Was bedeutet es für eine Gesellschaft im zwanzigsten Jahrhundert, wenn die Gleichberechtigung der Frau gewünscht und staatlich gefordert ist? Welche Wege finden und gehen Frauen, um einen eigenen Lebensentwurf zu gestalten? In der DDR war die Gleichberechtigung der Geschlechter nötig, Frauen wurde die Vollbeschäftigung ermöglicht, Kinderbetreuung und Hausarbeit zu vergesellschaften versucht. Die vollständige Gleichberechtigung: Während davon in der BRD noch keine Rede war, wurde sie im sozialistischen System als vollzogen proklamiert. Was hat das mit den Frauen gemacht und noch expliziter – was haben die Frauen daraus gemacht? In drei unterschiedlichen Filmen aus und über die DDR wird dieser Frage auf den Grund gegangen.

In „Das Fahrrad“ von Evelyn Schmidt aus dem Jahr 1981 erleben wir ein ungewöhnliches und unerwünschtes Frauenbild und begleiten die alleinerziehende Mutter Susanne auf dem Weg zu ihrer eigenen weiblichen Freiheit. In ihrem Dokumentarfilm „Winter adé“ von 1988 zeigt uns Helke Misselwitz langsam und nah Frauen und Mädchen verschiedener Generationen und stellt erstaunlich privat und gleichzeitig gesellschaftlich ihre unterschiedlichen Lebensgeschichten dar. Therese Koppe hat in ihrem Film „Im Stillen laut“ (2019) über Jahre ein Porträt zweier Frauen geschaffen, die sich im DDR-Regime Freiräume erkämpft haben und ihren Idealen bis heute treu bleiben.

6. Dezember / 20 Uhr: Das Fahrrad (1981)
Lea Lünenborg hat in Leipzig und Bremen Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert und sich thematisch mit der Darstellung der Frau im DEFA-Film beschäftigt. Sie wird in den Film einleiten und im Anschluss ein Gespräch mit Holger Tepe über den Film „Das Fahrrad“ führen.

10. Januar / 20 Uhr: Winter adé (1988)

7. Februar / 20 Uhr: Im Stillen laut (2019)

Die Veranstaltungsreihe wird freundlicherweise unterstützt vom CITY 46, von der Hollweg-Stiftung, von der Heinrich Böll Stiftung Bremen und der Rosa Luxemburg Stiftung Bremen.

Winter adé

DDR 1988, Regie: Helke Misselwitz, 116 Min.
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Mit dem Zug einmal quer durch die DDR: 1988 reist Regisseurin Helke Misselwitz von ihrem Geburtsort Zwickau im Süden des Landes bis zur Insel Rügen im Norden. Während ihrer Reise trifft sie auf Frauen verschiedener Generationen und sozialer Herkunft. Sie sprechen über ihren Alltag, ihre Probleme und Erwartungen. So entsteht eine Bestandsaufnahme des Alltags der Frauen in einem Land, das die Gleichstellung von Mann und Frau in der Verfassung festgeschrieben hatte – und doch von vorwiegend männlichen Parteifunktionären gelenkt wurde.
1988 wurde der Film auf dem Dokumentarfilmfestival Leipzig begeistert aufgenommen. Bei Vertretern des DDR-Fernsehens stieß er dagegen auf Ablehnung. Auch deswegen wird „Winter adé“ auch als ein filmischer Vorbote der Wende beschrieben.

Helke Misselwitz gehört zu den wichtigsten Filmemachern der letzten DEFA-Generation. Bereits während der Studienzeit fallen ihre filmischen Übungen auf, aber erst 1988 kann sie mit "Winter adé" nationale Anerkennung erzielen. Auch nach der Wende arbeitet sie weiter als Filmemacherin und thematisiert dabei immer wieder das Leben der Frau in der Gesellschaft. Seit 1997 ist Helke Misselwitz Professorin für Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Sie ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. (Defa Stiftung)

Eine sensible Dokumentation, die politische Tabus bricht, außerordentlich auch durch die eindrucksvolle Kameraarbeit. (Filmdienst)

