Die Zukunft ermitteln – 100 Jahre Bauhaus / Thema des Monats April

Das Bauhaus steht bis heute für die perfekte Verschmelzung von Form und Funktion, von Kreativität und Rationalität. Es gilt als Urzelle der modernen Architektur und als beispielhafte Ausbildungsstätte. Die Dokumentation „Bauhaus – Modell und Mythos“ (D 2009; ab 1.4.) und vier kuratierte Filmabende von Thomas Tode (Hamburg) werden im April umfassende Einblicke ermöglichen. Todes Filmkorpus „Bauhausfilme“ enthält nicht nur die erwarteten abstrakten Filme, sondern ebenso reformerische Architektur- und sozialkritische Dokumentarfilme (Bauhaus-Blicke: städtisches Leben, soziale Beobachtung und Exil; 22.4.) sowie die Rekonstruktion eines Filmabends am Bauhaus (Bauhaus-Tanzkörper – nachprüfbare geometrische Formen; 26.4.). Auch die politische Haltung des Bauhauses, seine strikte Ablehnung nationalistischer, militaristischer und autoritärer Vergangenheit, ist Thema. Dazu gehört auch die Problematisierung der symbiotischen Arbeitsgemeinschaften, in denen Bauhäuslerinnen als Lebensgefährtinnen an zentralen Werken der deutschen Filmavantgarde mitwirkten. In den Abspännen wie in der Filmgeschichte hat man ihre gestalterische Mitwirkung bisher größtenteils vergessen, doch wird dies immer weniger akzeptiert. Am 11. April führt Thomas Thode durch die Themenabende „Das Neue Bauen: Living in the material world“ sowie „Der abstrakte Film & die Filmarbeit der Bauhausfrauen“.

Mo. 1.4., Sa. 6.4. / 18:00

Di. 23.4. + So. 28.4. / 20:30

Bauhaus – Modell und Mythos / 100 JAHRE BAUHAUS

Das Bauhaus als Ursprungsbau der modernen Architektur steht bis heute für die perfekte Verschmelzung von Form und Funktion, von Kreativität und Rationalität. Ab 1911 entstand in der kleinen niedersächsischen Industriestadt Alfeld der Ursprungsbau der modernen Architektur. Für den sozialreformerisch eingestellten Unternehmer Carl Benscheidt entwarf der junge Architekt und spätere Gründer des Bauhauses, Walter Gropius, das Fagus-Werk – eine Fabrik zur Produktion von Schuhleisten. Das Motto: »Der Arbeit Paläste bauen« spiegelte das hochmoderne Erscheinungsbild, gekoppelt mit vorbildlichen Arbeitsbedingungen und Sozialeinrichtungen für die Belegschaft.

Bis heute gilt das Bauhaus als Urzelle der modernen Architektur und Designs. Doch ›Bauhaus‹ meint nicht nur das kubische weiße Haus mit flachem Dach, den Stahlrohrstuhl oder die Bauhaus-Lampe. Das Bauhaus war auch eine Ausbildungsstätte, die bis heute als Modell fungiert Der Film zeichnet ein Bild von dieser einmaligen Institution der künstlerischen Moderne – vom revolutionären Ausbruch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Auflösung 1933 und der Emigration, der beruflichen Weiterreise oder auch der Verstrickung einiger Bauhäusler im Nationalsozialistischen Deutschland. Erinnert werden diese Etappen vor allem von einigen ehemaligen Bauhaus-Studenten beiderlei Geschlechts, die Meister kommen über Archivmaterial zu Wort.

Diese wohl umfassendste kritische Darstellung der künstlerischen und politischen Ziele des Bauhauses in einem Filmporträt gibt Einblick in die Essenz der Bauhaus-Prinzipien, die Konflikte, die zur Verlegung des Bauhauses von Weimar nach Dessau führten, die Auflösung der Schule in der Nazi-Zeit, die Bautätigkeit im jungen Staat Israel und die Entstehung des Mythos vom »Bauhaus« in den USA.“

D 1998/2009, Buch, Regie, Schnitt: Kerstin Stutterheim, Niels Bolbrinker, 104 Min.

»Der Film vermittelt den Rausch und die Begeisterung, die Lust an geistiger und sexueller Freiheit.« Deutschlandradio

»… vor allem aber sind da wunderbare Frauen zu sehen.« rbb kulturradio

»Einen Mangel an Artikeln, Büchern und Ausstellungen zum Thema ›90 Jahre Bauhaus‹ gibt es nicht. Und doch lohnt sich dieser Film.« Tagesspiegel/Ticket

Do. 11.4. / 18:00 * mit Einführung von Thomas Tode (Hamburg)

