Alles ist Eins. Außer der 0.

D 2021, Regie: Klaus Maeck & Tanja Schwerdorf, mit Wau Holland, Linus Neumann, Peter Glaser, 90 Min.
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Als das Internet Einzug in unser Leben hielt, war klar, dass sich vieles von Grund auf verändern würde: endlich vernetzt mit allem und jeden in der grenzenlosen digitalen Welt; freie und interkulturelle Netzwerke ohne Grenzen. Der blinde Glaube an die mehr oder weniger sozialen Netzwerke wurde zum Glück schon früh durch Hacker unterlaufen. 1981 gründeten ein paar Hacker*innen den Chaos Computer Club – kurz CCC - bis heute eine Bastion in der Verteidigung der Persönlichkeitsrechte innerhalb der digitalen Welt. Wau Holland als Deutschlands erster digitaler Bürgerrechtler wollte eine demokratische digitale Kultur schaffen. Er und die Mitglieder des CCC sind Aktivisten, Spione, Genies und machen immer wieder international mit medienwirksamen Hacks auf sich aufmerksam. Für Wau Holland und den CCC ist Digitalisierung nicht nur Heilsbringer, sondern eine Regierungstechnik, von der nichts weniger als der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft abhängt. 40 Jahre später, in Zeiten von Fake News, staatlicher Überwachung, Propaganda und Repression sowie Spionage-Angriffen auf unzählige Privatpersonen ist die Hackerethik des CCC wichtiger denn je.

Vom Computer-Nerd zum Datenkünstler, vom Einsiedler zum Medienstar, vom subversiven Hacker zum Verfechter der Demokratie: „Alles ist Eins. Außer der 0.“ zeigt mit cleveren Montagen, wie die großen Fragen unserer Gegenwart das Leben und Wirken Wau Hollands durchzogen. Gerade für die heutige Dynamik des Internets, in der eine Meinung nicht nur freie Äußerung, sondern immer auch eine Waffe ist, wirkt die Hackerethik des CCC wie ein Mahnmal zivilgesellschaftlicher Werte. (Kino Zeit)

Es ist überfällig, den visionären Ideen und dem Vermächtnis des Datenphilosophen Wau Holland einen Film zu widmen. In einem unterhaltsamen Rückblick wollen wir die Ethik und den Humor der Hacker zeigen, uns anstecken lassen von dem Wissensdurst, der Improvisationsfreude und Unerschrockenheit unserer Protagonisten, um die hochaktuelle gesellschaftliche Relevanz ihrer Themen zu reflektieren und Wege aus der großen Datenfalle aufzuzeigen. (Regiekommentar Klaus Maeck / Tanja Schwerdorf )

„Alles ist eins, außer der Null“ zeichnet die Geschichte des Chaos Computer Clubs bildstark und mit viel Humor nach. Die Dokumentarfilmer Klaus Maeck und Tanja Schwerdorf lassen sich faszinieren von Clubgründer Wau Holland und seinem visionären Geist. Vieles, dessen Auswirkungen uns erst heute mit voller Wucht treffen, hat der früh Verstorbene vorhergesehen – und bereits damals das passende Gegengift entwickelt. (Peter Gutting, cinetastic)

The Royal Train

A/RUM 2019, Regie: Johannes Holzhausen, 92 Min., OmU
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Eine Geschichte wie aus einer vergangenen Zeit: Obwohl das Königreich Rumänien schon seit mehr als 70 Jahren nicht mehr existiert - nach der erzwungenen Abdankung König Mihais 1947 - scheint die Idee einer Monarchie immer noch Anklang zu finden. Prinzessin Margareta von Rumänien verfolgt seit Jahren einen sehr ernsthaften Kampf darum, ihrem Haus wieder den „rechtmäßigen“ Platz an der Spitze des Staates zu verschaffen. Der „Königliche Zug“ spielt dabei eine wesentliche Rolle. Nach historischem Vorbild fährt Margareta mit ihrer Entourage im Salonwagen durch das Land und wird von Menschen gefeiert, für die das Königshaus ein bedeutender Identitätsfaktor ist. Regisseur Johannes Holzhausen, den zufällig auch eine entfernte Verwandtschaft mit der Prinzessin verbindet, dokumentiert die bizarr wirkende Werbe-Tour der „Hüterin der Krone“ durch Rumänien.

