Queere Filmgeschichte
Queeres Leben in Deutschland ist zurzeit so sichtbar wie lange nicht mehr, und gleichzeitig starker Diskriminierung von rechts ausgesetzt. Das zeigt sich in Angriffen auf CSDs und der Einschränkung von queeren Rechten in vielen Lebensbereichen. Diese Herausforderungen sind aber nicht neu und wurden in der queeren Geschichte immer wieder bewältigt und vor allem auch filmisch festgehalten. Wir wollen einen Blick in die Vergangenheit werfen, um die Kämpfe, den Alltag und das Feiern queerer Menschen sichtbar zu machen und von ihrer Hoffnung zu lernen - von Klassikern bis zu vergessenen Schätzen. Dabei zeigen wir monatlich einen Film, der von Gäst*innen aus dem queeren Aktivismus und der Wissenschaft eingeführt wird.
Veranstaltet wird die Reihe vom femref, dem Queerfeministischen Autonomen Referat der Universität Bremen, in Kooperation mit dem City 46.
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Die Termine:
Futur Drei (D 2019): Di. 7.10. / 20:30
Fremde Haut (D 2005): 4.11. / 20:30
Coming Out (DDR 1988/89): Di. 2.12. / 20:30
Mädchen in Uniform (D 1931): 6.1.26 / 20:30
Anders als die Anderen (D 1919): 3.2.26 / 20:30
Anders als die Andern

Bildcredit: © Edition Filmmuseum/Filmmuseum München
Di. 3.2. / 20:30mit Einführung von Christine Rüffert, Uni Bremen
Der Geigenvirtuose Paul Körner verliebt sich in den Nachwuchsmusiker Kurt Sievers, dem er Unterrichtsstunden gibt. Zwischen den beiden entsteht eine romantische Beziehung, die von Kurts Eltern misstrauisch beobachtet wird und zudem durch die gesellschaftliche Stigmatisierung homosexueller Beziehungen bedroht ist.
Der Paragraph §175 stellt derartige Beziehungen unter Strafe, was schließlich auch den beiden Verliebten zum Verhängnis wird, da Körner durch einen mitwissenden Bekannten damit erpresst und letztendlich angezeigt wird. Die Handlung gipfelt in einer Gerichtsverhandlung, in der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (von Hirschfeld selbst gespielt) eine Rede zur Verteidigung homosexueller Individuen hält, in der er die gesellschaftliche Ächtung derselben anprangert. Dr. Magnus Hirschfeld war zu der Zeit bereits berühmt durch sein Engagement für die Entkriminalisierung homosexueller Handlungen und als Begründer des ersten Instituts für Sexualforschung. Mit seiner Arbeit leistete er einen wichtigen Beitrag zur Entstigmatisierung queerer Menschen und der Sexualforschung abseits binärer Geschlechterordnungen.
Entstehungsgeschichte:
Regisseur Richard Oswald schuf mit Unterstützung von Magnus Hirschfeld den damals weltweit ersten Film, der Homosexualität offen thematisierte. Der Film gehörte zu der Kategorie „Sitten- und Aufklärungsfilm“ und konnte nur entstehen und gezeigt werden, weil es noch keine staatliche Zensur gab. Mit über 40 Kopien, eine für damalige Verhältnisse hohe Anzahl, startete der 'Skandalfilm' im Mai 1919 in Deutschland in den Kinos und wurde dann international erfolgreich vermarktet. Kritiker*innen argumentierten unter dem Vorsatz des Jugendschutzes und verbreiteten nicht nur homophobe Vorurteile, sondern auch Antisemitismus. Oswald und Hirschfeld waren beide Juden und ihre Darstellung von Homosexualität wurde als „jüdisches Laster“ angeprangert. Die Wiedereinführung der Filmzensur 1920 führte zu einem Verbot des Films und zur Zerstörung der Kopien. Das Staatliche Filmarchiv in Moskau konnte eine lückenhafte Kopie mit ukrainischen Untertiteln erhalten, die Ende der 1970er Jahre zur Filmkonstruktion genutzt wurden.
