Bettina

D 2022, Regie: Lutz Pehnert, 107 Min.
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Bettina Wegner, als Liedermacherin bekannt geworden mit „Sind so kleine Hände…“, blickt auf eine lange und bewegte Biographie zurück. Geboren 1947 in Westberlin, aufgewachsen in Ostberlin ist sie bereits als Kind von Politik fasziniert. Im Teenageralter begann sie, ihre Träume, und Forderungen an die Gesellschaft in Liedtexte und Lyrik zu verpacken. Doch Wegners Meinungen und Kritiken stoßen in der DDR, immerhin die Wahlheimat der sozialistischen Eltern, auf Ablehnung seitens der staatlichen Organe. Dieser Konflikt mit der DDR verdichtet sich, als am 21. August 1968 sowjetische Panzer Prag überfallen. Bettina Wegner positioniert sich mit Flugblättern gegen die militärische Aggression, wird verhaftet, verurteilt und bekommt später, mit zunehmender Bekanntheit als Liedermacherin, auch ein Berufsverbot. Der Konflikt zwischen Staat und Sängerin endet 1983 mit ihrer Ausbürgerung aus der DDR. Trotz der schwierigen Entwurzelung und der weiterbestehenden tiefen Verbundenheit mit ihrer Heimat lässt sich die Liedermacherin nicht unterkriegen.

Ich glaube, dass Bettina Wegner bis heute in zwei Welten lebt – hüben und drüben, auch wenn sie gerade selbst nicht genau weiß, wo gerade hüben und wo drüben ist. Bis heute also steckt ihr die Geschichte eines Jahrhunderts, die auch ihre eigene ist, in den Knochen, in der Seele, in ihren Gedanken. Bei meiner Begegnung mit ihr, habe ich sie immer in einer wunderbaren Mischung aus Nachdenklichkeit und Heiterkeit erlebt, als eine Frau mit Humor. Traurig war sie nie. Sie erzählt von ihrer Vergangenheit mit einem natürlichen Gespür für den Aberwitz, den alles Erlebte enthält. (Regiekommentar von Lutz Pehnert)

Im Gegensatz zu vielen Dokumentarfilmen, die eine Person des öffentlichen Lebens ins Zentrum stellen und sie durch weitere Personen kommentieren lassen, wird in Pehnerts Film niemand um eine Stellungnahme zu Bettina Wegner gebeten. Der Film wird so ganz von ihrer und durch ihre Stimme getragen. Ein atmosphärisch ungemein dichter Film, der in seinem Umgang mit der gezeigten Poetin selbst schon poetisch ist. Die Szenen, mit denen verschiedene Lieder unterlegt werden, sind so gewählt, dass Liedtext und Bild in eine Beziehung treten, die Stimme der Sängerin und die Bewegungen der gezeigten Körper zu einer Choreographie verschmelzen. (Miriam N. Reinhard, hagalil)

Eine Berliner Biografie zwischen Ost und West, das Leben einer Widerständigen, die mit der Poesie ihrer Liedtexte das Politische und das Private vereint: Bettina Wegner wird oft auf ein einziges ihrer vielen Lieder, die „kleinen Hände“, und ihre Zusammenarbeit mit Joan Baez reduziert. In Lutz Pehnerts Porträt bekommt sie gebührenden Raum […] und einem neuen Publikum die Chance, die Liedermacherin Bettina Wegner zu entdecken, die eigentlich immer nur Liebeslieder singen wollte. (Berlinale 2022)

Belfast

GB 2021, Buch & Regie: Kenneth Branagh, mit Caitríona Balfe, Judi Dench, Jamie Dornan, FBW-Prädikat: bes. wertvoll, 99 Min., OmU
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Belfast, 1969: Der neunjährige Junge Buddy schwärmt für Kino, Matchbox-Autos, seine geliebten Großeltern und zahlreiche Mitschülerinnen. Während er sich auf den Sommer in seiner Heimatstadt freut, droht die ohnehin schon aufgeheizte politische Situation im Nordirlandkonflikt zu eskalieren. Seine Eltern sind Protestanten, aber unpolitisch. Buddys Pa träumt von einer sicheren Zukunft für die Familie in England. Als die Gewalt des Bürgerkriegs auch in ihr sonst so friedliches Viertel einzieht, findet Buddys Kindheitsidylle ein abruptes Ende.
Für seinen teils autobiographisch inspirierten Film wurde Kenneth Branagh bei den diesjährigen Oscars für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet.

Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder sind Ausdruck von Erinnerung und Wehmut und werden doch lebendig und fröhlich inszeniert, wozu auch das erstklassige und authentische Setting und das Kostümdesign beitragen. Unterstützt wird die Stimmung von dem kongenialen Soundtrack, der durch die Songs von Van Morrison bestimmt wird. BELFAST ist ein tragikomischer, nostalgisch wehmütiger und unschuldig leichter Film über große Lebensentscheidungen. Und eine wunderschöne Erinnerung an die kindliche Normalität im Kleinen inmitten der Unruhe im großen Ganzen. (FBW-Prädikat: besonders wertvoll)

Kenneth Branagh bändigt die Geister der Vergangenheit mit der Magie des Kinos und arbeitet seine Kindheitserlebnisse in einer trotz der tragischen Gewaltausbrüche wunderschön anzusehenden Hommage an seine Heimatstadt auf. „Belfast“ wirkt oft, als würde man sich durch ein altes Familienfotoalbum blättern, dessen Besitzer mit Stolz, Liebe, Ehrfurcht und Wehmut auf eine Zeit zurückblickt, die ihm alles bedeutet und die nur darauf wartet, von der Welt entdeckt zu werden. (Madeleine Eger, filmstarts)

"Belfast" ist Branaghs persönlichster und vielleicht bester Film. Inszeniert hat er mit viel Herzblut eine zutiefst berührende Liebeserklärung an seine Heimatstadt, seine Familie und die Kraft der Fantasie. Auch so kann man mit Krisen umgehen. Ein künstlerisches Meisterwerk als Ergebnis des ersten Lockdowns, das zu Recht für sieben Oscars nominiert wurde. (Bettina Peulecke, NDR Kultur)