Der österreichische Dokumentarfilmer Johannes Holzhausen hat ein Gespür für starke Stoffe… In »The Royal Train« nimmt der Regisseur (selbst ein entfernter Verwandter der Familie) die Rundreise im Dienste der Restauration als Gerüst für eine Groteske, die aus dem Fundus einer K.-u.-k.-Operette stammen könnte. Da werden auf verwahrlosten Provinzbahnhöfen von Honoratioren hektisch dünne rote Teppiche ausgerollt, und Vertreter der Bevölkerung müssen in Uniformen oder Trachten zur Begrüßung antreten. (Silvia Hallensleben, Epd-film.de)

Bei dieser großen Komödie genügt es Holzhausen, einfach ein Beobachter zu bleiben. Auch so gelingen Bilder, an denen Wes Anderson seine helle Freude hätte. (Dorian Waller, Der Standard)

The Royal Train ist eine Allegorie der Macht, ein Bilderbogen, der den Wegen einer in der Schweiz geborenen, in England ausgebildeten Frau folgt, die sich mit eiserner Disziplin als rumänische Kronprinzessin präsentiert. (…) Zu [Johannes Holzhausens] künstlerischen Tugenden zählen die Geduld, mit der er sich dem Geschehen zuwendet, und die Empathie, die er noch für die schrulligsten Figuren aufbringt, deren Lebensstrategien er erkundet, aber nie denunziert. Deswegen gelingt es ihm, uns für vermeintlich ephemere Themen und absonderliche Gestalten zu interessieren: Das große Welttheater, es wird überall gespielt, man muss die Fähigkeit haben, es zu bemerken. (Karl-Markus Gauß, Die Presse)

Matthias & Maxime

CDN 2019, Regie: Xavier Dolan, mit Gabriel D'Almeida Freitas, Xavier Dolan, 119 Min., frz. OmU
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Matthias und Maxime sind schon seit ihrer Kindheit die besten Freunde und können sich gar nicht vorstellen, getrennte Wege zu gehen. Doch Maxime will eine Veränderung, vor allem aber Distanz zu seiner psychisch labilen Mutter. Von Montreal nach Australien ist sein Plan. In den Wochen vor seiner Abreise wollen die Freunde den Abschied noch gebührend feiern. Auf einer Party werden sie von einer Filmstudentin kurzerhand als Schauspieler für ihr nächstes Projekt engagiert. Als sie dann herausfinden, dass sie sich vor laufender Kamera küssen sollen, wollen beide am liebsten hinwerfen und machen nur widerwillig mit.
Ungeahnte, unterdrückte Gefühle erwachen, die die Freunde vor Entscheidungen und scheinbar unüberwindbar Herausforderungen stellen. Denn während Matthias sich krampfhaft gegen seine Gefühle zu wehren versucht, wächst in Maxime mehr und mehr der Wunsch, seinem besten Freund näher zu kommen, bevor der Ozean sie endgültig trennt.

