First Cow

USA 2019, Regie: Kelly Reichardt, mit John Magaro, Orion Lee, Toby Jones, 122 Min., OmU
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Oregon in den 1820ern: Einzelgänger Cookie arbeitet als Koch für eine Truppe von Trappern und schlägt sich damit in den rauen Zeiten des Wilden Westens durch. Als er eines Tages den Chinesen King Lu kennenlernt, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern. Gemeinsam schmieden sie einen Geschäftsplan, um sich als Bäcker selbstständig zu machen. Die erste Milchkuh im Ort, eine Neuanschaffung des reichen unsympathischen Chief Factor, soll den Grundstein für den kommenden Erfolg legen. Heimlich schleichen sich Cookie und King Lu nachts in den Stall und zapfen die nötige Milchmenge für ein Backrezept ab. Das Ergebnis – süße Brötchen - findet großen Anklang unter den Pelztierjägern und selbst Chief Factor zeigt sich begeistert von den Backkünsten der beiden.

Die Regisseurin Kelly Reichardt schreibt die Geschichte des Westens nicht um, sie erzählt sie jenseits von Mythen und festgefahrenen Rollenbildern. „First Cow“ ist ein zärtlicher Western, der die Brutalität dieser Zeit nicht ausblendet, ihr aber eine Utopie entgegensetzt. (Anke Leweke, Deutschlandfunk Kultur)

Die Seitenhiebe auf das in der US-Kultur (und nicht nur dort) tief verankerte Männlichkeitsideal von physischer Stärke, Konkurrenz und Aggression vollzieht Kelly Reichardt in First Cow derart subtil, dass ein beträchtlicher Teil ihres Publikums sie wohl nur unbewusst wahrnehmen wird. In ruhigen bis statischen Kameraeinstellungen und Bildkompositionen zum Niederknien inszeniert Kelly Reichardt hier ein durch und durch ernst gemeintes und dem Realismus verhaftetes Frontier-Setting. [...] Der sanfte, aber omnipräsente Humor liegt dabei in der Tiefe, nicht im Stile einer Komödie an der greifbaren Oberfläche, und entspringt größtenteils der subtilen Entlarvung jener Männlichkeit, die der klassische Western zum Heldenmythos erhoben hat. (Sophie Charlotte Rieger, filmloewin)

Diese Freundschaft zwischen Menschen, in diesem Falle Männern, ist eine, die man so im Kino noch nicht gesehen hat und die es unbedingt braucht. […] First Cow hat trotz aller Elegie eine Dringlichkeit fast schon Shakespearescher Art. (Beatrice Behn, Kino-Zeit)

Bis an die Grenze

F 2019, Regie: Anne Fontaine, mit Omar Sy, Virginie Efira, Grégory Gadebois, Payman Maadi, 99 Min., OmU
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Als wäre der Arbeitsalltag der Pariser Polizei nicht schon anstrengend genug, müssen sich die Beamt*innen Virginie, Erik und Aristide auch noch mit privaten Problemen herumschlagen. Eriks Ehe steht kurz vor dem Ende und Virginie und Aristide müssen sich mit den Folgen ihrer heimlichen Affäre auseinanderzusetzen. Die Nerven des ungleichen Dreiergespanns sind also bereits angespannt, als sie einen eher ungewöhnlichen Befehl erhalten. Sie sollen einen Asylbewerber zum Flughafen fahren, damit er nach Tadschikistan abgeschoben wird. Als Virginie herausfindet, dass Tohirov dort wahrscheinlich der Tod droht, gerät sie in einen Gewissenskonflikt. Sie versucht, Erik und Aristide zu überzeugen, dem ihm zur Flucht zu verhelfen, statt den Befehl auszuführen.
Nach der französischen Romanvorlage “Police” von Hugo Boris.

