Die unendliche Erinnerung

La memoria infinita – CHI 2023, Regie: Maite Alberdi, 85 Min., span. OmU

„Erinnerung ist Identität” – der Satz beschreibt vielleicht am treffendsten, worum es in der neuen Dokumentation der Regisseurin Maite Alberdi geht. Was bleibt von der Vergangenheit, wenn das Gedächtnis schwindet? Wer sind wir ohne unsere Erinnerungen? Wie wichtig es ist, nicht zu vergessen, weiß der chilenische Journalist Augusto Góngora sehr genau. Góngora ist einer der prominentesten Chronisten der Verbrechen des diktatorischen Pinochet-Regimes. Seit einigen Jahren kämpft er mit geistigen und körperlichen Aussetzern aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung. Doch Augusto ist nicht allein. Seit mehr als 20 Jahren stets an seiner Seite ist Partnerin Paulina Urrutia, bekannte Schauspielerin und ehemalige Kultusministerin in Chile. Das Paar hat sich immer gemeinsam allen Herausforderungen gestellt, so bekämpft es auch die unaufhaltsam voranschreitende Krankheit Augustos gemeinsam. Jeden Tag lernen sich die beiden Liebenden neu kennen, verbunden in inniger Zuneigung, Geduld und Zärtlichkeit.
Alberdis Dokumentation wurde unter anderem mit dem großen Preis des Sundance Festivals 2023 ausgezeichnet. In Chile wurde der Film zur erfolgreichsten Dokumentation aller Zeiten erklärt verdrängte sogar den Sommer-Hit „Barbie” von Platz 1 der Kinocharts. Augusto Góngora verstarb wenige Monate nach der Premiere des Films im Alter von 71 Jahren.

Als 2014 bei Góngora Alzheimer diagnostiziert wird, beginnt seine Frau, alltägliche Momente und die fortschreitende Erkrankung ihres Mannes auf Video aufzunehmen. Die Mischung aus TV-Archivmaterial, älteren privaten Videoaufnahmen und aktuell gedrehten Szenen lässt das zärtliche Porträt einer Liebesbeziehung entstehen, in der kleine Gesten und Blicke eine stärkere Intimität auszudrücken vermögen als Worte. Mittels einer kollagenhaften Montage, die den Film wie eine Reise durch die Stationen eines bewegten Lebens erscheinen lässt, zeichnet Maite Alberdi die Geschichte eines Mannes nach, der zeitlebens gegen das kollektive Vergessen angeschrieben hat und nun selbst nach und nach seine Erinnerung verliert. (Berlinale, Sektion Panorama Dokumente 2023)

Es ist unsagbar toll und überaus beeindruckend, diesen zwei Menschen in Alberdis intimer, aber doch stets respektvoller Betrachtung zuzuschauen. Wir werden uns noch lange an die beiden erinnern – das ist sicher. (Andreas Köhnemann, www.kino-zeit.de)

Vom kleinen zum großen, vom persönlichen zum gesellschaftlichen. In ihrer in Sundance ausgezeichneten Dokumentation „Die unendliche Erinnerung“ schlägt die chilenische Regisseurin Maite Alberdi einen Bogen von der Alzheimer-Erkrankung des in seiner Heimat sehr bekannten Journalisten Augusto Góngora und der chilenischen Gesellschaft, die immer noch mit der Erinnerung an die Diktatur ringt. Ein intimes Porträt und ein berührender Liebesfilm. (Michael Meyns, www.programmkino.de)

Eine Frage der Würde

BUL/D 2023, Regie: Stephan Komandarev, mit Eli Skorcheva, Ivan Barnev, Gerasim Georgiev, 119 Min., OmU

In einer kleinen Stadt im Nordosten von Bulgarien lebt die pensionierte Lehrerin Blaga, 70 Jahre alt und frisch verwitwet. Nun möchte sie für sich und ihren Mann ein schönes Grab kaufen. Ihre Ersparnisse reichen gerade so dafür, und sie kann eine Anzahlung machen. Es bleiben 40 Tage, bis ihr Mann begraben sein muss. So lange verweilt nach christlich-orthodoxem Glauben die Seele des Verstorbenen noch auf der Erde. Da ruft ein Polizist bei ihr an, der sie um Mithilfe bei der Festnahme einer Bande in ihrem Viertel bittet. Dafür solle sie all ihre Wertsachen vom Balkon werfen, das Viertel sei umstellt und in wenigen Stunden erhalte sie alles zurück. Ängstlich kommt Blaga der Aufforderung nach und merkt erst später, dass sie auf einen Telefonbetrüger reingefallen ist. All ihre Ersparnisse sind weg und sie kann den Grabstein ihres Mannes nicht bezahlen. Die Polizei hilft ihr nicht weiter, die Bank verwehrt einen Kredit und einen Job findet sie wegen ihres Alters nicht mehr. Also muss sie eine Entscheidung treffen, die ihre moralischen Grundsätze auf den Kopf stellt. Blaga beginnt, sich mit der Arbeitsweise der Telefonbetrüger zu befassen und lässt sich als Botin rekrutieren. 
Der neue Film des renommierten bulgarischen Regisseurs Stephan Komandarev (THE JUDGEMENT, ROUNDS) thematisiert universelle Fragen um Schuld und Gerechtigkeit. Einer der meist ausgezeichnetsten Filme des Jahres mit über 17 internationalen Filmpreisen, u.a. dreifacher Gewinner des Internationalen Filmfestivals Karlovy Vary.

