Im zweiten Jahr Corona haben sich die meisten daran gewöhnt, Abstand zu halten. Sich zur Begrüßung die Hände zu geben oder gar in den Arm zu nehmen, erscheint vielen wie eine Erinnerung aus vergangenen Zeiten. Müssen wir Berührung erst wieder lernen?
In der Filmreihe FASS MICH NICHT AN! geht es um Filme, in denen das Aushandeln von Nähe und Distanz, die Angst vor und der Wunsch nach Berührung eine Rolle spielen. Wo Menschen ihre Körperlichkeit erleben, kann auch das eine spirituelle Erfahrung sein.

The Shape of Water

USA 2017, Regie: Guillermo del Toro, mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Octavia Spencer, Doug Jones, 123 Min., OmU
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USA, 1962: die stumme Elisa Esposito arbeitet während des Kalten Krieges als Putzfrau in einem Hochsicherheitslabor, als sie eine unglaubliche Entdeckung macht. Colonel Strickland hält dort ein mysteriöses Wasserwesen gefangen, um es unter strengen Geheimhaltungsregeln zu erforschen. Die gewalttätigen Experimente sollen den amerikanischen Wissenschaftlern unter anderem dabei helfen, das Rennen um die Mondlandung zu gewinnen. Bereits bei ihrer ersten Begegnung fühlt sich Elisa zu dem seltsamen Amphibienmann hingezogen und fängt an ihn regelmäßig heimlich zu besuchen. Schnell kommen die beiden sich näher und Elisa fasst einen folgenreichen Entschluss: Sie will ihn aus dem Labor befreien. Gemeinsam mit ihrem Nachbarn Giles gelingt es Elisa, dem Amphibienmann zur Flucht zu verhelfen. Doch das Militär ist ihnen dicht auf den Fersen.
Gewinner des Goldenen Löwen / Filmfestival Venedig; 2 Golden Globes u.a. beste Regie.

Poesie schlägt Zynismus: Mit diesem magischen Märchen über Außenseiter, die Arroganz der Macht und die Kraft der Liebe eroberte Guillermo del Toro das Festival von Venedig im Sturm. […] Grandios erzählt, virtuos bebildert sowie exzellent gespielt: [...] Ein perfekt geschliffenes Juwel der Filmkunst mit viel Gefühl und eindrucksvoller Haltung. (Dieter Oßwald, Programmkino)

The Shape of Water ist eine in umwerfenden Farbnuancen und prächtigen Bildern inszenierte Alien-Burleske, deren altmodisches, nach Simplizität sehnendes Flair ebenso berührt wie ihr romantischer Humanismus. (Andreas Borcholte, SPIEGEL ONLINE)

Die anonymen Romantiker

F 2010, Regie: Jean-Pierre Améris, mit Benoît Poelvoorde, Isabelle Carré, Lorella Cravotta, 80 Min., OmU
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Jean René und Angélique wären wie füreinander geschaffen, doch sie wissen nichts voneinander. Beide haben eine innige Leidenschaft für Schokolade, beide leiden heimlich an Formen von Hypersensibilität. Pralinenexpertin Angéliques ist so schüchtern, dass sie manchmal einfach in Ohnmacht fällt. Nun sucht sie Hilfe bei einer Selbsthilfegruppe namens „Anonyme Romantiker“. Jean René dagegen - Schokoladenfabrikant in langer Familientradition - gerät in sozialen Situationen schnell in Panik. Um damit nicht weiterhin seine Kund*innen zu verunsichern, versucht er es mit einer Therapie. Als die beiden aufeinander treffen, funkt es sogleich. Doch wie sollen sie sich unter den gegebenen Umständen näher kommen?
Regisseur Jean-Pierre Améris wurde als selbst hoch emotionale Person und durch seine Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen zur Handlung inspiriert.

Im kleinen Universum des Jean-Pierre Améris kann das, was im wahren Leben quälend und unerträglich ist, einen besonderen Charme entfalten. Eine Frau, die beim kleinsten emotionalen Aufruhr in Ohnmacht fällt, und ein Mann, der bei geringster Bedrängnis in Schweißausbrüche verfällt, werden da zu den Helden einer zärtlichen Liebeskomödie, in der sich ihre Unzulänglichkeiten auf wundersame Weise in Qualitäten verwandeln. (Anke Sterneborg, Sueddeutsche)

Die zarteste Versuchung seit es Schokoladen-Kino gibt. (Sandra Zistl, Focus)

