Ethnographische Filmtage 2022

Mit Filmen von Rokhaya Marieme Balde, David Bert Joris Dhert & Johannes Sjöberg, Gesamtdauer ca. 165 Min.
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Bereits wenige Jahre nach der Erfindung des Mediums Film nahmen Ethnolog:innen Kameras mit auf ihre Expeditionen. Heute steht das teilnehmende Beobachten mit der Kamera im Rahmen der Feldforschung im Vordergrund. Darüber hinaus experimentieren ethnologische Filmemacher:innen mit kollaborativen und fiktionalen Ansätzen, um ihre Praxis zu dekolonisieren. Für andere steht das Filmemachen als multi-sensorische Methode im Vordergrund 

Seit 2012 bilden die jährlich stattfindenden ethnografischen Filmtage des „Instituts für Ethnologie und Kulturwissenschaft“ einen festen Bestandteil unseres Schwerpunkts Visuelle Anthropologie. Internationale Produktionen werden neben den neuesten Arbeiten aus dem Institut gezeigt. Die Filmaufführungen und Diskussionen richten sich an ein Fachpublikum sowie an eine breite Öffentlichkeit. Die Filmtage 2022 (18. - 20.1.) stehen unter dem Motto Dekolonisierung des Ethnografischen Films und werden von Studierenden des Instituts im Rahmen eines Seminars kuratiert.

Das Filmprogramm:

20:00 – À la recherche d’Aline
SEN 2020, Regie: Rokhaya Marieme Balde, 27 Min. 
Gespräch/Diskussion mit der Filmemacherin

20:45 – The Village Resists
B/BRA 2019, Regie: David Bert Joris Dhert, 53 Min. 
Gespräch/Diskussion mit dem Filmemacher

22:00 – Call Me Back
UK 2020, Regie: Johannes Sjöberg, 28 Min.
Gespräch/Diskussion mit dem Filmemacher

Die junge Regisseurin Rokhaya kehrt in ihr Haus in Dakar (Senegal) zurück, um einen Film über eine lokale historische Persönlichkeit zu drehen. Durch ihre Recherchen, bestehend aus Interviews mit lokalen Persönlichkeiten, Diskussionen mit ihrem Team und fiktiven Szenen, die vor Ort gedreht wurden, entdecken wir die Geschichte von Aline Sitoe Diatta.

Rokhaya, a young director, returns to her home in Dakar to make a film about a local historical figure. Throughout her research, which consists of interviews with local personalities, discussions with her team and fictional scenes shot on location, we discover the story of Aline Sitoe Diatta.

Über die Regisseurin:

Rokhaya Marieme Balde wurde 1995 in Dakar (Senegal) geboren. Sie begann 2017 am Sup Imax in Dakar zu studieren. Nach einem Jahr Studium (Internationales Business Management in China) und einem Semester Politikwissenschaften an der Universität Montreal absolvierte sie ihren Bachelor Abschluss filmmaking an der HEAD (Haute école d'art et de design) Universität in Geneva. Mittlerweile studiert Rokhaya den Masterstudiengang screenwriting.

Born in 1995 in Dakar (Senegal). She began her studies at Sup Imax Dakar (Institut Supérieur des Arts et Métiers du Numérique) in 2017. After a year of study of international business management in China and a semester of political science at the University of Montreal, she completes her Bachelor's degree in filmmaking at the HEAD of Geneva (Haute école d'art et de design) in 2020. She is now starting the ECAL/HEAD Master's degree in screenwriting.

Was passiert, wenn ein Land als Veranstaltungszone für die zwei größten Sportveranstaltungen der Welt erklärt wird? Diese Frage betrifft die urbane, multi-ethnische Indigene Community Aldeia Maracanã in Rio De Janeiro, Brasilien, die durch den FIFA World Cup 2014 und die olympischen Spiele Rio 2016 erheblichen Druck erfährt. Die Indigene Gruppe lebt direkt neben dem Stadium, das die beiden Sportveranstaltungen austrägt. Sie fordern, dass ihr Land als ein indigener Platz bestehen bleibt, wie es seit dem frühen 20. Jahrhundert der Fall ist. Diese Perspektive kollidiert mit den Plänen der Brasilianischen Autoritäten und involvierten Unternehmen. Aus der Perspektive der Indigenen Siedlung erforscht der Film wie diese die Sportevents erleben, wie sich der Druck erhöht und wie sich die Community auflehnt. ‚The village reists‘ ist der zweite Film von Dherts Trilogie. Die Filme sind so konzipiert, dass sie individuell schaubar sind, haben jedoch Kontaktpunkte und vertiefen sich somit gegenseitig.