Die Aufführung vor "geladenem Publikum" war etwas wie eine Sensation.Aus zwei Gründen: erstens des Themas wegen und zweitens – des Publikums wegen. Es ist heikel, über das alles zu schreiben, hat man bisher gesagt. (Vielleicht findet nur ein "anderer" die richtigen Töne.) Wenn man das aber sah, sagte man sich: es ist nicht heikel. Es war eine Ovation. Es wurde zur großen Versammlung der „anderen". (B.E. Lüthge, Film-Kurier, Nr. 1, 31.5.1919)
Obwohl das an einem authentischen Fall orientierte Drehbuch äußere Melodramatik komplett vermeidet, überzeugt Anders als die Andern gerade durch seine Emotionalität - eine Qualität, die diesen Film weit über den Status als Aufklärungsfilm hinaus interessant macht als frühes Beispiel
des Kammerspielfilms. (Daniel Kothenschulte, Edition Filmmuseum, Film-Dienst Nr. 3/2000)
Die B.Z. am Mittag vom 18. August 1919 schrieb anlässlich einer Vorführung des Films im Rahmen einer nichtöffentlichen Veranstaltung, der Film sei 'zu einer antisemitischen Propaganda benutzt worden.' Es bestehe aber Einigkeit unter den geladenen Ärzten, Wissenschaftlern, Behördenvertretern und Schriftstellern, 'daß die einwandfreie Durchführung der Filmhandlung weder indezent noch unmoralisch wirke.' (AV-Film, Rolf Thissen: Sex verklärt. Der deutsche Aufklärungsfilm)
Wenn es um queere Klassiker geht, darf dieser Film nicht fehlen, die Mutter aller schwulen Filme. (Matthias Frings, sissymag)
Vergangene Filme dieser Reihe:
Mädchen in Uniform
Di. 6.1. / 20:30mit kurzem Einführungsvortrag zum Thema "Sexualität in der Weimarer Republik" von Yeliz Elze
Potsdam, 1910. Die junge Manuela von Meinhardis soll nach dem Tod ihrer Mutter in einem Stift für höhere Töchter ihre Bildung abschließen. Das sensible Mädchen tut sich schwer mit Uniformen und preußischem Drill. Einziger Lichtblick ist für sie die Lehrerin Fräulein von Bernburg, die sich dem rigiden Erziehungsideal widersetzt. Manuelas Verehrung für ihre Lehrerin entwickelt sich zu einer leidenschaftlichen Liebe. Doch als Manuela ihre Liebe für Fräulein von Bernburg gesteht, führt das zum Eklat.
Betrachtet man den Film in seiner eigenen Zeit, so wird schnell klar, was für eine interessante Anomalie das Werk doch ist. Schon seine Basis, Christa Winsloes Theaterstück „Gestern und heute“, generierte 1930 viele Proteste und Boykotts in verschiedenen deutschen Städten, aber auch viel Zuspruch — vor allem ob seiner offenen Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität und seiner Darstellung einer Gruppe junger Frauen, die innerhalb einer hochgradig restriktiven und unterdrückerischen Gesellschaft eine eigene Identität suchen." (www.sissymag.de)
Als „Mädchen in Uniform“ 1931 erschien, stieß er sofort auf den Widerstand konservativer und nationalsozialistischer Gruppen, die in ihm eine Bedrohung der traditionellen Geschlechterrollen sahen. Die Rezeption des Kinopublikums war gemischt: So manche Zuschauer:innen waren schockiert, mit solcher Nonchalance mit lesbischen Themen konfrontiert zu werden. Anderen wiederum gefiel genau dies. Die Darstellung einer rebellischen Schülerschaft sowie die Kritik an strengen Disziplinarmaßnahmen und Geschlechternormen lösten ebenfalls Kontroversen aus. Schon 1934 wurde der Film von den Nazis verboten. Erst 1958 erschien er wieder, allerdings in einer stark zensierten Fassung. In den 1970er Jahren fand sich dann das ungekürzte Originalmaterial im Bundesarchiv, das restauriert und 1976 wieder aufgeführt wurde. (www.sissymag.de)
Anmerkung: Der Film wurde in NS-Deutschland immer wieder gespielt. Doch eine Anzeige von 1941 nennt keine der Hauptdarstellerinnen mehr, auch der Name der jüdischen Regisseurin Leontine Sagan fehlt. Der Film wurde zum alleinigen „Meisterwerk“ des Produzenten Carl Froelichs deklariert. Dieser war NSDAP‐Mitglied und Präsident der Reichsfilmkammer. Die Namen der jüdischen und nicht-nationalsozialistisch gesinnten Mitwirkenden im Film eliminierte man und versuchte sie so aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen. (Quelle: www.lesbenwelt.de)
