Gunda

NOR/USA 2020 - Buch & Regie: Viktor Kossakovsky, 93 Min., ohne Sprache
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Wieso ist ein Film, in dem wir einer Sau namens Gunda und ihren anfangs 13 Ferkel beim Alltag zusehen, bei internationalen Festivals so eingeschlagen? Noch dazu gefilmt in Schwarz-weiß, ohne Musik oder Kommentare oder Menschen. Ohne Frage ist es die exzellente Kamera von Egil Håskjold Larsen und Kossakovsky und die Art, wie konzentriert und hochästhetisch nur die Perspektive der Tiere eingenommen wird. Die Kamera kommt ihnen über einen langen Zeitraum unglaublich nahe und zeigt sie als Wesen mit Gefühlen, wie wir sie von uns kennen.
Gunda darf auf dem Hof - anders als sonst sogenannte Nutztiere - ein maximal artgerechtes Leben führen. Zu Beginn liegt sie schläfrig in der offenen Stalltür. Langsam tauchen unzählige neugeborene Ferkel aus dem Stroh auf und turnen auf ihr rum. Die Schweinchen fressen, schlafen und wachsen – Gunda kümmert sich um sie, führt sie hinaus auf die Wiese, wo sie wühlen und sich kabbeln. Zwischendurch wechselt die Szenerie und die Kamera begleitet, nein, krabbelt mit ehemaligen zerrupften Legehennen durch das Gebüsch. Zum ersten Mal spüren sie Gras, ganz vorsichtig setzt der Hühnerfuß auf. Ausgediente Kühe schlendern oder tollen über die Wiesen, bilden Allianzen im Kampf gegen lästige Fliegen.
Kossakovsky hat Gunda auf einem Bauernhof in Norwegen begleitet, die anderen auf Gnadenhöfen in Großbritannien und Spanien, wo Menschen ihnen endlich ein würdevolles Leben ermöglichen.

Eine alltäglich gewordene Grausamkeit prägt das Verhältnis zum Tier, die ein moralischer Makel ist. »Gunda« ist Kossakovskys Vorschlag, wie sich das ändern ließe. Denn es ist auch eine – wörtlich – Ansichtssache, eine Frage der Perspektive. Also richtet Kossakovsky die Kamera auf das Tier, gönnt ihm die ästhetische Überhöhung und philosophische Abstraktion, die das Schwarz-Weiß als Potenzial in sich birgt, und weder Musik noch Voiceover noch sonst eine Schlaumeierei stören die Begegnung mit dem anderen Lebewesen. Das sich, sieht man genau hin, so profund dann doch nicht unterscheidet. Neugier, Schmerz, Genuss, Freude, Schrecken, Ärger, Fürsorge. Kennen wir. Kennt Gunda. Kennen das Huhn und die Kuh. (Alexandra Seitz, epd-film)

Die besondere Fähigkeit des Kinos, Innerlichkeit in Bildern einen Ausdruck zu geben, nutzt Kossakovsky, um die Zuschauer*innen in die Wirklichkeit der Tiere und ihre Umgebung aufzunehmen. Unaufdringlich gleiten die Bilder durch Stalltüren und Grashalme, die dichte Klanglandschaft umhüllt das Angebot des Films, sich auf das gemeinsame Leben mit den Tieren, und sei es nur für eine kurze Weile, einzulassen. (Lars Dolkemeyer, Kino Zeit)

Die technisch meisterhaften Aufnahmen… kommen auf diese Weise zu einem Film zusammen, der einerseits leidenschaftlich das Individuelle dieser Tiere unterstreicht – am ergreifendsten die letzte Szene, in der Gunda wie orientierungslos den Stall nach den soeben abtransportierten Ferkeln absucht –, dabei aber ganz ohne Süßlichkeit oder falsche Identifikationsangebote auskommt. (Gaby Sikorski, Programmkino)

