Gegen den Strom – Abgetaucht in Venezuela

D 2019, Regie/Drehbuch/Kamera: Sobo Swobodnik, mit Thomas Walter, Pablo Charlemoine alias Mal Élevé, 84 Min.

Seit 25 Jahren lebt der Deutsche Thomas Walter im Untergrund. Walter war 1995 Teil der autonomen Szene in Berlin. Ihm und zwei Freunden wird vorgeworfen, einen Brandanschlag auf ein noch leeres Abschiebegefängnis verübt zu haben. Als Mitglieder einer linksterroristischen Vereinigung gesucht, haben die drei sich für ein neues Leben in Venezuela entschieden. Erst 2017 hat Walter wieder Kontakt zu seiner Familie aufgenommen. Der Filmemacher Sobo Swobodnik ist ein Verwandter von Walter und nutzte die Gelegenheit, ihn 2018 in Venezuela zu treffen. In den Anden Venezuelas lebt er in einem kleinen Haus mit Garten und Hühnern und wartet darauf, dass die venezolanischen Behörden über seinen Asylantrag entscheiden. Die deutschen Behörden dagegen haben einen Auslieferungsantrag gestellt. Was hat das Leben im Untergrund mit Walter gemacht? Noch dazu im krisengeschüttelten verarmten Venezuela. Politisch ist er weiterhin aktiv und er glaubt daran, die Gesellschaft mit Musik verändern zu können. Die Musik als Widerstandsform nutzt auch Mal Élevé, der ehemalige Sänger der Band „Irie Révoltés“. Er besucht Walter in Venezuela für gemeinsame Aufnahmen und sie bereisen das Land.

„Thomas Walter berichtet fast zärtlich von den Erfahrungen der Solidarität, die er auf der Flucht erfahren hätte. Das wird nie konkret, aber aus seinen Worten und Mimik spricht eine große empfangene Wärme.“ (Kreutzer, Stadtzeitung Leipzig)

„Was kann man lernen? Abtauchen und Flucht ins Exil sind eigentlich ganz einfach. Das wichtigste ist, dass die Leute dich und deine Geschichte mögen. Dann wirst du weitergereicht und irgendwie ist alles auch ganz schön cool.“ (Transit Debattenmagazin 2019)

The Royal Train

A/RUM 2019, Regie: Johannes Holzhausen, 92 Min., rumän. OmU

Eine Geschichte wie aus einer vergangenen Zeit: Obwohl das Königreich Rumänien schon seit mehr als 70 Jahren nicht mehr existiert - nach der erzwungenen Abdankung König Mihais 1947 - scheint die Idee einer Monarchie immer noch Anklang zu finden. Prinzessin Margareta von Rumänien verfolgt seit Jahren einen sehr ernsthaften Kampf darum, ihrem Haus wieder den „rechtmäßigen“ Platz an der Spitze des Staates zu verschaffen. Der „Königliche Zug“ spielt dabei eine wesentliche Rolle. Nach historischem Vorbild fährt Margareta mit ihrer Entourage im Salonwagen durch das Land und wird von Menschen gefeiert, für die das Königshaus ein bedeutender Identitätsfaktor ist. Regisseur Johannes Holzhausen, den zufällig auch eine entfernte Verwandtschaft mit der Prinzessin verbindet, dokumentiert die bizarr wirkende Werbe-Tour der „Hüterin der Krone“ durch Rumänien.

"Holzhausen zeigt mit Augenzwinkern einerseits, wie leer die monarchischen Rituale in einer Zeit wirken, welche das Königstum abgeschafft hat und porträtiert zugleich die Entwicklung eines osteuropäischen Staates auf der Suche nach Identität." (APA)

"Bei dieser großen Komödie genügt es Holzhausen, einfach ein Beobachter zu bleiben. Auch so gelingen Bilder, an denen Wes Anderson seine helle Freude hätte." (Der Standard)

"The Royal Train ist eine Allegorie der Macht, ein Bilderbogen, der den Wegen einer in der Schweiz geborenen, in England ausgebildeten Frau folgt, die sich mit eiserner Disziplin als rumänische Kronprinzessin präsentiert. […] Zu [Johannes Holzhausens] künstlerischen Tugenden zählen die Geduld, mit der er sich dem Geschehen zuwendet, und die Empathie, die er noch für die schrulligsten Figuren aufbringt, deren Lebensstrategien er erkundet, aber nie denunziert. Deswegen gelingt es ihm, uns für vermeintlich ephemere Themen und absonderliche Gestalten zu interessieren: Das große Welttheater, es wird überall gespielt, man muss die Fähigkeit haben, es zu bemerken." (Karl-Markus Gauß / Die Presse)

