Werkschau Thomas Heise

Der große Durchbruch als Filmemacher kam für Thomas Heise erst nach der Wende und dem Ende der DDR. Sein höchst kontrovers diskutierter Dokumentarfilm „Stau – Jetzt geht's los" (1992) über die rechtsradikale Jugendszene in Halle an der Saale gewann den Hauptpreis beim Dokumentarfilmfestival Duisburg und wurde mit dem Preis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet; außerdem erhielt der Film den 1. Preis der Niederländischen Fernsehakademie und den 1. Preis des Dänischen Filminstituts. „Barluschke" (1997), über Berthold Barluschke, der zunächst ein Handlanger des Stasi und dann des BND war, erhielt die Silberne Taube beim DOK Festival Leipzig. www.filmportal.de

 

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Forschungsstelle Osteuropa , Abteilung Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas im 19. und 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt Polen im Rahmen des Zyklus zu 1989 - Ende einer alten, Anfang einer neuen Welt? / 1989 - Was bleibt? Zum Flyer

 

Thomas Heise in Bremen

Do. 12.12. / 17:30 Heimat * mit Regisseur

Fr. 13.12. / 17:30 Imbiss-Spezial / Barluschke * mit Regisseur

 

Thomas Heise wurde 1955 in Berlin (DDR) geboren. Nach einer Druckerlehre arbeitete er ab 1975 als Regieassistent im DEFA-Studio für Spielfilme in Potsdam-Babelsberg und holte parallel dazu das Abitur nach. Von 1978 bis 1983 studierte Heise an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. Sein erster Film, der auf Schwarzmarkt-Material gedrehte Dokumentarfilm Wozu denn über diese Leute einen Film?, wurde für alle öffentlichen Vorführungen gesperrt; Heise brach das Studium ab. Seit 1983 arbeitet er freiberuflich als Autor und Regisseur am Theater, im Hörspiel- und Dokumentarfilmbereich. Bis zum Ende der DDR wurden jedoch all seine Dokumentarfilme entweder verhindert, vernichtet oder eingezogen. Eine künstlerische Heimat fand Heise am Theater, es entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller und Regisseur Heiner Müller. Von 1987 bis 1990 war Heise Meisterschüler der Akademie der Künste zu Berlin und bis 1997 Mitglied des Berliner Ensembles, wo er an einer Reihe von Inszenierungen als Co-Regisseur mitwirkte. Von 2007 bis 2013 lehrte er als Professor für Film und Medienkunst an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Seit 2013 ist Thomas Heise Professor für Kunst und Film an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Seit 2018 ist er Direktor der Sektion Film- und Medienkunst der Akademie der Künste in Berlin.

Zum Weiterlesen: Biographie und Interview zu HEIMAT anlässlich der BERLINALE 2019

Do. 12.12. / 17:30 * im Anschluss Gespräch mit Thomas Heise

Heimat ist ein Raum aus Zeit / WERKSCHAU THOMAS HEISE

„Was bleibt? Biografien hinterlassen Spuren. Die Zeitläufte auch. Wie sich das eine zum anderen verhält untersucht Thomas Heise in Heimat ist ein Raum aus Zeit. Anhand von Dokumenten aus seinem persönlichen Archiv – Briefe, Fotografien, Schulaufsätze, Tagebucheinträge –, von ihm selbst aus dem Off vorgetragen und im Bild zu sehen, zeichnet er die Geschichte seiner Familie über vier Generationen zwischen Wien, Dresden und (Ost-)Berlin nach. Hinzu kommen aktuelle schwarzweiße Aufnahmen der in den Korrespondenzen erwähnten Orte und Landschaften, denen die Zeichen verschiedener Zeiten anzusehen sind: das Arbeitslager in Zerbst, ehemalige NVA-Kasernen, ein Lehrsaal an der Universität, Reihenhäuser in Mainz. Außerdem Erdverwerfungen, Risse im Asphalt, Haufen und immer wieder Bahnhöfe, Züge und Gleise. Erste Lieben, Väter, Mütter, Söhne und Brüder, die Deportation der Wiener Juden, Kriegstote in Dresden, Kunst und Literatur, DDR-Sozialismus und anständig bleiben – anhand von Fragmenten aus einem Speicher persönlicher Erfahrungen, sorgfältig ausgewählt und mit Lücken zusammengesetzt, erzählt Heise nicht weniger als die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Ein großer Film, der bleibt." (Birgit Kohler, BERLINALE 2019 Programm)

D 2019, Regie: Thomas Heise, 218 Min.

