THEMA DES MONATS: Women of Influence

Unter dem Hashtag #MeToo schwappte im Oktober 2017 eine Welle äußerst unbequemer Fakten in die (sozialen) Medien. Was irgendwie schon lange geahnt, doch nur selten öffentlich ausgesprochen wurde, ist nun unumstößliche Tatsache: Sexuelle Belästigung und Sexismus sind insbesondere im Film-Business quasi an der Tagesordnung. Die „Besetzungscouch“ ist auch 2018 noch mehr als ein Herrenwitz – sie ist eine Realität, die viele Betroffene lange sprachlos und nun endlich wütend genug gemacht hat, um die Stimme zu erheben.

So begrüßenswert dieser lange überfällige Diskurs zweifellos ist, ruft #MeToo unweigerlich noch eine andere traurige Wahrheit ins Gedächtnis. In den vergangenen Monaten haben Frauen in der Filmbranche um ein Vielfaches mehr Aufmerksamkeit bekommen, als wir es gewohnt sind. Leider geht es dabei weniger um ihre Arbeit vor und hinter der Kamera, sondern um ihre Rolle als Opfer der Weinsteins, Allens und Wedels, die nun als willkommene Stellvertreter eines viel größeren und komplexeren Problems eingesetzt werden. Denn letztlich lenkt uns die Beschäftigung mit dem Fehlverhalten Einzelner nur allzu leicht von der systematischen Benachteiligung von Frauen im Film- und Fernsehgeschäft und der Dominanz stereotyper Geschlechterbilder in der Populärkultur ab. Dabei haben wir es hier mit durchaus messbaren Größen zu tun, wie etliche Studien zum Thema beweisen.

Zum Beispiel sind auch 2018 nur 4 von 24 Berlinale-Wettbewerbsbeiträgen von Frauen – und das sind immerhin schon 100% mehr als 2016 (https://www.goethe.de/de/kul/flm/20702461.html). Laut dem aktuellen „Celluloid-Ceiling“-Report des „Center for the Study of Women in Television and Film“ der San Diego State University wurden nur in 1% der 2017 in den USA abgedrehten Filmproduktionen mehr als 10 Frauen hinter der Kamera beschäftigt.

Um dieses Ungleichgewicht zu bekämpfen sind weitreichende Veränderungen notwendig, die bereits in den Köpfen der Zuschauer*innen ansetzen müssen – mit einem kritischen Blick auf die Geschlechterpolitik der Unterhaltungsindustrie und den eigenen Medienkonsum. Dass es reichlich Filmemacherinnen gibt, deren Arbeiten handwerklich, inhaltlich und ästhetisch mindestens genauso stilprägend und richtungsweisend sind wie die ihrer männlichen Kollegen, macht dieses Umdenken zu einer vergleichsweise leichten Übung. In unserem Thema des Monats WOMEN OF INFLUENCE stellen wir 6 Künstlerinnen vor, deren Arbeiten die internationale Kinolandschaft im letzten Jahrzehnt maßgeblich bereichert und beeinflusst haben.

Da ist Kathryn Bigelow, deren Kino so gar nichts mit dem zu tun hat, was manch einer sich unter dem fragwürdigen Label „Frauenfilm“ vorstellen mag, und Miranda July, deren Blick für das dezidiert Spleenige beeindruckend wahrhaftige Momente hervorbringt (beide USA). Lucía Puenzo (Argentinien) und Céline Sciamma (Frankreich) beschäftigen sich auf ganz unterschiedliche Weise mit den Grenzen bipolarer Geschlechterkategorien und damit, ob und wie man sie überwinden kann. Die Video- und Fotokünstlerin Shirin Neshat (Iran) schafft in ihrem ersten Spielfilm ein ästhetisch anspruchsvolles Paralleluniversum für Frauen in muslimischen Gesellschaften und die renommierte (Serien-) Regisseurin Agnieszka Holland (Polen) verbindet Ökofeminsimus mit virtuoser Thriller-Erzählkunst. 

 

 

ZUM WEITERLESEN

 

„Gleichberechtigung auf dem roten Teppich. Bewegung beim Film: ProQuote will 50 Prozent Frauen in allen Produktionen, die Initiative Nobody's Doll wehrt sich gegen den Schönheitszwang in der Branche.“
Artikel von Gunda Bartels und Christiane Peitz auf Zeit Online

 

„The Celluloid Ceiling: Behind-the-Scenes Employment of Women on the Top 100, 250, and 500 Films of 2017“

 

Sexismus allgemein: „Ist doch ein Kompliment...Behauptungen und Fakten zu Sexismus.“
Online-Broschüre aus der Reihe «luxemburg argumente» der Rosa Luxemburg Stiftung von 9/2016

