6.–9.5.2026 im CITY 46 / Kommunalkino Bremen e.V.


Seit der Erfindung des Kinos begleiten Erfahrungen von Überforderung die Film- und Kinogeschichte des Mediums. Das 30. Filmsymposium untersucht, wie das in der Ästhetik und Geschichte des Films sichtbar wird und wie sich die Bedeutung von Überforderung im gesellschaftlichen Wandel verändert hat. 
Das kuratierte Filmprogramm und die Retrospektive zu Lucrecia Martel wird durch 13 wissenschaftliche Beiträge aus Deutschland, Österreich, Irland, England und Kanada ergänzt. Interessierte sind eingeladen teilzunehmen und mitzudiskutieren.

Hier finden sie das detaillierte Programm auf der Webseite der Uni Bremen
 

Programm

Die wissenschaftlichen Vorträge und kuratierten Filme legen unterschiedliche Perspektiven auf Stress, Erschöpfung und Desorientierung frei. In JEANNE DIELMAN (FR/BE 1975) von Chantal Akerman bekommt die ritualisierte Alltagschoreografie der Protagonistin allmählich risse. Eva Kuhn (Berlin) liest den Film als Kritik am Ideal der Autonomie. Der Vortag von Laura Rascaroli (Cork) befasst sich mit dem Cinema of Inaction des italienischen Regisseurs Antonioni.
Jia Zhangkhes Film STILL LIFE (CN 2006) porträtiert eine Stadt, die in naher Zukunft von einem Stausee überschwemmt wird. Felix Hasebrink (Bochum) argumentiert, dass der Film „andere Szenen“ von Infrastrukturen entwickelt, die politische Fortschrittsversprechen mit räumlicher und sozialer Desorientierung konfrontieren. Andrea Seier (Wien) thematisiert in ihrem Vortrag, Figuren der Überforderung im sozialen Milieu sogenannter Leistungsträger*innen und im Kino des Prekären. 
Vor dem Hintergrund der Asienfinanzkreise der 1990er Jahre verdichten sich in ILO ILO (SG 2013) Fragen nach Nähe, Abhängigkeit und sozialer Ungleichheit im intimen Rahmen einer Familie. Heike Klippel (Braunschweig) untersucht am Beispiel des Films die Verflechtung von globaler Arbeitsmigration, ökonomischem Druck und der prekären Abhängigkeit von migrantischen Haushaltshilfen. In LA COCINA (MEX/USA 2024) wird Die Küche zum Mikrokosmos globalisierter Ausbeutung. Petra Löffler (Oldenburg) beleuchtet in ihrem Vortrag, wie die Überforderung in Alonso Ruizpalacios turbulentem Schwarzweißfilm inszeniert wird, um in einen Zustand der Erschöpfung zu münden, der an den Möglichkeitssinn appelliert und Widerständigkeit impliziert.                                                                       
Der Abschlussfilm des Symposiums Lucrecia Martels LA CIÉNAGA (ARG/FR/SP 2001) erzeugt ein Gefühl permanenter Reizüberlagerung, das gesellschaftliche Erstarrung ebenso spiegelt wie unterschwellige Konflikte. Natalia Christofoletti Barrenha (London) untersucht in ihrem Vortrag Martels Kino als Einladung, der Realität zu misstrauen und sich produktiv in ihren Brüchen aufzuhalten. Als Teil einer begleitenden Retrospektive zu der Filmemacherin werden in Kooperation mit dem Instituto Cervantes Bremen auch die Filme LA MUJER CIN CABEZA (F/ARG/IT 2008) und ZAMA (ARG/BRA/E 2017) gezeigt.                                                    


Specials

In der Stummfilmkomödie IT (USA 1927) verkörpert die Protagonistin die moderne Frau im New York der 1920er Jahre. Als Verkäuferin verliebt sich Betty Lou Spence in ihren wohlhabenden Chef Cyrus Waltham Jr. Ihr „gewisses Etwas“ ermöglicht es ihr, Klassen- und Geschlechtergrenzen zu überschreiten. Der Stummfilm wird live von der Pianistin Eunice Martins begleitet.
Ein weiteres Highlight ist das von Christine Rüffert kuratierte Kurzfilmprogramm film:art. Die experimentellen Filme zeigen eine Vielfalt provokanter Methoden, die mit audiovisuellen Mitteln das Nervensystem herausfordern; legendäre Found-Footage-Techniken, unklare Ton-Bild-Verhältnisse, leuchtenden Farbspektakel.
Im Anschluss an die Filmvorführung FORMEN MODERNER ERSCHÖPFUNG (D 2025) von Sascha Hilpert, diskutieren der Regisseur, Tobias Dietrich (Bremen) und Birgit Kohler (Arsenal Berlin) die Möglichkeiten des Kinos, die Figuren der Überforderung und die flankierenden Maßnahmen der Ruhe und Heilung in Szene zu setzen. 


Filmprogramm

La mujer sin cabeza // Lucrecia Martel, F/ARG/IT 2008 
Still Life // Jia Zhangke, CN 2006
Jeanne Dielman / Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles //
Chantal Akerman, FR/BE 1975
Formen moderner Erschöpfung // Sascha Hilpert, D 2024
Ilo Ilo // Anthony Chen, SG 2013
It - Das gewisse Etwas // Clarence G. Badge, USA 1927
La Cocina – Der Geschmack des Lebens // Alonso Ruizpalacios, MEX/USA 2024
La Ciénaga – Morast // Lucrecia Martel, ARG/FR/SP 2001
Too Much | Too Fast | Too Good | Kurzfilmprogramm / film:art 105. 
Zama // Lucrecia Martel, ARG/BRA/E 2017

 

Veranstaltungsort

CITY 46 / Kommunalkino Bremen e.V., Birkenstraße 1, 28195 Bremen
Kontakt: Malene Düvell, duevell@city46.de, Tel.: 0421 4496 3583

Allgemeine Infos zum Bremer Filmsymposium

Das Filmsymposium wendet sich mit der engen Verzahnung von öffentlichen Vorträgen, Filmvorführungen und Filmgesprächen an das filminteressierte Kinopublikum und an Fachbesucher*innen. Es ist eine langjährige Kooperation zwischen dem CITY 46 / Kommunalkino Bremen e.V., der AG Filmwissenschaft / FB 9 Kulturwissenschaften, ZeMKI und wird gefördert durch die nordmedia – Film- und Mediengesellschaft Niedersachsen/ Bremen mbH, die DFG und dem Instituto Cervantes Bremen.