IRRITATION RELIGION / Filmreihe Arbeitskreis Kirche & Kino

„Religion irritiert. Die Begegnung mit dem Unsagbaren, dem Heiligen und Transzendenten entrückt Menschen aus vermeintlichen Sicherheiten. Dabei finden viele Menschen in religiösen Vorstellungen, Riten und Geboten Orientierung für ihr Leben und betonen die Bedeutung ethischer Werte für die Gemeinwesen. Andere sehen vor allem die Gefahr der Reglementierung und Indoktrination und fordern, dass Religion auf den privaten Bereich beschränkt bleibt. Beiden Positionen steht das Phänomen einer Religion gegenüber, die sich allen funktionalen Zuweisungen querstellt.“

In seiner neuen Filmreihe stellt der Ökumenische Arbeitskreis Kirche & Kino Bremen Filme vor, die auf verschiedene Weise das Verrückte, Sperrige und Unverständliche der Religion in den Blick nehmen – und zugleich danach fragen, was dran ist an diesem ganz anderen.
www.kirche-und-kino-bremen.de/home/index.html

 

Im Arbeitskreis Kirche & Kino Bremen arbeiten gegenwärtig mit:

Dirk von Jutrczenka, Pastor St. Remberti Gemeinde (Vorsitzender)
Heinz-Martin Krauß, Schulpastor Nebelthau-Gymnasium
Ingeborg Mehser, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt / forum Kirche
Diemut Meyer, Pastorin Kulturkirche St. Stephani
Hans-Peter Ostermair, AtriumKirche
Karl-Heinz Schmid, Geschäftsführer des Kommunalkinos Bremen City 46
Louis-Ferdinand von Zobeltitz, Pastor i.R.

Di. 23.10. / 19.30 * Einführung: Heinz-Martin Krauß

Mi. 24.10 + Do. 25.10./ 20:00

Die Jungfrau, die Kopten und ich / IRRITATION RELIGION

Auf dem alten Familienvideo von 1968 über die wundersame Erscheinung der Heiligen Jungfrau in Ägypten kann Namir rein gar nichts entdecken. Doch seine Mutter, eine koptische Christin, hat Maria damals höchstpersönlich gesehen. Seit 1973 lebt die Familie von Namir in Frankreich und er ist ein typisch westlicher Agnostiker, Religion ist für ihn Hokuspokus. Seine Mutter, eine erfolgreiche berufstätige Frau, duldet aber, was ihren Marienglauben betrifft, keine Zweifel. Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, reist Namir in sein Heimatland um mit Zeugen der damaligen Marienerscheinung zu reden.

Er will den Zusammenhang zwischen der ägyptischen Zeitgeschichte und den Marienerscheinungen der koptischen Minderheit aufzeigen. Doch es gibt diverse Hindernisse: seine Eltern, die sich in den Film einmischen, sein französischer Produzent, der ständig Änderungen vorschlägt, und nicht zuletzt das koptische Heimatdorf selbst. In schierer Verzweiflung beschließt Namir, seine eigene Marienerscheinung für den Film zu inszenieren. Aber dazu braucht er die Hilfe der Dorfbewohner und seiner Mutter, die, eigens angereist, am Set ungeahnte Fähigkeiten offenbart.

„Eine dokumentarische Familien- und Culture-Clash-Kömodie über Religion in der Diaspora, die Kunst des Filmemachens und die Kreativität der Mitwirkenden. Mit seiner Mutter als wunderbarer Hauptdarstellerin entlarvt der Regisseur in seinem Langfilmdebüt die filmischen Manipulationen des Dokumentarfilms mit Humor und Charme.“ (Berlinale) 

»Mit ›Die Jungfrau, die Kopten und ich‹ hat Namir Abdel Messeeh das Genre des Dokumentarfilms durch ein überschäumendes Maß an Subjektivität, Selbstreferenzialität und Selbstironie aufgemischt: die problembewusste Sozialreportage als autobiografische Familienkomödie! Fast durchgängig ist der Filmemacher selbst mit im Bild, betrachtendes Subjekt und betrachtetes Objekt zugleich«, so Ijoma Mangold in der ZEIT, Juni 2013.