Die Regisseurin Anne Fontaine widmet sich dem dramatischen und höchst aktuellen Thema mit der angemessenen Ernsthaftigkeit und Empathie. Die herausragenden französischen Schauspieler sind ebenso engagiert, wie ihre Figuren zögerlich sind, und der Iraner Payman Maadi liefert eine erschütternde Darstellung des Tadschiken, der kein Wort in der Sprache seines „Gast“-Landes versteht. Der Versuch, die Vielfalt der Gefühle der Beteiligten angesichts der Situation auszudrücken, bewegt über das Sagbare hinaus und hallt lange nach. (Berlinale 2020)

Ein vielversprechendes und starbesetztes Drama [...], welches einen spannenden Querschnitt durch die französische Gesellschaft zeichnet. (Kino.de)

Zimmer 212

F/LUX/B 2019, Regie: Christophe Honoré, mit Chiara Mastroianni, Benjamin Biolay, 86 Min., OmU
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Maria und Richard sind seit zwanzig Jahren verheiratet, von außen betrachtet führen sie eine erfolgreiche Ehe. Doch Maria sehnt sich nach den alten Zeiten, in denen zwischen ihnen nicht nur liebevolle Freundschaft, sondern auch unbändige Leidenschaft herrschte. Ihre Frustration lebt sie hinter Richards Rücken mit unzähligen jungen Männern aus. Als ihre Affären auffliegen, verlässt Maria die gemeinsame Wohnung. Richard bemerkt gar nicht, dass Maria den Koffer packt und sich im Hotel gegenüber ihrer Wohnung einquartiert. Von dort blickt sie als Voyeurin auf das Leben, das sie verlassen hat. Während Maria ihn beobachtet, werden die Zweifel an ihrer Entscheidung immer größer. Lohnt es sich, ihrer Ehe noch eine Chance zu geben? Oder stimmt es, dass die Liebe immer nur das Früher meint? Auf einmal verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie, Erinnerungen und Gegenwart und das Hotelzimmer 212 verwandelt sich für Marie in eine Projektionsfläche vergangener Schicksale und zukünftiger Möglichkeiten.

Wie eine luftig-leichte, sehr französische Variante des berühmten Weihnachtsfilms „Ist das Leben nicht schön“ wirkt „Zimmer 212“ in manchen Momenten wie ein Spiel mit den erzählerischen Möglichkeiten, die nur das Kino bietet […] Zum sechsten Male arbeitet die Tochter von Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni hier schon mit Christophe Honoré zusammen […] (Michael Meyns, Programmkino)

Nach seinem bewegenden Aidsdrama »Sorry Angel« wechselt Christophe Honoré das Register: Nun legt er eine leichtfüßige, turbulente und wehmütige Ehekomödie vor, mit einem atemraubenden Soundtrack und voll gut aufgelegter Darsteller. (Gerhard Midding, epd film)

Otac – Vater

SRB/KRO/D/F 2020, Regie: Srdan Golubović, mit Goran Bogdan, Boris Isaković, FBW-Prädikat: bes. wertvoll, 120 Min., OmU
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Eine Kleinstadt irgendwo in Serbien: Nikola ist Tagelöhner und schafft es kaum, seine Familie zu ernähren, geschweige denn, ausstehende Rechnungen zu bezahlen. Der Sozialdienst droht, ihnen das Sorgerecht für die beiden Kinder zu entziehen. In die Enge getrieben, sieht seine Frau ihren einzigen Ausweg in einer schrecklichen Verzweiflungstat. Trotz aller Bemühungen von Nikolas greift der Staat sofort ein und bringt die Kinder in Pflegefamilien unter. So lange, heißt es von Seiten der Behörden, bis ihr Vater in der Lage sei, ihnen angemessene Lebensbedingungen zu bieten. Trotz der entmutigenden Umstände bleibt Nikola hartnäckig. Als er herausfindet, dass der ortsansässige Sozialdienst in Korruptionen verstrickt ist, beschließt er kurzerhand, zu Fuß den Weg in die Hauptstadt Belgrad anzutreten.
Otac gewann den Panorama-Publikumspreis der Berlinale 2020.

