17. Internationales Bremer Symposium zum Film

»Was ist Kino?« hatte André Bazin einst gefragt. Diese Frage zielt bis heute auf Theorie
und Geschichte des Films. Sie fragt aber auch nach den Institutionen, die die Kontexte für
Filme (Produktion und Distribution), sowie die Präsentationsformen und die Filmerfahrung
konturieren und gestalten. In Anlehnung an diese historische Frage versucht das
17. Internationale Bremer Symposium zum Film den Herausforderungen eines
zeitgenössischen Selbstverständnisses des Kinos nachzuspüren. 

Das Kino als Ort der Filmaufführung nimmt lange Zeit eine besondere Stellung ein. Hier
entfalten sich die Magie des Films und die ästhetische Erfahrung der Zuschauer: Der Film trifft
nach einer langen Phase der Vorbereitung (Planung, Gestaltung, Finanzierung und Vermarktung)
auf ein Publikum. Diese erste Begegnung von Film und Publikum kommt einem Ritual gleich,
das bis heute in Kinosälen stattfindet. Es wird über landesweite Filmstarts inszeniert. Die Kinos
sind der Garant für möglichst optimale technische Bedingungen der Aufführung. Gleichzeitig
lädt sich das Zusammenspiel von Erwartung und ritueller Praxis an diesem Ort mit einer Aura
auf, die sich in der Erinnerung der Zuschauer mit dem Kino verbindet. Eine besondere Form der
ritualisierten Erstbegegnung stellt das komplexe System von Filmfestivals dar.

Während die Erstbegegnung von Film und Publikum in der Regel von Seiten der Filmproduktion
und -distribution gesteuert wird, haben sich im Laufe der Geschichte auch andere Formen der
Aufführung herausgebildet. Kinematheken werden in den 1930er Jahren von Zuschauern und
Filmliebhabern gegründet, die an einer Wiederbegegnung mit Filmen interessiert sind. In den
1950er Jahre schließen sich die unabhängigen kommerziellen Filmkunsttheater zu einer
Interessenvertretung zusammen, um sich gegen die Diktate der großen Verleiher zu wehren.
Diese Aneignung des Films durch Zuschauer und Kinobetreiber hat das Verständnis von Film als
künstlerischem Gut und als kulturellem Erbe nachhaltig geprägt und damit auch die Grundlage
gelegt für eine kritische Auseinandersetzung mit Filmgeschichte und für die Vermittlung von
Film.

In den 1970er Jahren wird diese Perspektive in der Bundesrepublik Deutschland noch einmal
erweitert. Während die Wiederbegegnung mit Filmen inzwischen auch im Fernsehen stattfindet,
werden bundesweit kommunale Kinos mit dem Slogan »Andere Filme anders zeigen« gegründet.
Das Motto wendet sich gegen den etablierten Filmmarkt und beansprucht damit neben der
Wiederbegegnung mit Filmgeschichte auch die Erstbegegnung von Film und Publikum für z.B.
politische Filme, Autorenfilme und Kinematografien aus aller Welt. Ähnlich wie die
Kinematheken beanspruchen die kommunalen Kinos damit den Status einer Kultur- und
Bildungsinstitution. Ihre Arbeit ist dabei weniger auf Sammlung und Archivierung von Film
gerichtet, als auf die Herstellung von Öffentlichkeit für Filme jenseits des etablierten Filmmarkts
und auf die Initiierung von Diskursen.

