1522 kam die Reformation nach Bremen: Heinrich von Zütphen hielt die erste reformatorische Predigt. 500 Jahre später fragen wir, was heute reformiert werden muss. Wo müssen und wo können wir unser Leben und unsere Welt ändern?
Zehn Bremerinnen und Bremer zeigen, an welcher Stelle sie sich für Freiheit und Veränderung einsetzen und welcher Film sie bei ihrem Engagement begleitet und gestärkt hat.

Zur Sache, Schätzchen

BRD 1967, Regie: May Spils, mit Werner Enke, Uschi Glas, 78 Min., s/w
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Wäre da nicht sein Freund, der glücklose Schauspieler Henry, hätte der arbeitsscheue Martin seinen 25. Geburtstag wohl im Bett verbracht. Während er ziellos durch Schwabing treibt, lernt er die eigenwillige Barbara kennen. Die wirbelt sein lahmes Leben fröhlich durcheinander, doch trotz der schönen Zeit mit ihr ist Martin überzeugt: „Es wird böse enden.“ 1968 war der Film ein Erfolg an den Kinokassen.
Mit 26 Jahren präsentierte May Spils als erste deutsche Regisseurin der Nachkriegsgeneration dem Publikum 1968 eine Komödie, die frech den Zeitgeist traf und zum Kultfilm wurde.

Edda Bosse, Präsidentin der Bremischen Evangelischen Kirche, hat den Film als Jugendliche zusammen mit ihrer Großmutter gesehen und war davon beeindruckt, wie hier althergebrachte Ordnungen auf den Kopf gestellt werden.

Mehr zum Film, seinem Umfeld und die Folgen: http://zursacheschaetzchen.de/

Vergangene Filme dieser Reihe:

Die Farbe des Horizonts

USA 2018, Regie: Baltasar Kormákur, mit Shailene Woodley, Sam Claflin, Grace Palmer, 105 Min., OmU

Tahiti 1983: US-Backpackerin Tami aus San Diego lässt sie sich durch die Welt treiben, wechselt von einem Ort und Job zum nächsten. Was als nächstes passieren wird, überlässt sie dem Schicksal, und das führt sie zu Richard, einem britischen Profi-Segler. Ein Traummann auf einer Trauminsel, alles ist perfekt. Bald hat das junge Paar auch einen lukrativen Auftrag an Land gezogen. Sie sollen die Luxusjacht eines Ehepaares von Tahiti nach San Diego überführen. Glücklich starten sie ins Abenteuer, doch unerwartet trifft sie 2000 Seemeilen vom Festland entfernt ein gewaltiger Hurrikan. Das Boot ist nur noch ein Wrack, Richard lebensgefährlich verletzt und Tami hat keinerlei Segelerfahrung.
„Die Farbe des Horizonts" beruht auf wahren Ereignissen, die Tami Oldham Ashcraft über ihren 41 Tage währenden Schiffbruch im Buch „Red Sky in Mourning: A True Story of Love, Loss and Survival at Sea" schrieb.

Eine Frau auf einem seeuntüchtigen Segelboot, mitten im Pazifischen Ozean, mit wenig Nahrung und Trinkwasser, dazu ein schwer verletzter Mann, den sie doch gerade erst kennen gelernt hat und keineswegs verlieren will – das ist jene Handlungsprämisse, die hier so große Angst und Beklemmung auslöst. […] Doch nach der Katastrophe des Hurrikans, in den Actionszenen atemberaubend und technisch perfekt inszeniert, geht es auch um die Rettung dieser Liebe, und das verstärkt die Tragik des Films noch. (Michael Ranze, programmkino.de)

Vergangene Filme des Arbeitskreises Kirche&Kino:

Im zweiten Jahr Corona haben sich die meisten daran gewöhnt, Abstand zu halten. Sich zur Begrüßung die Hände zu geben oder gar in den Arm zu nehmen, erscheint vielen wie eine Erinnerung aus vergangenen Zeiten. Müssen wir Berührung erst wieder lernen?
In der Filmreihe FASS MICH NICHT AN! geht es um Filme, in denen das Aushandeln von Nähe und Distanz, die Angst vor und der Wunsch nach Berührung eine Rolle spielen. Wo Menschen ihre Körperlichkeit erleben, kann auch das eine spirituelle Erfahrung sein.