Eine innige Geschichte voller Sehnsucht und Zärtlichkeit. (The Guardian

Ein Film über jene Zeit, wenn die Jugend eigentlich schon vorbei ist, man aber gerne noch ein wenig daran festhalten will, weil diese Lebensphase so voller Freiheiten steckt und voller Möglichkeiten. (Joachim Kurz, www.kino-zeit.de

„Matthias & Maxime” is a beautiful portrait of male love, desire and friendship that understands the transitional points that exist in life. Creating a coming of age romance that ripples with tenderness and love. (cineramafilm.com

Glück

D 2021, Regie: Henrika Kull, mit Katharina Behrens, Adam Hoya, Nele Kayenberg, 90 Min.
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Eine Liebesgeschichte, die in einem Bordell beginnt – das klingt erstmal ungewöhnlich. Maria ist Mitte 20 und neu in Berlin, als sie Sascha kennenlernt, eine der älteren Sexarbeiter*innen. Von Anfang an fühlen sie sich zueinander hingezogen. Sascha ist fasziniert von der jungen Italienerin, die in den Pausen in ihrem Notizbuch kritzelt und offen zu ihrer queeren Identität steht. Maria wiederum bewundert Saschas Charisma und ihre besondere Position unter den Kolleg*innen. Aus einem vorsichtigen Flirt entwickelt sich rasch eine aufregende innige Beziehung zwischen den beiden Frauen. Von der neuen Liebe beflügelt, entschließt sich Sascha, Maria ihrem 11-jährigen Sohn Max vorzustellen, der bei seinem Vater auf dem Land lebt. Doch im Umfeld des konservativen Dorfes und weit ab vom diversen Berlin bekommt das junge Beziehungsglück Risse.

„Glück“ erzählt so vieles und lässt dabei überdramatisierende Effekte aus – von einfachen, schönen Momenten, von der Komplexität eines Berufs und von der Herausforderung, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Adam Hoya und Katharina Behrens beeindrucken und inspirieren mit ihren Darstellungen… Glück wird – so viel steht fest – während dieser wunderbaren eineinhalb Filmstunden empfindbar gemacht. (Bianca Jasmina Rauch, Filmlöwin)

Nicht von Zwangsprostitution und Missbrauch ist hier die Rede, sondern von einem normalen Beruf, der aus pragmatischen Gründen gewählt wurde. Manche werden dies fraglos als verklärten Blick bezeichnen, der bekannte Missstände ignoriert. Doch „Glück“ geht es nicht um die Wahrheit, sondern um eine Wahrheit, um einen offenen, vorurteilsfreien Blick auf eine Welt und die Frauen, die in ihr arbeiten. (Michael Meyns, Programmkino)

In ihrem zweiten Langfilm erzählt Henrika Kull mit Leichtigkeit und Präzision von Liebe an einem Ort, an dem der weibliche Körper eine Ware ist und porträtiert zwei charismatische Sexarbeiterinnen, denen man als Zuschauer*in genauso verfällt, wie alle um sie herum. (Berlinale)

Be Natural - Sei Du selbst: Die Filmpionierin Alice Guy-Blaché

USA 2019, Regie: Pamela B. Green & Joan Simon, 103 Min., DF
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Alice Guy-Blaché - hinter diesem recht unbekannten Namen verbirgt sich eine der ersten Regisseurinnen und wichtigsten Filmpionierinnen in der Geschichte des Kinos. Inspiriert von der ersten Filmvorführung der Brüder Lumière in 1895, begann die junge Guy-Blaché eigene Filme zu drehen. In den folgenden Jahren legte machte sie eine beeindruckende Karriere als einzige Frau in ihrem Metier. Sie war Regisseurin, Bühnenbildnerin, Produzentin und Drehbuchautorin und gründete in den USA schließlich ihr eigenes Filmstudio. Ihr Schaffen umfasst mehr als 1000 Werke, in denen Frauen prominente Rollen einnahmen und die immer wieder Geschlechterrollen auf den Kopf stellten. Trotzdem wurde ihr Name aus der Geschichte getilgt, ihr Œuvre männlichen Kollegen zugeschrieben. Schuld daran scheint Guy-Blachés Mann zu sein. In acht Jahren Recherche haben Greens und Simons großartige Schätze zu Tage gefördert. Und entdecken neben bei, dass in den Anfangsjahren von Hollywood sehr viele Frauen in allen Bereichen der Branche gearbeitet haben. In einer Mischung aus animierten Erinnerungsschnipseln und Interviews bekommt Alice Guy-Blaché in ihrem Film nun ein wohlverdientes Denkmal.

