Das fast normale Leben

D 2025, Regie: Stefan Sick, 135 Min.

Lena, Lisann, Eleyna und Leni leben in einer Einrichtung der Evangelischen Jugendhilfe in Baden-Württemberg, ob sie das wollen oder nicht. Nicht mit ihren Eltern zusammen zu sein, schmerzt alle, auch wenn es dort nicht gut für die Kinder war. Über zwei Jahre lang hat Stefan Sick die Mädchen und ihre Entwicklung in der Gruppe filmisch begleitet: wie sie lernen, Konflikte auszutragen, nicht wegzulaufen, sich selbst anzunehmen. Wut und Widerstand gehören dazu, ebenso wie Momente der Freude und Geborgenheit. Die Mädchen haben mit Betreuenden und Menschen vom Sozialdienst zu tun, die versuchen, ihnen zu helfen, aber letztlich über ihre Zukunft entscheiden. Allen vieren fällt es schwer, sich von Fremden, die nur langsam zu verlässlichen Bezugspersonen werden, etwas sagen zu lassen. Vom Ankommen bis zum Auszug aus der vertraut gewordenen Einrichtung wird deutlich, wieviel Mut und Unterstützung jede Einzelne von ihnen braucht. 

„Hat deine Mama Hobbies?“ will die Sozialpädagogin aus der Wohngruppe wissen. Leni antwortet prompt. „Computer spielen. Das macht sie den ganzen Tag... irgendwas mit Pistolen.“ Auf die Frage, was der Papa macht, antwortet das Mädchen dasselbe. „Und was macht die Oma gerne? Kann deine Oma gut kochen?“ Leni: „Auch Computer spielen. Bei denen läuft die ganze Zeit die Kiste.“ Leni und die anderen Mädchen in der Wohngruppe der Kinder- und Jugendhilfe haben belastete Biografien und einen komplexen Hilfebedarf. Getrennt von ihren Eltern lebend suchen sie nach Akzeptanz und Geborgenheit. Der Film, dessen emotionaler Wucht man sich kaum entziehen kann, feiert die Mädchen und ihre Willenskraft. Und er geht so sehr ans Mutterherz. (Ina Borrmann, www.dokfest-muenchen.de)

Wenn die Mädchen draußen herumtollen, schaukeln, Fußball spielen, entstehen Momente fröhlicher Ausgelassenheit. Sie scheinen dann ganz bei sich zu sein, frei und stark. Sick zeigt diese Situationen in Zeitlupe, unterlegt sie mit energiegeladener Musik. Dass die Mädchen trotz vieler Rückschläge in der Wohngruppe einüben, ihren Frieden mit sich zu machen, ihren Willen zu formen, zeigt sich auf eher unspektakuläre Weise. Das kann schon der Fall sein, wenn Lena oder Eleyna die Kamera in einer schwierigen Situation aus dem Raum verbannen. Vielleicht hätte der Film prägnanter, vor allem auch strukturierter sein können, und auch die beachtliche Länge von 135 Minuten erscheint nicht zwingend. Die Einblicke in das alltägliche Auf und Ab in der Wohngruppe, den mühsamen Weg der Stabilisierung in Not geratener junger Menschen sind dennoch informativ und berührend. 
(Bianka Piringer, www.kino-zeit.de)