What happens when your land is being claimed as event zone for the two biggest sport events on the planet? A question that applies to the multi-ethnic urban Indigenous community of Aldeia Maracanã in Rio De Janeiro, Brazil, as they face increased pressure ahead of the 2014 FIFA World Cup and the 2016 Rio Olympic Games. The indigenous group lives right next to the stadium that stages the finals of both sport events. They wish to maintain their land as an indegenous meeting place, like it has been since the early 20th century, but that does not correspondond with the plans oft he Brazilian authorities and the corporations coming with the sport events. From within the Indigenous settlement, the film explores how the arrivel of the sport events is being experienced, how the pressure rises and how the community reists. ‚The village resists‘ is the second movie of Dherts trilogy. The films are made so that they can be watched independently, but ave contact points, so that each film adds to deepen out the other.

Über den Regisseur:

David Bert Joris Dhert ist ein belgischer Dokumentarfilmer, Forscher und Visual Artist, dessen Arbeiten sich mit indigenen Landkonflikten sowie Politik- und Wirtschaftsethiken in der Postkolonialen Ära befassen. Er lebt in Belgien und Australien, wo er derzeit forscht, um einen weiteren Dokumentarfilm zu produzieren.

David Bert Joris Dhert is a Belgian documentary filmmaker, researcher and visual artist working on the theme of Indigenous land coonflicts and politics/economical ethics in the postcolonial era. He is based in Belgium and Australia, where he is currently in the research stage for a forthcoming film.

Sjöberg über seinen Film: Ethno-Science-Fiction ist meine eigene Weiterentwicklung der „Ethnofiction“-Filmmethode von Jean Rouch. Ethno-Science-Fiction ist eine ethnografische Filmmethode, die untersucht, wie sich TeilnehmerInnen durch ihre Vorstellungskraft auf die Zukunft beziehen und wie sich dies auf ihre gelebte Erfahrung in gegenwärtigen und zukünftigen Zeitlichkeiten auswirkt. Im Jahr 2014 bat ich James Hudson-Wright, in einer Telefonzelle vor seinem Haus in Shipley in dem Film Call Me Back einen Dialog mit sich selbst zu beginnen. In den Jahren 2014 bis 2018 nahm ich James auf, wie er mit seiner gegenwärtigen Persönlichkeit und mit seinem zukünftigen Selbst aus den Jahren 2036 und 2056 über sein Leben und die Auswirkungen des Klimawandels diskutierte. Diese Szenen wurden mit seiner sich allmählich verändernden Umgebung vermischt. Ethno-Science-Fictions untersuchen auch wie die TeilnehmerInnen durch persönliche Erfahrungen und Vorstellungskräften mit wissenschaftlichen Vorhersagen bezüglich des Klimawandels, im Bezug auf ihre unmittelbare Umgebung, umgehen. Die Bedeutung der Vorstellungskraft, für die Gestaltung von Strategien zur Vorbereitung und Bewältigung des Klimawandels auf individueller und kommunaler Ebene, wird weiter untersucht.

Sjöberg about his movie: Ethno science fiction is my own development of Jean Rouch’s ‘ethnofiction’ film method. Ethno science fiction is an ethnographic film method that explores how participants relate to the future through their imagination and how it impacts on their lived experience in present and future temporalities. In 2014, I asked James Hudson-Wright to start a dialogue with himself in a phone booth outside his house in Shipley in the film Call Me Back. During 2014-2018 I recorded James discussing his life and the impact of climate change with his present persona and imagined future selves from the years 2036 and 2056. These scenes were intercut with his gradually changing environment including the flooding of his home on Boxing Day 2015. Ethno science fictions also explore how participants relate to scientific predictions of climate change in relation to their immediate environment, through their personal experience and imagination. The importance of imagination to shape strategies to prepare for and cope with climate change on an individual and community level are further examined through screen backs of the film.

Über den Regisseur:

Johannes Sjöberg ist Dozent für Screen Studies an der Universität in Manchester. Er ist spezialisiert auf Screen Practice als Forschung und sein Ansatz basiert auf der Praxis und kritischen Untersuchung qualitativer Forschungsmethoden, wie erweiterter Feldforschung und teilnehmender Beobachtung. Dabei werden partizipative und improvisatorische Kunstformen eingesetzt, um dem Publikum komplexes kulturelles Verständnis in einem reflexiven Rahmen zu vermitteln. Sjöberg hat kürzlich Ethno-Science-Fiction als ethnografische Filmmethode erforscht und untersucht, wie die britische Jugend durch ihre Vorstellungskraft zu wissenschaftlichen Vorhersagen der Zukunft Stellung bezieht. Hierbei steht vor allem der Klimawandel im Vordergrund. Er hat auch Arbeiten zur anthropologischen Zukunftsforschung und zur Epistemologie des Spiels im ethnografischen Film veröffentlicht.

Johannes Sjöberg is a lecturer in Screen Studies at the Department of Drama and Film at The University of Manchester. He specialises in screen practice as research and his approach is based on the practice and critical study of qualitative research methods, such as extended fieldwork and participant observation, using participatory and improvisational art forms to mediate complex cultural understanding to popular and academic audiences within a reflexive context. Sjöberg has recently conducted research on ethno science fiction as an ethnographic film method asking how British youth relate to scientific predictions of the future through their imagination, especially in 3 relation to climate change. He has also published work on the anthropological study of futures and the epistemology of play in ethnographic film.