Was müssen unbescholtene Bürger eines verarmten Landes – immerhin EU-Mitglied (!) – auf sich nehmen, um zu überleben? In einem fast dokumentarischen Stil hält Regisseur Stephan Komandarev seinem eigenen Land schonungslos den Spiegel vor. Was muss passieren, das aus einer sympathischen Rentnerin eine Verbrecherin wird? (Jan-Barra Hentschel, www.nochnfilm.de)

"Eine Frage der Würde" ist ein nicht nur packender, sondern auch bekümmerter Thriller. Seine Protagonistin wird sich selbst fremd. Sie hat niemanden, dem sie sich anvertrauen kann, weder ihrem Sohn, der in den USA lebt und ihr fortwährend Vorwürfe macht, noch dem hilfsbereiten Ex-Polizisten, der ebenfalls auf die Masche der Telefonbetrüger hereinfiel. Nur zwischen Blaga und der aufmerksamen Schülerin entsteht eine sachte Nähe, als sie ihr den Unterschied zwischen »Heim« und »Haus« erklärt. (Gerhard Midding, www.epd-film.de)

Only the River Flows

CHN 2023, Regie: Wei Shujun, mit Zhu Yilong, Chloe Maayan, Hou Tianlai, 101 Min., mand. OmU

Die südchinesische Provinz Banpo in den 1990er Jahren: Als der Leichnam einer alten Dame am Flussufer angespült wird, ist der Fall für die Polizei schnell aufgeklärt. Bei der Toten hat ein geistig behinderter Mann gelebt, der als Täter verhaftet wird. Doch das merkwürdige Verhalten der Kleinstadtbewohner macht Polizeichef Ma Zhe misstrauisch. Während seine Kollegen den Fall als gelöst ad acta legen wollen, beginnt er tiefer zu graben. Eine Musikkassette in der Handtasche des Opfers führt ihn zu durchtriebenen Gangstern, mörderischen Femme Fatales und einem Friseur, der sich gerne selbst als Täter inszeniert. Ma Zhes Kollegen drängen ihn, den Fall endlich ruhen zu lassen, doch weitere Tote werfen neue Fragen auf. Solange der wahre Mörder noch frei herumläuft, kann der Ermittler nicht aufhören, auch wenn es ihn innerlich zerreißt.
Regisseur Shujun Wei feierte mit seinem Film Noir Premiere beim Filmfestival de Cannes in der Reihe "Un Certain Regard" und hat an seinem Startwochenende in China im Oktober Platz eins der chinesischen Kinocharts übernommen.

„Only the River Flows“ ist ein wahres audiovisuelles Fest von einem Film. … Wie in Howard Hawks „The Big Sleep“ geht es gar nicht darum, das Rätsel des Mordfalls zu lösen, sondern dabei zuzusehen, wie die Figuren auf der Suche nach der Lösung sich langsam selbst aufzulösen beginnen. Ein trauriger Film, in verblichenen Farben. Der Film wurde komplett auf 16mm gedreht. Ein Novum für das Digitalfilmland China und ein überzeugendes Mittel, um die Stimmung der Geschichte zu unterstreichen. (Festival www.14films.de)

Like the greatest genre exponent, Raymond Chandler, Wei cares less about logistics than about mood. And so his rainy, grainy movie (DP Chengma shoots on film in low light, giving the images a lovely dirty texture) looks and feels as hardboiled as its hero: a tattered idealist trapped in the amber of circumstance and character, struggling futilely against a fate that lies in wait for him like a knife-wielding maniac…. Each character is revealed to be their own little rabbit hole of inconsistencies and personal tragedies that may have everything or nothing at all to do with the murders. Everyone has secrets, some silly, some sinister, but mostly just sad: little scabbed-over scratches on these lonely Chinese hearts. (Jessica Kiang, www.variety.com)