Radikale Liebesfilme / Filmreihe 17.10. – 31.1.

Streng genommen kann es keine radikalen Liebesfilme geben. Denn ein Liebesfilm ist ein Genrefilm, d.h. auf bestimmte Muster von Handlung und Szenen programmiert, wie Girl meets Boy, Blicke der ersten Annäherung, Szenen des Zweifels, und je nach Schlussstimmung Kuss vor Sonnenuntergang oder Umarmung eines/r Sterbenden. Radikal wäre ein anderer Stoff: Zwei sind sich mäßig sympathisch, aber nach 10 Jahren Ehe (und Beziehungsarbeit) lieben sie sich. Einen solchen Film gibt es nicht – oder nur als Ausnahme.

Müssten wir eine Wurzel (= radikal) der Liebe benennen, würden wir zuerst auf das Mutter-Kind-Verhältnis stoßen. Biologen halten es überhaupt für den Kern der Menschwerdung, und einiges spricht dafür, dass Liebe hier, und nicht zwischen den Geschlechtern oder zwischen Erwachsenen entsteht. Aber daraus lässt sich kaum etwas ableiten, denn man kann schließlich alles lieben – seinen Partner, die Arbeit, die Stadt in der man wohnt oder gerade nicht wohnt, und vieles mehr. Immerhin könnte man allgemein sagen, Liebe ist Hingabe. Oder genauer, wie Luhmann formuliert: Liebe ist ein Begriff dafür, dass man das, was man vom andern haben will, gerade dadurch selbst gibt. Die 13 Filme dieses Programms sind Annäherungen an ein unmögliches Genre. Sie sind insofern radikal, als sie ihre Sache im Sinne einer audiovisuellen Begriffsarbeit ernst nehmen – auch dann, wenn es Komödien sind.

Winfried Pauleit und Rainer Stollman / Universität Bremen

Veranstalter
CITY 46 / Kommunalkino Bremen e.V.
ZeMKI / Institut für Kunstwissenschaft – Filmwissenschaft – Kunstpädagogik der Universität Bremen

Veranstaltungsort
CITY 46

Preise
Einzelkarte: € 9 / € 5,50 ermäßigt / € 4 KoKi-Mitglieder
Dauerkarte*: € 75 / € 50 ermäßigt / € 35 KoKi-Mitglieder
* gültig für alle Veranstaltungen der Reihe

Die Reihe läuft vom 17.10.2017 bis 30.1.2018 * Alle Filme mit Einführung!

16.10. / 18:00
17.10. / 17:30 * mit Einführung von Rainer Stollmann (Universität Bremen)

Leoparden küßt man nicht

Ein junger Professor ist völlig in seine Arbeit verliebt. Jeder Zuschauer sieht, dass seine Verlobung in eine unglückliche Ehe führen wird. Da aber keine Gesellschaft der Welt auf Liebe, sondern noch jede auf Arbeit (bzw. Geld, Vernunft) sich gründet, ist es gefährlich, Liebe allzu sehr in sein Leben zu lassen. So kommt der surreale Leopard ins Spiel, den die wirkliche Geliebte mit sich führt. Ob die Dreiecksgeschichte gut ausgeht, bleibt in der Schwebe. Die letzte Sequenz ist eine große Metapher: Die zerbrechlichen Menschlein wie Korken auf dem gewaltigen Saurierstrom der Liebe. „Bringing up Baby“, die turbulenteste Liebeskomödie der Filmgeschichte, war Christoph Schlingensiefs Lieblingsfilm.

Bringing up Baby, USA 1938, Regie: Howard Hawks, mit Cary Grant, Katharine Hepburn, 102 Min., DF

Di. 24.10. / 17:30 * mit Einführung von Winfried Pauleit (Universität Bremen)
Mi. 25.10. / 18:00

Attenberg

Darf man sich als Tochter den eigenen Vater nackt vorstellen, um die Liebe zu erkunden? Und was kann man aus den Tierdokumentationen von Sir William Attenborough (Attenberg) über die Liebe lernen? Hilft es der Liebe, wenn man mit der besten Freundin Zungenküsse übt oder das Balzverhalten von Tieren nachstellt? Athina Rachel Tsangari befragt das Erwachen der Liebe und der Sexualität vor dem Hintergrund einer idealen Stadt der Moderne, die in der Zeit der griechischen Wirtschaftskrise alle Ideale verloren hat. Eigenwillige Gänge und Tanzeinlagen zeigen die Protagonisten immer wieder als groteske Figuren. Und die Musik der New Yorker Post-Punk-Band Suicide gibt die Stimmlage vor.