 

Interview mit Agnieszka Holland

 

Interview mit Miranda July:
„Ein männlicher Künstler wird mit 28 zum Genie erklärt und bleibt das dann für Allezeit. Das gibt es bei Frauen nicht. Höchstens, wenn eine Künstlerin mit 60 immer noch rumhängt. Oh, die existiert immer noch? Wir wissen nicht mehr, was wir mit ihr noch anstellen können. Vögeln können wir sie nicht mehr, also nennen wir sie halt Genie. Manchmal spüre ich gar nicht mehr, dass ich mich an diese gewisse Härte, mit der man uns Frauen begegnet, schon gewöhnt habe. Aber hin und wieder kommt es vor, dass man in besonderen Konstellationen arbeitet, wo das Geschlecht keine Rolle spielt und diese Last für einen Moment von meinen Schultern gehoben wird. Dann merke ich erst, wie beschissen das sonst ist. Dieses kleine Bisschen beschissen, wie das Leben für Frauen stets ist.“

Do. 1.3. + Sa. 3.3. bis Mo. 5.3. / 20:00

The Future

Sophie und Jason sind gefühlt seit Jahren zusammen, leben in einer kleinen Wohnung in einer langweiligen Gegend und verbringen die meiste Zeit online. Erst als sie sich entschließen die verletzte Katze Paw Paw zu adoptieren fällt ihnen auf, wie viele Ideen es einst gab, wie viele Dinge sie sich einst vorgenommen hatten. Der Countdown bis zu dem Tag, an dem die Katze im Tierheim abgeholt werden kann, läuft: Beide geben ihre Jobs auf und versuchen sich innerhalb kürzester Zeit ihren längst archivierten Lebenszielen zu widmen und der Alltags-Tristesse zu entkommen.
Miranda July, vielseitige Künstlerin jeglicher Form, ist nicht nur die Königin der Spleenigkeit, der nahegehenden Wahrheiten und verrückt einfachen Ideen, sondern eine feministische Aktivistin der amerikanischen „Riot Grrl“-Szene, zusammen mit Johanna Fateman (Le Tigre) wirkte sie unter anderem in der Produktion sogenannter selbstgemachter Zines mit und engagierte sich bereits in der Schule gegen sexuelle Übergriffe.

„Mit wenigen Worten und Bildern skizziert July so das Dilemma von Mitdreißigern, die sich in ihrem Leben nicht zu Hause fühlen, aber gleichzeitig von der ständigen Arbeit an der eigenen Identität erschöpft sind. Kann ich nicht ein Leben übernehmen, in dem jemand die großen Entscheidungen schon getroffen hat? Nicht zufällig begegnen Sophie und Jason getrennt voneinander jeweils einem älteren Mann, aus dessen Perspektive sie ihr Leben neu beurteilen und schließlich anfangen, Konsequenzen zu ziehen." (Spiegel Online)

D/USA 2011, Regie: Miranda July, mit Miranda July, Hamish Linklater, David Warshofsky, 91 Min., OmU

Fr. 9.3. + So. 11.3. + Di. 13.3. / 18:00
Sa. 10.3. + Mo. 12.3. / 20:30

Women Without Men

Militärputsch in Teheran, Iran – vier sehr unterschiedliche Frauen treffen in einem paradiesähnlichen und verwunschenen Garten aufeinander: Fakhri lebt für die Kunst, die junge Zarin verdient ihr Geld mit Prostitution, Munis ist politisch aktiv und mit Faezeh zusammen. In dem fast unreal anmutenden Ort, scheinbar in einer anderen friedlicheren Welt, erleben die vier Frauen das, was sie alle miteinander vereint: Den sehnlichen Wunsch nach Frieden, Freiheit und Glück.
Die Künstlerin Shirin Neshat gehört bereits zu den großen Namen der Gegenwartskunst – immer wieder beschäftigt sie sich mit der Repression in ihrem Heimatland Iran und gilt als Vorsprecherin und Pionierin des islamischen Feminismus.
Shirin Neshat gewann für die Regie des Films bei den Filmfestspielen Venedig 2009 den „Silbernen Löwen“. Neben zahlreichen weiteren Preisen erhielt sie auch den „UNICEF Award“. Kameramann Martin Gschlacht gewann zudem einen der wichtigsten Kamerapreise des Jahres 2010 (Manaki Brothers / Bitola Filmfest).