Seit den 1990er Jahren befinden sich kommunale Kinos, Kinematheken und Filmkunsttheater
immer häufiger in Konkurrenz zu Institutionen der bildenden Kunst. Dank digitaler Projektion
und Datenspeicherung ist es nun leichter möglich, Filme auch in Galerien und Museen zu
präsentieren. Dabei verwerfen die grundsätzlich anderen räumlichen und zeitlichen Bedingungen
des Kunstkontextes die klassisch ritualisierte Aufführungssituation im Kino und führen zur
Herausbildung neuer Präsentationsanordnungen, die wiederum in die Filmproduktion
zurückwirken. Aufgrund der Finanzkraft des Kunstmarktes bedienen Filmemacher immer häufiger
gleichzeitig das Kino und die Kunstszene, während bildende Künstler damit beginnen,
Filme für das Kino zu drehen. In diesem Kontext stellt sich die Frage nach einer »filmgerechten«
Aufführung – aber auch die nach der Verortung des Erbes der Filmavantgarde. Jenseits der
Konkurrenz kommt es auch zu produktiven Kooperationen zwischen Kunst und Kino, bei denen
Ausstellungsleiter und Kinematheksleiter zusammenarbeiten, wie z.B. auf der Documenta XII.

Internet, mobile Medien und daran anknüpfende soziale Netzwerke machen den Kinos ebenfalls
das Publikum streitig. Sie konkurrieren mit den Kinos um Erstaufführung und Wiederbegegnung
mit Filmen. Mit der derzeitigen Umstellung auf digitale Kinoprojektion verändern sich weitere
Rahmenbedingungen. In dieser Umbruchsituation stellt sich für Kinematheken und kommunale
Kinos die Frage ihrer Legitimation neu, insbesondere, wenn sie durch öffentliche Gelder
gefördert werden.

Auf diese Herausforderungen wird seitens der Kino-Institutionen mit einem veränderten
Selbstverständnis reagiert: Dieses beinhaltet eine Neubewertung der Tätigkeitsbereiche
(Auswählen, Aufführen) vom „Programmieren“ zum „Kuratieren“ von Film. Der klassischen
Vermittlungsarbeit von Filmgeschichte, der Herstellung von Öffentlichkeit für Filme abseits des
Mainstreams und der Initiierung von Diskursen wird nun der schöpferische Akt der persönlichen
Filmauswahl von Kuratoren an die Seite gestellt. Deren Filmkenntnis und -geschmack bilden das
Gütesiegel für einen Filmabend oder eine Filmauswahl. Weiter wird der Kultur- und
Bildungsauftrag des Kinos neu bewertet. Im Zuge der allgemeinen Mediatisierung von Kultur
und Gesellschaft wächst den Kino-Institutionen eine besondere Verantwortung für die Bildung
zu; denn sie gelten traditionell als Experten und Vermittler für Film und audio-visuelle Kultur.
Gerade die Filmbildung wurde in den letzten Jahren als neues Aufgabenfeld von den Kino-
Institutionen erkannt und zum festen Bestandteil ihrer Arbeit aufgewertet.

Schließlich stellen sich folgende Fragen: Wie kann ein Kino im Medienzeitalter als sozialer und
realer Ort aussehen? Welche Alleinstellungsmerkmale kommen dem Kino im Umfeld anderer
Institutionen zu? Welche Verbünde mit virtuellen Formen des Kinos können eingegangen
werden (Film on Demand, online Filmfestivals etc.)? Wie kann Filmkultur im Sinne von
Partizipation und Interaktivität der Zuschauer an vielfältigen Orten stattfinden?
Das Symposium präsentiert das Thema »Was ist Kino?« in Vorträgen, Diskussionen,
Arbeitsgruppen und über ein umfangreiches Filmprogramm. In Kooperation mit dem Museum
Weserburg zeigt eine Ausstellung Werke des britischen Filmemachers John Smith.

Zum Auftakt des Symposiums wird am Donnerstag, den 19. Januar, der 14. Bremer Filmpreis an eine
Persönlichkeit für ihre Verdienste um den europäischen Film verliehen. Der Preis wird von der
Kunst- und Kultur-Stiftung der Sparkasse Bremen gestiftet. Mehr Informationen zum Bremer Filmpreis
finden Sie hier.

Für Fragen zum Symposium kontaktieren Sie uns bitte unter:

neidhardt(at)city46(dot)de

pauleit(at)uni-bremen(dot)de

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