Autorin Christa Winsloe und Regisseurin Leontine Sagan schufen 1931 mit „Mädchen in Uniform“ einen Film, der mit einer offen queeren Liebesgeschichte zur damaligen Zeit gemischte Reaktionen hervorrief. Trotz Boykott-, Umdeutungs- und Verbotsversuchen durch die Nationalsozialisten, schaffte der Film es, die Zeit zu überdauern und wird heute als lesbischer Kultfilm gefeiert. „Mädchen in Uniform“ ist dabei nicht nur ein frühes Beispiel für feministisches Filmemachen und ein Zeugnis queerer Geschichte in Deutschland, sondern schafft es durch seine Darstellung von Auflehnung gegen ein autoritär-patriarchales System eine Verbindung zu den Kämpfen der Gegenwart herzustellen. Ausgezeichnet mit dem Publikumspreis für technisch besten Film beim Filmfestival Venedig(1932) und mit dem Kinema Junpo Award für besten fremdsprachigen Film (1934). (www.filmdienst.de)
Die Originalfassung, die von der Regisseurin Leontine Sagan nach dem Theaterstück „Gestern und heute“ von Christa Winsloe inszeniert wurde, gilt eher als Geheimtipp, obwohl sie als erster expliziter Frauenfilm in die Filmgeschichte eingegangen ist und im Gegensatz zum Remake offensiv und differenziert mit dem Thema der Erotik und Liebe unter Frauen umgeht. (www.kinozeit.de)
Coming Out
Di. 2.12. / 20:30mit Einführung (tbc)
Philipp Klahrmann ist ein junger Lehrer in Ost-Berlin, der ein unauffälliges Leben führt. Er hat eine feste Beziehung mit seiner Kollegin Tanja und beginnt gerade seine berufliche Laufbahn. Doch ein zufälliges Treffen mit seinem früheren Schulfreund Jakob weckt Gefühle, die Philipp lange verdrängt hat. Auf der Suche nach sich selbst betritt er zum ersten Mal eine Schwulenbar, ein Ort, der ihm fremd und zugleich vertraut erscheint. Dort lernt er Matthias kennen. Zwischen den beiden entsteht eine Beziehung, die Philipp nicht nur emotional aufwühlt, sondern auch sein bis dahin gefestigtes Leben ins Wanken bringt. Während er zunehmend ein Doppelleben führt, wachsen sowohl sein Druck, sich zu entscheiden, als auch die gesellschaftliche Unsichtbarkeit, in der queeres Leben in der DDR stattfindet.
Die DEFA, die staatliche Filmproduktionsgesellschaft der DDR, setzte mit Coming Out einen bis dahin einzigartigen Akzent in der Filmgeschichte des Landes. Statt Homosexualität zu marginalisieren oder zu problematisieren, versteht sich der Film als Einladung zur einfühlsamen Auseinandersetzung mit queerer Identität. Die Premiere am 9. November 1989 im Berliner Kino International fiel auf den Tag des Mauerfalls und wurde zunächst von den historischen Ereignissen überschattet. Heute gilt der Film als Symbol eines gesellschaftlichen Umbruchs, dass das Ende eines staatlich verordneten Schweigens markiert und eine neue Ära der Sichtbarkeit einleitet. (Text: femref)
Auszeichnungen:
Silberner Bär (Besondere künstlerische Leistung, Heiner Carow) und Teddy Award, Berlinale 1990
Nationaler Filmpreis für Beste Regie: Heiner Carow; Bester Nachwuchsdarsteller: Matthias Freihof
Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste 1990 für Heiner Carow und Wolfram Witt
Der einfühlsam gespielte und weitgehend sensibel gestaltete Film zeigt nicht nur die innere Zerrissenheit von Menschen, die auf Grundgesellschaftlicher Normen diskriminiert werden, sondern versteht sich auch als Plädoyer für Toleranz gegenüber Minderheiten. (www.filmdienst.de)
Heute gilt der Film nicht nur als Meilenstein des queeren Kinos, sondern auch als einzigartiges Zeitdokument, das den DDR-Alltag, gesellschaftliche Strukturen und die Kämpfe um Sichtbarkeit in beeindruckender Weise einfängt. (www.queer.de)
Sichtbar machen, was nicht gesehen werden darf. Denn was man nicht sieht, das gibt es auch nicht. „Coming Out“ kommentiert die gesellschaftliche Realität der DDR, indem er sie zeigt.“ (www.sissymag.de)
Fremde Haut
Di. 4.11. / 20:30
Fariba ist eine junge iranische Übersetzerin, der in ihrem Heimatland die Todesstrafe droht, weil ihr Verhältnis zu einer verheirateten Frau bekannt geworden ist. Um der Verfolgung zu entkommen, versucht sie nach Deutschland zu fliehen, aber im Frankfurter Flughafenlager wird ihr Asylantrag abgelehnt. In ihrer verzweifelten Lage eröffnet der Selbstmord eines iranischen Mitinsassen einen dramatischen Ausweg – Fariba nimmt seine Identität an und wird als Siamak Mustafai mit einer vorläufigen Aufenthaltsgenehmigung in die schwäbische Provinz umgesiedelt. Hier findet Fariba/Siamak illegal Arbeit in einer Fabrik und lernt so Anne kennen. Doch die Beziehung zu der Kollegin wird durch das homophobe und rassistische Umfeld in der Fabrik herausgefordert und
Faribas/Siamaks Identität steht nun erneut auf dem Spiel.