Das Neue Bauen: Living in the material world / 100 JAHRE BAUHAUS

Die von dem späteren Bauhausdirektor Hannes Meyer 1919-21 errichtete Genossenschaftssiedlung Freidorf (Kanton Basel-Land) gilt als der bedeutendste Siedlungsbau der Schweiz in der Zwischenkriegszeit, initiiert als Modellprojekt vom Verband Schweizerischer Konsumvereine. Der Elektroingenieur und Hobbyfilmer Fritz Mattmüller begleitet in Freidorf 1921-1923 (CH 1923/24, 1'-10' Auszug) die Errichtung der Siedlung. Auch Berty Stoll, die Sekretärin des Freidorf-Gründers Bernhard Jaeggi, hat stumme Amateuraufnahmen gedreht, von denen wir einen Auszug mit gemeinsamen Aktivitäten sehen: Freidorf 1939 (CH 1939, 10' Auszug; 20'30'-30'30''). Der ursprünglich 9-teilige, von Walter Gropius initiierte Film Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich? (D 1926/28) präsentiert neben modernen Baumaterialien und Montageweisen auch Innenaufnahmen des zeitgenössischen „Schöner Wohnens“. In dem Teil Neues Wohnen (Haus Gropius) (21’) demonstriert Gropius’ Frau Ise mit zwei Freundinnen und dem Hausmädchen die Vorteile der schrittsparenden Küche, leichter Freischwinger-Sitzmöbel, frei drehbarer Beleuchtung, funktionaler Klappmöbel bis hin zu Wischmopp, Wärmplatte und Bauhaus-Tee-Ei. Wo wohnen alte Leute? (1931, 13’) zeigt ein sozial engagiertes Seniorenwohnheim in modernster, lichtdurchfluteter, funktionaler Architektur, errichtet vom Bauhausdozenten Mart Stam. In Die Neue Wohnung (CH/D 1930, 29’) zerlegt Hans Richter mit Witz und Ironie die gute Stube des Bürgertums wortwörtlich in seine Bestandteile: Nutzlose Porzellanfiguren stürzen vom Vertiko und dem staubigen Jugendstil-Zierrat steht gegen moderne, sachlich-nüchterne, zweckmäßige Architektur und Inneneinrichtung. Hier läuft (per Stopptrick) alles wie von selbst, räumen sich Klappmöbel wie von allein in ihre Tages- bzw. Nachtnutzung.

Reine Filmlaufzeit: 83’

Do. 11.4. / 20:30 * mit Einführung von Thomas Tode (Hamburg)

Der abstrakte Film & die Filmarbeit der Bauhausfrauen / 100 JAHRE BAUHAUS

Eine Beschäftigung mit dem Medium Film lässt sich bereits am frühen Bauhaus finden, inspiriert durch Theo van Doesburgs De Stijl. Der Bauhäusler Werner Graeff, Doesburgs Lieblingsschüler, entwirft zwei Kompositionen, die er erst in der Nachkriegszeit realisieren kann: Komposition I/1922 (1922/77, 2’) und Komposition II/1922 (1922/59, 2’). Auch am Bauhaus wurden Studentinnen diskriminiert. Trotz einer offiziellen Politik der „absoluten Gleichberechtigung“ (Gropius) wurden Frauen meist zu den „weiblichen“ Fächern wie Weberei abgedrängt. Außerhalb der Schule wirkten die Bauhäuslerinnen Erna Niemeyer und Lore Leudesdorff ab 1924 an den ersten abstrakten Filmen überhaupt mit: So entstanden Symphonie Diagonale (1924/25, 7', Viking Eggling / Erna Niemeyer), Opus 3 (1924, 4') und Opus 4 (1925, 5' Walter Ruttmann / Lore Leudesdorff) und Filmstudie (1928, 7', Hans Richter / Erna Niemeyer). In Ein Lichtspiel schwarz-weiß-grau (1930/32, 6’) vom Bauhausprofessor László Moholy-Nagy drehen sich glitzernde, durchlochte Metallobjekte, z.T. mehrfach übereinander kopiert, z.T. als Silhouette oder als Schatten und schaffen ein Gedicht aus Licht. Kurt Kranz entwickelte im Studium eine Reihe abstrakter Filmentwürfe, die er aber erst nach dem Krieg realisieren kann. In Schwarz: Weiß / Weiß: Schwarz (1930/72, 2’) schieben sich weiße Kreise senkrecht in ein schwarzes Feld, bis schwarze und weiße Keile auftauchen und die Vertikalanordnung verwirren. Der heroische Pfeil (1930/72, 5’), mit dem Pfeil als Helden, handelt vom Überwinden und dem Sichdurchsetzen gegen alle Arten von Widerständen. Der Bauhäusler Heinrich Brocksieper beschäftigt sich ab 1927 mit abstrakten Filmen: Flächen, perpelleristisch (ca. 1930, 2') zeigt zwei trapezförmige, sich rasant drehende Flächen auf schwarzem Grund, die auf der Netzhaut den Nachbild-Effekt produzieren. In der Animation Ente (ca. 1930, 2') wandelt eine Flasche sich zur Ente, in endlosen Metamorphosen. In Näherin (ca. 1930, 2') bewegen sich weiße Knöpfe, Schere, Sicherheitsnadeln und Fäden auf schwarzem Grund, tragen Kämpfe aus, zerfallen und bilden sich neu. Ab 1922 entstanden für Bauhausfeste live vorgeführte Lichtprojektionen mit farbigem Licht: ein Ersatz für den absoluten Film, da der Farbfilm noch nicht erfunden war. Nach dem Krieg rekonstruierten die Autoren ihre Partituren und dazugehörige Klänge. Wir zeigen Reflektorische Farblichtspiele (1922/67, 17') von Kurt Schwerdtfeger und eine Auswahl von Ludwig Hirschfeld-Macks Farbenlichtspielen in der Rekonstruktionen von Corinne Schweizer / Peter Böhm: Kurze Einführung in Hirschfelds Apparatur (A 2000, 6’), Sonatine II (rot) (1923/2000, 9’), S-Tanz (1923/2000, 5').

