FILM DES MONATS

Es gibt sie, diese Momente, in denen das Licht im Kinosaal langsam wieder angeht und wir noch lange sitzen bleiben, weil wir wissen, dass wir gerade etwas wirklich außergewöhnliches gesehen haben. Manche Filme wirken in uns nach – auch noch lange nach dem Kinobesuch. Unser Film des Monats ist die monatliche Empfehlung unserer Programmmacher*innen: Individuell ausgewählte Filme, die uns besonders beeindruckt haben. Einige, weil sie auf bemerkenswerte Weise aktuell relevante Themen verhandeln und unsere Sicht verändern, andere, weil sie sich durch eine außergewöhnliche Ästhetik auszeichnen, emotional berühren oder neugierig auf das Werk aufstrebender Filmschaffender machen. Der Film des Monats ist häufig aktuell, muss es aber nicht sein – auch Klassiker und neu entdeckte Filmschätze vergangener Jahre und Jahrzehnte finden ihren Platz.

Do. 5.4.+ Mo. 16.4. + Sa. 21.4. + So. 29.4. + Mo. 30.4. / 20:30
Mi. 11.4. + Do. 19.4. + Fr. 20.4. + Mo. 23.4. / 18:00

The Untamed

In der Eröffnungsszene von THE UNTAMED sehen wir, wie sich ein Tentakel langsam aus dem Schoß einer jungen Frau zurückzieht. Sie scheint zwar etwas mitgenommen, vor allem aber zutiefst befriedigt zu sein. Das Tentakel gehört zu einer mysteriösen Kopffüßler-Kreatur, die von einem kauzigen Wissenschaftlerpärchen – offenbar zu Forschungszwecken – in einer Waldhütte gehalten wird. Die junge Frau ist Veronica, und sie scheint nicht zum ersten Mal hier gewesen zu sein.
Amat Escalante führt uns in seinem inzwischen vierten Spielfilm nach Guanajuato, die katholischste Provinz Mexikos. Hier, wo ein erzkonservativer Wertekatalog jede Aufwallung von Sexualität und Lust abseits der alttestamentarischen Norm zur Sünde erklärt, ist ein außerirdisches Wesen erschienen, das offenbar jede*n in ungekannte Ekstase versetzt, der/die sich traut, ihm nah genug zu kommen. Nicht nur Veronica wird von diesem Wesen und seiner sexuellen Super-Kraft angezogen. Auch der homosexuelle Krankenpfleger Fabian und seine Schwester Ale entdecken in ihm einen verführerischen Gegenpol zu ihrem Alltag, in dem gesellschaftliche Normen und gewalttätige Ehemänner sie zwingen, ihre Libido in Schach zu halten. Nicht alle Beteiligten überstehen die Begegnung mit dem fremden Wesen unbeschadet – aber sie scheinen ausnahmslos eine Erfüllung gefunden zu haben, für die sie bereit sind, sogar ihr Leben zu opfern.
Mit seinen wohldosiert eingeflochtenen Fantasy-Elementen schafft Escalante ungewöhnliche Bilder für die menschliche Sehnsucht nach einer Entfesselung des Triebhaften, nach einer Befreiung von erlernten Verhaltensmustern. Die Wahl eines so komplexen und nicht uneingeschränkt salonfähigen Sujets hat natürlich einen Preis: Obwohl Escalante bei den Filmfestspielen in Venedig 2016 mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde, hatte sein Film es schwer, auf dem internationalen Markt Fuß zu fassen. In Deutschland können wir ihn nun erst dank des kleinen Filmverleihs Forgotten Film Entertainment auf der Kinoleinwand sehen.
Für THE UNTAMED arbeitete Escalante mit dem chilenisch-dänischen Kameramann Alberto Claro zusammen, dessen Kameraarbeit in Lars von Triers MELANCHOLIA (Ab Di. 24.4. bei uns in der Reihe „Depri Dienstag“) mit dem Europäischen Filmpreis 2011 prämiert wurde.

LA REGIÓN SALVAJE – MEX, DK, F, D, N, CH 2016. Regie: Amat Escalante, mit Ruth Ramos, Jesús Meza, Simone Bucio, 98 Min., spanische OmU

Katja Nicodemus / Die Zeit
Purer Sex? Lust? Ekstase?
 Und wieder ein großartiger mexikanischer Film: "The Untamed" von Amat Escalante.

„Es ist erleichternd, erhebend, befreiend, wenn ein Film einen solchen Eigensinn verströmt. Eine mysteriöse Poesie. Oder ein poetisches Mysterium. Der mexikanische Film The Untamed erzählt an allem vorbei, was eine logische Erzählung zu sein scheint, und ist dabei doch so zwingend.“

 

Holger Heiland / Kunst und Film

Sex aus dem Weltall: Ein Meteorit bringt entfesselte Lust nach Mexiko. Diese bizarre Prämisse benutzt Regisseur Amat Escalante für das subtile Porträt einer Kleinbürger-Familie in der Provinz – ein verblüffend stimmiger Mix diverser Film-Genres.