Süßer als Vollmilch: "Die anonymen Romantiker" ist berechnend und routiniert auf die maximale Serotonin-Ausschüttung hin konzipiert. Das Leben in diesem Film ist so weichgezeichnet, dass man die Kinoleinwand mit einer Milchglasscheibe verwechseln könnte. Und das einzig Radikale an diesem Film ist seine Wirkung: Entweder macht er glücklich oder zum Zyniker, dazwischen kann es keine Reaktion geben. Jeder Fehler, jedes Missgeschick kann gar nicht anders als liebenswert sein. Und vor allem verlässt sich der Film auf ein leicht durchschaubares, aber immer wirksames Gesetz: Je weiter die Figuren neben der Spur stehen, desto tiefer schließt man sie ins Herz. (Maren Keller, Spiegel)

Vergangene Filme aus dieser Reihe:

Touch me not

RUM/D/CS/BUL/F 2018, Regie: Adina Pintilie, mit Laura Benson, Tómas Lemarquis, 125 Min., engl. OmU

Welche Vorstellungen von Intimität prägen unser Zusammensein? Welche Rolle spielt körperliche Nähe dabei? Ohne zu werten begleitet »Touch Me Not« drei Personen bei der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sexualität. Bestehende Perspektiven werden hinterfragt, körperliche Tabus gebrochen und neue Sichtweisen von Nähe und Intimität eröffnet. Fiktion und Realität verweben sich durchgehend. Neben klassischen Interviewsituationen, zeigt der Film seine Protagonist*innen auch bei Workshops zur Körperwahrnehmung, mit Callboys und in BDSM-Swingerclubs. Im Fokus stehen hier immer die Sehnsucht nach körperlicher Nähe sowie die Unfähigkeit dazu. »Selten hat ein mit dem Goldenen Bären auf der Berlinale ausgezeichnetes Werk derart emotionale und kontroverse Reaktionen hervorgerufen.«

TOUCH ME NOT ist nicht einfach ein Film. Es ist eine Erfahrung. Und eine so intime und so tiefgründige, dass man das Kino entweder frühzeitig verlässt, weil man die Macht dieser Intimität nicht ertragen kann, oder man bleibt bis zum Ende auf die Gefahr hin, dass man das Werk und die Fragen, die es sich stellt, noch lange mit sich herumtragen wird und diese vielleicht sogar ganz fundamentale Änderungen nach sich ziehen. (Vollständige Kritik / Kino-Zeit)

Ein Film, der die Synapsen seiner Zuschauer neu verdrahtet. [...] Anfangs verstört er seine Zuschauer - nur, um sie dann umso mehr zu berühren. [...] Hat auf der Berlinale zurecht den Goldenen Bären gewonnen. (Vollständige Kritik / SZ)

Inhaltlich mutiges Kino, das einen im besten Sinne berührt. (Vollständige Kritik / Spiegel Online)

Body of Truth

D/CH 2019, Regie: Evelyn Schels, 96 Min.

Wenn uns alles genommen wird, was bleibt uns dann noch? Filmemacherin Evelyn Schels porträtiert vier Künstlerinnen, die ihren Körper als Werkzeug ins Zentrum ihres Schaffens stellen. Sei es Marina Abramovićs extreme Performances, Sigalit Landaus` Installationen, Katharina Sieverdings Fotographien oder die Film- und Fotokunst von Shirin Neshat. Sie alle zeigen auf unterschiedliche Art und Weise, wie die Themen Körper, Politik, Gesellschaft und Kunst miteinander verwoben sind. Alle vier Künstlerinnen wurden durch ihre persönlichen Erfahrungen mit Krieg, Gewalt und staatlicher Repression politisiert. Bis heute sind diese biographischen Einflüsse in ihrer Kunst sichtbar.

Filmemacherin Schels, bekannt für eindringliche Porträts von Künstlerinnen und Künstlern, darunter Georg Baselitz, Man Ray oder Pola Kinski, enthält sich - wie in ihren Filmen üblich - eines eigenen Kommentars und schafft so Raum für sehr persönliche Lebens- und Arbeitszeugnisse ihrer Protagonistinnen. Unerbittlich sanft, so scheint es, verführt die Interviewerin ihre Alphatiere zur Selbstdarstellung, sichtbar werden fühlbare Wesen hinter den öffentlichen Personen, seien sie vulkanisch wie Abramović, kontrolliert wie Sieverding, verzaubernd wie Neshat oder offen verletzlich wie Landau. Die Zusammenführung der vier weiblichen Kunstkonzepte, die den Körper oder das Gesicht in den Mittelpunkt stellen, zeigt, wie unterschiedlich eine Ikonografie des Schmerzes aussehen kann. (Bettina Musall, SPIEGEL ONLINE)

Ohne eine der Künstlerinnenbiographien voll auszuerzählen, schafft es der Film Neugier zu wecken und durch die kleinen Beobachtungen des Alltages und der Arbeit an ihren aktuellen Werken, einen Einblick in die Lebensrealität dieser vier Frauen zu gewähren. (Bianca Jasmina Rauch, Kino Zeit)