Im August in Osage County

USA 2013, Regie: John Wells, mit Meryl Streep, Julia Roberts, Benedict Cumberbatch, Sam Shepard, 121 Min., OmU

In der Einöde Oklahomas: Ein erfolgreicher, dem Alkohol verfallener Schriftsteller nimmt sich das Leben. Ehefrau Violet, schwer an Krebs erkrankt, bleibt verbittert zurück. Zur Beerdigung reist die Familie an: die drei Töchter Ivy, Barbara und Karen und deren Männer sowie Violets Schwester Mattie mit Ehemann Charles und dem erwachsenen Sohn Little Charles. Statt gemeinsam zu trauern und sich tröstend beizustehen, wird das Familientreffen zum Kriegsschauplatz, als Krisen, Lebenslügen und offene Rechnungen auf den Tisch gepackt werden.
Das furiose Familiendrama nach dem preisgekrönten Theaterstück von Tracy Letts, der auch das Drehbuch für den Film schrieb, seziert mit messerscharf formulierten Dialogen den Abgrund aus Boshaftigkeit, Misanthropie und Inzest in dieser Familie.

Meryl Streep spielt diese Bestie mit einer Lust am gnadenlosen Austeilen, die als Verbeugung vor Elizabeth Taylor gedacht ist. Und das passt in diesem Schmelztiegel aus Hass, Neid, Inzest, Pädophilie, Trennung, Drogenmissbrauch und dem verzweifelten Kampf um Anerkennung und ein bisschen Liebe in einer Familie, die mit dysfunktional noch freundlich umschrieben ist. (Kai Mimh, epd Film)

Letts schickt seinen zerbrechlichen Familienclan auf eine packende Reise. Er spart nicht an bitteren, meist laut ausgesprochenen Wahrheiten und leisen Zwischentönen, an emotionalen Ausbrüchen und tragikomischen Verwicklungen. […] Sein Film erkundet mit großer Lust die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle. Dabei erstaunt, wieviel Humor – wenn auch meist ein sehr schwarzer – sich hinter den vielen kleinen bis größeren Tragödien verbirgt. Er zeigt das andere Amerika, die unendliche Weite des Südens und Mittleren Westens, dessen raue Ödnis und Leere, die in den Sommermonaten von einer nicht selten erdrückenden Hitze ausgefüllt wird. (Markus Wessel, programmkino.de)

Goliath96

D 2018, Regie: Marcus Richardt, mit Katja Riemann, Nils Rovira-Munoz, Jasmin Tabatabai, 109 Min., FBW-Prädikat: wertvoll

Kristin Dibelius kann nicht begreifen, warum sich ihr Sohn David seit zwei Jahren in seinem Zimmer einschließt. All ihre Bemühungen, zu ihm durchzudringen, sind gescheitert. Das Leben in der Dreizimmerwohnung ist zu einem gespenstischen Nebeneinander geworden, dessen Routine jäh erschüttert wird, als Kristin unerwartet ihre Stelle in der Bank verliert. Entschlossen macht sich die alleinerziehende Mutter nun daran, die Motive für Davids Verhalten zu ergründen. Zufällig erfährt sie von einer Freundin ihres Sohnes, dass er in einem Internetforum für Drachenbau aktiv ist. Kristin nimmt Kontakt zu David auf – inkognito. Nach einigem Zögern fasst David Vertrauen zu ihr. Euphorisch vor Glück übersieht Kristin, die mittlerweile fast alle sozialen Kontakte gekappt hat, um mit David zu chatten, dass ihr Sohn beginnt, sich in sie zu verlieben.
Mit „Goliath96“ gibt Regisseur Marcus Richardt, der mit Thomas Grabowsky auch das Drehuch geschrieben hat, sein Regiedebüt: „Goliath96 erzählt von Menschen, die verlernt haben, miteinander zu reden. Den Widerspruch zwischen permanenter Verfügbarkeit durch Kommunikation und gleichzeitiger Vereinsamung und Individualisierung finde ich spannend und erschreckend zugleich“, so der Regisseur.

