Seaside Special

D 2021, Drehbuch & Regie: Jens Meurer, mit Olly Day, 91 Min., OmU, gedreht auf 16mm
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Am Ende einer Seebrücke im verschlafenen ostenglischen Seebad Cromer wird jeden Sommer eine alte Tradition gefeiert: 15 Meter über dem Meer geht dort die weltweit letzte „End-of-Pier- Varieté Show“ über die Bühne. Das professionelle Seaside Special-Theater entzückt das Publikum im Sommer mehrmals am Tag mit exzentrischen Kleinkünstlern und in bester Samstagabendshow-Manier. Ein Jahr lang beobachtete Filmemacher Jens Meurer das Leben rund um die Show und das wie aus der Zeit gefallene Städtchen voller urbritischer Typen. Es ist die Zeit in 2019 kurz vor dem Brexit-Entscheid und so geht es hier auch um Haltung und Authentizität, Gemeinschaft und Werte sowie um britischen Humor und Spleens.
Jens Meurer: „Die Dokumentation ist eine Liebeserklärung an England trotz oder gerade zu Zeiten des Brexit – ein Land, das mir sehr nahesteht. Kurioserweise habe ich in England mit Boris Johnson und Michael Gove zusammen studiert und war mit ihnen eng befreundet. Meine Reaktion auf den Brexit war, das auszudrücken, was ich als Deutscher an den Briten liebe, nämlich den Humor.“ (film-rezensionen.de)

Jens Meurer wurde 1963 in Nürnberg geboren und wuchs ab seinem 12. Lebensjahr im südafrikanischen Johannesburg auf. Nach dem Studium am Balliol College in Oxford, am Sciences Po in Paris und der New Yorker Columbia University drehte er erste Dokumentarfilme über den Zerfall der Sowjetunion und die Überwindung der Apartheid in Südafrika. Seine bekannteste Dokumentation aus dieser Zeit ist Jeckes – Die entfernten Verwandten (1997, zusammen mit Carsten Hueck), ein Porträt über sieben deutsche Juden, die vor dem Holocaust nach Palästina flohen. Zu seinen wichtigsten Arbeiten als Produzent zählen Russian Ark, Black Book, Ein russischer Sommer oder Carlos – Der Schakal.

„Die Jury möchte außerdem dem Film SEASIDE SPECIAL von Jens Meurer eine besondere lobende Erwähnung aussprechen. Ein gelungener, humorvoller, auf 16mm Filmmaterial gedrehter Blick auf den Brexit und filmischer Liebesbrief aus Europa an Großbritannien.” (Hofer Filmtage)

Interview mit Jens Meurer

Petrov’s Flu

R/F/D/CH 2020, Regie: Kirill Serebrennikov, mit Semyon Serzin, Chulpan Khamatova, 145 Min., OmU
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Während im postsowjetischen Russland die klirrende Winterkälte in jede Ritze dringt, kämpft die dreiköpfige Familie des Klempners Petrov mit einer hartnäckigen Grippe. Ihr Alltag vermischt sich mit wirren Fieberträumen. Die dunklen Tage verlaufen in einem Delirium voller Halluzinationen, in denen Wirklichkeit und Traum mit Kindheitserinnerungen verschmelzen, was einen schon mal verrückt machen kann. Trotz allem geht ihr Leben weiter. Petrov verarbeitet Alltagssituationen in seinen kleinen japanischen Comics, und seine Ehefrau, eine Bibliothekarin, entdeckt ihre Leidenschaft am Ermorden auffällig gewordener Männer.
Basierend auf Alexey Sainikovs gleichnamigen Roman legt Regisseur Kirill Serebrennikov eine sehr kritische wie auch ins Surreale driftende, schwarz-humorige Studie der heutigen russischen Gesellschaft vor. Die grippale Hölle, der Familie, die auch die Zuschauer*innen in einen Strudel von Schmutz, Rotz, Alkohol und Neonlichtern zieht, darf als bissiger und zorniger Kommentar verstanden werden. Serebrennikov hat wegen seines politisch-künstlerischem Engagement bereits mehrfach Repressionen des russischen Staates erlebt.

Ein abgründiger filmischer Trip in eine albtraumhaft verzerrte russische Gesellschaft, in dem die dysfunktionale Familie in den Taumel einer aus den Fugen geratenen Weltwahrnehmung gerät. Die intensiven, mitreißenden Bilder rauschen durch die von schmutzigen und abstoßenden Details geprägten Stationen und sind in ihrer Unbarmherzigkeit als Rundumschlag gegen ein implodierendes Land zu verstehen. (Patrick Holzapfel, Filmdienst)