Otac beruht auf einer wahren Begebenheit und einer realen Person. Als ich zum ersten Mal von der Geschichte des Vaters gelesen habe, war dieser bereits vor dem Arbeitsministerium und hat dort protestiert und verlangt, dass seine Kinder zu ihm zurückgeführt werden. Ich fuhr also dorthin und habe mit ihm gesprochen. […] VATER ist ein Abbild der gegenwärtigen serbischen Gesellschaft, aber ich bin überzeugt, dass Nikolas‘ Schicksal einen einfachen Mann auf der ganzen Welt ereilen kann. Ob in Amerika, Frankreich, Korea, Russland… (Regisseur Srdan Golubović, barnsteiner-film)

Gesellschaftlich hochrelevantes und eindrucksvolles Arthouse-Kino […]  Im Spannungsverhältnis zwischen Ausweglosigkeit und Hoffnungsschimmer entwickelt VATER eine große Authentizität. In den Figuren und ihrem Verhalten spiegelt sich das ganze Spektrum der Gesellschaft. (Jurybegründung, FBW-Prädikat: besonders wertvoll)

Srdan Golubović erzählt in authentischen, bewegenden Bildern von der Ungleichheit der Verhältnisse. Sein stiller, aber zäher Protagonist erforscht nicht nur das Land, sondern auch die Grenzen zwischen Recht und Unrecht. Entschlossen, seiner wachsenden Verzweiflung nicht nachzugeben, unternimmt der beharrliche Vater eine Heldenreise, die das Wort Held neu definiert. (berlinale.de)

Adam

M/F 2019, Regie: Maryam Touzani, mit Douae Belkhaouda, Aziz Hattab, Hasna Tamtaoui, 98 Min., OmU
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Abla betreibt eine kleine Bäckerei in den schmalen Gassen von Casablanca in Marokko. Das Geschäft läuft eher mäßig und der Alltag als Witwe und alleinerziehende Mutter stellt die Mittvierzigerin immer wieder vor große Herausforderungen. Als Samia, eine junge werdende Mutter, um Arbeit und einen Schlafplatz bittet, schickt Abla sie zunächst schroff weg. Doch die achtjährige Tochter Warda mag Samia auf Anhieb und sie überredet ihre Mutter, sie bei sich aufzunehmen. Tatsächlich stellt Sama sich als talentierte Bäckerin heraus und allmählich entsteht eine Freundschaft zwischen den zwei sehr unterschiedlichen Frauen. Je näher die Geburt rückt, umso drängender wird die Frage nach den Zukunft Samias - und der ihres unehelichen Kindes. Sie will es zur Adoption freigeben.

Festivals und Auszeichnungen:

  • Internationale Filmfestspiele Cannes 2019 – Un Certain Regard
  • Cairo International Film Festival 2019 – Arab Stars Of Tomorrow Award
  • Chicago International Film Festival 2019 – Roger Ebert Award

Im Kampf der Protagonistinnen mit ihrer Trauer und Furcht spielt „Adam“ subtil auf Themen und Fragen an, die vor allem, aber eben nicht nur, Frauen in der islamischen Welt betreffen. Es geht um die Stellung und Rolle der Frau in unserer Zeit, die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter, Trauerbewältigung und was Mutterschaft eigentlich bedeutet. (…) Mit ihrer unsteten Kamera und den geschliffenen Handkamerabildern folgt sie (die Regisseurin) ihnen und setzt dabei bewusst auf viele intime Nahaufnahmen. (Björn Schneider, programmkino)

Regisseurin Maryam Touzani erzählt eine universelle Geschichte über die Freundschaft zwischen zwei ganz unterschiedlichen Frauen, über weibliche Solidarität, Mutterschaft und die sinnliche Kunst des Backens. (…) Eine bezaubernde Kino-Perle, tiefgründig und leicht zugleich. (Filmcoopi.ch)