„Der Film verbindet eine im Westen wenig bekannte, für den Iran allerdings konstitutive politische Affäre - den Sturz des ersten demokratisch gewählten Staatsoberhauptes durch vom Schah unterstützte Militärs - mit der fantastisch-allegorischen Bildwelt in einem geheimnisvollen Garten. Die konkrete politische Situation steht der allegorischen Welt des scheinbar unendlichen und sich unvermittelt wandelnden Gartens gegenüber. Doch der Garten, in dem die Frauen der Erzählung all das finden, was ihnen in der Gesellschaft vorenthalten bleibt, erweist sich als nicht immun gegen die Einflüsse von außen." (3sat)


FBW-Bewertung: Prädikat besonders wertvoll.

F/I/A/UKR/D/IRN 2010, Regie: Shirin Neshat und Shoja Azari, mit  Shabnam Tolouei, Arita Shahrzad, Pegah Ferydoni, 95 Min., OmU

Do. 15.3. + Sa. 17.3. + Mi. 21.3. / 18:00
So. 18.3. + Mo. 19.3. / 20:30

XXY

Alex hat ein Geheimnis, der Grund für den Umzug der Familie von Buenos Aires nach Uruguay: Das Geschwätz wurde einfach zu groß, zu gefährlich. Alex ist ein Junge und ein Mädchen zugleich. Die neue Heimat soll dabei helfen, einen Neuanfang fern von bösen Zungen und Anfeindungen zu ermöglichen. Doch selbst am entlegensten Ort dauert es nicht lange, bis die ersten Gerüchte auftauchen. Für Alex aber ist vor allem wichtig, ein normales Leben zu führen, ohne ein weiteres Umziehen und Flüchten. Als ein befreundeter Chirurg mit seiner Familie zu Besuch kommt, scheint die Antwort auf Alex Fragen näher denn je zu liegen - könnte man nicht mal eben..? Gleichzeitig scheint Chirurgensohn Alvaro besonders fasziniert von Alex zu sein.
Die argentinische Autorin und Regisseurin Lucía Puenzo ist bekannt für ihren besonderen Schreibstil, mit dem sie sich beispielsweise bereits in Buchform mit ihrem Roman „Wakolda“ der Schreckensgestalt des NS-Arztes Josef Mengeles näherte.  Für ihr Regie-Debut „XXY“ gewann sie 2008 den Goya-Preis für den besten iberoamerikanischen Film, sowie den Premio Ariel für den besten lateinamerikanischen Film.

„Dass der argentinischen Drehbuchautorin und Regisseurin beim Balanceakt zwischen Komik und Tragik nie das Gefühl für den richtigen Ton abhanden kommt, ist eine der zahlreichen Qualitäten dieses einfühlsam unvoyeuristischen Debütfilms, der die gängige Praxis der operativen "Normalisierung" als das beschreibt, was sie ist: Eine Kastration des Körpers, die einer Amputation jeglicher Individualität gleicht. ... Natürlich darf man solch eine besondere Geschichte erzählen – und zu einem außergewöhnlichen Film verarbeiten, auch oder gerade wenn dieser mit seiner risikofreudigen Grenzüberschreitung auf Berührungsängste stoßen könnte.“ (Kathrin Häger / Film-Dienst)


F/E/ARG 2008, Regie: Lucía Puenzo, mit Inés Efron, Martín Piroyansky, Ricardo Darín, 91 Min., spanische OmU

So. 18.3. bis Mi. 21.3. / 20:00

Tomboy

Laure fühlt sich überhaupt nicht als Mädchen. Laure fühlt sich als Junge und möchte auch so wahrgenommen werden. Als die Familie umzieht ist die Chance endlich da: Mit weiten Hosen und kurzen Haaren verwandelt Laure sich in Michael. Die anderen Kinder nehmen das ganz natürlich hin und Laure/Michael studiert genauestens wie sich die Jungen verhalten – egal, ob  beim Fußball, beim Schwimmen – einfach bei allem. Doch niemand darf je erfahren, wer Laure wirklich ist. Selbst die gleichaltrige Lisa nicht, die sich bereits in Michael verknallt zu haben scheint…
Die französische Drehbuchautorin und Filmregisseurin Céline Sciamma ist unter anderem verantwortlich für den mit Preisen überschütteten Film „Bande de filles“. 2017 wurde sie für ihre Verdienste um den Film in die Academy of Motion Picture Arts and Sciences aufgenommen, welche die Oscars vergibt.