Auszeichnungen

Gewinner des Caligari-Filmpreises 2019

Gewinner Deutscher Dokumentarfilmpreis 2019

Gewinner Chantal Akerman Award Jerusalem Film Festival 2019

 

Zum Weiterlesen

Thomas Heise: „Aber es geht hier nicht um private Geschichte. Der Film erzählt letzten Endes, auf welche Weise sich Biografien zur Geschichte verhalten. Sebastian Haffner meinte einmal, dass, wer Geschichte verstehen will, Biografien lesen muss, vor allem auch die der „kleinen Leute“. Geschichte schlägt manchmal zu, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Für andere scheint sie völlig irrelevant.“

Interview zu HEIMAT anlässlich der BERLINALE 2019

 

Stimmen zum Film

…eine cineastische Wahrheit.
Georg Seeßlen, epd film


Eine ungemein faszinierende Verbindungen von privatem Erleben und Epochenerfahrung.
Knut Elstermann, mdr


Ein Film, über den wir noch Jahrzehnte später sprechen werden
Hannah Pilarczyk, DER SPIEGEL

Doppelprogramm

 Imbiss-Spezial (D 1990, 27 Min.) & Barluschke (D 1997, 90 Min.)

Fr. 13.12. / 17.30 * mit Einführung von: Thomas Heise

Imbiss-Spezial

Anfang Oktober 1989 in der unteren Halle des Bahnhofs Berlin Lichtenberg in der Zeit der beginnenden Auflösung der DDR. Die Kamera verfolgt die Arbeit der Kollegen im „Imbiss-Spezial“ zur Versorgung all derer, die unterwegs sind, vor dem Hintergrund steter amtlicher Erfolgsmeldungen und Verlautbarungen, in denen die Zeit von August bis Oktober zur Agonie des Wartens auf das Ende gerinnt.
Drehzeit 01.-07.10.1989

D 1990, Buch, Regie: Thomas Heise, Kamera: Sebastian Richter, Schnitt: Karin Wudtke, Ton: Wolfgang Heise, Ulrich Fengler, Gerd Kroske, 27 Min.

 

 

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http://heise-film.de

Fr. 13.12. / 18:15 * mit Einführung von: Thomas Heise

Barluschke

Berthold Barluschke ist intelligent und eitel, ein genialer Selbstdarsteller und geschickter Versteller, bietet also beste Voraussetzungen für einen exzellenten Spion. Das war er, in der damaligen DDR, „Kundschafter“' nannte man das. Barluschke kam dadurch in der Welt herum und hatte sich schon vor der Wende gewendet. Vom Handlanger des Stasi in der DDR wird er nun zum Agent des Bundesnachrichtendienstes in der BRD. Barluschke versucht auch, diesen Film zu beherrschen. Der Dokumentarfilm führt ihn als Schöngeist ein, baut seine schillernde Fassade aber immer mehr ab, bis am Ende ein gebrochener Choleriker bleibt, der sich in vermeintliche Idyllen flüchtet und den Selbstbetrug als Lebenselixier kultiviert.

D 1997, Buch, Regie: Thomas Heise, Kamera: Peter Badel, 90 Min.

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Festivals:

1997: Welturaufführung Leipziger Dok Festival (Wettbewerb, 2. Hauptpreis Silberne Taub); Duisburger Dok Festival (Wettbewerb); Berlinale Neue deutsche Reihe; Diagonale; Int. Filmfestival “Balticum Film Festival”; Filmfest Potsdam; Cologne Conference; Dokfilmwerkstatt Poel; Deutsche Filmwoche in MOMA, New York; Amsterdam “Reflecting Images”

http://heise-film.de/?page_id=175

Mo. 16.12. / 18:00

Material / WERKSCHAU THOMAS HEISE

Man kann sich die Geschichte länglich denken. Sie ist aber ein Haufen.

Der Film MATERIAL enthält Beobachtungen, Szenen, Fragmente, Geschichten und Vorgänge. Bilder von den späten achtziger Jahren in der DDR bis in die unmittelbare Gegenwart des Jahres 2008 in Deutschland. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft spiegeln darin einander. Es ist mein Bild. (Thomas Heise)

„Material“ ist aus einem Dutzend kleiner Filme zusammengesetzt, die Heise zwischen 1988 und 2008 gedreht hat. Thomas Heises Arbeiten wanderten in der DDR direkt ins Archivregal, aber Filmmaterial, das tröstete ihn damals, hält geschätzte 300 bis 400 Jahre.

Als Doku 20 Jahre nach der Wende kompiliert, gibt es in „Material“ eine irritierend heterogene Fülle: Aufnahmen von Fritz Marquardts Probenarbeiten zu Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ aus dem Jahr 1988 oder den Demonstrationszug vom 4. November 1989 Unter den Linden. „Heise ist mit seiner Kamera mittendrin. Nicht an der Mauer, wo das System sichtbar zusammenbricht, sondern dort, wo die Menschen meinen, noch einen Spielraum zu haben, wo die Zukunft noch ungewiss scheint.“ www.tip-berlin.de

D 2009, Buch, Regie: Thomas Heise, Kamera: Sebastian Richter, Peter Badel, Thomas Heise, Jutta Tränkle, Börres Weiffenbach, 166 Min.