Walchensee forever

D 2020, Regie: Janna Ji Wonders, 110 Min., Gewinner des „Made in Germany Förderpreis – Perspektive“ auf der Berlinale 2016
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In ihrem Langfilmdebut erzählt Filmemacherin Janna Ji Wonders die eigene Familiengeschichte, die sich über 100 Jahre und vier Generationen von Frauen erstreckt. Der Walchensee in Bayern wird zur Kulisse einer Familiensaga, die in 20er Jahren des letzten Jahrhunderts beginnt, als Wonders Uroma Apa dort ein kleines Ausflugscafé gründet. Das Café am Alpsee übersteht den 2. Weltkrieg und trotzt den gesellschaftlichen Umschichtungen der 60er und 70er Jahre bis in die heutige Zeit. Apas Tochter Norma übernimmt den Betrieb und hält die Stellungen, während ihre Töchter Anna und Frauke als Anhängerinnen der Hippie-Bewegung in die weite Welt hinausziehen. Nach einem traumatischen Erlebnis geht Anna mit ihrer kleinen Tochter Janna zurück nach Bayern. Und Janna wird diese faszinierende Familienchronik weitertragen, indem sie darüber einen Film macht, für den sie auch auf Film- und Bildmaterial ihrer Familie aus 100 Jahren zurückgreifen kann. Eine berührende Familienchronik, aber auch ein Ausschnitt deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts – aus Frauensicht.

Eine zugleich epische und intime Dokumentarerzählung - Janna Ji Wonders macht aus der faszinierenden Geschichte ihrer Familie einen nicht minder faszinierenden Kinofilm, in der sie einen Bogen aus den 1920er bis in die Jetztzeit schlägt. Ein verdammt starkes Regiedebüt. (Michael Meyns, filmstarts.de)

Vier Generationen von Frauen, 100 Jahre deutsche Geschichte – eine explosive Mischung aus Tradition, bürgerlichen Werten, Rebellion und der Liebe zur Kunst. Frauenbilder, die sich radikal wandeln. Dabei meistert sie bravourös die Herausforderung, dass es sich dabei um ihre eigene Familiengeschichte handelt. […] Durch die hervorragende Montage entwickelt der Film einen unwiderstehlichen Sog. Und das alles vor der urbayerischen Kulisse des Walchensees – genauso schön, tief und geheimnisvoll. (Jurybegründung, Bayrischer Filmpreis)

Der Film ist eine sehr sehenswerte Reise in die Vergangenheit, die viel mit der Gegenwart zu tun hat und mit Fragen, denen sich früher oder später wohl jeder stellen muss: Was ist Heimat? Was bedeutet mir die Familie? (Gaby Sikorski, programmkino.de)

Paolo Conte – Via con me

I 2020, Regie: Giorgio Verdelli, mit Paolo Conte, Roberto Benigni, Isabella Rossellini, Jane Birkin, 100 Min., OmU
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Paolo Conte, die Verkörperung von lässiger Eleganz und eine der großen Jazz-Legenden, ist ein weltberühmtes Wahrzeichen italienischer Kultur. Mit der Hymne „Azurro“ schrieb der studierte Jurist 1968 Musikgeschichte und konzentrierte sich von da an ganz auf seine Musik. Als Pianist, Sänger und Komponist gab er seinen Arrangements eine ganz eigene gefühlvolle Note. Filmemacher Giorgio Verdelli besucht den mittlerweile über 80-jährigen Conte, der sonst eher medienscheu ist, in seinem Atelier in Asti, Italien. Umfangreiches Konzert-Archivmaterial und Interviews mit berühmten Weggefährten wie Jane Birkin, Roberto Benigni oder Isabella Rossellini lassen alte Zeiten lebendig werden. Verdellis Porträt zeigt einen leidenschaftlichen Künstler, der in seinen Liedern Emotionen, Perfektion und Grandezza zu einem musikalischen Gesamterlebnis verwebt.

Umso mehr ist Giorgio Verdellis Filmbiographie zu würdigen, denn es gelingt ihm, ein wenig von der Essenz einzufangen, die Paolos Conte Persönlichkeit und sein Schaffen bestimmt: die Poesie seiner Lyrics, der Schwung seiner Musik, die Leidenschaft für den Jazz – all das erfüllt den Film mit Schlichtheit und Eleganz und Lebensfreude, wie man sie vielleicht noch am ehesten an einem lauen Sommerabend in der Trattoria einer italienischen Kleinstadt findet. (Gaby Sikorski, Programmkino)

The result is a delectable detour taking in the musical life of a huge talent. It’s a must-see for fans and might also arouse the interest of those less familiar with this gentleman par excellence [...] Despite his reticence, Conte opens up to the director, talking, for example, about the time his mother cried when she first heard ‘Azzurro”, a song which transcends time and which warmed the hearts of all those who sang it in chorus on city balconies across Italy during lockdown. (Camillo DeMarco, Cineuropa)