Ivie wie Ivie

D 2021, Regie: Sarah Blaßkiewitz, mit Haley Louise Jone, Lorna Ishema, Anne Haug, FBW-Prädikat: bes. wertvoll, 112 Min.
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Die Afrodeutsche Ivie ist in Leipzig auf der Suche nach einer Anstellung als Lehrerin. In den Bewerbungsgesprächen wird Ivie Immer wieder mit der Frage nach ihrer Herkunft konfrontiert. Auch die Idee, sie könne „multikulturelle Einflüsse“ in die Lehrerschaft bringen, irritiert sie. Sie ist Deutsche und hier aufgewachsen. Doch sie lässt diese Bemerkungen unkommentiert über sich ergehen. Dann steht plötzlich ihre jüngere Halbschwester Naomi aus Berlin vor der Tür. Beide wussten nichts voneinander und beide kannten auch ihren Vater nicht, der nun im Senegal gestorben ist. Auch ihr Umgang mit ihrer Herkunft ist grundsätzlich verschieden. Was Ivie lange geduldet hat, kritisiert Naomi als Alltagsrassismus. Geradezu naiv erscheint Naomi die Angepasstheit ihrer großen Schwester. Je näher die beiden sich schließlich kommen, umso entschiedener hinterfragt Ivie ihre Erfahrungen mit Rassismen und Stereotypen und auch ihr bisheriges Selbstbild.

Das Spielfilmdebüt von Sarah Blaßkiewitz dürfte zweifellos eines der gelungensten und pointiertesten Beiträge des deutschen Erzählkinos sein über so wichtige aktuelle Debatten wie zur Diversität, zu strukturellem Rassismus und Fragen von Identität. (…) IVIE WIE IVIE strahlt insgesamt ein hohes Maß an Ehrlichkeit und Authentizität aus – eine Stärke von Buch und Inszenierung, die dem Film Relevanz und Unterhaltsamkeit gleichermaßen verleihen. (Jurybegründung, FBW-Prädikat: besonders wertvoll)

Ein nachdenklicher, fein ausbalancierter Film, der neben der Kritik am Alltagsrassismus auch von emotionalen Verletzungen und der Möglichkeit handelt, sich selbst neu zu finden. (Kira Taszman, filmdienst)

Autorin Sarah Blaßkiewitz erzählt in ihrem Debütfilm selbstbewusst und konsequent von den eigenen Wurzeln und zeigt dabei ein großes aufscheinendes Talent. (Jurybegründung, Filmkunstpreis Ludwigshafen)

Der Schein trügt

SRB/D/MNE 2021, Regie: Srdjan Dragojevic, mit Goran Navojec, Bojan Navojec, 122 Min., OmU
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Stojan, fürsorglicher Familienvater und sehr bescheiden, ist einfach zu gut für diese Welt. Das pflegt seine fromme Frau auch stets gegenüber ihrer gemeinsamen Tochter zu wiederholen. Doch zu gut für diese Welt kann auch ein Nachteil sein, wie Stojan bald erfährt. Plötzlich erscheint über seinem Kopf ein Heiligenschein, der nicht mehr verschwindet. Ausgerechnet ihm, dem aufrechten Kommunisten, der sich immer gegen die Frömmigkeit seiner Frau gewehrt hat! Das versetzt nicht nur seine Mitmenschen in Verwunderung, sondern löst auch zu Hause völliges Chaos aus. Das helle Ding will einfach nicht weggehen! Vielleicht kann Stojan sich durch aktives Sündigen vom Heiligenschein befreien? Als seine streng gläubige Familie ihn nötigt, alle biblischen Gesetze zu brechen, findet Stojan schnell Gefallen an seiner neuen Rolle als Bösewicht.

„Der Schein trügt“ ist ein mindestens ebenso unterhaltsamer wie verblüffend komplexer Film, der in manchen Momenten— auch wenn er dann doch ganz anderen Töne anschlägt— ein wenig an Radu Judes Berlinale Gewinner „Bad Luck Banging or Looney Porn“ erinnert: Was die beiden Filme miteinander verbindet, ist weniger die Thematik, sondern vielmehr diese wilde Fabulierlust, dieses Erschaffen einer ganz eigenen Welt, in der sich die Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte Osteuropas widerspiegeln, ohne dabei den moralisch-besserwisserischen Zeigefinger zu erheben. (Joachim Kurz, Kino-Zeit)

Dem „Parada“-Regisseur gelingt eine so furiose wie groteske Bestandsaufnahme des post-sozialistischen Europas, eine hinterlistige, äußerst kurzweilige und sehr schlaue Abrechnung mit der Macht der Bilder und der Lust an der Projektion. (www.filmfest-emden.de)