Blicke auf Europa / THEMA DES MONATS JANUAR

Der Zustand Europas im Allgemeinen und der Europäischen Union im Besonderen gehört zu den großen politischen und gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Durch den „Brexit“ Großbritanniens, das Erstarken europakritischer und populistischer Parteien (bis hin zu Regierungsmehrheiten) und eine Veränderung der globalen Machtverhältnisse steht das „Projekt Europa“ zurzeit auf wackligen Füßen. In einigen Ländern (siehe Polen und Ungarn) sind demokratische Errungenschaften bedroht. In den letzten Jahren ist mit „Pulse of Europe“ und anderen Initiativen eine Gegenbewegung entstanden, die sich für offene Grenzen und stärkere Zusammenarbeit der Länder Europas, insbesondere im Rahmen der Europäischen Union einsetzt.

Die zentralen Ursachen, die diesen Tendenzen zugrunde liegen, sind wirtschaftliche Krisen und Staatsverschuldungen (vor allem in den Mittelmeerländern), die zunehmenden Flüchtlingsströme sowie soziale Konflikte mit länger in Europa lebenden Migrantinnen und Migranten.

Das Kommunalkino Bremen/CITY 46 möchte mit einer Film- und Gesprächsreihe versuchen, „Blicke auf Europa“ zu werfen: durch Filme, die sowohl die besonderen politischen und ökonomischen Situationen in einzelnen Ländern thematisieren als auch die Betroffenheit einzelner Personen unterschiedlichen Alters und sozialer Herkunft beschreiben. Dabei werden die oben beschriebenen zentralen Themen herausgestellt und anhand persönlicher Schicksale entweder fiktiv erzählt (Spielfilme) oder real geschildert (Dokumentarfilme). Die Filme geben keine einfachen Antworten und Lösungen vor, sondern regen zur eigenständigen Meinungsbildung an.

Vor den meisten Filmen werden ausgewiesene Kenner*innen der jeweiligen Länder eine kurze Einführung zum gesellschaftlichen Hintergrund und zur Gestaltung der Filme geben und nach dem Film mit dem Publikum darüber diskutieren. Mit Unterstützung der Conrad-Naber-Stiftung.

Do. 4.1. / 20:30
Mo. 8.1. / 18:00

One Day In Europe

Vier Geschichten, die sich am selben Tag in vier europäischen Großstädten ereignen: in Berlin, Istanbul, Moskau und Santiago de Compostela. In Moskau findet an diesem Tag das Finale der Champions League zwischen Galatasaray Istanbul und Deportivo La Coruña statt – ganz Europa ist im Fussballfieber. Zeitgleich kommt es in den vier Metropolen zu Gepäckdiebstählen, betroffen sind acht Europäer mit den unterschiedlichsten Sprachen, was oftmals zu einem Wirrwarr, zu Missverständnissen und Kommunikationsproblemen, zu Situationskomik, aber auch zu großer Hilfsbereitschaft führt. „One Day in Europe“ lebt von der Vielfalt der Kulturen, die hier aufeinandertreffen, von unterschiedlichen Lebensstilen und Art und Weisen, mit den verschiedensten Situationen umzugehen.

„Stöhrs Film macht einfach Spaß. Das liegt an der Leichtigkeit, mit der er von den Menschen in Europa, von ihren Reisen, von ihren zufälligen Begegnungen und Missverständnissen erzählt. Das Schöne ist: Trotz aller Fremdheit gibt es häufig diese liebevollen Momente voller Solidarität und Verständnis über alle Sprachbarrieren hinweg. Die herrlichen und stimmungsvollen Bilder verstärken den Eindruck eines vielfältigen Europas. Das Ganze ist eine kurzweilige Hommage an Europa mit seiner unglaublichen Vielfalt. Zugleich ist er ein Plädoyer für den Erhalt der unterschiedlichen Kulturen und gegen eine Vereinheitlichung von Lebensstilen.“ (Deutsche Welle)

Deutschland / Spanien 2005, Regie: Hannes Stöhr, mit Megan Gay, Luidmila Tsvetkova, Florian Lukas, Erdal Yildiz, 93 Min., OmU

