THEMA DES MONATS: Risse durch die Wirklichkeit – Werkschau Yórgos Lánthimos

Yórgos Lánthimos ist einer der wichtigsten Vertreter des »Neuen griechischen Kinos«  – einer Welle bemerkenswerter Arbeiten junger Filmemacher*innen, die das europäische Autorenkino in den letzen Jahren auf den Kopf gestellt haben.
Lánthimos' Filme umgibt eine Aura des Unbehagens. Sie zeigen Welten, die der Realität wie wir sie kennen zwar sehr ähneln, im Detail aber nach ganz eigenen Regeln funktionieren. Kleine Verdrehungen der Wirklichkeit verwandeln das Alltägliche und Vertraute in groteske Szenarien, in denen bizarrer Humor und bodenlose Abgründigkeit faszinierend nah beieinander liegen. Was zunächst amüsant scheint, wird durch enorme erzählerische Konsequenz ins Bedrohliche gesteigert – so etwa der blasse Teenager Martin (Barry Keoghan), der sich in THE KILLING OF A SACRED DEER (GB/IR 2017, ab 24.5.) vom drolligen Weirdo allmählich zum angsteinflößenden Racheengel wandelt.
Trotz seiner wiederkehrenden Bezüge zu griechischen Mythen und Fabel-Stoffen geht es in Lánthimos' Kino aber weniger um das Fantastische, als um kleine, aber gravierende Twists im Zwischenmenschlichen. So wird in THE LOBSTER (GR/GB/F 2015, ab 7.5.) das gesellschaftliche Ideal monogamer Paarbeziehungen zum Gesetz deklariert und den unvermittelbaren Singles im wahrsten Sinne ihre Menschlichkeit aberkannt. DOGTOOTH (GR 2009, ab 1.5.) wagt ein Gedankenspiel mit der Macht, die Eltern dabei zukommt, ihren Kindern die Welt zu erklären. Was, wenn sie ihren Sprösslingen nicht die Wahrheit sagen? ALPEN (GR/F/CAN/USA 2011, ab 17.5.) erzählt die Geschichte eines mysteriösen Pflegedienstes, der für Hinterbliebene in die Rolle kürzlich Verstorbener Angehöriger schlüpft. Um eine realitätsnahe Performance scheinen die Mitglieder, die allesamt die Namen von Berggipfeln tragen, indes nicht sonderlich bemüht zu sein. So entstehen Situationen, die – wie Lánthimos' Werk insgesamt – immer eine Handbreit davon entfernt sind, Realität sein zu können.

Di. 1.5. / 18:00
Mi. 2.5. / 20:30

Dogtooth

Drei pubertierende Jugendliche leben mit ihrer Mutter und ihrem Vater abgeschottet von der Außenwelt in einer entlegenen großbürgerlichen Villa. Ihnen wird ein verqueres Weltbild voller Lügengeschichten vermittelt. Ein Verlassen des von einer hohen Hecke umzäunten Grundstücks ist streng verboten. Innerhalb des Gartens dürfen sich die Jugendlichen frei bewegen. Die Welt außerhalb wird als Ort des Schreckens und der tödlichen Gefahren definiert. Bedingungslos folgen die Kinder ihren Eltern, denn sie wissen, dass sonst drakonische Strafen drohen. Das einzige Familienmitglied, das die Außenwelt betritt, ist der Vater. Die Eltern erziehen ihre Kinder mit bizarren Methoden, der Hausunterricht erfolgt über selbst angefertigte Tonbänder. Dabei wird die Sprache sinnentleert, die Bedeutung von Wörtern falsch erklärt: »Das Meer« ist ein Sessel, ein »Zombie« wird zur »kleinen, gelben Blume«, die »Autobahn« wird als starker Wind definiert. Das Familienleben ist von kalter Disziplin geprägt. Die Kinder vertreiben sich die Langeweile mit teilweise sadistischen Spielen. Doch als der Vater Christina  anheuert, beginnt das System der Unterdrückung langsam zu bröckeln…

Kynodontas - GR 2009, Regie: Yórgos Lánthimos, Christos Stergioglou, Angeliki Papoulia, Mary Tsoni, 96 Min., OmU

Mo. 7.5. / 20:30
Di. 8.5. + Fr. 11.5. / 18:00

The Lobster

Der Regisseur Yórgos Lánthimos knöpft sich die zweifelhafte Verfasstheit zeitgenössischer Paarbeziehungen vor: Auf jeden Topf muss ein Deckel. Wer seinen Gegenpart trotz institutionalisierter Hilfestellung nicht finden kann (oder will), ist nur ein halber Mensch. Oder – wie in der absurden Utopie dieser bissigen Gesellschaftssatire – bald gar keiner mehr.

