Im toten Winkel

D 2023, Regie: Ayşe Polat, mit Aybi Era, Katja Bürkle, Ahmet Varli, 117 Min., türk. OmU

Ein deutsches Dokumentarfilmteam reist in den Nordosten der Türkei, um dort mit der Kurdin Hatice über das Verschwinden ihres Sohnes vor mehr als zwanzig Jahren zu sprechen. Die Filmemacherin Simone will mit ihrem Film dem Verschwundenen, mutmaßlich verschleppt vom türkischen Geheimdienst JİTEM, ein „immaterielles Denkmal“ schaffen. Der vermutlich Tote wird durch das Erinnern und Hoffen der nächsten Angehörigen wieder gegenwärtig. Schon bald überschatten sonderbare Zwischenfälle die Dreharbeiten: Die kleine Nachbarstochter Melek, der Leyla, die Dolmetscherin des Filmteams, nebenbei Nachhilfestunden gibt, wird plötzlich von Visionen heimgesucht. Auch ein türkischer Überwachungsagent beobachtet die mystischen Kräfte des Mädchens. Aus Angst um seine Familie, begibt Meleks Vater Zafer sich daraufhin in die Schusslinie des Geheimdiensts.

„Im toten Winkel“ beginnt als filmische Meta-Reflexion und wandelt sich schließlich zu einem doppelbödigen Spionage-Thriller. Schon die erste Szene etabliert drei Ebenen: Neben Film-im-Film-Bildern des Dokumentarfilmteams sieht man auch, dass die Dreharbeiten aus einem Auto beschattet werden, und auch Geheimdienstler haben selbstverständlich Kameras im Einsatz. Bald schon kann das Publikum nicht mehr sicher sein, ob es nun Simones Kameramann ist, Ayşe Polats Kameramann Patrick Orth oder eine dritte Perspektive, die den Blick lenkt. (Mathis Raabe, www.kino-zeit.de)

Ins Visier dieses klug verschachtelten filmischen Vexierbilds treten nicht nur die Strategien finsterer Organisationen und die Logik der Paranoia, sondern das Sehen selbst in all seinen Dimensionen, vom Observieren bis zur Prophezeiung. Der blinde Fleck heißt Trauma, transgenerational. Die deutsch-kurdische Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin Ayşe Polat inszeniert ihn in Perfektion. (www.berlinale.de)