Pamela B. Green suchte bei ihrer Recherche nach Enkeln und Nachfahren, durchwühlte Kisten auf Speichern und in Garagen und wurde nicht selten noch fündig: Alte Fotos, Souvenirs, Filmaufnahmen förderte sie zutage. Viele verwendete sie aufwendig animiert für ihren Dokumentarfilm. Überhaupt ist die Recherchearbeit für Be Natural herausragend. […] Das von ihr gesammelte Material und die zahlreichen Interviews, die sie führte, setzen wie in einem Mosaik verschiedenste Aspekte der Geschichte dieser Filmpionierin zu einem großen Porträt zusammen. (Maria Wiesner, Kino Zeit)

This intriguing documentary shines a light on the astonishing career of the first woman to direct a film – and possibly the first director ever. (Peter Bradshaw, The Guardian)

Be Natural: The Untold Story of Alice Guy-Blaché, a detective story/bio pic, rewrites film history by revealing for the first time the full story of Alice's life and 20-year career. Her work includes comedies, westerns, dramas, dealing with child abuse, immigration, planned parenthood, and empowered women. She made the earliest known surviving narrative film with an all black cast. (Festival Cannes)

Die Adern der Welt

D/MON 2020, Regie: Byambasuren Davaa, mit Bat-Ireedui Batmunkh, Enerel Tumen, 95 Min., OmU
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In der mongolischen Steppe lebt der zwölfjährige Amra mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester ein traditionelles Nomadenleben. Wenn er nicht gerade in der Schule ist, hilft er seiner Mutter, die Ziegen und Schafe zu hüten. Und insgeheim träumt Amra davon, als Sänger bei der Fernsehshow „Mongolia's Got Talent“ aufzutreten. Das friedliche Leben der Familie wird durch das Eindringen internationaler Bergbauunternehmen bedroht, die den Lebensraum der Nomaden rücksichtslos zerstören wollen. Amras Vater ist der Anführer der Nomaden, die sich der Ausbeutung widersetzen. Als dieser jedoch bei einem Unfall ums Leben kommt, ändert sich alles – und Amra versucht mit aller Macht, den Kampf seines Vaters fortzusetzen.
Das Spielfilmdebüt der Regisseurin und Drehbuchautorin Byambasuren Davaa („Die Geschichte vom weinenden Kamel“) ist eine berührende und bildgewaltige Familiengeschichte. Gewinner des Publikumspreises auf dem 7. Bremer Kinder- & Jugendfilmfest KIJUKO!

Der schönste Film der Berlinale. (Robert Ide, Tagesspiegel)

Mit toll gezeichneten Charakteren, gelungenen Dialogen und fühlbarer Bescheidenheit hebt sich der Film positiv vom durchschnittlichen Filmeinerlei ab. […] DIE ADERN DER WELT ist ein wirklich sehenswerter Film aus einem fast noch unbekannten Teil der Erde, der mit seinem stillen Understatement große Wirkung entfalten kann. (FBW-Prädikat: besonders wertvoll)

Melancholisch, mythisch und bilderstark inszeniert. (FRIZZ)

