmprogramm für Kinder und Erwachsene gezeigt.

Warum ich hier bin

D 2018, Buch & Regie: Mieko Azuma & Susanne Mi-Son Quester, 67 Min., FBW-Prädikat: wertvoll, empf. ab 10 Jahren

Stell dir vor, du muss alles, was du mitnehmen kannst, in einen einzigen Koffer packen. Alles andere bleibt zurück. Und dann verlässt du die Stadt und deine Freunde und weißt nicht, ob du sie je wiedersehen wirst. So ist es den fünf Menschen ergangen, junge und alte, die erzählen, wie sie als Kind ihre Heimat verlassen mussten. Wir lernen den 10-jährigen Ahmad aus Syrien kennen, die 17-jährige Deutsch-Japanerin Lena, die das verheerende Erdbeben von Fukushima miterlebt hat; den heute 35-jährigen ehemalige Fußballstar Cacao aus Brasilien, Leila aus Bosnien und Frau Schiller, die nach dem zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen fliegen musste. Für alle ist Deutschland mittlerweile zur zweiten Heimat geworden. Sie fühlen sich beiden Ländern gleichermaßen verbunden.

Altersgerecht auf Augenhöhe und mit wunderschönen Animationen führt der Dokumentarfilm durch Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Neuankommens in Deutschland. Katalog DOK.fest München 2019

Informativ werden in dem 65-minütigen Film sorgfältig angelegte und ansprechend gestaltete Zeichnungen platziert, welche die diversen Hintergründe der Flucht und die verschiedenen Schicksale der Menschen veranschaulichen. Die Interviews sind organisch geschickt miteinander verwoben, so dass Zuschauerinnen und Zuschauer ab 10 Jahren problemlos folgen können. FBW-Prädikat: wertvoll

 

Der Bremer Dokumentarfilm Förderpreis wird seit 1991 ausgelobt. Prämiert werden die Idee oder das erste Treatment für einen Dokumentarfilm, der mit Hilfe des Preisgeldes zur Produktionsreife weiterentwickelt wird. Der Recherchepreis wird von einer unabhängigen Fachjury vergeben. Einer der Preise ist einem Projekt mit Bremen-Bezug vorbehalten. Im Kino stellen die neuen Preisträger*innen ihre Projekte erstmals vor Publikum vor.

Sa. 19.9. / 17:30 mit Gästen
– geschlossene Veranstaltung –

Der Prinz und der Dybbuk / Gewinner des 18. Bremer Dokumentarfilm Förderpreis

P/D 2017, Regie: Elwira Niewiera & Piotr Rosołowski, 82 Minuten, OmU

Sein Leben begann 1904 in der Ukraine als Sohn eines jüdischen Schmiedes und endete 1965 in Italien als Katholik und Prinz. Moshe Waks alias Michał Waszyński war in den 1930er Jahren einer der renommiertesten Regisseure Polens; zu seinen berühmtesten Werken gehört der in Jiddisch gedrehte „Der Dibuk“ ("Der Dybbuk", PL 1937), ein im Milieu jüdisch-polnischer Kleinstädte spielendes Familien- und Liebesdrama. Während des 2. Weltkriegs flüchtete Waszyński aus Polen und wurde in Italien Produzent großer Hollywoodfilme wie „Der Untergang des römischen Reichs“ (1964). Als Michal Waszynski 1965 starb, wurde er in Rom pompös beigesetzt, sogar die Wochenschau berichtete darüber. Für ihr Porträt dieses menschlichen Chamäleons, das mit großem Geschick seine jüdische Herkunft und seine Homosexualität verschleierte, um Intoleranz und Antisemitismus zu entgehen, wurden Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski 2017 in Venedig mit dem Löwen für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Bremer Dokumentarfilm Förderpreis 2014 geht an „Der Prinz und der Dybbuk“
Filmbüro Bremen

Interview mit Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski, Februar 2019:
Niewiera: "Der Film gewinnt in diesen Zeiten an Aktualität. Er erzählt von einer Realität, die es vielen nicht erlaubt, man selbst zu sein – wegen Abstammung, Hautfarbe, Religion oder sexueller Ausrichtung. In Polen sind in den letzten Jahren die Geister der Intoleranz erwacht. Die Politik stürzt sich auf nationale Begriffe und es zeigt sich, dass der Antisemitismus tief in uns steckt."
Sabrina Pohlmann, www.sissymag.de

Auch wenn »Der Prinz und der Dybbuk« der Biografie von »Mike« folgt, ist der Film kein simpler filmkundlicher Dokumentarfilm, der Fakt an Fakt reiht. Er montiert sein Material zu einem berührenden Essay über Identität und Illusion. Und europäische Geschichte. Archivaufnahmen aus den Shtetln Osteuropas erinnern daran, dass es diese Welt nicht mehr gibt und die Menschen aus den Filmen von den Nazis umgebracht wurden.
Rudolf Worschech, www.epd-film.de

Die Regisseure Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski unternehmen gar nicht erst den Versuch, Waszyńskis Leben mit den Mitteln des klassischen biografischen Dokumentarfilms zu entschlüsseln, auszudeuten und perfekt auszuleuchten. Lücken werden nicht kaschiert, sondern benannt, und wenn einem Waszyński am Ende nicht etwa „nahegebracht“ wurde, sondern ganz im Gegenteil zu einer fast noch rätselhafteren Figur geworden ist, dann ist das kein bug, sondern ein feature.
Lukas Förster, www.sissymag.de