THEMA DES MONATS: Familienbilder

In den letzten Jahrzehnten hat sich ein dramatischer Strukturwandel der Familie vollzogen – es gibt längst nicht mehr das »eine« Familienbild, selbst die Rechtslage hat sich grundlegend verändert. Wer mit wem wie zusammenlebt ist offener und phantasievoller, aber auch brüchiger geworden. Verheiratete oder unverheiratete Eltern, Alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Eltern, Patchworkfamilien – vieles ist möglich und das Modell der traditionellen Kleinfamilie ist immer weniger selbstverständlich. Wie können wir Familie heute definieren? Ist ihr Kern die Liebe, die Menschen aneinander bindet? Ist Familie eine Rechtsform? Eine Gütergemeinschaft? In unserem Thema des Monats erforschen vier aktuelle Spielfilme aus drei verschiedenen Kontinenten ganz unterschiedliche Konstellationen familiärer Lebensformen und nehmen uns mit auf eine Reise ins Innere dieser Mikrokosmen. Berührend und leichtfüßig, voller Liebe, mit Neuanfängen, Rückschlägen und Hoffnungen aber auch Leid und Schmerz.

Sa. 2.6. bis Di. 5.6. / 20:00

Rara - Meine Eltern sind irgendwie anders

»Rara« kommt aus dem Spanischen und bedeutet je nach Kontext »eigenartig«, »komisch« oder »sonderbar«. Eigenartig finden Saras Leben eigentlich nur die anderen. Seit der Trennung ihrer Eltern wohnt sie mit ihrer kleinen Schwester Catalina bei ihrer Mutter und deren Lebensgefährtin Lia. Die neu entstandene Familie versteht sich bestens und der Alltag verläuft unaufgeregt, ist geprägt von Wertschätzung und Herzlichkeit. Doch langsam gerät der eingespielte Alltag ins Wanken. Der Vater möchte, dass seine beiden Töchter bei ihm leben. Durch ihre Außenwelt wird Sara nun mehr und mehr verunsichert. Für sie und ihre jüngere Schwester Catalina ist ihre Familie die selbstverständlichste Sache der Welt, für deren Umfeld nicht immer. Und gerade jetzt wieder nicht, wenn es um die Einladungen für die Geburtstagsparty geht und darum, wer auch kommen darf...
Ein berührendes, feinsinniges Porträt einer besonderen Patchwork-Familie durch die Augen einer Zwölfjährigen nach einer wahren Begebenheit.
Gewinner der Jugendsektion Generation Kplus Berlinale 2016.

»Ein zutiefst humaner Film, wunderbar leichtfüßig erzählt und voller präzis beobachteter Details.« (Hollywood Reporter)

RARA - ARG/CHI 2016, Regie: Pepa San Martín, mit Julia Lübbert, Emilia Ossandon, Mariana Loyola, Agustina Muñoz, Daniel Muñoz, 90 Min., span. OmU

»Pepa San Martíns […] Coming-of-Age-Drama berührt, ohne rührselig zu sein. Ihre Inszenierung besticht durch einen präzisen Blick, den gelassenen Erzählton, eine mutige Perspektive und lange, häufig ungeschnittene Einstellungen. Das sah auch die internationale Jury der Sektion "Generation Kplus" der Berlinale so, die dem Film 2016 den "Großen Preis" verlieh. Zwei Jahre später kommt "Rara" endlich in die deutschen Kinos.« Filmkritik auf Spielfilm.de

 

Do. 7.6. / 18:00
Fr.  8.6. + So. 10.6. + Di. 12.6. / 20:30

Tage am Meer

Um die Trennung von ihrem Mann zu verarbeiten, macht Sofía mit ihren beiden Töchtern für ein paar Tage einen Ausflug in eine Kleinstadt am Meer. Die kleine Patchi sieht die Welt noch mit Augen voller Magie und stürzt sich mit kindlicher Neugier in das Abenteuer. Ihre große Schwester Irina wiederum erlebt auf  der Suche nach Nähe ihre erste Liebe. Und während ihre Mutter Sofía versucht, irgendwie Ordnung in ihr Gefühlschaos zu bringen, lernt sie zu allem Überfluss auch noch den charmanten Luis kennen … Am Ende ihrer Zeit am Meer haben alle drei mehr erlebt, als sie sich je erträumt hätten.
Ein Film über das Freisein, das Suchen und Finden von Liebe sowie die Beziehung von Mutter, Tochter und Schwester.

