Ken Loach

Der 8. Bremer Filmpreis geht an den britischen Regisseur Ken Loach.

kenpreis.jpg

Begründung der Jury:
»Der diesjährige Bremer Filmpreis geht an den britischen Regisseur Ken Loach. Für seinen undogmatischen Humanismus. Für Filme, in denen der einzelne manchmal verzweifelt, manchmal gewitzt für bessere Arbeitsbedingungen, politische Rechte, ein bisschen Geld oder für eine unmöglich erscheinende Liebe eintritt. Mit geradezu dokumentarischer Genauigkeit folgt Loach seinen mit sich und dem Leben ringenden Leinwandhelden, ihrem Kampf, der immer auch ein Kampf um Würde ist. Seit vier Jahrzehnten steht der britische Regisseur konsequent für seine Überzeugungen ein, schon früh hat er die ganz konkreten menschlichen Folgen der Globalisierung auf die Leinwand gebracht. Angesichts von wirtschaftlichen Umbrüchen und neoliberalen Reformen ist sein sanft aufrüttelndes Kino, das stets den Menschen in den Mittelpunkt stellt, wichtiger denn je.«

Die Jury: Katja Nicodemus (Filmkritikerin »Die Zeit«)Hans-Helmut Prinzler (Leiter des Filmmuseums Berlin)Andres Veiel (Filmemacher)


Ken Loach, geboren 1936 in Nuneaton in der englischen Grafschaft Warwickshire, studierte Jura an der Elite-Uni Oxford, um dann aber als Schauspieler mit einem Tourneetheater auf Reise zu gehen. Nach einem weiteren Abstecher in die Theaterregie beginnt Loach ab 1963 seine Ausbildung zum Regisseur bei der BBC. Gemeinsam mit dem Produzent Tony Garnett, der bis Ende der 70er Jahre fast alle seiner Filme produzierte, entwickelte er für die Reihe Wednesday Play zahlreiche Fernsehfilme, die durch ihren dunklen, erbarmungslosen Realismus auffielen. Auch formalstilistisch probierte Loach viele Neuerungen aus, die im eher konservativen Medium Fernsehen Aufsehen erregten. Die 60er Jahre waren eine spannende Zeit für das britische Fernsehen. Bis zu 12 Millionen Zuschauer sahen sich damals Dokumentarfilme an, die sich mit Themen am Rand des konventionellen Unterhaltungsbegriffs beschäftigten. Mit seinem erschütternden, fürs Fernsehen inszenierten Doku-Drama Cathy Come Home provozierte Ken Loach 1966 eine so vehemente Diskussion in der Öffentlichkeit, dass die britische Regierung schließlich ihre Obdachlosen-Gesetze änderte. Sein Anliegen, die Realität auf so spür- und berührbare Weise einzufangen, dass es auch die Zuschauer erreichte und möglicherweise in Bewegung setzte, hatte Loach erfolgreich umsetzen können.

Parallel zu den Arbeiten für die BBC drehte Loach 1967 mit Poor Cow seinen ersten Kinospielfilm, der ihm selber im Ergebnis jedoch nicht sehr gefiel. Erst mit seinem zweiten Kinofilm Kes, der lyrischen und kompromisslosen Darstellung des harten Alltags eines Jugendlichen in Yorkshire (1969, Produzent Tony Garnett) gelang Loach der Durchbruch bei Kritikern und Publikum.

Nach einer erfolgreichen und produktiven Phase für TV und Kino und den 70er Jahren, musste Loach ab Anfang der 80er eine Reihe beruflicher Rückschläge einstecken. In den Zeiten der konservativen Thatcher-Regierung war sein kritische und entlarvende Sicht auf gesellschaftliche Verhältnisse den Fernsehsendern und Geldgebern zu riskant. Die vierteilige Serie über britische Gewerkschaften Questions of Leadership (1983, Auftraggeber Chanel Four) wurde nie gezeigt, ebenso wie ein Dokumentarfilm über den Bergarbeiterstreik. Auch der Regieauftrag für ein Theaterstück über Zionismus wurde kurzfristig zurückgenommen. Außerhalb Großbritanniens ist Loach vor allem dank seiner Kinofilme bekannt. Doch seine Verdienste darauf zu beschränken, würde bedeuten, einen Großteil seines Werks zu ignorieren.

Anfang der 90er Jahre gelang es Loach, wieder einen Film zu produzieren, der auch Erfolg hatte. Der Politthriller Hidden Agenda (1990) beruhte auf einem Drehbuch von Jim Allen, mit dem Loach auch noch bei Raining Stones (1993) und Land and Freedom (1995) zusammen arbeitete.

Neue Elemente in Loachs Filmen der neunziger Jahre sind der Humor und zum Teil die Vermischung von Sozialrealismus mit melodramatischen Elementen wie in My Name is Joe (1998), was teilweise auf einige neue Autoren in seinem Team zurückzuführen ist. Und er begann mit Land and Freedom seine erste internationale Produktion außerhalb Englands in Spanien, gefolgt von Nicaragua in Carla's Song (1996) und den USA in Bread and Roses (2000). Und die Attribute politisch, parteiisch und persönlich lassen sich nach wie vor auf die Filme des ebenso renommierten wie streitbaren Regisseurs anwenden.

Ken Loach führt nunmehr seit über 40 Jahren Regie und hat durch seine sozialkritischen Filme den Arbeitern, Unterprivilegierten und Außenseitern eine Stimme gegeben, und vielleicht auch Mut und Hoffnung. Beispiellos ist in seine Art, der Gesellschaft einen sozialen Spiegel vorzuhalten. Seine Filme sind intensiv, entlarvend, spannend, romantisch und humorvoll und zeigen sein großes Interesse für die Menschen, die trotz Niederlagen und sozialer Missstände für ihre Ziele eintreten - ohne Garantie auf ein Happy End.

Berühmt unter Schauspielern ist er auch für seine improvisierte Arbeitsweise: Ein fertiges Drehbuch bekommen die Darsteller nie zu sehen und die Dialoge für die jeweiligen Szenen auch immer erst kurz vor dem Dreharbeiten - so verhindert Loach durch den Überraschungsmoment das Schau-Spiel.

Unterstützt von seinen treuen Mitarbeitern - die ProduzentInnen Tony Garnett, Sally Hibbib und Rebecca O'Brien, die Cutter Roy Watts und Jonathan Morris, die Kameramänner Chris Menges und Barry Ackroyd, die Komponisten Stewart Copeland und George Fenton sowie die Drehbuchautoren Jim Allen, Barry Hines und Paul Laverty - erhielt Loach auf allen wichtigen Festivals der Welt zahlreiche Auszeichnungen wie zum Beispiel für sein Gesamtwerk 2003 in Locarno einen Ehren-Leoparden und 2004 in Cannes den Preis der ökumenischen Jury.

Ken Loach ist seit 1962 mit Lesley Ashton verheiratet und Vater von zwei Söhnen und zwei Töchtern.