Die außergewöhnliche Reise der Celeste Garcia

CUB/D 2018, Regie: Arturo Infante, mit Maria Isabel Díaz, Omar Franco, 92 Min., span. OmU
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Celeste ist 60 Jahre alt und arbeitet im Planetarium in Havanna. Ihr Leben verläuft seit Jahren gleich, sie gibt Führungen, füttert ihren 25-jährigen Sohn durch und sehnt sich nach dem großen Abenteuer. Oder zumindest einer Veränderung im täglichen immer gleichen Dasein. Und tatsächlich passiert plötzlich das Unglaubliche: Die Nachrichten geben bekannt, dass schon seit längerem Aliens in Menschengestalt auf Kuba leben, um die landeseigene Lebensweise Kubas kennenzulernen. Als wäre das noch nicht genug: Es werden Menschen gesucht, die als Botschafter*innen zum Planeten Gryok gesandt werden sollen. Es ist wie ein Zeichen! Celeste bewirbt sich und wird auserkoren. Für ihre Zeit auf dem fremden Planten „trainieren“ sie und andere Auserwählte mit skurrilen Kurse und Übungen, für ihr neues Leben auf Gryok.
Regisseur Arturo Infante war bisher hauptsächlich als Drehbuchautor tätig. Sein Spielfilmdebut „Die außergewöhnliche Reise der Celeste Garcia“ feierte Ende 2018 auf dem Toronto Filmfest Prämiere.

Einen Science-Fiction-Film aus Kuba bekommt man nicht alle Tage zu sehen, allein das schon macht das Regiedebüt des erfahrenen Drehbuchautors Arturo Infantes bemerkenswert. (Michael Meyns, Programmkino)

Mit ironischer Leichtigkeit erzählter, geistreicher und schlichtweg märchenhafter Film über verpasste Möglichkeiten, Sehnsüchte und die Chance auf einen Neufanfang. (Björn Schneider, spielfilm.de)

Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde

D/F 2019, Regie: Nicola Alice Hens, 86 Min., frz./engl. OmU
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60 Jahre lang schwieg Marthe Cohn alias Chichinette über ihre unglaubliche Lebensgeschichte und wie sie es schaffte, als Spionin die Nazis zu bekämpfen. Auch ihr Mann wusste nichts. Es begann, als Marthe Hoffnung, eine französische Jüdin aus Metz, im Krieg ihren Verlobten und ihre Schwester verlor. 1945 entschied sie sich, als Spionin für die Alliierten in Nazi-Deutschland für das Ende des Krieges zu kämpfen. Dann sprach Marthe 60 Jahre nicht mehr darüber. Heute, im Alter von 98 Jahren, bereist sie die Welt und vermittelt ihre Botschaft an Menschen aller Generationen: „Es ist immer möglich, gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, auch unter den schlimmsten Umständen“.
Nicola Alice Hens` Film zeichnet, teils in animierten Bildern, Marthes Lebensweg nach und beobachtet, wie sie mit der liebevollen Unterstützung ihres Mannes Major mit fast manischem Eifer die Welt bereist. Denn viel Zeit bleibt in ihrem Alter nicht. Marthe hat Charakter und schnell wird klar, warum sie damals „Chichinette“ – kleine Nervensäge – genannt wurde. Mit Schlagfertigkeit und Charme fesselt Marthe ihr Publikum bei ihren Vorträgen.

Durch den Raum, den Nicola Alice Hens ihrer Protagonistin bietet, ist CHICHINETTE mehr als ein faszinierendes Porträt einer charismatischen und inspirierenden Frau. Es ist ein filmisches Dokument einer wichtigen Zeitzeugin. (FBW-Prädikat: besonders wertvoll)

Der Film von Nicola Alice Hens veranschaulicht ihre Erzählungen, in dem er an den Originalschauplätzen Landschaften und Straßen aufnimmt, die Bilder aus dem Blickwinkel von Marthe nachstellt und eine animierte Figur – Marthe – in die Bilder setzt. Das geschieht auf einfache, natürliche Art und Weise, ohne dass Szenen nachgespielt werden. Das ist die große Leistung von Chichinette: Dass er versucht, das, was Marthe erzählt, so gut wie möglich zu bebildern, ohne dabei zu künstlich zu wirken. Er bedient sich auch alter Fotografien, die Marthe und ihre Familie, ihre Freunde zeigen, und setzt sie gekonnt in Szene. Besser und ja, schöner, kann man nicht von Vergangenem erzählen. (Kino Zeit)