„Winter adé“ gewährt ungewöhnliche Einblicke in Arbeits- und Lebenswelten von Frauen in der DDR, die dem offiziellen sozialistischen Gesellschaftsbild sicher nicht immer entsprochen haben (…). Helke Misselwitz erzählt von einem Land, das es nicht mehr gibt. Die Lebensgeschichten der Frauen mit all ihren Hoffnungen und Sorgen sind zwar von gestern, erscheinen aber 40 Jahre später in der bundesdeutschen Gegenwart noch immer aktuell. (Kirsten Taylor, Kinofenster)

Im Stillen laut

D 2019, Regie: Therese Koppe, 74 Min.
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Der „Kunsthof Lietzen” war zu DDR Zeiten ein wichtiger Freiraum und Ort der Selbsterfahrung. Seit über vierzig Jahren leben Erika Stürmer-Alex und Christine Stosch auf dem selbst ausgebauten Gehöft im Osten Brandenburgs. Erika, Malerin, gab dort Kunstkurse, und es wurde diskutiert, Musik gemacht, Performances aufgeführt. Durch ihren Lebensstil und ihre lesbische Partnerschaft eckten die beiden schnell an und gerieten unter Beobachtung der Stasi. Als Christine mit der Wende ihren Job als Lektorin verlor, gründeten sie auf dem Hof einen Arbeitskreis und das Projekt „Kreativ leben lernen”, das sich vor allem an ältere arbeitslose Frauen richtete. So wurde der Hof auch zu einem Begegnungsort von Frauen aus Ost und West. Mittlerweile sind beide über 80 und sinnieren gemeinsam mit der jungen Regisseurin über ihre Stasi-Akten, Tagebucheinträge, Erinnerungen und die Bedeutung des Kunsthofs.

Vertrautheit, das ist es, was den Film „Im Stillen laut“ von der Regisseurin Therese Koppe auszeichnet. Zusammen mit ihrer Kamerafrau und der Tonfrau Billie Jagodszinska lebte sie über längere Zeit bei Erika Stürmer-Alex und Christine Müller-Stosch auf einem alten Hof im Oderbruch. Die Frauen, beide 81, leben dort seit über vierzig Jahren zusammen. (Bianka Piringer, Kino-Zeit)

Vielleicht besteht Systemkritik – ob nun in Ost oder West – nicht zuletzt auch darin, Reibungspunkte zuzulassen, Respekt vor abweichenden Meinungen zu haben und einander Freiräume zu gewähren. Dies jedenfalls ist der bleibende Eindruck, den Therese Koppes leises, visuell kraftvolles Porträt hinterlässt. (Anja Kümmel, Sissymag)

Über die Gespräche und Bilder, teilweise unter Rückgriff auf Archivmaterial, gelingt ein faszinierendes Porträt der beiden Künstlerinnen, das seinen Zuschauer*innen nicht nur für die beiden sympathischen Künstlerinnen gewinnt, sondern auch für die Auffassung von Kunst, die nicht nur in einem Freiraum geschaffen wird, sondern diese auch schafft. (Rouven Linnarz, Film-Renzensionen)

Vergangene Filme aus dieser Reihe:

Das Fahrrad

DDR 1981, Regie: Evelyn Schmidt, mit Heidemarie Schneider, Roman Kaminski, 89 Min.

Susanne schlägt sich als alleinerziehende Mutter und ungelernte Arbeiterin durch den Alltag. Als sie ihren eintönigen Job als Metallstanzerin aufgibt, gerät sie schnell in finanzielle Schwierigkeiten. Andere Arbeitsplätze gibt es zwar - jedoch nicht für Ungelernte. Sie entschließt sich, ihr Fahrrad als gestohlen zu melden, um die Versicherungssumme zu kassieren. Ihr neuer Freund Thomas, ein erfolgreicher Ingenieur, reagiert vorwurfsvoll, als er von dem Betrug erfährt. Sein Unverständnis für ihre Situation festigt ihren Entschluss, sich zu trennen und ihr Leben grundlegend zu ändern.

Einfühlsames Porträt einer Frau, die die offiziell propagierte Gleichberechtigung in der DDR in ihre realistischen Schranken weist. (…) Ein ungewohnt kritischer Blick auf Arbeitsleben und Gleichberechtigung in der DDR. (Filmfestival Cottbus)

Mit Empathie und Verständnis beschreibt Evelyn Schmidt die emotionalen Krisen ihrer Protagonistin. Sozial stimmig enthüllte ihr Film die Kluft zwischen den Klassen in der DDR-Gesellschaft, die bis in die Liebesbeziehungen reicht. (Berlinale)