«Petrov’s Flu» ist das surreale Sittengemälde eines Landes, dessen Bevölkerung sich immer wieder fragen muss: «Träume ich bloss, oder geschieht hier wirklich ständig Ungeheuerliches?» … Jede Einstellung trieft nur so vor Fäulnis und Gewalt – als ob sich Russland vor unseren Augen von innen her auflösen würde. Zorniger lässt sich die giftige Lage im Osten kaum kommentieren. (Selim Petersen, SRF)

Die Dreharbeiten hätten geholfen, nicht an den (eigenen) kafkaesken Prozess zu denken, sagte Serebrennikov in einem Interview mit «Variety». «Es war eine Zeit ohne Schlaf.» Genau so kommt einem «Petrov’s Flu» vor: wie ein abstruser Wachtraum. Wie der filmgewordene Freigang eines eingesperrten Geistes. Der Kritiker des erwähnten Branchenmagazins warnt allerdings auch davor, dass das zweieinhalbstündige Werk auf zartbesaitete Zuschauer wie «Waterboarding mit Smirnoff» wirken könnte. Man kommt jedenfalls geplättet aus dem Film, und im Bus nach Hause muss man sich erst einmal hinsetzen. (Andreas Scheiner, Neue Zürcher Zeitung)

Die Kamera ist virtuos und perfekt, die Musik so schön wie die altmodische Farbgebung und das Produktion-Design, von der chaotisch aufgeplatzten Geschichte versteht man nur Fragmente. Vielleicht gibt es gar nichts zu erklären, vielleicht muss man das fühlen, muss Spaß haben am Dreck und der Menschlichkeit im Destruktiven, an der schwarzen Weltweisheit, die hier zutage tritt. (Rüdiger Suchsland, SWR2)

Kalle Kosmonaut

D 2022, Regie: Tine Kugler & Günther Kurth, 99 Min.
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Die „Allee der Kosmonauten“ klingt eindrucksvoll. Doch wer wie Pascal, genannt Kalle, in den Plattenbauten dort im Berliner Bezirk Hellersdorf aufwächst, hat von vornherein nicht die besten Karten im Leben. Seine Mutter arbeitet viel, sein Opa trauert der DDR nach und die Oma kämpft gegen ihre Alkoholsucht, doch sie sind eine liebevolle Familie. Der zu Beginn des Filmprojekts Zehnjährige, aufgeweckt und begeisterungsfähig, will kein typisches „Ghetto-Kid“ sein.
Zehn Jahre lang haben Tine Kugler und Günther Kurth Kalle auf seinem Weg zum Erwachsenwerden mit der Kamera begleitet. Vertrauensvoll lässt Kalle sie an den Stationen seines Lebens teilhaben, das ihn vom „Schlüsselkind“ mit alleinerziehender Mutter über Hip-Hop und Mutproben als Teenager bis in die Straffälligkeit führen. Kalle wird wegen schwerer Körperverletzung zu einer Haftstrafe verurteilt und kämpft nach der Entlassung gegen sich selbst und den scheinbar vorgezeichneten Lebensweg eines „Knastis“. Mal voller Hoffnung und Ehrgeiz, mal von Ängsten und Problemen geplagt, erzählt der Film vom Aufwachsen in einer Gesellschaft, in der eben nicht alle die gleichen Chancen haben.

„Kalles Leben von 10 bis 20 war unser Drehbuch. Wir wussten nicht, dass er irgendwann ins Gefängnis kommen wird, dass wir viele Monate nur durch Briefe in Kontakt bleiben werden. Wir wussten nicht, ob Kalle danach mit uns weitermachen will. Wir wussten nicht, wie unser Film enden wird… Kalle Kosmonaut dreht sich um eine Kindheit und Jugend, einen Kiez in Berlin, aber letztendlich um die Frage, die sich Kalle selbst immer wieder stellt: Was ist ein gutes Leben?“ (Tine Kugler & Günther Kurth, mindjazz-pictures.de)

Tine Kugler und Günther Kurth, beide gebürtige Bayern, lernten Pascal/Kalle im Februar 2011 kennen, als sie für eine ZDF-Reportage über Schlüsselkinder im Kinder- und Jugendwerk Die Arche in Hellersdorf recherchierten. …für einen starken Dokumentarfilm, der berührt und nachdenklich macht. (Christel Strobel, artechock.de)

Human Flowers of Flesh

D/F 2022, Regie: Helena Wittmann, mit Angeliki Papoulia, Vladimir Vulevic, Ferhat Mouhali, 106 Min., engl., franz., portug., tamazight, serbokroatisch OmU
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Wie in einem Traumzustand lebt Ida mit ihrer Besatzung von fünf Menschen an Bord eines Segelschiffes, mit dem sie das Mittelmeer bereist. Wohin, ist nicht wichtig, Freiheit und der Lauf der Wellen bestimmen die Navigation. In Marseille macht Ida, als sie im Vorort Aubagne ein umzäuntes Quartier passiert, jedoch eine faszinierende Entdeckung. „Wir brauchen Sonnenschein, wir brauchen Raum, um unsere Leichen zu bräunen, wir, die Elenden der Erde, wir, die Verwundeten aller Kriege“ heißt es im Gesang der dort ansässigen französischen Fremdenlegion. Diese Welt ist ihr völlig fremd, und Ida beschließt, die Fährte der Soldaten aufzunehmen. Die lange Seereise führt an der französischen Küste entlang über Korsika in die algerische Stadt Sidi bel Abbès, wo sich bis 1962 das Hauptquartier der Fremdenlegion befand. Während Ida und ihre Crew neugierig dem entgegenschippern, was wohl auf sie warten wird, verschwimmen Raum und Zeit, Realität und Traum immer weiter ins Unkenntliche.