"Chichinette" nannten die Franzosen sie damals, "kleine Nervensäge". Und wenn man in ihre lebendigen Gesichtszüge schaut, den Schalk in ihren Augen und den Witz auf ihrer Zunge erlebt, kann man sich kaum vorstellen, dass sie damals noch umtriebiger gewesen sein soll. Diese Ausstrahlung macht sie zu einer mitreißenden Kinoheldin. (Anke Sterneborg, Sueddeutsche)

Doch das Böse gibt es nicht

IR/D/CZ 2020, Regie: Mohammad Rasoulof, mit Ehsan Mirhosseini, Shaghayegh, Kaveh Ahangar, 150 Min., farsi OmU
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Heshmat ist 40 Jahre alt, führt ein ganz normales Leben und erledigt gewissenhaft seine Aufgaben als Familienvater. Was genau er arbeitet, ist unklar. Doch Heshmat ist immer mehr auf Medikamente angewiesen, um seinen Alltag bewältigen zu können. In vier lose zusammenhängenden Episoden erzählt Regisseur Raoulof von Menschen, deren scheinbar gewöhnliche Leben unmittelbar mit der Todesstrafe im Iran verbunden sind: Pouya muss einen Befehl ausführen, den er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, während Javid sich den Hochzeitsantrag an seine Freundin Nana anders vorgestellt hatte – und schließlich muss Bahram seiner Nichte aus Deutschland anvertrauen, warum er als Arzt nicht praktizieren darf. Wie weit kann man seinen eigenen moralischen Ansprüchen genügen und gleichzeitig regimetreu Befehle ausführen?
Kurz nach seiner Auszeichnung mit dem Goldenen Bären der Berlinale 2020 wurde in Teheran eine einjährige Haftstrafe gegen Rasoulof aufgrund seines andauernden politischen Aktivismus vollstreckt. Das iranische Regime wirft ihm vor unter anderem vor, die „nationale Sicherheit zu gefährden“.
Gewinner des Goldenen Bären, Berlinale 2020

Treibt die Stärken des iranischen Kinos auf die Spitze. (Hannah Pilarczyk, Spiegel)

Ein brillanter Film über Gehorsam und Verweigerung. (Erik Kohn, Indiewire)

Rasoulofs Filme sind keine Kritik mit breitem Pinselstrich. Sie stellen ganz gezielt eine Forderung auf: die nach der Freiheit der Ideen und Meinungen - und vor allem nach der Freiheit der Kunst […] gleichermaßen brachial wie poetisch. (Susan Vahabzadeh, Sueddeutsche)

Oft eindringlich, manchmal etwas aufgesetzt, stilistisch zurückhaltend, von einer unterschwellig, aber doch vehementen Kritik an den Missständen seiner Heimat ist der Film geprägt, der besonders dann überzeugt, wenn er betont nüchtern bleibt. (Michael Meyns, Programmkino)

Shane

GB 2020, Regie: Julien Temple, mit Shane MacGowan, Johnny Depp, Victoria Mary Clarke, 124 Min.
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Mit seiner Band The Pogues erweckte Shane MacGowan im London der 1980er Jahre den anglo-irischen Folk-Punk zum Leben. Der legendäre Punk-Rocker kämpfte sein Leben lang mit den Extremen in sich. Auf der einen Seite sein musikalisches Talent, das seine innige Verbundenheit mit seiner Heimat Irland spiegelt. Auf der anderen Seite der unbändige Drang nach Selbstzerstörung durch Drogen- und Alkoholexzesse. Heute ist MacGowan 61 und auf einen Rollstuhl angewiesen. In Julien Temples Dokumentation blickt MacGowan zurück auf wilde Zeiten des Rausches, der Freiheit und Anarchie des Punks der 80er Jahre.
„Nach den furiosen Rockumentarys […] über die Sex Pistols und Joe Strummer […] ist Temple mit SHANE erneut ein mitreißender Film über die Punkbewegung und ihre Galionsfiguren gelungen. Ein halluzinierender Tauchgang in die brodelnde Welt des Folk-Punk, der anarchischen Zerstörungswut und der blanken Poesie hinter rausgekotzten Worten.“ (Verleihtext Neue Visionen)

