Marcel Ophüls

Der 4. Bremer Filmpreis geht an den französischen Regisseur Marcel Ophüls.

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Marcel Ophüls wurde 1927 als Sohn des Regisseurs Max Ophüls und der Schauspielerin Hilde Wall in Frankfurt am Main geboren. Die Familie emigrierte 1932 nach Frankreich und entkam 1940 den Nationalsozialisten durch die Flucht in die USA. Ophüls arbeitete als Regieassistent für John Huston und seinen Vater, bevor er seit den 50er Jahren selbst Filme zu drehen begann. 1960 kehrte Marcel Ophüls nach Frankreich zurück und arbeitete in Paris als TV-Journalist.

In seinen Dokumentarfilmen interessiert ihn besonders die Beziehung zwischen der »großen Geschichte« und den »kleinen Leuten«. So stellt er durch sensibel nachgezeichnete Einzelschicksale (von meist unbekannten Persönlichkeiten) Weltgeschichte dar. Mit Unterstützung von Truffaut kann er 1963 den in der Tradition der Nouvelle Vague stehenden Spielfilm Heißes Pflaster mit Jeanne Moreau und Jean-Paul Belmondo drehen. Bekannt wurde er später auch mit Filmen über die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands, so z.B. Das Haus nebenan - Chronik einer französischen Stadt im Kriege (1969), Nicht schuldig (1975) und Hotel Terminus (1987). Aber auch die deutsche Wiedervereinigung oder die Kriegsberichterstattung aus Sarajewo interessierte ihn in den Dokumentationen Novembertage (1990) und Veilées d'armes - Waffenruhe (1994).

ophuls.gifMarcel Ophüls versteht sich nicht als neutraler Beobachter, sondern als jemand, der sich einmischt. Und eines haben alle seine Werke gemeinsam: Sie werden getragen durch seinen, wie er ihn selbst nennt, »investigativen Sarkasmus« und der Leidenschaft zum ehrlichen Blick. Dieser ist immer auf die politische Erkenntnis gerichtet, die sich bei ihm aber eher über die Pointe und die Anekdote einstellt als über Anklage und Theorie. Damit revolutionierte Marcel Ophüls das dokumentarische Erzählen.

Aus der Jurybegründung:
Seine Respektlosigkeit ist legendär. Marcel Ophüls schont seine Gesprächspartner nicht - und sich selbst ebenfalls nicht. Spätestens seit »Hotel Terminus« (1987), ist er auch hierzulande als Meister der unbequemen Nachfrage berühmt. Als einer, der auch dem Zuschauer die Mühe der Wahrheitssuche zumutet - und ihm dabei deren Komik nicht vorenthält. Für seine Widerreden und seine Liebeserklärungen, seine kompromisslose Parteinahme für den einzelnen Menschen gegenüber den angeblichen Zwängen von Geschichte und Schicksal verleihen wir Marcel Ophüls den Bremer Filmpreis 2002.

Jury: Christiane Peitz (Kulturredakteurin, Tagesspiegel Berlin), Reinhard Hauff (Rektor der dt. Film- und Fernsehakademie, Berlin), Peter W. Jansen (Filmjournalist, Gernsbach). 

Filmographie und Biographie
Interview mit Marcel Ophüls, 2002 (taz, Wilfried Hippen)