F/Katar/Ägypten 2012, Regie: Namir Abdel Messeeh, 85 Min., frz. OmU

Anmerkungen des Regisseurs
„Ich habe einen Film gemacht, der mir gleicht. Er erzählt über Ägypten, über Christen, über Wurzeln. Ich wollte, dass das Publikum versteht, was mich an Ägypten und an meine Familie bindet. Am Ende einer Filmvorführung in Kairo ist ein ägyptischer Priester zu mir gekommen und hat gesagt: ,Dieser Film ist ein Spiegel Ägyptens. Jeder kann darin seine eigene Wahrheit lesen.“
http://www.arsenalfilm.de/jungfrau/index2.htm

 

Her mit dem Wunder!
Wie der höchst unterhaltsame Dokumentarfilm "Die Jungfrau, die Kopten und ich" jeden Fundamentalismus unterwandert. von Ijoma Mangold / 14. Juni 2013

https://www.zeit.de/2013/25/dokumentarfilm-die-jungfrau-die-kopten-und-ich

 

„Genau so sollte ein fruchtbarer interkultureller und -religiöser Dialog aussehen: Voller Humor und Staunen und mit Respekt für das, was verbindet und das, was trennt.“
https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-jungfrau-die-kopten-und-ich (Paul Collmar/kino-zeit)

 

Wunderbar leichthändig fängt der Debütfilm die Stimmungslage während des Arabischen Frühlings in Ägypten ein. Die von ihm angelegte Auslegungsfreiheit gesteht jedem seine eigene Interpretation zu, während seine Begegnungen die Umbrüche im Denken der Ägypter widerspiegeln. Dabei sagt das persönliche Eintauchen in ein völlig anders gelagertes Leben mehr aus als jede vorgefertigte Experten-Analyse.“
https://www.filmdienst.de/film/details/541840/die-jungfrau-die-kopten-und-ich
(filmdienst.de)

Di. 20.11. / 19.30 * Einführung: Karl-Heinz Schmid

Land of Plenty / IRRITATION RELIGION

Paul, ehemals Soldat der „US Special Forces“, leidet heute noch unter den Nachwirkungen des Giftes Dioxin (Agent Orange), dem er vor mehr als 30 Jahren ausgesetzt war. Die Ereignisse des 11. September 2001 haben sein Kriegstrauma und damit die Geister seiner Vergangenheit erneut zum Leben erweckt. Er ist von der Idee besessen, sein Land gegen mögliche Inlandsangriffe zu beschützen und engagiert sich im „Krieg gegen den Terror“ als selbsternannter Vaterlandsverteidiger. Seine Nichte Lana ist eine Idealistin, auf der Suche nach ihrer Aufgabe in dieser Welt. Dabei erkennt und versteht sie ihren christlichen Glauben mehr und mehr in frappierendem Gegensatz zu den Prinzipien der amtierenden amerikanischen Regierung und der sie unterstützenden konservativen christlichen Gemeinden.

D/USA 2004, Regie: Wim Wenders, mit Michelle Williams, John Diel, Richard Edson, 123 Min., OmU

„Geschwindigkeit und die Reduktion aufs Wesentliche sind sicherlich keine maßgeblichen Gesetze im Wenders-Universum - man muss sich einfach von ihm an der Hand nehmen lassen und zwei Stunden lang die Welt mit seinen Augen sehen. Seine Fähigkeit, in den Menschen und der Welt um sie herum - vielleicht nicht in jedem Augenblick, aber in Momenten der Ruhe - Zauber und Schönheit zu entdecken, ist unvergleichlich und unzerstörbar.“
https://www.sueddeutsche.de/kultur/kino-land-of-plenty-es-gibt-kein-licht-in-der-hauptstadt-des-hungers-1.807584
(Susan Vahabzadeh/sz)

 

„Schwere Kost, hervorragend umgesetzt!“
https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/land-of-plenty
(kino-zeit.de)

 

Wim Wenders wirft einen kritischen und zugleich zärtlichen Blick auf ein in sich zerrissenes Amerika voller Angst und Armut, ein Land, das sich nach dem [11. September 2001] neu orientiert. Sein subtiles, in angemessen spröden Bildern fotografiertes Road Movie ist voller leise Trauer über den Verlust von Werten, den Wandel von Gerechtigkeit in Selbstgerechtigkeit die Verlorenheit von Menschen in einem komplexen System.“
https://www.filmdienst.de/film/details/523063/land-of-plenty
(Filmdienst.de)

Di. 11.12. / 19.30 * Einführung: Louis-Ferdinand von Zobeltitz

Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen / IRRITATION RELIGION

In der Grabeskirche in Jerusalem leben sechs christliche Konfessionen Tür an Tür unter einem Dach. Die einzelnen Glaubensgemeinschaften wachen verbissen über die ihnen zugeteilten Anteile und beobachten eifersüchtig die anderen. Die abessinischen Christen, die ihren Platz in der eigentlichen Kirche verloren haben, quartierten sich kurzerhand auf dem Dach der Kapelle ein, die koptischen Christen, die den Haupteingang des Grabes nicht benutzen dürfen, bauten sich eine kleine Kapelle an der Rückseite der Grabkammer, und die Griechisch-Orthodoxen verteidigen raubeinig den Vordereingang. Zu hohen Festtagen kommt es manchmal zu absurden Schlachten religiöser Leidenschaft, die Prozessionen geraten sich gegenseitig in die Quere, und Gläubige aus aller Welt verkeilen sich untereinander. Aber nachts, wenn die unfreiwillige Wohngemeinschaft in der Kirche eingeschlossen ist, beten die Mönche vor dem Grab. Dann verwandelt sich die Kirche in einen mystischen Ort der Hingabe und Sehnsucht nach erfülltem Glauben.