Der Regisseur im ARD-Presseheft: „Vor einigen Jahren schien ein Mitglied meiner Familie mehr und mehr mit den Anforderungen seiner Außenwelt überfordert zu sein. Er zog sich immer weiter in sein Zimmer zurück, das er schließlich nur noch zur Nahrungsaufnahme und für existenzielle Notwendigkeiten und Bedürfnisse verließ. Das Internet wurde zum zentralen Lebensmittelpunkt (…) Durch Geduld, viele Gespräche und Zusammenhalt schafften wir es schließlich, dass er sich wieder aus der selbst gewählten Isolation löste. Doch was wäre passiert, wenn es den familiären Zusammenhalt nicht gegeben hätte? (filmportal.de)

„Goliath96“ ist ein Familiendrama der etwas anderen, unkonventionellen Art. Im Mittelpunkt dieses kammerspielartigen Films stehen lediglich zwei Personen, zwischen denen es praktisch im ganzen Film nicht zu einer richtigen Face-to-Face-Kommunikation kommt. Dieser Ansatz ist höchst interessant, zumal er damit auch einer gefährlichen Entwicklung unserer Zeit Rechnung trägt. Einem Phänomen, das durch die neuen Medien und die immer weiter voranschreitende Digitalisierung noch befeuert wird: dem sogenannten Hikikomori. Damit ist die vollständige soziale Isolation gemeint. (Björn Schneider, programmkino.de)

Die Hände meiner Mutter

D 2016, Regie: Florian Eichinger, mit Jessica Schwarz, Andreas Döhler, Katrin Pollitt, FBW-Prädikat: bes. wertvoll, 106 Min.

Markus ist Ende Dreißig, glücklich mit Monika verheiratet und Vater eines Sohnes, beruflich erfolgreich und finanziell abgesichert. Eigentlich alles ganz wunderbar, möchte man meinen. Doch zu seinen Geschwistern und Eltern hat Markus ein seltsam distanziertes Verhältnis. So richtig scheint niemand zu wissen warum. Auf einer Familienfeier wird Markus durch eine Situation mit seinem jungen Sohn plötzlich von heftigen Gefühlsregungen heimgesucht. Markus Welt gerät gänzlich aus den Fugen, als verdrängte Kindheitserinnerungen an den sexuellen Missbrauch durch seine Mutter hochkommen. Geschockt und von Trauma überwältigt, versucht Markus, seine Familie zu konfrontieren, doch die reagiert abwehrend. Die Eltern wollen nichts davon wissen, die Vergangenheit soll ruhen.

“DIE HÄNDE MEINER MUTTER ist eine überzeugende, beeindruckende und tief bewegende Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema. Ein wichtiger, kluger und reflektierter Film, der Mut machen kann, über solch ein Thema zu reden. Denn das Schlimmste, was man tun kann, ist schweigen.” (FBW-Prädikat: besonders wertvoll)

Die schmerzhaften Folgen dieses Traumas, die Auseinandersetzung mit dem Tabu und dessen Bearbeitung lotet der Film fast naturalistisch, aber nicht ohne (Galgen-)Humor und einige ungewöhnliche inszenatorische Kunstgriffe bis in letzte psychologische Winkel aus. Der überzeugende Hauptdarsteller trägt den Film mit seinem zurückgenommenen, sehr glaubwürdigen Spiel. (Julia Teichmann, Filmdienst)