GR 2010, Regie: Athina Rachel Tsangari, mit Ariane Labed, Evangelina Randou, Vangelis Mourikis, 95 Min, OmU

Di. 7.11. / 17:30 * mit Einführung von Winfried Pauleit (Universität Bremen)

Mädchen in Uniform

Die Liebe zwischen Schüler und Lehrer ist ein Sonderfall. Sie konfrontiert die institutionalisierte Lehr- und Lernbeziehung mit einem Zuviel an persönlicher Nähe und körperlicher Zuwendung. Sie kann als Verletzung des Obhutsverhältnisses rechtlich geahndet werden. Mädchen in Uniform entwirft ein Verhältnis zwischen Schülerin und Lehrerin und stellt es gegen die strenge preußische Ordnung einer Erziehungsinstitution ohne Wärme und Verständnis. Der Film greift nicht nur die gleichgeschlechtliche Liebe unter Internatsverhältnissen auf, er gilt auch als einer der innovativsten Tonfilme seiner Zeit, der mit Atmosphäre, Dialog und insbesondere mit dem Klang und der „Rauheit der Stimme“ ein Liebesgefühl kinematografisch gestaltet.

D 1931, Regie: Leontine Sagan, mit Hertha Thiele, Dorothea Wieck, 98 Min.

Di. 14.11. / 17:30 * mit Einführung von Winfried Pauleit (Universität Bremen)

Her

Her ist ein Science-Fiction-Film, der die Entwicklung einer neuen Computer-Software mit der romantischen Praxis des Briefeschreibens kreuzt. Die Hauptfigur ist ein Text-Profi und verdient seinen Lebensunterhalt damit, persönliche Briefe (Liebesbriefe, Freundschaftsbekundungen etc.) für andere Leute zu verfassen. Produziert werden die Schriftstücke am Computer als Massenware wie in einer Fabrik. Das entfremdete Arbeitsleben erfährt eine dramatische Wende durch die neue Computer-Software „Samantha“, die sehr authentisch mit der einsamen Hauptfigur kommuniziert: der Beginn einer romantischen Liebesbeziehung. Die hat allerdings ein (altbekanntes) Problem, dass sie – ganz ähnlich wie die romantischen Briefeschreiber – ohne ein körperliches Gegenüber auskommen muss.

USA 2013, Regie: Spike Jonze, mit Joaquin Phoenix, Scarlett Johansson, Amy Adams, 126 Min., OmU

Di. 21.11. / 17:30 * mit Einführung von Rainer Stollmann (Universität Bremen)

Wilde Erdbeeren

„Wenn man einen Film darüber machen würde, daß man nur ganz realistisch daherkommt und plötzlich eine Tür aufmacht, und man geht in seine Kindheit hinein, und dann öffnet man eine andere Tür und kommt in die Wirklichkeit, und dann geht man um die Ecke und kommt in einen anderen Lebensabschnitt, und alles geht so weiter, lebt. Das war nämlich die Grundidee zu ‚Wilde Erdbeeren‘“ (I. Bergman). Diese Lebensreise ist eingebunden in die Reise eines alten Professors von Stockkolm nach Lund zur Entgegennahme eines Preises. Jeder Mensch ist eine Babuschka-Puppe, der Sechsjährige, der Dreißigjährige stecken noch im Siebzigjährigen. Das sog. Ich ist ein Chor von mehreren Stimmen, je nach Situation. Wie reden diese Stimmen in einem Menschen, der den Tod vor sich hat?