Monos – Zwischen Himmel und Hölle

COL/ARG/NL/D 2019, Regie: Alejandro Landes, mit Sofia Buenaventura, Julián Giraldo, 102 Min., span. OmU

In einer abgelegenen Bergregion irgendwo in Lateinamerika schlägt sich eine paramilitärische Gruppe von acht Jugendlichen völlig alleine durch. Namen wie Rambo oder Boom-Boom, deuten an, dass sie sich zu wehren wissen. Sie wissen nicht genau, was eigentlich los ist. Nur, dass Krieg herrscht. Im Auftrag einer nebulösen Guerillagruppe bewachen sie eine gefangene Ingenieurin und eine zwangsrekrutierte Milchkuh namens Shakira. Der raue Spaß hat ein Ende, als ein Angriff aus dem Hinterhalt die Gruppe in den Dschungel treibt und ihr komplexes Beziehungsgeflecht zerreißt.
In loser Anlehnung an „Herr der Fliegen“ haben Alejandro Landes und Co-Autor Alexis Dos Santos eine faszinierende Genre-Mischung geschaffen. Was passiert, wenn man einer Gruppe von (jungen) Menschen die alleinige Macht über sich selbst überlässt? Sind die Jungs und Mädels, deren Kommunikation auch immer wieder in körperlichen Auseinandersetzungen endet, nun gut oder böse? Vielleicht wissen sie es selbst nicht? „Wenn hier jemand brutal gegen einen Kameraden vorgeht, dabei aber selbst gar nicht weiß, dass die zivilisierte Gesellschaft so ein Verhalten für strafbar und asozial befinden würde, dann ist das in dieser kleinen Welt hier hoch über den Wolken vielleicht ja gar kein strafbarer Akt. Sondern ganz normal,“ so Antje Wessels (programmkino.de).

„Berauschende Bergpanoramen, eine Handvoll Halbstarker, eine Kuh und eine Geisel. Das sind obskur klingenden Zutaten, aus denen die kolumbianische Antwort auf „Herr der Fliegen“ gemacht ist. Nach diversen Festival-Vorführungen erreicht „Monos – Zwischen Himmel und Hölle“ im April hierzulande dann auch endlich reguläre Kinogefilde. Und sollte dann auch ganz dringend auf der großen Leinwand genossen werden. So ein Filmerlebnis wie „Monos“ sieht man in Deutschland nämlich nur ganz, ganz selten.“ (Antje Wessels / www.programmkino.de)

Freies Land

D 2019, Regie: Christian Alvart, mit Trystan Pütter, Felix Kramer, Nora von Waldstetten, 129 Min.

Nachwendezeit 1992: Ein ehemaliger DDR-Polizist und ein westdeutscher Beamter werden in die ostdeutsche Provinz geschickt. Sie sollen aufklären, ob es sich bei dem geheimnisvollen Verschwinden zweier Schwestern um ein Verbrechen handelt. Doch Bach und Stein scheinen in dem kleinen Ort die einzigen zu sein, die sich für die vermissten Schwestern interessieren. Die Dorfbewohner sind sich einig: Die hätten bloß rübergemacht, nach Westdeutschland! Auch nachdem zwei schwer misshandelte Leichen in einem Flussbett entdeckt werden, will niemand etwas sagen. Die Ermittler entdecken ein eng gestricktes Netzwerk aus Verschwörungen, Lügen und Schweigen, was die Suche nach dem Täter immer komplizierter gestaltet.

„Der Film vom deutschen Genrespezialisten Christian Alvart ("Dogs of Berlin") ist ein Remake des spanischen Thrillers "Mörderland" (La Isla Mínima), der von den Nachwirkungen der Franco-Diktatur handelte. Alvart überträgt den Plot geschickt auf die Nachwende-Zeit, in der das Alte noch nicht vergangen ist und das Neue noch nicht begonnen hat – ein unheimliches, gesetzloses Zwischenreich.“ (Knut Elstermann / MDR KULTUR)

„30 Jahre nach dem Mauerfall sind nicht nur die DDR-Dramen differenzierter geworden; auch die Nachwendezeit wird nun als Film-Thema entdeckt. Da geht es um ehemalige Stasi-Leute, die weiter mauscheln; die Treuhand, die bei der Privatisierung der Staatsbetriebe viel falsch macht; den aufkeimenden Nationalismus, der das entstandene Vakuum füllt.“ (Walli Müller / NDR Kultur)