Das Feuer brennt buchstäblich in diesem Musikerporträt. Es rahmt lodernd die Bilder von früher ein, feiert erst die künstlerische Leidenschaft und beginnt dann, die Aufnahmen zu verzehren. Es geht in diesem Dokumentarfilm um ein Leben im Rausch, nicht nur im schöpferischen, sondern auch im ganz prosaischen des Alkohols und der Drogen. (Bianka Piringer, Kino Zeit)

Man kann es schonungslos nennen, wie Julien Temple MacGowan zeigt, vielleicht aber auch ehrlich. Der Regisseur von Musik-Biographien über die Sex Pistols und Joe Strumner stand vor der schwierigen Aufgabe, eine Balance zwischen Verklärung und Warnung zu drehen; das Genie MacGowans zu zeigen, aber auch den Wahnsinn eines exzessiven Lebens, das ihn schon mit Ende 50 zu einem Invaliden gemacht hat, dem versagt bleibt, dort zu sein, wo er aufblühte: Auf der Bühne. Denn was nach den zwei Stunden einer ebenso mitreißenden wie erschütternden Dokumentation bleibt, ist die Kraft von Shane MacGowans Musik, die Energie, die er und The Pogues jahrelang auf die Bühne brachten. (Michael Meyns, Programmkino)

Gunda

NOR/USA 2020 - Buch & Regie: Viktor Kossakovsky, 93 Min., ohne Sprache
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Wieso ist ein Film, in dem wir einer Sau namens Gunda und ihren anfangs 13 Ferkel beim Alltag zusehen, bei internationalen Festivals so eingeschlagen? Noch dazu gefilmt in Schwarz-weiß, ohne Musik oder Kommentare oder Menschen. Ohne Frage ist es die exzellente Kamera von Egil Håskjold Larsen und Kossakovsky und die Art, wie konzentriert und hochästhetisch nur die Perspektive der Tiere eingenommen wird. Die Kamera kommt ihnen über einen langen Zeitraum unglaublich nahe und zeigt sie als Wesen mit Gefühlen, wie wir sie von uns kennen.
Gunda darf auf dem Hof - anders als sonst sogenannte Nutztiere - ein maximal artgerechtes Leben führen. Zu Beginn liegt sie schläfrig in der offenen Stalltür. Langsam tauchen unzählige neugeborene Ferkel aus dem Stroh auf und turnen auf ihr rum. Die Schweinchen fressen, schlafen und wachsen – Gunda kümmert sich um sie, führt sie hinaus auf die Wiese, wo sie wühlen und sich kabbeln. Zwischendurch wechselt die Szenerie und die Kamera begleitet, nein, krabbelt mit ehemaligen zerrupften Legehennen durch das Gebüsch. Zum ersten Mal spüren sie Gras, ganz vorsichtig setzt der Hühnerfuß auf. Ausgediente Kühe schlendern oder tollen über die Wiesen, bilden Allianzen im Kampf gegen lästige Fliegen.
Kossakovsky hat Gunda auf einem Bauernhof in Norwegen begleitet, die anderen auf Gnadenhöfen in Großbritannien und Spanien, wo Menschen ihnen endlich ein würdevolles Leben ermöglichen.