„Schwärzer als The Lobster kann ein Liebesfilm nicht sein. Yórgos Lánthimos entwirft darin eine nahe Zukunft, in der die Menschen gezwungen werden, als Paare zusammenzuleben. Findet sich jemand ohne Partner wieder, wird er in ein abgelegenes Hotel gebracht, wo er 45 Tage Zeit bekommt, einen neuen Seelenverwandten zu finden. Wer scheitert, wird in ein Tier seiner Wahl verwandelt.“ (Zeit.de)

GR, GB, F 2015, Regie: Yorgos Lanthimos, mit Colin Farrell, Rachel Weisz, 109 Min., engl. OmU

Do. 17.5. + Mo. 21.5. / 18:00
Sa. 19.5. + Mi. 23.5. / 20:30

Alpen

Vier Menschen finden sich zusammen, die eine Idee zu einem mehr als eigenwilligen Nebenjob haben. Sie wollen das Leid trauernder Hinterbliebener lindern, indem sie die Stelle eines geliebten Verstorbenen einnehmen. Nur immer für eine kurze Zeit, ein paar Stunden pro Woche. Diese Art seelischer Pflegedienst nennt sich »Die Alpen«. Die Mitglieder geben sich Namen von Alpengipfeln. So werden Mont Blanc, Matterhorn und Monte Rosa zu verstorbenen Töchtern, besten Freunden, Ehemännern oder Verlobten. Sie spielen Episoden nach, die für die Hinterbliebenen bedeutsam sind: Der Streit mit der Verlobten im Lampenladen, ein Satz beim Oralsex,  oder einfach nur, wie die Eltern das Double ihrer verstorbenen Tochter immer wieder auffordern, die Musik leiser zu stellen. Um diese Arbeit zu erfüllen, hat sich die Gruppe strikte Regeln auferlegt: Die eigene Persönlichkeit, eigene Wünsche und Sehnsüchte werden ausgeschaltet. Doch nicht alle folgen diesen Regeln…
Für seinen Film »Alpeis« wurde Lántimos bei den Filmfestspielen in Venedig 2011 für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

»Yorgos Lanthimos präsentiert eine Parallelwelt, die fast unsere eigene sein könnte (…). Den offenen Betrachter führt sein listig gebauter Metafilm umso tiefer in die Mysterien des Kinos ein.«

Alpeis – GR/F/CAN/USA 2011, Regie: Yórgos Lánthimos, mit  Angeliki Papoulia, Ariane Labed, Aris Servetalis, 93 Min., griech./engl. OmU

Do. 24.5. + Sa. 26.5. + Mi. 30.5. / 18:00
Fr. 25.5. + So. 27.5. bis Di. 29.5. / 20:30

The Killing of a Sacred Deer

Die Murphys sind eigentlich eine Vorzeigefamilie in äußerlich perfekten Verhältnissen: Luxuriöses Haus, kleine Partys, Small Talk, Drinks oder doch keine Drinks. Alles ok? Oder? Steven Murphy arbeitet als Herzchirurg in einer amerikanischen Großstadt. Anna, seine Frau, leitet eine Augenklinik. Ihre beiden Kinder, die 16 jährige Kim und der etwas jüngeren Sohn Bob, sind hübsch und wohlgeraten. Unter der makellosen Oberfläche beginnt es zu brodeln, als der 16-jährige Halbwaise Martin auftaucht, für den Mr. Murphy anscheinend eine väterliche Funktion übernommen hat. Bald wird klar: Martins Vater starb auf Stephen Murphys OP-Tisch, unter den Händen des zu dem Zeitpunkt alkoholisierten Chirurgen. Martin dringt wie ein Racheengel in das Leben der Familie ein. Und die Rache wird sich an den Kindern der Murphys vollziehen. Plötzlich weisen sie geheimnisvolle Krankheitssymptome auf. Blaue Flecken, Blutungen, Lähmungen. Während Steven Murphy als Vater verzweifelt versucht, die Normalität weiterzuspielen, stellt sich seine Frau der unausweichlichen Katastrophe.
Gewinner »Bestes Drehbuch« bei den Filmfestspielen in Cannes 2017.

Ein Thriller in bester »Shining«-Manier: »›The Killing of a Sacred Deer‹ nimmt den Zuschauer mit auf einen aufregenden und ziemlich unvorhersehbaren Grenzgang zwischen Wirklichkeit und Albtraum, zwischen Witz und Horror. […] Ein harter und lustiger, kalter und bewegender, sehr verstörender Film.« (Literaturspiegel)

The Killing of a Sacred Deer – GB/IR 2017, Regie: Yórgos Lánthimos, mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Alicia Silverstone, Barry Keoghan, 121 Min., OmU