Reine Filmlaufzeit: 85'

Mo. 22.4. / 20:30

Bauhaus-Blicke: städtisches Leben, soziale Beobachtung und Exil / 100 JAHRE BAUHAUS

Die sozialen, beobachten Dokumentarfilme der Bauhäusler gehören zu dem Besten dieser Gattung in der Weimarer Repbulik. In Alter Hafen in Marseille (D/F 1929/32, 9’) besteigt der Bauhausprofessor László Moholy-Nagy das Gerüst der riesigen Schwebefähre Pont Transbordeur. Der Blick durch ein Geflecht aus Stahlträgern und -seilen hindurch öffnet sich auf das Großstadtleben, in dem alles ineinander gleitet. Kinder spielen im Dreck, Arbeiter schleppen Säcke, Dösende liegen in der Mittagshitze. In Berliner Stilleben (1931/32, 9’) registriert Moholy-Nagy mit Empathie das Elend im Berliner Arbeitermilieu: lichtlose Hinterhöfe, kaiserzeitliche Mietskasernen, zerrüttete Mauern. Und doch spielen hier aufgeweckte Kinder, singt eine alte Frau lebenslustig zum Leierkasten, schlagen sich ambulante Händler durchs Leben. Auch die Filmthemen der Bauhäuslerin Ella Bergmann-Michel radikalisieren sich kontinuierlich. Fliegende Händler (1932, 21’) begleitet solidarisch eine illegale Arbeitslosenselbsthilfe, bei der ambulante Händler auf der Straße Obst verkaufen, stets auf der Hut vor der Obrigkeit. Die Kamera steht auf ihre Seite! Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl) (1932, 13’) protokolliert die zunehmende Aggressivität, Lähmung und Polarisierung des öffentlichen Lebens. Die Fotografin Ellen Auerbach (Privatunterricht bei Walter Peterhans) filmt in Tel Aviv (Palästina 1934/35, 12’) ihre Emigration auf einem Auswandererschiff und montiert das in einen Auftragsfilm für den jüdischen Nationalfond ein: Er wirbt für die Auswanderung mit moderner kubusartiger Bauhausarchitektur und Zitronenplantagen.

Reine Filmlaufzeit: 73'

Fr. 26.4. / 20:30

Bauhaus-Tanzkörper – nachprüfbare geometrische Formen / 100 JAHRE BAUHAUS

Rekonstruktion eines Filmabends am Bauhaus: Am 17. März 1927 zeigten und kommentierten Walter Gropius und Oskar Schlemmer vor dem Freundeskreis des Bauhauses den Kulturfilm Das Blumenwunder (1925/26, 65’, Max Reichmann, Kamera: Alfred Löwenstein]). 78 farbig viragierte Blumen und Pflanzen sprießen und keimen im Zeitraffer, so dass eine regelrechte Tanzchoreografie entsteht. Schlingpflanzen ringeln sich um Stäbe, Kletterpflanzen erklimmen Gitter, andere strecken ihre Stängel wie Fühler aus. Die „Pflanzen im Schaugeschäft“ wechseln mit Tanzdarbietungen zeitgenössischer Ausdruckstänzerinnen. Deren vegetative Tänze missfielen dem Bauhaus, so dass Oskar Schlemmer zur Gegendemonstration streng geometrische Bauhaustänze live vortanzen ließ – quasi eine expanded cinema Veranstaltung. Zur Anschauung ersetzten wir diese durch Das triadische Ballett. Ein Film in drei Teilen nach Tänzen von Oskar Schlemmer (D 1970, 30') von der Wigman-Schülerin Margarete Hasting, dem Maler und Experimentalfilmer Franz Schömps und dem Tanzschulenchoreografen Georg Verden.

Reine Filmlaufzeit: 95'