Filmreihe – Hinschauen: Arbeit!

Nein, eine Hauptrolle spielt sie ganz sicher nicht: die Arbeit. Im Spielfilm führt sie bis heute – von spannenden und rühmlichen Ausnahmen abgesehen – ein Schattendasein. Und das, obwohl die Kamera in einem der ersten Bewegtstreifen der Geschichte auf eine Fabrik gerichtet war: „Arbeiter verlassen die Lumière-Werke“ hieß der Kurzfilm der Lumière-Brüder, gedreht anno 1895. Böse Zungen sagen, dies sei dann auch schon der Höhepunkt gewesen – doch das ist natürlich nicht richtig, angesichts der Klassiker „Metropolis“ von Fritz Lang oder „Moderne Zeiten“ von Charlie Chaplin und neueren Filmen von Ken Loach („Sorry we missed you“), Valeska Griesebach („Western“) oder Thomas Stuber („In den Gängen“). Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Arbeitnehmerkammer und des dazugehörigen Mottos „100 Jahre für eine gerechte Arbeitswelt“ haben Arbeitnehmerkammer, CITY 46 / Kommunalkino Bremen e.V. und das Kulturzentrum Schlachthof eine Auswahl getroffen: Filme, die wir Ihnen gerne zeigen und über die wir gerne sprechen möchten. Wir hatten die Qual der Wahl, denn am Ende ist es nicht leicht, sich für und vor allem gegen gute Filme zu entscheiden. Einige der oben erwähnten werden Sie in unserem Programm der Filmreihe wiederfinden. Im Anschluss an die Vorführung gibt es jeweils ein Gespräch mit einem Gast.

Wir freuen uns sehr, wenn wir Sie zu unserer Filmreihe begrüßen dürfen. Hinschauen: Arbeit!

Die Filmreihe im Überblick finden Sie hier: www.arbeitnehmerkammer.de

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A Fábrica de Nada

P 2018, Regie: Pedro Pinho, mit Carla Galvão, Daniele Incalcaterra, 177 Min., port. OmU

Die Geschäfte gehen schlecht im krisengebeutelten Portugal. Die Beschäftigten einer Aufzugsfabrik bei Lissabon haben kaum etwas zu tun. Eines Nachts entdecken sie, dass ihre Chefs den Diebstahl der eigenen Maschinen organisieren, um die Fabrik abschreiben zu können. Was tun? Sie diskutieren über Politik, Aktionen oder radikale Maßnahmen und besetzen schließlich ihren Arbeitsplatz. Als sich die Verwaltung komplett aus dem Staub macht, bleiben sie in der leeren Fabrik zurück. Plötzlich eröffnen sich völlig neue, bisweilen absurd überraschende Perspektiven. Regisseur Pedro Pinho wagt es, seinen Film zur aktuellen Finanzkrise in Portugal mit Genreanleihen beim Musical und beim Politthriller und als Mischung zwischen Fiktion und Dokumentarfilm zu inszenieren und schafft eines der aufregendsten Kinoerlebnisse der letzten Jahre. Mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem CineVision- Preis beim Filmfest München 2017.

Ein Grenzgänger zwischen Fiktion und Dokumentarfilm, eine Parabel mit Genreanleihen an das Musical und den Politthriller, mit Film-im-Film-Momenten. […] Einer der reichsten, schönsten und verzweifeltsten Filme zur Finanzkrise mit einem diskursführenden Proletariat. (Artechock)

Die Art kühnen Filmemachens, vor Ideen und Mut strotzend, die das Kino von innen heraus wachrüttelt. // This is the kind of bold film-making, bristling with risks and ideas, that shakes up cinema from the inside. (Vollständige Kritik auf Englisch / The Observer - Guardian)

Workingman’s Death

A 2005, Regie: Michael Glawogger, 122 Min., teilw. OmU
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Stirbt die Arbeiterklasse aus? Verschwindet körperliche Schwerstarbeit? Oder wird sie nur unsichtbar? In sechs Kapiteln, mit faszinierenden Bildern und kongenial vertont von John Zorn, dokumentiert Michael Glawogger (1959 – 2014) Schwerstarbeiter: in den illegalen unsicheren Kohleminen der Ukraine; bei den Schwefelarbeitern in Indonesien, die auf ihren Schultern bis zu 100 Kilogramm Schwefel vom Vulkan heruntertransportieren; in einem riesigen Schlachthof in Nigeria, in dem die Männer stolz sind, mit der blutigen Arbeit ihre Landsleute zu versorgen; bei landlosen indischen Bauern, die in Pakistan alte Tankschiffe zerschneiden; und bei chinesischen Stahlarbeitern, die in ihrer Branche einer glorreichen Zukunft entgegensehen. In Deutschland dagegen wird eine ehemals wichtige Hochofenanlage in einen Freizeitpark verwandelt.