Smultronstället – S 1957, Regie: Ingmar Bergmann, mit Victor Sjöstrorm, Marianne Borg, 92 Min., OmU

Di. 28.11. / 17:30 * mit Einführung von Rainer Stollmann (Universität Bremen)

Teorema – Geometrie der Liebe

Die Familie ist nach Freud die Brutstätte der Beziehungsarbeit. Was Liebe sein soll, lernt jeder Mensch zuerst hier. Sie ist aber auch die „Keimzelle des Staates“ (Friedrich Engels), in der Ordnung, Unterordnung, Verinnerlichung der Macht, Aufgabe des eigenen Willens gelernt werden. In einer großbürgerlichen Familie noch mehr als in einer proletarischen. In Pasolinis Film sprengt ein Engel der Erotik nach und nach alle Familienbande. (Karl Kraus hätte gesagt: Er sprengt „die ganze Familienbande“.) Die Frage ist, ob hier gnadenlos das Grausame und Asoziale der Liebe oder das Lieblose der Familie oder beides zu Ende geführt wird.

I 1968, Regie: Pier Paolo Paolini, mit Silvana Mangano, Massimo Girotti, 98 Min., OmengU

Di. 5.12. / 17:30 * mit Einführung von Rainer Stollmann (Universität Bremen)

Der Halunke

Der Schönheitsfetischismus der Tauschgesellschaft macht Liebe zweifelhaft. Ein perfekt schöner Mensch kann nie sicher sein, ob er wirklich geliebt wird oder dem anderen nur als Trophäe oder Dekoration dient. Adorno geht so weit zu sagen, dass für wahre Liebe heute ein Beleg in Form eines (körperlichen) Fehlers vorhanden sein muss. Nur wenn einer meine erkennbaren Fehler mitliebt, ist es gewiss Liebe. Der Halunke Dr. Popaul macht sich diese Zusammenhänge auf kuriose Weise zunutze, indem er hässliche Frauen verführt. Er heiratet die Tochter eines reichen Arztes und übernimmt dessen Klinik. Natürlich betrügt er seine Frau, landet aber nach einem Unfall selbst in der Klinik. Die überaus komische erotische Börsenspekulation a la baisse funktioniert auf der Beziehungsebene auch nicht auf Dauer.

Docteur Popaul – F/I 1972, Regie: Claude Chabrol, mit Jean-Paul Belmondo, Laura Antonelli, 97 Min., DF

Di. 12.12. / 17:30 * mit Einführung von Winfried Pauleit (Universität Bremen)

Badlands

„Badlands“ bezeichnet zunächst ein Ödland, das aus verwitterten Gesteinen und Schluchten besteht. Es ist häufig schwer zugänglich und wenig fruchtbar. In diese Landschaft gelangt ein Liebespaar auf der Flucht und verlebt eine glückliche Zeit – bis die Gesellschaft sie einholt. Vorausgeht ein tödlicher Konflikt: Ein junger Mann, der aussieht wie James Dean, verliebt sich in die Tochter eines Malers, der mit großen Werbetafeln für ein glückliches Landleben sein Geld verdient. Die Liebe bahnt sich ihren Weg mit Waffengewalt. Sie versichert sich ihrer selbst aber auch durch historische Fotografien und moderne Medien der Stimmaufzeichnung.

USA 1973, Regie: Terrence Malick, mit Martin Sheen, Sissy Spacek, 90 Min., OmU

Di. 19.12. / 17:30 * mit Einführung von Rainer Stollmann (Universität Bremen)

Der siebente Kontinent

Liebende Paare, die sich umbringen und dadurch die Utopie der Liebe retten, sind gut bekannt: Romeo und Julia, Tristan und Isolde, oder, aggressiv gewendet, Bonnie und Clyde, Mickey und Mallory Knox aus „Natural Born Killers“. Familien die sich umbringen, hat es in Wirklichkeit auch gegeben. So brachten sich etwa 300 Menschen in Waren im April 1945 aus Angst vor der russischen Besatzung um. Hanekes Film spürt ebenfalls einer wahren Begebenheit nach, dem unerklärlichen Selbstmord einer österreichischen Familie in ruhigen Zeiten. Kann man das noch als „Liebestod“ begreifen? Oder ist es im Gegenteil der Gipfel stummer Verzweiflung vor der Leere des eigenen Lebens?