Eine alltäglich gewordene Grausamkeit prägt das Verhältnis zum Tier, die ein moralischer Makel ist. »Gunda« ist Kossakovskys Vorschlag, wie sich das ändern ließe. Denn es ist auch eine – wörtlich – Ansichtssache, eine Frage der Perspektive. Also richtet Kossakovsky die Kamera auf das Tier, gönnt ihm die ästhetische Überhöhung und philosophische Abstraktion, die das Schwarz-Weiß als Potenzial in sich birgt, und weder Musik noch Voiceover noch sonst eine Schlaumeierei stören die Begegnung mit dem anderen Lebewesen. Das sich, sieht man genau hin, so profund dann doch nicht unterscheidet. Neugier, Schmerz, Genuss, Freude, Schrecken, Ärger, Fürsorge. Kennen wir. Kennt Gunda. Kennen das Huhn und die Kuh. (Alexandra Seitz, epd-film)

Die besondere Fähigkeit des Kinos, Innerlichkeit in Bildern einen Ausdruck zu geben, nutzt Kossakovsky, um die Zuschauer*innen in die Wirklichkeit der Tiere und ihre Umgebung aufzunehmen. Unaufdringlich gleiten die Bilder durch Stalltüren und Grashalme, die dichte Klanglandschaft umhüllt das Angebot des Films, sich auf das gemeinsame Leben mit den Tieren, und sei es nur für eine kurze Weile, einzulassen. (Lars Dolkemeyer, Kino Zeit)

Die technisch meisterhaften Aufnahmen… kommen auf diese Weise zu einem Film zusammen, der einerseits leidenschaftlich das Individuelle dieser Tiere unterstreicht – am ergreifendsten die letzte Szene, in der Gunda wie orientierungslos den Stall nach den soeben abtransportierten Ferkeln absucht –, dabei aber ganz ohne Süßlichkeit oder falsche Identifikationsangebote auskommt. (Gaby Sikorski, Programmkino)

Coup

D 2019, Regie: Sven O. Hill, mit Daniel Michel, Tomasz Robak, Paula Kalenberg, Rocko Schamoni, 81 Min.
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Er ist ein ganz normaler Typ: Freizeit-Rocker, Papa mit 22, Bankangestellter und hat keinen Bock mehr auf den täglichen Trott. Genug Geld müsste her, damit man so viel Mittagspause machen kann wie man möchte! Sitzt er nicht schon an der Quelle? Der Zufall hilft und unser Protagonist kann über eine Sicherheitslücke in der Bank mehrere Millionen D-Mark beiseite schaffen. Dann setzt er sich mit einem Kumpel nach Australien ab und freut sich auf sein neues Leben. Doch der eigentlich als schöne Überraschung geplante Anruf bei der Freundin lässt seinen Traum schnell zerplatzen: Sie hat keine Lust mit dem gemeinsamen Sohn nach Australien auszuwandern, er soll sich eben entscheiden was ihm lieber ist: Familie oder Geld. Aus einem wahrgewordenen Traum wird plötzlich eine Zerreißprobe.
Der Film behauptet, einen wahren Fall zu erzählen – einen Coup von 1988.

Geschickt balanciert Sven O. Hill in seiner höchst amüsanten und mit viel Hamburger Lokalkolorit ausgestatteten Gaunerkomödie COUP auf halber Strecke zwischen scheinbar Dokumentarischem und charmant Inszeniertem. […] Eine überaus gelungene Slacker-/Gaunerkomödie aus Deutschland mit viel Lokalkolorit und Schlitzohrigkeit – lange her, dass man so etwas gesehen hat. (FBW-Prädikat: besonders wertvoll)

Stellen Sie sich vor, Martin Scorsese und Guy Ritchie machen einen Film ohne Geld. Im Norden von Hamburg. […] In seiner innovativen Mischung aus Dokumentar–, Animations– und Spielfilm nimmt der Film sich Freiheiten, neue Wege zu gehen, die wir gerne häufiger im Neuen Deutschen Kino sehen würden. Wie auch sein Protagonist nutzt der Film geschickt seine kleinen Mittel, um etwas Großes zu erschaffen. (Jurybegründung Hofer Filmtage)

Diese spektakuläre Gaunergeschichte zeichnet Sven O. Hill in seinem Film „Coup“ nach – oder inszeniert er sie komplett? Wo die Wahrheit liegt bleibt offen und darin liegt der Reiz. (Michael Meyns, Programmkino)