RUMÄNIEN FILMTAGE

Zur Jahrtausendwende hatte Rumänien Kinoruinen, eine brachliegende Filmförderung und ein Kinojahr ohne einen einzigen produzierten Film. Aber die, die beim Sturz Ceaușescus auf den Straßen noch spielten oder schon demonstrierten - oder in den Kasernen ihren Wehrdienst absaßen - waren soweit und ein einziges Road-Movie, Cristi Puius "Marfa și banii", lieferte die Blaupause der "Neuen Rumänischen Welle": lebensnahe Figuren und Dialoge, eine erzählende Kamera, die von Technik und Filmgeschichte weiß und eine unbändige Lust, die Filmform in die raffiniertesten Widersprüche zu treiben, die sich dramaturgisch entwickeln lassen. In Cannes dominierte für Jahre der rumänische Film: Ein beispielloses Kino war entstanden. Die Rumänien Filmtage Bremen zeigen neue Filme zweier seiner großen Protagonisten, Corneliu Porumboiu und Radu Jude, das "Videogramme"-Meisterwerk von Farocki/Ujica über den politischen Umsturz (der bezeichnenderweise von Kamerabildern handelt), zwei Dokumentarfilme, die gemeinsam betrachtet von der Lebenswirklichkeit der Menschen erzählen (Arbeit und schon wieder Kino), eine Fülle von Kurzfilmen und einen Klassiker für Kinder - ein sinnlicher Einstieg in eine der weltweit spannendsten Kinematographien. (Texte: Irene Rudolph)

 

Die Rumänien Filmtage sind eine Kooperation von Filmbüro Bremen und City 46. Mit Unterstützung vom Senator für Kultur und dem Rumänischen Kulturinstitut Berlin.

 

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Fr. 1.11. / 17:30

Videogramme einer Revolution / Rumänien Filmtage

Die "Videogramme einer Revolution" entstanden, weil Harun Farocki Andrei Ujicas gemeinsam mit Hubertus von Amelunxen herausgegebenes Buch "Television/Revolution" gelesen und den Medienprofessor Ujica angerufen hatte. "Wir fuhren nach Bukarest", schreibt Farocki in "Substandart", "um Material zu der Frage beizubringen ob - im Wortgebrauch Vilém Flussers - die Kameras die Revolution abgebildet oder eingebildet hätten. (...) Weil unsere Filmerzählung aus vorgefundenen Filmmaterialien zusammengesetzt ist, weil keine zentrale Regie den Personen vor oder hinter der Kamera Anweisungen gegeben hat, will es scheinen, als sei es die Geschichte selbst, die sich hier ausgestaltet." Die "Videogramme" werden 2005 erstmalig im rumänischen Fernsehen ausgestrahlt. "Ich glaube nicht", schreibt der Filmkritiker Andrei Rus, "dass ein Zuschauer, der diesen Film sieht, zur davorliegenden Ruhe zurückkehren kann. Wann immer sich das Problem der Revolution stellen wird, wird er sich auf die "Videogramme" beziehen."
Der einzige blutige Umsturz im Osten Europas des Jahres 1989 war die rumänische Revolution, und audiovisuelle Medien, Videokameras und Fernsehübertragungen, spielten ihre bis dahin historisch bedeutsamste Rolle. Eine revolutionäre Medienanalyse, eine zeitnahe Rekonstruktion der Ereignisse, praktische Medienkritik als kritische Geschichtsschreibung, für die "Cahiers du Cinéma" eines der zehn subversivsten Filme aller Zeiten - und vom Filmbüro Bremen koproduziert.

D/RUM 1992, Regie: Harun Farocki & Andrei Ujica, 107 Min., rumän. OmengU

Fr. 1.11. + Mo. 11.11. / 20:00
Mi. 6.11. / 18:00

Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen / Rumänien Filmtage

Mihai Antonescu, einst Justiz- und Propagandaminister, später dann Außenminister und Vizepräsident der faschistischen Regierung in Rumänien, war nicht mit dem Marschall Ion Antonescu verwandt. Der Filmtitel ist ein Zitat des ersteren, das gerne zweiterem untergeschoben wird. Eine Finte die Namensgleichheit. Eine Finte der Filmtitel: Wer geht in die Geschichte als Barbar ein?
Scharfgestellte, anarchisch verspielte Satire, das "Status Quo" der aktuellen Geschichtsbewältigung und -vergessenheit in Rumänien und "State of the Art" des rumänischen Kinos. Keine Geschichtskittung: Während der freien Produktion eines historischen Reenactments schimmern alle Bruchstellen der Gesellschaft, alle Rassismen und Ressentimens in ihren schillerndsten Farben auf.

Îmi este indiferent dacă în istorie vom intra ca barbari – RUM/BUL/D/F/CS 2018, Regie: Radu Jude, mit Ioana Iacob, Alexandru Dabija, Alex Bogdan, Ilinca Manolache, Erban Pavlu, 139 Min., rumän. OmU

Sa. 2.11. / 15:30

Veronica / Rumänien Filmtage

Um die Ecke der Kindervilla, in der Veronica lebt, liegt eine märchenhafte Welt, in der die Füchsin schwindelt, der gestiefelte Kater eine Mühle betreibt und der Mäuserich und seine Verwandten alle Tücke anwenden, um auf dem Tisch zu tanzen.
Eine rumänische Alice in einem hinreißenden 1970er Ost-Look, ein ständiger Anlass zu einem neuen wunderbaren Lied, ein Kostümfilm mit dem Charme des Selbstgemachten und ein Heidenspaß der damaligen rumänischen Schauspiel- und Popmusikgrößen wie Margareta Pâslaru an einem Kino für Kinder.