„Die Hände meiner Mutter“ geht der Gefahr der Überdramatisierung konsequent aus dem Weg und macht gerade in seiner nüchternen Schilderung betroffen [...] Zudem hat sich Eichinger zu dem Wagnis entschieden, die langsam zurückkehrenden Erinnerungen ebenfalls mit Andreas Döhler in der Rolle des Kindes zu inszenieren, was zuerst einen entrückten, theaterhaften Eindruck erweckt. […] Die gespielten Erinnerungsszenen, die den eigentlichen Missbrauch ausblenden, zeigen so zugleich, welche Bedeutung die Übergriffe damals für das Kind gehabt haben mögen und welche Seelenpein der sich erinnernde Erwachsene auch Jahrzehnte später noch erleidet. (Ulf Lepelmeier, filmstarts)

Der Kuss der Spinnenfrau

USA/BRA 1985, Regie: Héctor Babenco, mit William Hurt, Raúl Juliá, Sônia Braga, 124 Min., OmU

Brasilien, in den 1970ern: Zwei ungleiche Männer sind gezwungen, sich eine Gefängniszelle zu teilen. Der linksradikale Journalist Valentin Arregui landete als politischer Gefangener hinter Gittern. Der homosexuelle Luis Molina wurde des Kindesmissbrauchs beschuldigt und soll nun, von der Polizei angestiftet, Valentin Informationen über seine Aktivitäten entlocken. Um dem elenden Alltag in der Zelle zu entfliehen, fantasiert Louis Fortsetzungsgeschichten, Liebesmelodramen voller Sehnsucht und Leidenschaft und erzählt sie Valentin, der gar nichts damit anfangen kann. Doch als die beiden miteinander ins Gespräch kommen, entwickelt Louis Gefühle für seinen Mitinsassen und ändert stillschweigend seinen Plan.
Die Geschichte des Films basiert auf dem Roman von Manuel Puig aus dem Jahr 1976. Regisseur Héctor Babencos Adaption wurde im brasilianischen São Paulo gedreht und mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem gewann William Hurt den Oscar als Bester Hauptdarsteller.

Ein mitreißendes Melodram über Freundschaft, Liebe, Solidarität und Verrät und zugleich eine Ode an die Phantasie, die Gefängnismauern einzureißen versteht. (Kino-Zeit)

Babencos Meisterwerk ist ein Spiel mit Grenzen (Mann/Frau, Innen/Außen, Diesseits/Jenseits, Film/Wirklichkeit) und deren Auflösung. (Text: Filmarchiv Austria)

"Kiss of the Spider Woman" tells one of those rare and entrancing stories where one thing seems to happen while another thing is really happening. There are passages in the movie that seem to be absolutely self-contained, and then a word or gesture will reveal that they have depths we can only guess. By the end of the film, what started out as a contest between two opposite personalities has expanded into a choice between two completely different attitudes toward life. And the choice is not sexual, although for a long time it seems so. It is between freedom and slavery. (Roger Ebert)

Rhythm Is It!

D 2004, Regie: Thomas Grube, Enrique Sánchez Lansch, 100 Min.

250 Kinder und Jugendliche tanzen zu Strawinskys Le Sacre du Printemps in einer alten Halle im Industriehafen Berlins. Das Projekt der Berliner Philharmoniker holte im Jahr 2003 Kinder aus den sozialen Brennpunkten, damit sie die Kraft klassischer Musik und gemeinsamer Bewegung erfahren können. Dabei ist Marie, die damit hadert, ihren Hauptschulabschluss zu machen; und Martin, der große Probleme mit Vertrauen hat und lieber auf Distanz zu seinen Mitmenschen bleibt. Und dann ist da noch Olayinka, der erst vor kurzem als Kriegswaise aus Nigeria nach Deutschland kam.
Choreograph Royston Maldoom und Sir Simon Rattle, der musikalische Leiter, teilen viele Erfahrungen der Jugendlichen. Für sie war die Entdeckung der Musik und der Künste ein entscheidender Punkt auf der Suche nach Zugehörigkeit und Selbstbestimmtheit. Dieses heilende Moment der Musik wollen sie an die Gruppe weiter vermitteln. 2005 erhielt “Rhythm Is It!” den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm.