„Die intensive Atmosphäre dieses Films ist nicht zuletzt der hervorragenden Kameraarbeit Alvarts geschuldet. […] Dieser Genrefilm nimmt einen emotional gefangen, indem er die seelische Brachlandschaft nach dem historisch-gesellschaftlichen Umbruch im Osten Deutschlands gekonnt mit fiktional-fabulierender Geste in Schwingung versetzt.“ (Bianka Piringer / kino-zeit.de)

Die Kordillere der Träume

La cordillera de los sueños, CHI 2019, Regie: Patricio Guzmán, 85 Min., span. OmU

Die Kordillere als Teil des Anden-Gebirges machen 80% der Oberfläche Chiles aus und ist doch ein blinder Fleck im chilenischen Bewusstsein. Regisseur Patricio Guzmán ist in Chile aufgewachsen, lebt aber seit langem in Frankreich. Nach seiner Verhaftung unter dem Pinochet-Regime flüchtete Guzmán, richtete aber aus dem Exil heraus immer wieder den Blick auf seine Heimat. „Die Kordillere der Träume“ ist nach „Der Perlmuttknopf“ der letzte Teil einer Trilogie, in der er anhand der Landschaft Geschichten erzählt. Und zwar die, die in der heutigen politischen und ökonomischen Situation in Vergessenheit geraten sind und doch beeinflusst haben, wie Chile sich entwickelt hat. Um diese Zeit aufzuarbeiten, rückt Guzmán nun die Kordillere in den Fokus. In Chile hat sich vieles verändert, doch das Gebirge scheint vom Fortschritt der Zeit verschont. Es bildet den Hintergrund für die Geschichte einer Gesellschaft, die Jahrzehnte lang unter einer Diktatur litt.
Die Kordillere ist hier eine Metapher für das Unveränderliche; das, was bleibt, wenn einem alles andere genommen wurde. Die Ausbeutung und Unterdrückung ist eine Seite der Geschichte Chiles, der Widerstand und die engagierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit die andere.

“It is living memoir and breathing history and sometimes a dizzyingly high-wire act of philosophical inquiry that, at its close, seems to deposit Guzmán back where it all began, in a Santiago that is unrecognizable from the one he left, even if fringed by the same immutable mountains.” (variety.com)

“Neben solch verbalen Erklärungen findet der Filmemacher und Kameramann Patricio Guzmán immer wieder starke visuelle Metaphern, die die Berge und ihre ökonomische Ausbeutung mit der chilenischen Geschichte und der Kraft der eigenen Erinnerung verknüpfen.” (epd-film.de)

What you gonna do when the world’s on fire?

US/I/F 2018, Regie: Roberto Minervini, 123 Min., engl. OmU

Das Video, in dem George Floyd durch den Polizisten Derek Chauvin acht lange Minuten erstickt wird, bewegte die ganze Welt. Die Tragödie in einer Kette von unzähligen anderen Todesfällen hat die black lives matter-Bewegung wie keine andere zuvor befeuert. George Floyd ist einer der letzten Namen auf der langen Liste der Opfer rassistischer Polizeigewalt in den USA. 2016 wurde Alton Sterling von Polizisten erschossen. Zu der Zeit wollte der italienische Filmemacher Roberto Minervini eigentlich nur eine Dokumentation über die Musik im Süden der USA drehen. In seinen Vorbereitungen wurde ihm klar, dass er einen anderen Film machen muss. Eher durch Zufall gerät er für seinen Film an die Menschen, die er in starken schwarz-weiß Bildern porträtieren wird. Zum Beispiel Barbesitzerin Judy, die den Bewohnern ihrer Nachbarschaft Raum bietet, um Erfahrungen auszutauschen und ihre Ängste und Wünsche zu teilen. Minervini gelingt es, mit seiner Kamera mitten in den Alltag einer Gruppe von Menschen einzutauchen, die versuchen, in diesem System zu existieren und es zu verändern.