Angelina Maccarone erzählt in Fremde Haut nicht nur eine gefühlvolle queere Liebesgeschichte, sondern auch von der harschen Realität der Migrationspolitik in den 2000er Jahren. Auf eindrückliche Weise erkundet das Drama dennoch den Wunsch sichtbar und gleichberechtigt zu leben. Ausgezeichnet mit dem Hessischen Filmpreis 2005 (Spielfilm) und als Bester Spielfilm auf dem Seattle Filmfestival, sowie einer Nominierung für den Deutschen Filmpreis (beste weibliche Hauptrolle Jasmin Tabatabai). [Text: femref, Uni Bremen]
Es sind kraftvolle Bilder, die Angelina Maccarones „Fremde Haut“ eröffnen – ein Film, der von der doppelten Unsichtbarkeit queerer Geflüchteter erzählt und das nicht-heteronormative Kino im Jahr 2005 um eine bis heute selten beleuchtete Facette bereicherte. (www.sissymag.de)
Betitelt als politisches Drama, bewegende Liebesgeschichte und ungeschminkte deutsche Wirklichkeit ist Fremde Haut ein leidenschaftliches Statement für die Liebe und die Suche nach dem Platz im Leben. Ein Film, der emotional ist, ohne gefühlsduselig zu sein. Eine ruhig komponierte Geschichte, bei der man lachen und weinen möchte. Manchmal sogar beides gleichzeitig. (Gesine Grassel, www.kino-zeit.de)
Futur Drei
Di. 7.10. / 20:30mit Gäst*in von Queeraspora
Parvis wächst in Hildesheim in komfortablem Wohlstand auf, den sich seine aus dem Iran eingewanderten Eltern hart erarbeitet haben. Das langweilige Provinzleben versucht er sich durch Popkultur, Grindr-Dates und Raves bunter zu machen. Nach einem Ladendiebstahl muss Parvis Sozialstunden als Übersetzer für geflüchtete Menschen leisten. Dort freundet er sich mit den iranischen Geschwistern Banafshe und Amon an, durch die er sich und seine Vergangenheit neu entdeckt.
In seinem queeren und autobiografischen Regiedebut erzählt Faraz Shariat vom Aufwachsen und Zusammenleben mehrerer Generationen im Einwanderungsland Deutschland.
Der Film erzählt mit einer visuellen und erzählerischen Leichtigkeit von queeren migrantischen Lebensrealitäten in Deutschland und scheut sich dabei nicht schwere Themen zu behandeln oder sexuelle Realitäten zu zeigen. Mit Selbstverständlichkeit und Verspieltheit erzählt Futur Drei
selbstbestimmt von Sexualitäten und Identitäten und nimmt sich den Raum,
der von anderem vor ihm erkämpft wurde. Ausgezeichnet auf der Berlinale 2020 mit zwei Teddys, u.a. BesterSpielfilm, und als bester Nachwuchsfilm bei den First-Steps-Awards 2019.
"Futur Drei, entstanden außerhalb des deutschen Filmfördersystems, ist eine kleine große Perle, ein Unikum im deutschen Kino: nie wurde so selbstverständlich und selbstbewusst von migrantischen Lebensrealitäten und vor allem auch von queeren Lebensentwürfen erzählt." (www.artechock.de)
„Gegen einen Alltag aus unsicherem legalen Status, Diskriminierung und sexueller Selbstverleugnung – was Shariat wie nebenbei, aber sehr präzise einfängt – setzt der Film auch ein Utopia im lilaSonnenuntergang." (www.kunstundfilm.de)