Michael Glawoggers Film war 2005 ein sensationeller Kino- und Festivalerfolg.

Kongenial vertont vom Free-Jazzer John Zorn, erreicht Glawoggers Film eine Verbindung von Kunst und Dokumentarfilm wie sie einmal Avantgardisten wie Walter Ruttmann vorschwebte. Daraus wurde der totalitäre Kultur- und Denkmalfilm, ein Erbe, das Glawogger hier kunstvoll dekonstruiert. (Daniel Kothenschulte, Frankfurter Rundschau)

Sorry We Missed You

GB/F/B 2018, Regie: Ken Loach, mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, 100 Min., OmU
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Die Turners - Ricky, Abby und ihre zwei Kinder – führen in Newcastle ein Leben wie Millionen andere Briten auch. Während Ricky sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, arbeitet Abby als Altenpflegerin. Obwohl beide Elternteile rund um die Uhr schuften, reicht das Geld für die Familie, in der jeder für den anderen einsteht, vorne und hinten nicht.
Doch dann heißt es: Jetzt oder nie! Dank der digitalen Revolution bietet sich Ricky die Gelegenheit, als selbständiger Kurierfahrer durchzustarten. Abby und er setzen alles auf eine Karte. Sie verkauft ihr Auto, damit Ricky einen Lieferwagen anschaffen kann. Die Zukunft scheint verlockend. Doch der Preis für Rickys Selbstständigkeit ist viel höher, als gedacht, und die Familie muss um ihren Zusammenhalt kämpfen.
Regisseur Ken Loach macht auch mit seinen 83 Jahren seinem Ruf als Sprachrohr der oft unsichtbaren Arbeiter*innen in seinem sozialkritischen Drama alle Ehre.

Wie zerrüttet prekäre Arbeit das Leben von Paketzustellern und Altenpflegerinnen? Der britische Regisseur Ken Loach über seinen neuen Kinofilm "Sorry We Missed You" (Martin Schwickert, 30. Januar 2020 auf zeit.de)

Schauplatz von „Sorry we missed you“ mag dabei zwar England sein, doch die Strukturen, die Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty ebenso schonungslos wie brillant aufzeigen, kann man in ganz Europa finden, in allen Ländern, in denen Sozialsysteme zunehmend schwächer werden, Profitdenken längst alles überstrahlender Raison d'être geworden ist. (Programmkino.de)

Filmabend im Schlachthof: In den Gängen

D 2018, Regie: Thomas Stuber, mit Franz Rogowski, Sandra Hüller, Peter Kurth, 125 Min.

Ein Großmarkt in der ostdeutschen Provinz wird der neue Arbeitsplatz von Christian. Der schüchterne 27­jährige taucht ein in eine ihm unbekannte Welt. Bruno, der Kollege aus der Getränkeabteilung, weist ihn in die Arbeit ein und wird sein väterlicher Freund. In den Gängen trifft Christian auf die Kollegin bei den Süßwaren, die 39­jährige Marion. Der Kaffeeautomat wird ihr Treffpunkt, sie kommen sich näher. Bald ist Christian anerkanntes Mitglied der Großmarktfamilie. Er besteht die Staplerprüfung. Und er hat sich längst in die geheimnisvolle Marion verguckt. Der ganze Großmarkt fiebert mit, denn sie ist verheiratet. Der Mikrokosmos Supermarkt, der auf den ersten Blick trist und leblos wirkt, erhält im Laufe der Geschichte durch Thomas Steubers feine Balance zwischen Tragik und Komik eine besondere Poesie. Ein leiser, zarter und warmherziger Film über die kleinen und großen Momente des Lebens.