Do., 11.01. + So. 14.01. / 18:00
Mo. 15.01.
/ 20:30 * mit Einführung Philippe Wellnitze (Institut Français)

Chez nous – Das ist unser Land

„Das ist unser Land!“ - gerade in den letzten Jahren hört man diesen Spruch, in Deutschland gerne mal abgewandelt in „Wir sind das Volk“ vor allem von rechtspopulistischer Seite. Im französischen Wahlkampf ist die nationalistische Partei „Le Bloc“ auf dem Vormarsch und spannt die eigentlich liberale Krankenpflegerin Pauline als Kandidatin für die Gemeindewahl in Nord-Pas-de-Calais ein. Pauline ist beliebt und kommt gut mit ihren Mitmenschen zurecht, trotz ihrer sozialistisch links geprägten Erziehung fühlt sie sich von so viel Vertrauen der Rechtspopulisten in ihre Person geschmeichelt. Endlich wird ihr eine Möglichkeit geboten, sich für die kleinen Leute, vor allem die ortsansässigen Metall-Arbeiter*innen einzusetzen. Doch je weiter sie sich in die Parteiarbeit stürzt, desto mehr gerät ihr Leben aus den Fugen.

Die Parallelen zwischen der fiktiven „Le Bloc“ und der rechtsradikalen französischen Partei „Front National“ unter der Leitung Marine Le Pens sind kein Zufall – CHEZ NOUS untersucht deren verschiedene Wirkungsweisen in Frankreich vor dem Hintergrund des allgemeinen Rechtsrucks in Europa. Bereits vor der Kinopremiere sorgte der Film für Furore unter den Anhänger*innen Le Pens.

BE/F 2017, Regie: Lucas Belvaux, mit Émilie Dequenne & André Dussollier, 117 Min., OmU

Georg Blume / Zeit Online: Partei ohne Bilder

Do., 11.01. / 20:30 + Fr., 12.01.; Mo., 15.01.; Mi., 17.01. / 18:00

Europe, She Loves

Wer die Entstehungssage kennt, weiß, dass Europa, eine wunderschöne Prinzessin aus der griechischen Mythologie, vom Göttervater Zeus, als Stier getarnt, entführt wurde, da dieser sich in sie verliebte. In „Europe, She Loves“ werden wahre Liebesgeschichten aus verschiedenen Städten des namensgebenden Kontinents erzählt. Dabei legt Regisseur Gassmann Wert auf eine andere Perspektive und verwebt die Geschichten von vier Paaren an den Rändern Europas. Die üblichen Hauptstädte Berlin, Paris, Rom, werden außen vorgelassen, Tallinn, Sevilla, Dublin und Thessaloniki rücken dafür in den Vordergrund. Der Alltag bringt allen ähnliche Probleme. Die Beziehungen sind eine Flucht vor den sozialen und wirtschaftlichen Problemen ihrer Heimatländer in die Privatheit. Dabei entsteht ein gefühlvolles und intimes Portrait von alltäglichen romantischen Zweierbeziehungen.

„In Dublin kämpfen Siobhan und Terry mit ihrer Drogensucht und Hoffnungslosigkeit. In Tallinn tanzt Veronika im Animationsbetrieb eines Nachtclubs. Tagsüber kämpft sie um den Zusammenhalt ihrer Patchworkfamilie. In Thessaloniki ist Penny im Daueraufbruch, während sich ihr Freund Niko mit dem Austragen von Pizza zu begnügen scheint. Bloß in Sevilla scheint die Liebe stärker als die Zukunftssorgen: Caro schafft die Zulassung zur Weiterbildung nicht. Aber vor allem stört sie sich an Juans möglicher Untreue.“ (SRF)

Schweiz / Deutschland 2016, Regie: Jan Gassmann, Dokumentarfilm, 100 Min., OmU

Fr. 12.01. / 20:30 *mit Gast Helga Trüpel (Mitglied des Europäischen Parlaments)