Der Rausch

DK 2020, Regie: Thomas Vinterberg, mit Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Lars Ranthe, 117 Min., OmU
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Früher war Martin Lehrer aus Leidenschaft – heute sind nicht nur die Schüler von seinem fehlenden Enthusiasmus gelangweilt. Seinen drei Freunden und Kollegen am Gymnasium geht es nicht besser und auch in Martins Ehe hat der Alltag Spuren hinterlassen. Auf einer Geburtstagsfeier diskutieren die vier Freunde angeheitert eine Theorie des norwegischen Philosophen Finn Skårderud: Nur ein Mensch mit einem erhöhten Alkoholgehalt im Blut sei zu Bestleistungen fähig. Sie beschließen, die gewagte These im Selbsttest zu überprüfen. Von morgens an wollen sie einen Pegel von 0,5 Promille halten und beobachten, was passiert. Tatsächlich sind die positiven Veränderungen schnell erkennbar: Beim Unterrichten ist Martin wieder mit Elan und Spaß dabei und reißt seine gesamte Klasse mit. Auch in seiner Ehe wird die Leidenschaft neu entfacht. Ist ständiger Alkoholexzess die Lösung?

Thomas Vinterbergs Film "Der Rausch" gewann den europäischen Filmpreis in den wichtigsten Kategorien. Bei der vergangenen Oscarverleihung wurde er als bester nicht-englischsprachiger Film ausgezeichnet. (NDR.de)

"Die Jagd"- und "Das Fest"-Regisseur Thomas Vinterberg wollte mit seinem neuen Film "Der Rausch" eine Ode an den Alkohol erzählen. Das Endergebnis ist nun weder ein Lobgesang noch eine Verunglimpfung des hochprozentigen Gesöffs, sondern eine gleichermaßen komplexe wie faszinierende Studie darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme unserer Gesellschaft widerspiegelt. (Antje Wessels, Programmkino.de)

In "Der Rausch" geht es geradezu irritierend wenig um die Frage, was der Alkohol mit dem Menschen, oder genauer gesagt, mit den Männern macht. Und tatsächlich mehr darum, was die Männer mit dem Alkohol machen. Zu was er ihnen dient, welche Freiheiten sie sich unter seinem Deckmantel erlauben, welche Begrenzungen sie akzeptieren. (Barbara Schweizerhof, Zeit.de)

Toubab

D/SEN 2020, Regie: Florian Dietrich, mit Farba Dieng, Julius Nitschkoff, Seyneb Saleh, 96 Min.
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Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis schwört Babtou, von nun an nicht mehr in Schwierigkeiten zu kommen. Als erstes will er seine neu gewonnene Freiheit mit seinem besten Kumpel Dennis voll und ganz auskosten. Ein Neuanfang will natürlich gebührend gefeiert werden! Als die Willkommensfeier völlig aus dem Ruder gerät, findet sich Babtou unversehens in Handschellen wieder. Und diesmal fallen die Konsequenzen für ihn drastisch aus. Wegen wiederholter Straftaten soll Babtou direkt in den Senegal abgeschoben werden, in ein Land, dass er noch nie gesehen hat. Wie Dennis ist er in Deutschland geboren und in Frankfurt aufgewachsen. Doch das interessiert die Behörden wenig. Es scheint nur einen Ausweg zu geben, der Abschiebung zu entgehen: Babtou muss heiraten. Als sie keine passende Kandidatin finden, springt Dennis ein – denn wer hat gesagt, dass das nicht möglich wäre?

Rührende bromantic Comedy, die von Loyalität, Zugehörigkeit, Diversität und Heimat erzählt… Eine sehr unterhaltsame, in gleichem Maße politische und tiefgründige Erzählung, die überraschende Wendungen nimmt und uns am Ende auch weinen lässt. Vor Lachen, Wut und Trauer. (Jurybegründung, Nominierung für den FirstSteps-Award)

Auf dieser Gratwanderung zwischen Komödie und Drama, finden Dieng und Nitschkoff gemeinsam genau den richtigen Ton, werfen sich schauspielerisch lässig die Bälle zu, in Blicken, Gesten, Sprüchen. (Bayrischer Filmpreis / Beste Nachwuchsdarsteller)