„Die Handlung lässt alle Möglichkeiten offen und keine Definition zu. Selbst der Begriff androgyn wirkt zu stark, zu abstrakt, um Laure/Michael zu beschreiben. Genau daraus aber, aus dieser durchgängigen Schwebe, ergibt sich die Stimmigkeit des Films. Die Figur des Kindes und die Erzählhaltung seiner Geschichte haben eine gemeinsame Voraussetzung: Latenz." (Zeit.de)

Tomboy - F 2011, Regie: Céline Sciamma, mit Zoé Héran, Malonn Lévana, Jeanne Disson, 82 Min., französische OmU

Do. 22.3. + Sa. 24.3. + Mo. 26.3. / 18:00
So. 25.3. + Di. 27.3. / 20:30

Detroit

Während die Hippies scharenweise in San Francisco einziehen, herrscht in Detroit im Sommer des Jahres 1967 das blanke Chaos: Die immer weiter andauernde rassistische Diskriminierung und Repression gegen die Schwarze Bevölkerung erreicht ihren Höhepunkt in einem fünftägigen Ausnahmezustand voller Straßenschlachten und Ausschreitungen, in denen sich der Hass der weißen Polizisten und die Verzweiflung der Schwarzen Menschen entlädt. Mitten im Geschehen befindet sich der Security-Wachmann Dismukes: Um die Aufklärung dreier in den Aufständen umgekommener Kinder voranzutreiben begibt er sich auf eine Polizeistation und findet sich plötzlich auf der Seite der Verdächtigten wieder.
Kathryn Bigelow, geboren am 27. November 1951 in San Carlos, Kalifornien, USA, wurde mit Filmen über den Irakkrieg und die Jagd auf Osama bin Laden die erfolgreichste Frau Hollywoods. 2010 wurde sie nicht nur als erste Frau überhaupt mit dem Oscar für die beste Regie für ihr Irakkriegsdrama „Tödliches Kommando" ausgezeichnet, sie  ist auch eine politische Filmemacherin, die Action- und Autorenkino miteinander verbindet - wie jetzt in „Detroit".



„Ein Schwarzer in diesem Land zu sein bedeutet, fast immer wütend zu sein", schrieb einst der  afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin über seine Heimat, die USA. Und kaum ein anderer Film spiegelt derzeit die Legitimität dieser Wut radikaler wider als Detroit, der neue Film von Kathryn Bigelow. Sie erzählt darin ein blutiges Kapitel amerikanischer Geschichte in Bildern so stark, dass sie sich für immer ins Gedächtnis einbrennen: weiße Polizisten, die ihre Wut gegen Afroamerikaner kaum zügeln, und Schwarze, die vor Verzweiflung ihre eigene Viertel zerstören. Detroit ist ein Film, der einen in Rage versetzt." (Zeit.de / Kultur)

USA 2017, Regie: Kathryn Bigelow, mit John Boyega, Will Poulter, Algee Smith, 134 Min., OmU

Do. 29.3. / 20:30
Fr. 30.3. + Sa. 31.3. / 18:00
So. 1.4. + Mo. 2.4. / 20:30
Di. 3.4. + Mi. 4.4. / 18:00

Die Spur

In einem abgelegenen Dorf an der polnisch-tschechischen Grenze tauchen vermehrt Leichen auf, unvorstellbar grausame Morde. Doch sieht alles danach aus als wäre die Lösung des Falles nicht allzu kompliziert. Die Opfer sind allesamt männlich und haben ihre Liebe zur Jagd gemeinsam. In der Nähe ihrer Körper finden sich stets Spuren von wilden Tieren. Kann tatsächlich die Natur in einer Art Racheakt dahinterstecken? In Verdacht gerät die strikte Vegetarierin Janina, die den Männern der Dorfgemeinschaft unter anderem vorwirft, am Verschwinden ihrer heißgeliebten Hunde Schuld zu sein. Sie entscheidet sich selbst die Spur nach den möglichen Tätern aufzunehmen…



„Der neue Film "Die Spur" der polnischen Filmemacherin Agnieszka Holland glänzt mit monumentalen Naturaufnahmen und einer Handlung, die ins Herz der gegenwärtigen polnischen Staatskrise zielt: Er ist Satire, Ökothriller, feministisches Gesellschaftsporträt und Heimatfilm zugleich.“ (SWR2)


Gewinner des Silbernen Bären / Alfred-Bauer-Preis auf der Berlinale 2017.  
Agnieszka Holland, 1948 in Warschau geboren, wurde bereits dreimal für den Oscar nominiert. Ihre Filme erzählen Geschichten  von der Liebe zum Leben inmitten Tragödie, Lust und Schmerz. Sie hat polnische Filmgeschichte mitgeschrieben, arbeitete mit Andrzej Wajda und machte sich auch international einen Namen, etwa als Regisseurin bei der amerikanischen Erfolgsserie „House of Cards".

POKOT – SPOOR - PL/D/CS /S/SLO 2017, Regie: Agnieszka Holland, mit Agnieszka Mandat, Wiktor Zborowski, Miroslav Krobot, Jakub Gierszał, Patricia Volny, Borys Szyc, 128 Min., polnische OmU