Der Film "Rhythm is it!" begeistert total - und man kann erst mal gar nicht beschreiben, woher die Begeisterung rührt, weil sie so viele Farben und Schichten hat, weil sie sich als Thema, Geste und Grundenergie des Film zeigt. (Rainer Gamsera, SZ)

Den Filmemachern Grube und Lansch ist mit ihrem Film nicht nur ein überzeugendes Plädoyer dafür gelungen, was praktische musische Erziehung leisten kann. Durch den dramaturgisch gezielten Einsatz der Strawinsky-Musik gewinnt der Film eine ganz besondere Dynamik, die spürbar macht, wie die Jugendlichen immer weiter vom Sog des engagierten Education-Projekts mitgerissen werden und ihre anfängliche Abneigung gegen die für sie sperrige und befremdliche Musik verlieren. (Stefanie Zobl, Kinofenster)

Eine Reise in sich selbst und zu den eigenen Potenzialen, wie sie tiefgreifender und aufrüttelnder nicht sein könnte. Und ein deutliches Signal dafür, welche Auswirkungen solche Initiativen haben können. (Kino-Zeit)

Körper und Seele

H 2017, Regie: Ildikó Enyedi, mit Alexandra Borbély, Géza Morcsányi, Zoltán Schneider, 115 Min., ung. OmU

Márias Leben wird von Zahlen, Regeln und immer gleichen Verhaltensmustern bestimmt. An ihrem Arbeitsplatz, einem Schlachthaus in Budapest, isoliert sie sich beim Mittagessen bewusst von den Kolleg:innen. Auch Endre, Márias Vorgesetzter, hat Schwierigkeiten, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Als die beiden ihre Gemeinsamkeiten erkennen, kommen sie sich vorsichtig näher und erkennen schnell, dass sie wie für einander geschaffen zu sein scheinen. Eine tiefe Seelenverwandtschaft verbindet Endre und Mária, die nachts sogar die gleichen Träume haben.
„Zärtlich, aber auch mit hintergründigem Humor erzählt Ildikó Enyedi von der Begegnung zweier Menschen, die zunächst jeder für sich und dann miteinander die Welt der Gefühle und des körperlichen Begehrens entdecken.” (Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2017)

Eine Demonstration der Erzählkunst des europäischen Independentkinos. (Bernd Haasis, Stuttgarter Zeitung)

Zärtlich, poetisch, berührend, dann wieder krass, kühl, schmerzhaft – „Körper und Seele“ ist eine vielfältig widersprüchliche und gerade deshalb so spannend-berührende Liebesgeschichte. (Christoph Petersen, filmstarts)

In „Körper und Seele“, ihrem großartigen Kino-Comeback nach fast 20 Jahren, gelingt ihr ein Kammerspiel im Schlachthaus, das noch einen Rest von postsozialistischer Tristesse ausstrahlt. Die Beobachtung der Arbeitswelt ist dokumentarisch präzise. Trotzdem erscheint das Szenario nie kalt und distanziert. Mit Spiegelungen, Schattenspielen und peripheren Blicken scheinen die Bilder ein geheimes Eigenleben zu führen (…). Dank phantasievoller szenischer Erfindungen gelingt der ungarischen Regisseurin ein betörend schönes Werk, das buchstäblich den Traum entfesselt. (Manfred Riepe, epd-film)

Die anonymen Romantiker

F 2010, Regie: Jean-Pierre Améris, mit Benoît Poelvoorde, Isabelle Carré, Lorella Cravotta, 80 Min., OmU

Jean René und Angélique wären wie füreinander geschaffen, doch sie wissen nichts voneinander. Beide haben eine innige Leidenschaft für Schokolade, beide leiden heimlich an Formen von Hypersensibilität. Pralinenexpertin Angéliques ist so schüchtern, dass sie manchmal einfach in Ohnmacht fällt. Nun sucht sie Hilfe bei einer Selbsthilfegruppe namens „Anonyme Romantiker“. Jean René dagegen - Schokoladenfabrikant in langer Familientradition - gerät in sozialen Situationen schnell in Panik. Um damit nicht weiterhin seine Kund*innen zu verunsichern, versucht er es mit einer Therapie. Als die beiden aufeinander treffen, funkt es sogleich. Doch wie sollen sie sich unter den gegebenen Umständen näher kommen?
Regisseur Jean-Pierre Améris wurde als selbst hoch emotionale Person und durch seine Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen zur Handlung inspiriert.