Democracy – Im Rausch der Daten

Datenschutz ist ein fundamentales Recht eines jeden EU-Bürgers. Ihm kommt in unserem digitalen Zeitalter, in dem wir überall Daten und Informationen hinterlassen, eine hohe Bedeutung zu. Daten sind für die Unternehmen Geld, gleichsam eine zweite Währung in der globalen Wirtschaft. Doch wie soll Selbstbestimmung im digitalen Zeitalter überhaupt noch funktionieren? „Democracy – Im Rausch der Daten“ gewährt einen bemerkenswerten Einblick in den Gesetzgebungsprozess auf EU-Ebene. Im Mittelpunkt der Dokumentation steht der Europaabgeordnete der Grünen Jan Philipp Albrecht, der sich zusammen mit der luxemburgischen Journalistin und Politikerin Viviane Reding, dem harten, fast undurchdringlichen politischen Machtapparat, in dem Intrigen, Erfolg und Scheitern so nahe beieinanderliegen, entgegenstellt. Zweieinhalb Jahre hat Regisseur David Bernet den Gesetzgebungsprozess und den Kampf von Jan Philipp Abrecht sowie einer Handvoll seiner Kollegen für eine erfolgreiche Implementierung eines neuen Datenschutzgesetztes begleitet. Herausgekommen ist eine spannende und hochbrisante Geschichte des Versuchs, die Gesellschaft in der digitalen Welt vor den Gefahren von Big Data und Massenüberwachung zu schützen. Gleichzeitig gibt die Dokumentation einen eindrucksvollen Einblick in die komplexe Mächte-Architektur sowie in die Gefährdung der heutigen Demokratie.

Deutschland 2015, Regie: David Bernet, Dokumentarfilm mit Jan Philipp Albrecht & Viviane Reding, 104 Min., teilw. OmU

Do., 25.01., So., 28.01. / 20:30
Fr., 26.01., Mo., 29.01. / 18:00
Mi., 31.01. / 20:30 * mit Antje Grotheer (Europa Union)

Western

Ein moderner Western in Osteuropa: Ein Trupp deutscher Bauarbeiter hat den Auftrag, in einer der malerischen Gebirgsgegenden des Balkans ein Wasserkraftwerk zu errichten. Es handelt sich um eines dieser EU-Infrastrukturprojekte, über die alle Bescheid wissen, nur die Einheimischen nicht. Die Bauarbeiter sind zufrieden, einen Job zu haben, aber vorläufig wenig tun zu müssen. Da Kies und Wasser fehlen macht sich Langeweile breit. Ohne jegliche Kenntnisse der bulgarischen Sprache, mit einem machohaften, sexistischen Auftreten gepaart mit fehlender, kultureller Empathie, sind Konflikte mit der lokalen Bevölkerung vorprogrammiert. Kurz nach ihrer Ankunft hissen die Arbeiter die deutsche Fahne – um ihr Revier zu markieren. Schnell entstehen Reibereien mit den Bewohnern des nah gelegenen Dorfes, welches zugleich für zwei Männer zur Bühne eines Konkurrenzkampfes um die Anerkennung und die Gunst der Dorfbewohner wird. Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Ex-Soldat Meinhard. Er ist neu in der Gruppe und separiert sich durch seine schweigsame und hagere Art von den anderen, die ihn deshalb misstrauisch beäugen. Als er eines Tages auf dem Weg ins Dorf eine weiße Stute erblickt, fängt er sie ohne Lasso, schwingt sich auf ihren Rücken und setzt seinen Weg fort…

Deutschland/Bulgarien/Österreich 2017, Regie: Valeska Grisebach, mit Meinhard Neumann & Veneta Frangova, 119 Min., teilw. OmU

ZEIT ONLINE:
„Dass man die existenzielle Einsamkeit dieser Männer genauso physisch zu spüren meint wie die drückende Hitze über dem Tal oder die Kälte der im Fluss gekühlten Bierdosen, liegt an der besonderen Ästhetik und Machart der Geschichte. Sie ist zugleich alltäglich, archaisch und mythisch: Eindrücklich komponierte Landschaftsbilder treffen auf eine präzise entwickelte Dramaturgie. Und die Spielfreude der allesamt nicht professionellen Darsteller verschmilzt mit der kunstvollen Künstlichkeit, die ein Film namens Western braucht.“

Filmkritik von Bert Rebhandl / FAZ: Auf den Spuren der Steine