„Ida sieht sich alte Postkarten von Sidi bel Abbès an, die Legionäre in ihre französische Heimat geschickt haben, ein Schriftsteller liest Gedichte und Auszüge aus Romanen vor. Die Texte erzeugen Bilder und Klänge, die sich mit anderen Bildern und Klängen verweben. Meeresrauschen, Maschinengeräusche, das Knarzen der Segel: Die Geräusche des Schiffes – die Musikerin und Sounddesignerin Nika Son hat den Ton komponiert - sind allgegenwärtig und verwandeln das Gefährt in einen vielstimmigen Klangkörper. (Esther Buss, Filmdienst)

Ein Poem aus Landschaften, Reliefs und organischen Verwebungen […] Alle Körper sind ein Gedächtnis. Aus diesem Material webt Wittmann eine leise ökologische Utopie der Gleichheit und zieht Fluchtlinien, die sich nicht innerhalb der vermessenen Welt ergeben, sondern die in spielerischer Notwendigkeit alle Grenzen schneiden. (Sebastian Seidler, Kino Zeit)

… ein ehrgeiziger Film, der sich als unambitioniert tarnt. Seine bemerkenswerte Qualität besteht darin, eine prozessuale Ästhetik zu schaffen, ohne alles zu verraten, was er im Kopf hat. Seine Geheimnisse sind seine besten Elemente. (Giancarlo M. Sandov, Filmloewin)

„Human Flowers of Flesh“ zelebriert die Kunst des Paradoxes, ohne dabei als Film intellektuell oder gar konzeptuell daherzukommen, primär ist er ganz schlicht ein sinnliches Vergnügen. […] ein Film des Fetisches, der es vermeidet, den Fetisch zu fetischisieren. (Frédèric Jaeger, critic.de)

Return to Seoul

B/D/F/KAT 2022, Regie: Davy Chou, mit Ji-Min Park, Oh Kwang-Rok, 116 Min., OmU
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Freddie wurde als Baby von einem französischen Paar adoptiert und hat keine Erinnerungen an ihr Geburtsland Südkorea. Trotzdem ist es ein unweigerlicher Teil ihrer Biographie und Identität, etwas Unergründetes, was so untrennbar mit ihrer Person verbunden ist, und doch so fern und fremd. Entschlossen, der eigenen Herkunft auf den Grund zu gehen, bricht die charismatische 25-jährige in Frankreich alle Zelte ab und reist nach Südkorea. Dort angekommen macht sie sich auf die Suche nach ihren biologischen Eltern in einem Land, von dem sie kaum etwas weiß. Dank ihrer eigensinnigen Art und Weise, Menschen für sich zu begeistern, gewinnt Freddie schnell neue Bekannte in den Bars der Stadt, und auch der Kontakt zu den biologischen Eltern ist schneller hergestellt als gedacht. Während Freddies Mutter kaum Interesse an einem Wiederaufleben der Beziehung zu haben scheint, sucht ihr Vater die Nähe der unverhofft wiedergefundenen Tochter.

Eindrücklich zeigt der Film, wie zwiespältig die Beziehung zu einem Land sein kann, das auf irgendeine Art unweigerlich zu einem gehört, aber doch nicht in Gänze. Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund oder alle, die längere Zeit in einem anderen Land als dem eigenen Heimatland gelebt haben, werden diese nie völlig überwindbare Distanz verstehen, die Freddie gegenüber Korea empfindet. (Teresa Vena, Kino-Zeit)

“Return to Seoul” is a startling and uneasy wonder, a film that feels like a beautiful sketch of a tornado headed directly toward your house. (Amy Nicholson, The New York Times)

In seinem fokussierten Minimalismus wirkt »RETOUR À SEOUL« zuerst sperrig und unverständlich. Aber in Wahrheit liegt alles offen zutage und lässt sich in Park Ji-Mins Gesicht ablesen: die widersprüchliche Situation eines Adoptionskinds wie Freddie, in einer Kultur geboren, in einer anderen aufgewachsen. … Was simpel klingt, wird ein faszinierendes Porträt einer Identitätsfindung zwischen Culture Clash und Aneignung. (Barbara Schweizerhof, epd Film)