Kabul, City in the Wind

NL 2018, Regie: Aboozar Amini, 88 Min., OmU
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„Zwanzig Jahre große Worte von Demokratie und Meinungsfreiheit, von diesem und jenem. Und plötzlich: Alles vorbei. Das wird fürchterliche Auswirkungen haben," sagte Regisseur Aboozar Amini vor dem Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan (Quelle: DasErste.de) und sollte mit dieser Aussage leider Recht behalten. Seit den Sommermonaten 2021 hat sich die politische Lage in Afghanistan erneut gewendet, und Bilder des Schreckens bestimmen wieder einmal die westlichen Medien.
„Kabul, City in the Wind" wurde wenige Jahre vor den aktuellen Ereignissen in Afghanistan gedreht. Die Kamera folgt den Brüdern Afshin und Benjamin. Ihr Vater musste aus dem Land fliehen und sein zwölfjähriger Sohn trägt als der „Mann im Haus" nun die Verantwortung für die Familie. Der Busfahrer Abas ist ein weiterer Protagonist in Aboozar Aminis Film. Abas ist Mitte 40, hoch verschuldet und schafft es kaum, seine Familie zu ernähren. Einen Ausweg sucht er im Drogenrausch. Aboozar Amini zeigt die Hauptstadt eines Landes, das seit mehr als 40 Jahren vom Krieg zerrissen ist. Es geht ihm um die Menschen, die dort leben, deren Alltag von Unsicherheit und Angst bestimmt ist und die ihre Stadt dennoch lieben. Selbstmordanschläge sind Alltag in Kabul, doch Amini wollte den Alltag in Kabul zeigen, nicht den Krieg. Er porträtiert die Stadt und ihre Bewohner, ohne Gewalt oder spektakuläre Explosionen, und doch ist die ständige Bedrohung in jeder Szene greifbar.

Er habe keine Klischees bedienen wollen, sagt der Regisseur, ganz im Gegenteil: "Afghanistan ist ein Land voller Gewalt, zumindest in den letzten vierzig Jahren. Aber das Kino, an das ich glaube, ist ein anderes: Da geht es um Emotionen, um das Gefühl von Gewalt, nicht um die Gewalt selbst." (Joachim Gärtner, DasErste.de)

Heute, nachdem die Taliban ganz Afghanistan erobert haben, wirkt »KABUL, CITY IN THE WIND« wie ein fast schon utopischer Blick zurück in eine Ära der Freiheit und auch Unbeschwertheit, trotz allem. Und man fragt sich, was aus den dreien und ihren Familien geworden ist. (Rudolf Worschech, epd film)

Wenn man das Glück hatte, in den letzten 75 Jahren im Westen geboren worden zu sein, in Ländern, in denen Krieg immer mehr zu etwas wurde, das es hier einmal gegeben hat, nun aber immer mehr in die Ferne rückt, ist es schwer sich vorzustellen, wie das Leben in Afghanistan aussieht. Oder noch mehr: Wie es sich anfühlt. Wie es sich anfühlt, wenn man nie etwas anderes als Krieg gekannt hat, wenn die häufigste Todesart nicht etwa Herzkrankheiten oder Krebs sind, sondern Schusswunden oder gar Tod durch einen Selbstmordanschlag. (Michael Meyns, Programmkino.de)