INTERLUDIO - ARG 2016, Regie: Nadia Benedicto, mit Patricio Aramburu, Lucía Aráoz de Cea, Sofía Del Tuffo, Lucía Frittayón, Facundo Perna Gutiérrez, Lucas Perna Gutiérrez, Leticia Mazur, 80 Min., span. OmU

Do. 7.6.+ Sa. 9.6. / 20:30
So. 10.6. + Mo. 11.6. / 18:00

The Florida Project

Die sechs Jahre alte Moonee macht zusammen mit ihrer Kinder-Bande die Gegend rund um das knallviolette Motel »Magic Kingdom« in Kissimmee, Florida, unsicher. Sie schmeißen Scheiben ein, rennen kreischend umher und wissen andererseits ganz genau, wie sie ihre Niedlichkeit einsetzen müssen, um sich ein Eis zu ergaunern. Während in unmittelbarer Nähe ein neues Disneyland, der Traum aller Kinder, erbaut wird, lebt Moonee mit ihrer sehr jungen Mutter Halley knapp unter dem Existenzminimum. Moonee aber gelingt es unter dem Schutz des gutmütigen großväterlichen Motelmanagers Bobby, sich ein eigenes »bonbonfarbenes« Zauberreich aufzubauen und dort zu spielen, geschützt vor der harten Realität ihres Lebens, während ihre Mutter Halley aus Not beginnt, sich zu prostituieren.

»Im Hinterhof von Disney World: Sean Baker erzählt, mit großem Einfühlungsvermögen in seine eigensinnigen, kleinen Hauptdarsteller, von einer Kindheit am Rande des Existenzminimums in Florida.« (EPD-Film)

»Die Menschen, die hier jenseits von Disneyland leben, sind ausschließlich weiß, leben in Armut, sind erwerbslos oder arbeiten unter prekären Bedingungen. [...] Sean Baker inszeniert die weißen Communitys im »Magic Kingdom« oder im »Future Land« aber nicht als rechtsnationalistisch politisierte oder wütende Wählermasse. Er entwirft kein makroanalytisches Gesellschaftsbild der weißen Unterschicht am Stadtrand, bedient sich weder bekannter White-Trash-Schablonen noch eines engagierten Mitleidsnaturalismus. Ihm geht es gerade darum, eine Perspektive zu finden, die von keinen Parametern vorab formatiert ist, die offen einer peripheren amerikanischen Realität ins Auge schaut, welche den liberalen politischen Kräften so verheerend aus dem Blick geriet.« (Neue Züricher Zeitung)

USA 2017, Regie: Sean Baker, mit Brooklynn Prince, Willem Dafoe, Bria Vinaite, 111 Min., englische OmU

»Im Hinterhof von Disney World: Sean Baker erzählt, mit großem Einfühlungsvermögen in seine eigensinnigen, kleinen Hauptdarsteller, von einer Kindheit am Rande des Existenzminimums in Florida.« Filmkritik auf EPD-Film

»A child’s sense of wonder is at the heart of Sean Baker’s joyful story of people living on the impoverished fringes of Florida’s tourist traps. […] This is Moonee’s world, and for a couple of hours at least, we are privileged to live in it.«
Filmkritik im The Guardian (Englisch)

Fr. 15.6. + Sa. 16.6. / 18:00
So. 17.6. / 20:30

Loveless

Zhenya und Boris, ein Paar aus der gehobenen russischen Mittelschicht, stehen vor den Trümmern ihrer Ehe. Die frühere Zuneigung ist längst bitteren Anschuldigungen gewichen, beide stecken bereits in neuen Beziehungen und die gemeinsame Wohnung steht zum Verkauf. Im Zentrum ihrer Auseinandersetzungen und gleichzeitig völlig abseits steht ihr 12-jähriger Sohn Alyosha. Keiner der Eltern will Alyosha in sein neues Leben mitnehmen, keiner sieht seinen Schmerz und die Einsamkeit. Ein Internat steht zur Debatte.
Als die Vorwürfe zwischen Zhenya und Boris erneut eskalieren, verschwindet Alyosha plötzlich. Die Polizei zeigt nur wenig Engagement, doch eine groß angelegte Suchaktion von Freiwilligen bringt die Ex-Partner widerwillig dazu, sich mit dem Schicksal ihres Sohnes auseinanderzusetzen.

»Ein schöner, poetischer und dunkler Film, mit kompromissloser Leidenschaft erzählt. Obwohl er sich auf das Schicksal einer einzigen russischen Familie konzentriert, wirkt er wie eine universelle Tragödie über die Traurigkeit der Welt. Somit erweitert der Regisseur das Persönliche zu einem sozialen und politischen Statement.«(»Bester Film« beim BFI London Film Festival 2017; AuszugJurybegründung).

Auf dem Cannes Filmfestival 2017 wurde LOVELESS mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.

NELYUBOV – RUS/F/B/D 2017, Regie: Andrei Zvyagintsev, mit Maryana Spivak, Alexey Rozin, Matvey Novikov, 127 Min.; russ. OmU

»Nach »Leviathan« ist auch das neue Werk des russischen Regisseurs Andrey Zvyagintsev für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert: ein Familiendrama, das zugleich vernichtende Gesellschaftsparabel ist.« Filmkritik auf Epd Film

Filmkritik auf Kino-Zeit.de