Im kleinen Universum des Jean-Pierre Améris kann das, was im wahren Leben quälend und unerträglich ist, einen besonderen Charme entfalten. Eine Frau, die beim kleinsten emotionalen Aufruhr in Ohnmacht fällt, und ein Mann, der bei geringster Bedrängnis in Schweißausbrüche verfällt, werden da zu den Helden einer zärtlichen Liebeskomödie, in der sich ihre Unzulänglichkeiten auf wundersame Weise in Qualitäten verwandeln. (Anke Sterneborg, Sueddeutsche)

Die zarteste Versuchung seit es Schokoladen-Kino gibt. (Sandra Zistl, Focus)

Süßer als Vollmilch: "Die anonymen Romantiker" ist berechnend und routiniert auf die maximale Serotonin-Ausschüttung hin konzipiert. Das Leben in diesem Film ist so weichgezeichnet, dass man die Kinoleinwand mit einer Milchglasscheibe verwechseln könnte. Und das einzig Radikale an diesem Film ist seine Wirkung: Entweder macht er glücklich oder zum Zyniker, dazwischen kann es keine Reaktion geben. Jeder Fehler, jedes Missgeschick kann gar nicht anders als liebenswert sein. Und vor allem verlässt sich der Film auf ein leicht durchschaubares, aber immer wirksames Gesetz: Je weiter die Figuren neben der Spur stehen, desto tiefer schließt man sie ins Herz. (Maren Keller, Spiegel)

The Shape of Water

USA 2017, Regie: Guillermo del Toro, mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Octavia Spencer, Doug Jones, 123 Min., OmU

USA, 1962: die stumme Elisa Esposito arbeitet während des Kalten Krieges als Putzfrau in einem Hochsicherheitslabor, als sie eine unglaubliche Entdeckung macht. Colonel Strickland hält dort ein mysteriöses Wasserwesen gefangen, um es unter strengen Geheimhaltungsregeln zu erforschen. Die gewalttätigen Experimente sollen den amerikanischen Wissenschaftlern unter anderem dabei helfen, das Rennen um die Mondlandung zu gewinnen. Bereits bei ihrer ersten Begegnung fühlt sich Elisa zu dem seltsamen Amphibienmann hingezogen und fängt an ihn regelmäßig heimlich zu besuchen. Schnell kommen die beiden sich näher und Elisa fasst einen folgenreichen Entschluss: Sie will ihn aus dem Labor befreien. Gemeinsam mit ihrem Nachbarn Giles gelingt es Elisa, dem Amphibienmann zur Flucht zu verhelfen. Doch das Militär ist ihnen dicht auf den Fersen.
Gewinner des Goldenen Löwen / Filmfestival Venedig; 2 Golden Globes u.a. beste Regie.

Poesie schlägt Zynismus: Mit diesem magischen Märchen über Außenseiter, die Arroganz der Macht und die Kraft der Liebe eroberte Guillermo del Toro das Festival von Venedig im Sturm. […] Grandios erzählt, virtuos bebildert sowie exzellent gespielt: [...] Ein perfekt geschliffenes Juwel der Filmkunst mit viel Gefühl und eindrucksvoller Haltung. (Dieter Oßwald, Programmkino)

The Shape of Water ist eine in umwerfenden Farbnuancen und prächtigen Bildern inszenierte Alien-Burleske, deren altmodisches, nach Simplizität sehnendes Flair ebenso berührt wie ihr romantischer Humanismus. (Andreas Borcholte, SPIEGEL ONLINE)

Touch me not

RUM/D/CS/BUL/F 2018, Regie: Adina Pintilie, mit Laura Benson, Tómas Lemarquis, 125 Min., engl. OmU

