FILMREIHE: WAHNSINN UND POSTKOLONIALISMUS

Wahnsinn als Form und Folge des Kolonialismus. Was kann einen Zusammenbruch erleiden? Ein Staat, ein politisches System, eine historische und ideologische Epoche, ein Mensch. Vielleicht auch das Wort selbst, beinhaltet es doch ein Paradox: „Zusammen“ (gemeinsam; (ver-)sammeln) und „brechen“ (auseinander; zerfallen). So eignet sich das Wort, um über Herausforderungen und ihre Widersprüchlichkeiten einer globalen Gesellschaft nachzudenken. Die Filmreihe sucht kritische Positionen, die das Verhältnis von postkolonialen Lebensweisen zum Wahnsinn ausloten und in ihrer Vielschichtigkeit präsentieren. Sie verbindet dazu Arbeiten aus einer westlichen Perspektive mit Filmen aus dem Globalen Süden. 

Filme der Reihe (3.12.2019 - 9.6.2020):

  • Apocalypse Now / Dezember 19
  • Aguirre, der Zorn Gottes / Januar 20
  • La folie Almayer / Februar 20
  • Carla's Song / März 20
  • Our Madness / Mai 20
  • Le fort des fous / Juni 20

Jeweils mit Einführung von Tobias Dietrich, Universität Bremen. Zur Programmkarte


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IM RAHMEN DER REIHE HABEN WIR BEREITS GEZEIGT:


La Folie Almayer

Almayer gibt die Suche nach einem Piratenschatz im malaysischen Dschungel nicht auf. Er träumt von einer goldenen Zukunft in Europa für sich und seine Tochter Niña, die aus einer Zwangsheirat mit einer Einheimischen entstand und die er als junges Mädchen auf ein katholisches Internat entführen ließ. Bei Niñas Rückkehr offenbart sich, was sein Herrschen angerichtet hat.

Zu den beiden anderen Conrad-Adaptionen setzt Chantal Akermans La folie Almayer einen feministischen Kontrapunkt, der die Perspektive der Tochter zwischen den Kulturen einnimmt und darin Akermans eigene Biographie nachhallen lässt. Indem ihr Film die literarische Vorlage des Goldjägers auf das Jahr 1950 verlegt, seziert er die Kontinuität des Kolonialismus auch nach der großen Zäsur der menschenverachtenden Gräuel des Zweiten Weltkriegs an der Grenze zur heutigen Globalisation.

F/B 2011, Regie: Chantal Akerman, mit Stanislas Merhar, Aurora Marion, Marc Barbé, 127 Min., OmengU


Di. 11.2. / 18:00 * mit Einführung von Tobias Dietrich, Universität Bremen. Zu Gast: Dr. Sukla Chatterjee, Postcolonial Studies, Universität Bremen


Zum Weiterlesen:

„La Folie Almayer ist weniger eine Conrad-Adaption als vielmehr eine Variation über Motive und Themen aus dem Roman des polnischen Romanciers. Der Film schaut sich, als sei er aus Akermans Erinnerung an den Stoff entstanden: als habe sie allein jene Momente, Konstellationen, Bilder, Gerüche gar und Farben, die ihr im Gedächtnis geblieben waren, für das Drehbuch genommen […]“, Olaf Möller, 2011 https://www.viennale.at/de/film/folie-almayer-0

„One of the year's most hypnotic and fascinating films ...“, Michael Atkinson, Village Voice 2012 http://icarusfilms.com/if-alma


Aguirre, der Zorn Gottes

Peru im 16. Jahrhundert: Eine Gruppe spanischer Konquistadoren, angeführt von Don Pedro de Ursúa und dessen zweiten Befehlshaber Lope de Aguirre, soll auf Flößen eine Route nach El Dorado ausfindig machen. Nachdem ein Hochwasser die Expedition zum Abbruch zwingt, zettelt Aguirre eine Meuterei an, liquidiert Ursúa, schwört dem spanischen König ab und führt seine Gefolgschaft auf engstem Raum auf eine gewaltvolle und aussichtslose Höllenfahrt.

Mit minimalistischem Anspruch an Plot und Dialoge entfaltet Herzogs Geschichte um den Besessenen, der ins Gericht Gottes führen soll, eine Vision von Größenwahn und Verrücktheit, die eine kritische Sicht auf die Anfänge der globalen Ausbeutung wirft. Der Film verhalf dem Neuen deutschen Film im Ausland zu großem Ansehen. So bezieht sich Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ direkt auf die nachwirkende „unglaubliche Bildsprache“ des herausragenden Kameramanns Thomas Mauch.

D/MEX/PER 1972, Regie: Werner Herzog, mit Klaus Kinski, Helena Rojo, Ruy Guerra, 91 Min., DF


Di. 14.1. / 18:00 * mit Einführung von Tobias Dietrich, Uni Bremen

Mi. 15.1. / 17:30

Do. 16.1. / 20:30


Zum Weiterlesen:

„Herzog ist ein Suchender nach dem Realen im Menschen, das er tief unter der oberen Hülle vermutet und herausgearbeitet werden muss. Von ihm herausgearbeitet werden kann.“

Olivier Christe, 2013, www.kulturkritik.ch

"To see Aguirre for the first time is to discover a genuine masterpiece. It is overwhelming, spellbinding; at first dreamlike, and then hallucinatory." (Danny Peary, 1981)

Aus Peary, Danny: Cult Movies, Delta Books, 1981.


Apocalypse Now

Vietnamkrieg 1969: Auf dem Höhepunkt des zermürbenden Krieges erhält Militärpolizist Captain Willard einen Spezialauftrag. Er soll sich mit einer kleinen Truppe Soldaten in Richtung kambodschanische Grenze durchschlagen, um dort den amerikanischen Despoten Colonel Kurtz zu liquidieren.

Von Coppola selbst neu restauriert, bezieht der Antikriegsfilm die ausbeuterische Gier des Elfenbeinhändlers Kurtz aus seiner literarischen Vorlage „Herz der Finsternis“ kritisch auf den US-amerikanischen Imperialismus. Wie Captain Willard im Sumpf, verlieren die vermeintliche Rechtschaffenheit der westlichen Vernunft sowie dessen klassische Opfer-Täter-Dualismen im Angesicht des Wahnsinns ihre Standfestigkeit.

USA 1979/2019, Regie: Francis Ford Coppola, mit Martin Sheen, Marlon Brando, Laurence Fishburne, 182 Min., OmU


Di 3.12. / 18:30 * mit Einführung von Tobias Dietrich, Universität Bremen

Mi. 4.12. / 17:30


»Die Zuschauer werden diesen Film auf eine Weise sehen, hören und fühlen können, von der ich immer geträumt habe – und das vom ersten Knall bis zum letzten Seufzer.« Francis Ford Coppola