To call it a portrait of collective resilience is accurate, but that description shortchanges its richness on both human and historical scales. Filming in black-and-white, Minervini finds poetry in silhouettes, the city’s musical rhythms and small moments of generosity. (www.nytimes.com)

Minervini kommt den Geschehnissen unglaublich nah. So nah, dass man sich fragt, wie viel Zeit er dort verbracht haben muss, um – gerade als weißer Regisseur – derartiges Vertrauen zu gewinnen. (www.kino-zeit.de)

Director Roberto Minervini, producer Paolo Benzi, producer Denise Ping Lee, and subjects Judy Hill, Krystal Muhammad, and Nat Turner discuss "What You Gonna Do When the World’s on Fire?" at the 56th New York Film Festival: Q&A Film at Lincoln Center

Eine Geschichte von drei Schwestern

Kız Kardeşler - TRK/D/NL/GR 2019, Regie & Drehbuch: Emin Alper, mit Cemre Ebüzziya, Ece Yüksel, 108 Min., türk. OmU

Die Schwestern Reyhan (20), Nurhan (16) und Havva (13) leben mit ihrem verwitweten Vater in einem abgelegenen Dorf in den Bergen Zentralanatoliens. Alle drei waren von ihm als Dienstmagd in die Stadt geschickt worden, doch inzwischen sind alle wieder zu Hause - in einer Kate, die viel zu eng für sie ist und in einem Dorf, aus dem alle Jüngeren abgewandert sind. Reyhan war bei ihrer Rückkehr schwanger und wurde vom Vater eilig mit dem Schafhirten Veysel verheiratet. Der Traum von Bildung und einer besseren Zukunft scheint sich für die jungen Frauen nicht zu erfüllen, doch die Bande, die sie verbinden, sind stark. Da es im Dorf weder Computer, Internet oder Fernsehen gibt, haben die Menschen hier nur das Gespräch miteinander, um sich die Zeit zu vertreiben. Während sie darauf warten, dass die verschneiten Straßen wieder passierbar werden, erzählen sich Vater und Töchter Geschichten.

Festivals und Auszeichnungen:

Berlinale 2019 – Wettbewerb – Weltpremiere
Istanbul International Film Festival 2019 – Bester Film, Beste Regie, Beste Schauspielerinnen
Sydney International Film Festival 2019

    „In eindringlichen Bildern erzählt Emin Alper, der selbst in den anatolischen Bergen aufgewachsen ist, ein Märchen. Er thematisiert eine Gesellschaft, in der weder Frauen noch Männer eine Chance haben, den vorbestimmten Kreislauf zu durchbrechen, und lässt dennoch Raum für Hoffnung." (grandfilm.de)

    „Emin Alper, 1974 in Ermenek, Zentralanatolien, geborener Filmemacher, hält nicht viel davon, sein Publikum bei der Hand zu nehmen. Er pfeift auf Exposition und wirft es mitten hinein in eine offenbar bereits seit längerem bestehende problematische Lage, die sich nunmehr zuspitzt." (epd-film.de)

    Brot

    A/D 2019, Buch & Regie: Harald Friedl, 94 Min.

    Herrlicher Duft und Geschmack, schöne Erinnerungen. Wir lieben Brot. Kein anderes Grundnahrungsmittel hat so viele Bedeutungsebenen wie Brot. Im Ausland vermissen wir unser heimisches Backwerk, in gesellschaftlichen und kulturellen Codes kann Brot sowohl für Hunger als auch Heimat, Ursprung und Natürlichkeit stehen – kurzum, die Geschichte des Brots ist auch die Geschichte der menschlichen Zivilisation. Doch der Schein trügt, längst ist das Grundnahrungsmittel in der Realität ein Produkt der industriellen Lebensmittelindustrie. Aufbackware und Backmischungen großer Konzerne für billige Preis stehen in direkter Konkurrenz mit der alten Kunst des Backens. Harald Friedl dokumentiert in sechs verschiedenen Ländern, darunter Österreich, Deutschland, Belgien, Frankreich und den USA, den Kampf vieler engagierter kleiner Bäcker*innen und fühlt der Brotindustrie auf den Zahn: Was essen wir da wirklich jeden Tag? Und was genau ist eigentlich gutes Brot?

    Der Film aktiviert dabei vor allem die Dialektik von Bäckereihandwerk und Massenproduktion – auch in der kontrastierenden Montage. Tatsächlich ist die Kluft der beiden Bereiche in den letzten Jahren immer größer geworden. Auf der einen Seite arbeiten die großen Unternehmen mit immer ausgefeilterer Technologie – Enzyme, Backmischungen, Aromaprofile, Maschinen – an kostengünstigen Imitaten, auf der anderen Seite besinnen sich kleine Traditionsbäckereien, aber auch neue kleine Betriebe auf das traditionelle Handwerk. (filmdienst.de)

    Es spricht sehr für Friedls Dokumentation, dass er diese Auswüchse der Globalisierung nicht partout verteufelt, sondern differenziert betrachtet: Vor 20 Jahren wussten nur die wenigsten, was ein Ciabattabrot ist – heute schätzt man es weltweit, was auch ein Verdienst des Konzerns ist. (deutsche-handwerks-zeitung.de)