Mit Respekt und Neugier verfolgt der Film von Hajo Schomerus das Leben der Bewohner und zeigt unterhaltsam und freudvoll, dass Glauben eine zutiefst menschliche Angelegenheit mit allen Höhen und Tiefen ist.

Deutschland 2010, Regie: Hajo Schomerus, 93 Min.

Jury Filmbewertung fbw
„Eine Erkundungsreise immer auch als „emotionale Achterbahn", nie ohne Respekt, aber stets mit Neugier und Entdeckungslust. Hajo Schomerus kehrt mit seinem ersten langen Dokumentarfilm (Regie und Kamera!) gewissermaßen zum Urmodell des dokumentaren Films zurück, einem „cinema direct“ mit der Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung. Ein Film wie ein ruhig fließender Strom. Ein Film, der das Sehen lehrt und es zur Passion stilisiert.“
https://www.fbw-filmbewertung.com/film/im_haus_meines_vaters_sind_viele_wohnungen

 

„Das impressive Patchwork aus sorgfältigen Bildern und Originaltönen verharrt nicht bei den hanebüchenen Rivalitäts- und Machtspielen der Mönche, sondern erweckt den von Touristen überfluteten Ort zu einem meditativ-mystischen Leben. Der Mut, auf erläuternde Kommentare zu verzichten, befreit den Film von bildungsbeflissenem Ballast und verwandelt ihn in eine kontemplative Betrachtung über das Widersprüchliche im Christentum.“
https://www.filmdienst.de/film/details/535076/im-haus-meines-vaters-sind-viele-wohnungen (filmdienst.de)

IM RAHMEN DER FILMREIHE WURDEN IN DEN VERGANGENEN MONATEN BEREITS GEZEIGT:

Di. 18.9. / 19.30 * mit Einführung von Anja Wedig, Gemeindeassistentin St. Raphael;

Mi. 19.9. + Do. 20.9. / 20:00

Jesus, du weißt / IRRITATION RELIGION

Ein Film als Beichtstuhl. Menschen gehen in die Kirche, Menschen sitzen alleine in der Kirchenbank, Menschen beten zu Jesus, der ihnen alles ist: Vater und Freund, Heiland und Retter, Wegweiser und Klagemauer, Redender, Schweigender, Liebender. Da ist etwa ein Student, der gegen den Willen seiner Eltern täglich die Messe besucht, seine ganze Freizeit in der Pfarre verbringt und der Jesus einfach alles erzählt und alles bereut: erotische Phantasien wie Heldenträume. Oder die pensionierte Chemielehrerin, die von ihrem Lebensgefährten mit einer anderen Frau betrogen wird. Sie sinnt im Gebet nach Rache. Aber ist Rache nicht Sünde?

Formal streng zeigt Ulrich Seidl sechs fragmentarische Porträts von Gläubigen, die Fragen stellen, Antworten suchen und Jesus ihre Sorgen ausschütten. Jede dieser Geschichten öffnet dabei einen Raum, eine Intimität, eine Aussicht auf das, was man Gott nennen könnte.

„Der durch die Inbrunst seiner Protagonisten ebenso erschreckende wie mitunter auch erheiternde Dokumentarfilm nähert sich dem Katholizismus von einer Seite, die nicht frei von Bigotterie ist. Der Regisseur nutzt Blickwinkel und -perspektiven, um die Haltung der Kirchgänger sowie ihre Lebens- und Glaubenseinstellungen erfahrbar zu machen. Dabei dringt er in einen Grenzbereich vor, der Staunen und Fragen auslöst, ohne mit vorgefertigten Antworten aufzuwarten.“ (film-dienst 17/2005)

Österreich 2003, Regie: Ulrich Seidl, mit Elfriede Ahmad, Waltraute Bartel, Hans-Jürgen Eder, 87 Min.

„Ich wollte nicht die Heuchelei oder Erstarrtheit, das Zeremonielle, Bigotte, autoritär Konservative oder den Kitsch an der katholischen Kirche zeigen. Was mich interessiert hat, war das intime Gebet der Menschen zu Gott.“ Ulrich Seidl

http://www.ulrichseidl.com/de/ulrich-seidl-regisseur/filme/jesus-du-weisst