RUM 1972, Regie: Elisabeta Bostan, mit Lulu Mihăescu, Margareta Pîslaru, Dem Rădulescu, Vasilica Tastaman, deutsche Einsprache, ab 6 Jahren

Sa. 2.11. / 17:30
Mo. 4.11. + Di. 5.11. / 18:00

Chuck Norris und der Kommunismus / Rumänien Filmtage

Es gibt keine Bilder davon, wie es gewesen ist, die TV-Schirme schauten nicht zurück. Die britische Anthropologin Ilinca Călugăreanu, selbst im Rumänien der 1980er Jahre aufgewachsen, stellt sie nach, das Staunen und die Gier beim heimlichen Betrachten von Hollywoodfilmen. Und die Geschichte der Schattenindustrie, die die Traumfabrik auf abertausende VHS-Bänder in Ceaușescus Wohnsilos brachte, steht den imperialistischen Plots in nichts nach, Pistolenlauf der Securitate inklusive. Im Zentrum des überschwenglichen Kompilationsfilms: Irina Nistor, die Übersetzerin, die nachts synchronisierte. Aus dem Stand, alle Rollen, über 3.000 Filme. Rocky und Jesus von Nazareth und Dirty Dancing. Und es ist, als würde dieser Film ganze Dekaden des Mainstreamkinos vervollständigen durch die Erzählung ihrer außergewöhlichen Wirkung. Rocky rockt Rumänien und Chuck Norris gleich den ganzen Kommunismus.
Eine rasant montierte und berührende Ode an das populäre Kino vom Sandalenfilm bis zu Dirty Dancing oder: Wie aus Hollywood über den Umweg der VHS-Technik im sozialistischen Rumänien Widerstand wurde. Die mit zahlreichen Filmausschnitten und Nachinszenierungen durchsetzte Dokumentation rekonstruiert die abenteuerliche Verbreitung und Vorführung und die nicht weniger abenteuerliche Wirkung beliebter amerikanischer Herzens- und Knochenbrecher und ihrer Filme.

RUM/GB/D 2015, Regie: Ilinca Calugareanu, 78 Min., deutsche Fassung

Sa. 2.11. / 20:00 * mit Gästen

60. Short Film Collection / Rumänien Filmtage

Ein langer Kurzfilmabend mit Publikums- und Kritikerpreis und ein Get-Together von Filmemachern und Publikum.

So. 3.11. / 15:30

Filme pentru copii – Kurzfilme für Kinder /Rumänien Filmtage

Ein Programm für kleine Kinogänger mit kurzen Filmen aus Rumänien und Deutschland und einem Publikumspreis.

So. 3.11. / 17:30 * mit Regisseur Bernd Schoch

Olanda / Rumänien Filmtage

Pilze. Sammeln. In den Karpaten. Der Hamburger Dokumentarfilmer Bernd Schoch und sein Team folgen den Verästelungen des eigentümlichen Rhizoms, legen dessen kulturelle Wurzeln frei, sammeln und sortieren Aufnahmen seiner Sammler und blicken aufs große Ganze von Himmeln, Physiognomien, Zwängen und einer selbst schon pilzartigen Widerständigkeit.
Die Recherche für "Olanda" wurde 2016 mit dem Bremer Dokumentarfilm Förderpreis ausgezeichnet, seine Premiere feierte der Film auf der diesjährigen Berlinale. Filmgespräch mit dem Regisseur Bernd Schoch nach der Vorführung.

D 2019, Regie: Bernd Schoch, 154 Min., rumän. OmU

So. 3.11. / 20:00

Der Schatz / Rumänien Filmtage

Man sollte nicht den puren Wortsinn vergessen, wenn man einen Film von Corneliu Porumboiu sieht. Nicht die diabolische Präzision, mit der der Schauspieler Vlad Ivanov als Vorgesetzter dem jungen Polizisten in Porumboius Film "Police, adjective" die Semantik des Adjektivs "polizeilich" entgegenschleuderte, bis dieser - und mit ihm der ganze Film, der ihm bei seiner polizeilichen Beweisaufnahme folgte - buchstäblich am Ende sind. "Comoara / Der Schatz" sieht dem jungen Familienvater Costi dabei zu, das Geld und den Detektor und die Ausgrabungen zu besorgen, um für den Preis einer Gewinnbeteiligung seinem durch die Zinsen für die Bukarester Eigentumswohnung in finanzieller Not geratenen Nachbarn Adrian dabei zu helfen, einen Schatz zu heben, der möglicherweise unter einem Baum auf dem urväterlichen Grundstück in Islaz liegt. Costis Ehefrau befeuert die staubige Schatzsuche durch staubtrockenes Schulwissen: In Islaz, dem Kaff, wurde die Revolution von 1848 ausgerufen, und zwar durch Söhne ziemlich reicher Familien. Jetzt scannen drei Männer bis Nachteinbruch unter lautem Geräusch wenig Erde mit schwerem Gerät, bis die Geschichte und später dann auch dieser Film ein ironisches, ein fulminant märchenhaftes Geheimnis preisgibt.
Kino als synästhetische Wahrnehmung von banalen Handlungen und märchenhaften Entscheidungen: Mit einer Schatzsuche auf dem Familiengrundstück versöhnt der wunderbare Filmemacher Porumboiu die langweiligen Tücken des Alltags mit den großen Momenten des Lebens, deren Autoren wir ebenfalls sind.

Comoara – RUM/F 2016, Regie: Corneliu Porumboiu, mit Cuzin Toma, Adrian Purcarescu, Corneliu Cozmei, 89 Min., rumän. OmU