A 1989, Regie: Michael Haneke, mit Birgit Doll, Dieter Berner, Leni Tanzer, 104 Min.

Di. 9.1. / 17:30 * mit Einführung von Rainer Stollmann (Universität Bremen)

Drei Farben: Weiß

Es gibt eine Börse der Erotik. Denn wir alle sind zu einer gewissen Verinnerlichung der kapitalistischen Marktgesetze gezwungen, so dass diese unsichtbare Börse ein starker gesellschaftlicher Machtfaktor ist. „Mein Haus, meine Frau, meine Kinder, mein Auto, meine Reisen“, d.h. mein Besitz sagt euch, wer ich bin. In Kieslowskis Film genügt ein Mann nicht mehr den Ansprüchen einer Frau. Wie ein Ding, das nicht mehr gebraucht wird, landet er buchstäblich auf dem Müll. Der Film erzählt, wie sich der Mann rächt. Da in der Wirklichkeit solcher Rache meist der Boden entzogen ist, sie hier aber als verfilmter Rachewunsch genau trifft, geschieht das auf hochkomische Weise.

Trzy kolory: Biały – PL/F 1994, Regie: Krzysztof Kieślowski, mit July Delpy, Zbigniew Zamachowski, 91 Min., OmU

Di. 16.1. / 17:30 * mit Einführung von Winfried Pauleit (Universität Bremen)

What is love

Der Dokumentarfilm von Ruth Mader fragt nach der Liebe und erzählt in fünf Beispielen davon. Mit seiner Fokussierung auf das Alltagsleben ist er der Ausnahmefilm dieser Reihe. D.h. er zeigt keine Liebesdramatik, sondern gelebten Alltag – Beruf, Arbeitsplatz, Familie, Haus und Garten – Lebensentwürfe quer durch unsere heutige Gesellschaft. Eine Darstellung von „Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft“, so könnte man das filmische Unternehmen mit den Worten des Soziologen Karl Otto Hondrich umreißen. Auf immer wieder überraschende Weise verbindet Ruth Mader eine empfindsame Soziologie mit innovativen Ideen der Inszenierung, die dabei audiovisuelle Porträts gestalten, in denen Spuren aufscheinen, die möglicherweise mit Liebe zu tun haben.

A 2012, Regie: Ruth Mader, 80 Min.

Di. 23.1. / 17:30 * mit Einführung von Winfried Pauleit (Universität Bremen)

Sehnsucht

Ein Feuerwehrmann liebt zwei Frauen. Weil er diese Herausforderung nicht anders zu lösen weiß, schießt er sich ins Herz. Eine Gruppe von Kindern aus der Umgebung erzählt die Geschichte noch einmal und überlegt, wie sie ausgeht: „Ja, das hat er überlebt – aber rate mal, mit welcher Frau er nun zusammen ist?“ Der Film basiert auf einer Recherche zum Begriff Sehnsucht. Zu den schönsten Szenen des Films zählt ein Tanz, der kurzzeitig die Sehnsucht und das Glück des Feuerwehrmanns greifbar werden lässt.

D 2006, Regie: Valeska Grisebach, mit Andreas Müller, Ilka Welz, Anett Dornbusch, 88 Min.

Di. 30.1. / 17:30 * mit Einführung von Winfried Pauleit (Universität Bremen)

Le Parc

Eine Verabredung von zwei jungen Menschen im Park. Er erzählt ihr von Sigmund Freud, sie spricht vom Körper, probiert gymnastische Übungen. Der Tag im Park vergeht unbeschwert und unbestimmt. Er führt zur Berührung und zur Liebesbegegnung unter Bäumen. Schluss gemacht wird nur kurze Zeit später – per SMS. Der digitale Datenverkehr überschreibt das Bild des Gartens der Liebe. Doch die Liebe lässt nicht locker, nimmt einen anderen Weg, driftet ab und begibt sich auf eine nächtliche Fahrt ins Fantastische.

F 2016, Regie: Damien Manivel, mit Maxime Bachellerie, Sobéré Sessouma, Naomie Vogt-Roby, 71 Min., OmengU