Stuber und seinem Drehbuchautor Clemens Meyer, der für den Film mit seiner Erzählung auch die literarische Vorlage lieferte, gelingt eine feine Balance zwischen Tragik und Komik, zwischen nachvollziehbarer Schwere und großer Leichtigkeit. Dialoge braucht es dafür nicht viel, eher Blicke, Gesten oder Handlungen. Und wenn Bruno Christian das Staplerfahren erklärt oder Marion sich von Christian einen Kaffee ausgeben lässt, dann entstehen aus der Beiläufigkeit dieser Gesten große berührende Kinomomente. (FBW-Prädikat: besonders wertvoll)

Mit "In den Gängen" öffnet Thomas Stuber den Blick für die Lebenswelt eines einfachen Angestellten in der ostdeutschen Provinz. In streng kadrierten Bildern entfaltet sich eine Choreografie von Menschen und Dingen, Realität, Sehnsucht und Traum. Alltägliches verwandelt sich in magischen Realismus, der über die zarte Liebesgeschichte hinaus vorsichtig auf das Prinzip Hoffnung verweist. (68. Internationale Filmfestspiele Berlin)

Filmabend im Schlachthof: Western

D/BG/AT 2017, Regie: Valeska Grisebach, mit Meinhard Neumann, Veneta Frangova, 119 Min., teilw. OmU

Ein Trupp deutscher Bauarbeiter soll in einer entlegenen Gegend Bulgariens ein Wasserkraftwerk errichten. Es handelt sich um eines dieser EU-Infrastrukturprojekte, über die viele Bescheid wissen, nur die Einheimischen nicht. Da Baustoffe fehlen, macht sich in der Gruppe Langeweile breit. Kurz nach ihrer Ankunft hissen die Arbeiter die deutsche Fahne am Bau. Das, die Sprachprobleme und ihr unsensibles Auftreten führen bald zu Reibereien mit den Dorfbewohnern. Ex-Soldat Meinhard ist neu im Trupp und separiert sich zudem durch seine schweigsame Art von den anderen, die ihn misstrauisch beäugen. Dafür gelingt es Meinhard, mit den Einheimischen Freundschaft zu schließen. Sein Kollege Vincent verfolgt das mit Misstrauen.
Mit WESTERN erzählt Valeska Grisebach vom Leben als Gastarbeiter: Hier auf dem Balkan sind die Deutschen die Ausländer, deren Verhalten die Idee eines „vereinten“ Europas in Frage stellt.

Wie großartig Valeska Grisebachs Filme sind, merkt man so richtig erst ein paar Wochen später, nachdem man sie gesehen hat. Dann stellt man überrascht fest, wie nah einem die Figuren noch sind und wie sehr einen noch die Frage umtreibt, warum sie so in diesem einen Moment gehandelt haben. Grisebach verführt zu Nähe und Mitgefühl, und wie die besten Verführer macht sie das mit größtmöglicher Ehrlichkeit. (Hannah Pilarczyk, Spiegel Online)

Dass man die existenzielle Einsamkeit dieser Männer genauso physisch zu spüren meint wie die drückende Hitze über dem Tal oder die Kälte der im Fluss gekühlten Bierdosen, liegt an der besonderen Ästhetik und Machart der Geschichte. Sie ist zugleich alltäglich, archaisch und mythisch: Eindrücklich komponierte Landschaftsbilder treffen auf eine präzise entwickelte Dramaturgie. Und die Spielfreude der allesamt nicht professionellen Darsteller verschmilzt mit der kunstvollen Künstlichkeit, die ein Film namens Western braucht. (ZEIT Online)

Filmabend im Schlachthof: Arbeiten für Deutschland / Merhaba mein Stahl / Heimaterde

Filmabend zum Thema „Gastarbeit“

Arbeiten für Deutschland
Ein Stahlwerk und „seine“ Ausländer Eike Hemmer und Ulrich Scholz haben im Jahr 1990 auf der damaligen Klöckner-Hütte Bremen (heute ArcelorMittal) türkische Arbeitsmigranten interviewt, die 25 Jahre zuvor als erste „Ausländer“ in der Hütte angefangen haben. Fühlen sie sich in Bremen wohl? Wie sieht es mit Qualifizierung und Aufstieg, auch die ihrer Kinder, aus? Wie ist das Verhältnis zu den deutschen Kollegen? Auch der Betriebsrat kommt zu Wort. In den 25 Jahren haben die Stahlwerke schwere Zeiten erlebt. Wie geht es heute [1990] weiter und ist die „Bremer Geschichte“ beispielhaft für die deutsche Stahlindustrie und ihre Arbeiter?
D 1990, Regie: Ulrich Scholz, 45 Min.