Welche Vorstellungen von Intimität prägen unser Zusammensein? Welche Rolle spielt körperliche Nähe dabei? Ohne zu werten begleitet »Touch Me Not« drei Personen bei der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sexualität. Bestehende Perspektiven werden hinterfragt, körperliche Tabus gebrochen und neue Sichtweisen von Nähe und Intimität eröffnet. Fiktion und Realität verweben sich durchgehend. Neben klassischen Interviewsituationen, zeigt der Film seine Protagonist*innen auch bei Workshops zur Körperwahrnehmung, mit Callboys und in BDSM-Swingerclubs. Im Fokus stehen hier immer die Sehnsucht nach körperlicher Nähe sowie die Unfähigkeit dazu. »Selten hat ein mit dem Goldenen Bären auf der Berlinale ausgezeichnetes Werk derart emotionale und kontroverse Reaktionen hervorgerufen.«

TOUCH ME NOT ist nicht einfach ein Film. Es ist eine Erfahrung. Und eine so intime und so tiefgründige, dass man das Kino entweder frühzeitig verlässt, weil man die Macht dieser Intimität nicht ertragen kann, oder man bleibt bis zum Ende auf die Gefahr hin, dass man das Werk und die Fragen, die es sich stellt, noch lange mit sich herumtragen wird und diese vielleicht sogar ganz fundamentale Änderungen nach sich ziehen. (Vollständige Kritik / Kino-Zeit)

Ein Film, der die Synapsen seiner Zuschauer neu verdrahtet. [...] Anfangs verstört er seine Zuschauer - nur, um sie dann umso mehr zu berühren. [...] Hat auf der Berlinale zurecht den Goldenen Bären gewonnen. (Vollständige Kritik / SZ)

Inhaltlich mutiges Kino, das einen im besten Sinne berührt. (Vollständige Kritik / Spiegel Online)

Body of Truth

D/CH 2019, Regie: Evelyn Schels, 96 Min.

Wenn uns alles genommen wird, was bleibt uns dann noch? Filmemacherin Evelyn Schels porträtiert vier Künstlerinnen, die ihren Körper als Werkzeug ins Zentrum ihres Schaffens stellen. Sei es Marina Abramovićs extreme Performances, Sigalit Landaus` Installationen, Katharina Sieverdings Fotographien oder die Film- und Fotokunst von Shirin Neshat. Sie alle zeigen auf unterschiedliche Art und Weise, wie die Themen Körper, Politik, Gesellschaft und Kunst miteinander verwoben sind. Alle vier Künstlerinnen wurden durch ihre persönlichen Erfahrungen mit Krieg, Gewalt und staatlicher Repression politisiert. Bis heute sind diese biographischen Einflüsse in ihrer Kunst sichtbar.

Filmemacherin Schels, bekannt für eindringliche Porträts von Künstlerinnen und Künstlern, darunter Georg Baselitz, Man Ray oder Pola Kinski, enthält sich - wie in ihren Filmen üblich - eines eigenen Kommentars und schafft so Raum für sehr persönliche Lebens- und Arbeitszeugnisse ihrer Protagonistinnen. Unerbittlich sanft, so scheint es, verführt die Interviewerin ihre Alphatiere zur Selbstdarstellung, sichtbar werden fühlbare Wesen hinter den öffentlichen Personen, seien sie vulkanisch wie Abramović, kontrolliert wie Sieverding, verzaubernd wie Neshat oder offen verletzlich wie Landau. Die Zusammenführung der vier weiblichen Kunstkonzepte, die den Körper oder das Gesicht in den Mittelpunkt stellen, zeigt, wie unterschiedlich eine Ikonografie des Schmerzes aussehen kann. (Bettina Musall, SPIEGEL ONLINE)

Ohne eine der Künstlerinnenbiographien voll auszuerzählen, schafft es der Film Neugier zu wecken und durch die kleinen Beobachtungen des Alltages und der Arbeit an ihren aktuellen Werken, einen Einblick in die Lebensrealität dieser vier Frauen zu gewähren. (Bianca Jasmina Rauch, Kino Zeit)