Merhaba mein Stahl
Deutsche und Türken auf der Klöckner Stahlhütte in Bremen Im Folgefilm von „Arbeiten für Deutschland“ werden drei Jahre später zwei junge türkische Arbeiter vorgestellt, deren Väter zu der Zeit auch noch auf der Hütte arbeiteten. Die Dreharbeiten fanden kurz vor der großen Stahlkrise in Deutschland statt, wodurch Klöckner Bremen 1993 fast dicht gemacht worden wäre. Wer wird als erster gehen, wenn es auf der Hütte ernst wird?
D 1993, Regie: Ulrich Scholz, 28 Min.

Heimaterde
Die Radio Bremen­Reportage erzählt die Geschichte der letzten Reise von İlyas Bayram. Der Vater von fünf Söhnen und zwei Töchtern war Anfang der 1960er­Jahre als türkischer „Gast arbeiter“ nach Deutschland gekommen. Er arbeitete als Schweißer und lebte später als Rentner abwechselnd in Oberhausen und der Türkei. Es war sein letzter Wunsch, in Heimaterde begraben zu werden – über 3000 Kilometer entfernt in der Türkei, in den Bergen am Schwarzen Meer. Um ihn nach traditionellem Ritual bestatten zu können, muss der Leichnam so schnell wie möglich in Richtung Heimat transportiert werden. Die Zuschauer*innen begleiten İlyas Bayram auf seinem letzten Weg, angefangen beim Totengebet in Deutschland bis zum Begräbnis in der Türkei. Familie und Freunde erinnern sich an sein Leben und stellen sich auch selbst die Frage: Wo wollen wir einmal begraben werden? Wo ist unsere Heimat? In Deutschland oder der Türkei?
D 2012, Regie: Orhan Çalışır und Dirk Meißner, 29 Min.

Hidden Figures

US 2016, Regie: Theodore Melfi, mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, 127 Min., OmU
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Die USA der frühen 1960er Jahre: Es herrscht ein erbitterter Wettstreit zwischen Amerika und Russland um die erste Mondlandung. Die NASA steht unter großem Druck. Die drei Afroamerikanerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughn und Mary Jackson arbeiten als Mathematikerinnen für eine Unterabteilung der NASA. In Zeiten gesetzlicher „Rassentrennung“ und als Frauen sind ihre Arbeitsbedingungen erheblich schlechter als die der weißen Kollegen. Trotzdem schafft es Katherine Johnson, in das Elite­Team der Space Task Group aufgenommen zu werden. Die Empörung ist groß: Eine schwarze Frau soll den weißen NASA­Mitarbeitern ebenbürtig sein? „Hidden Figures“ erzählt von einer wahren Begebenheit und räumt den drei bis heute fast unbekannten Mathematikerinnen den ihnen zustehenden Platz in der Geschichte der NASA­Raumfahrt ein. 2015 bekam die 98­jährige Katherine Johnson die Presidential Medal of Freedom verliehen.

Tatsächlich ist dies aber nicht nur wegen der Geschichte auf der Leinwand ein Ausnahmefilm. Eine von einem großen Studio verantwortete Mainstreamproduktion, in der ausschließlich Frauen im Mittelpunkt stehen? Noch dazu schwarze Frauen? So etwas ist selbst im Jahr 2017 ungewöhnlich in Hollywood. (Patrick Heidmann, spiegel.de)

Mit charakterstarker Besetzung, ungewöhnlichen Blickwinkel und beachtlich erzählerischem Sog geht dieses klassische Feel-Good-Drama Geschichte im opulenten Mad Men-Style der 60er Jahre auf Oscarkurs. (Luitgard Koch, programmkino.de)